Eine für alle(Über)leben in Odessa

Im Osten ist Front, sonst eher so unordentliches Mitteleuropa? Schon lange nicht mehr. Wenn die verkohlten Reste der Bomben aus der Nacht zu Stadtmobiliar werden, wenn man auf dem Weg zum Meer an der zerschossenen Strandbar vorbei muss, dein Handy IMMER geladen ist und du mit Schuhen ins Bett gehst – dann ist Krieg.
„Stell‘ dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“ haben wir früher gesagt. Heute sagen wir: „Stell‘ dir vor, es ist Krieg, und keiner sieht hin.“ Das stimmt natürlich nicht, Sie sehen ja hin, liebe Lesende, indem Sie diesen Artikel angeklickt haben. Aber keiner geht hin, stimmt, oder? Auch nicht ganz, denn einer geht hin, immer wieder, und er erklärt uns in diesem Fall, für den ich gerne meinen sonntäglichen Kolumnenplatz hergebe, wie man in diesem durchaus ganz und gar nicht „regional begrenzten Krieg“ – wie er in einigen sozialen Medien, Interviews und „wohltemperierten westlichen Kommentarspalten von arrivierten Journalisten, Influencern und sonstigen Meinungsbildnern“ genannt wird – überleben kann. Denn überleben will jeder.
Auch Andreas Tölke will überleben, wenn er sich auf den Weg in die Ukraine macht. Was er kaum mehr überleben kann (und will) ist oberflächliches Gelaber, wenn es zum Beispiel darum geht, den Krieg auf die Ukraine als „regional begrenzt“ zu bezeichnen. In Trumps Worten würde es sich wahrscheinlich um einen „kleinen Krieg“ handeln.
Gemeint ist aber: Irgendwo „im Osten“ schießt man aufeinander, dort ist Front, dort ist Krieg – und der Rest der Ukraine ist so etwas wie eine etwas unordentlichere Variante Mitteleuropas, in der man sich mit einem Hauch Abenteuerlust weiterhin halbwegs unbehelligt bewegen kann. „Diese These wird bevorzugt von Menschen vertreten, deren intensivster Ukrainekontakt in einer Zugfahrt von Kiew zum Hotel, zwei Podiumsdiskussionen, einem Selfie vor Sandsäcken und einer moralisch aufgeladenen Rückfahrt bestand“, sagt Andreas Tölke, der seit 2022 zwischen Deutschland und Odessa pendelt. Für den Gründer der gemeinnützigen Organisation ‚Be an Angel‘ ist diese Stadt längst eine Art logistischer Stützpunkt geworden. Vor ein paar Tagen fuhr er wieder hin, Frühling.
Nach drei Tagen Zug, Umsteigen, Grenzkontrollen und ukrainischer Nachtlogistik hatte er allerdings nur einen Wunsch: Ans Meer. Also an den Stadtstrand. Fast historisch sei es dort, wie in Vorkriegszeiten, beschreibt er die Lage: „Promenade. Cafés. Menschen. Kinderwagen. Eis.“ Dieser seltsam hartnäckige Rest touristischer Normalität, den die Bewohner von Odessa mit bewundernswerter Sturheit immer noch zu inszenieren versuchen, fasziniert den ehemaligen Glanz- und Glamour-Journalisten noch heute.
„Vergleichsweise sicher“
Wenn da nicht dieses ausgebrannte Auto wäre. Und diese zerbombte Strandbar. „Das ist ungefähr der Punkt, an dem der Begriff ‚regional begrenzter Krieg‘ seinen intellektuellen Offenbarungseid leistet“, so Tölke. Er hat in diesem Land in den vergangenen vier Jahren so ziemlich jede Variante dieser „regionalen Begrenzungen“ kennengelernt. „Ich habe den Winter 2022/23 in Odessa verbracht: ohne Heizung, ohne verlässliches Licht, ohne stabilen Strom. Dafür mit improvisierten Ladestationen in Supermärkten, vor denen die Menschen stundenlang anstanden, nur um ihr Telefon für ein paar Prozentpunkte künstlich am Leben zu halten.“ Mehrere Stunden Wartezeit, um anschließend wieder für ein paar Stunden erreichbar zu sein. Keine Ausnahme – Alltag.
Beim kurzen Versuch einer „Auszeit“ in Richtung Karpaten dann Luftalarm: „Spätestens da bekommt die Theorie von der geographisch sauber sortierbaren Gefahr dann doch erste Risse“, erzählt Tölke vom Versuch seines Bestrebens nach Normalität. Odessa galt 2022 noch als das, was Außenstehende gern mit dem eigentümlich leichtfertigen Begriff „vergleichsweise sicher“ beschrieben. Bedeutet: Angriffe konzentrierten sich auf Hafenanlagen, Infrastruktur, Randzonen. „Die Innenstadt konnte man sich mit genügend journalistischer Fantasie noch als eine Art halbwegs geschützte urbane Insel zurechtreden“, so der Gründer des Restaurants „Kreuzberger Himmel“, in dem seit der Syrien-Krise 2015 Syrer ein Zuhause und Arbeit fanden. Syrer, die für Obdachlose kochen und Vernissagen und Lesungen für ihre ukrainischen Mitmenschen ausrichten, nur mal nebenbei bemerkt.
Das infernalische Summen der Shahed-Drohnen
Jedenfalls: Die Sicherheitslage „Stadtkern relativ sicher“ existiert nicht mehr. Die Angriffe sind häufiger geworden und tiefer in die Stadt eingedrungen. Härter. Präziser. Wohngebiete gehören längst zu den Angriffszielen. Kindergärten, Krankenhäuser, Theater, Kirchen, Menschen auf der Straße – nichts ist sicher vor den Angriffen des russischen Aggressors. Das infernalische Summen der Shahed-Drohnen über den Dächern gehört inzwischen zum akustischen Inventar der Nacht wie früher in friedlichen Städten das entfernte Geräusch einer Straßenbahn.
Tölke behält seinen Humor, seinen Mut, seine Hoffnung. Er ist nicht der einzige Helfer dort, aber er macht eine Menge Wirbel. Mit dem ihm eigenen Humor sagt er dann auch Dinge wie: „Wer immer noch glaubt, dieser Krieg sei ‚regional begrenzt‘, darf das gerne weiterhin aus sicherer Entfernung twittern.“ Wer hingegen tatsächlich vorhat, sich vor Ort selbst ein Bild zu machen, für den hat er ein paar Tipps: „Wie man in Odessa wohnt, sich bewegt und mit etwas Glück vermeidet, sich durch katatone Naivität frühzeitig aus dem Verkehr ziehen zu lassen.“
Vorderhaus
Zweiter Stock aufwärts, freie Sicht zur Straße, große Fenster, viel Licht. In Friedenszeiten der Traum vom urbanen Wohnen. Jetzt: Weg da! „Oben schlägt Druck härter ein, die Splitter fliegen weiter, oben ist der Weg nach unten auch länger. Eine Kombination, die nur zwei Möglichkeiten kennt: im Flur kauern oder rennen“, weiß der 65-Jährige.
Wohnung an einer Hauptstraße
An einer Kreuzung oder sonst irgendwo schön markant im Stadtbild: keine gute Idee. Je leichter ein Gebäude aus der Luft identifizierbar ist, desto größer die Chance, dass man bei der nächsten Druckwelle unfreiwillig lernt, wie dünn Fensterglas und wie wenig massiv moderne Fassaden tatsächlich sind.
Haus ohne Generator
Stromausfall bedeutet hier nicht romantische Entschleunigung bei Kerzenschein, sondern Dunkelheit, Kälte, tote Wasserpumpen, kein Aufzug, kein Netz, kein Licht im Treppenhaus und irgendwann ein Handy, das den letzten Prozentpunkt Akku ausatmet. Wer sich dann nachts aus dem achten Stock in völliger Finsternis nach unten tastet, wünscht sich eine Wohnung im Souterrain.
Keine Powerbanks, Ersatzakkus, Taschenlampen?
Ein leerer Akku im Krieg hat ungefähr denselben Stellenwert wie Bewusstlosigkeit: Man ist körperlich anwesend, aber praktisch funktionslos.
Ladekabel im Wohnzimmer
Oder: „Pass irgendwo in der Schublade“, „Powerbank im Mantel von letzter Woche“, „Taschenlampe möglicherweise in der Küche“ – diese Umstände bezeichnet der erfahrene Ukraine-Reisende als „katatone Idiotie“: „Luftalarm beginnt, wenn man schläft, duscht, isst oder gerade gar nichts vorbereitet hat, dann bleiben Sekunden. Wer in diesen Sekunden eine private Schnitzeljagd nach den eigenen Überlebensutensilien veranstaltet, hat gegen die Realität bereits verloren.“
Schutzraum exakt kennen
Hier reicht kein „ungefähr“, kein „da müsste irgendwo ein Keller sein“. Da heißt es, exakt zu wissen, welcher Eingang, welche Tür, welcher Code, welche Laufzeit. Wenn der nächste Bunker fünfzehn Minuten entfernt ist, ist das kein Schutzraum, sondern eine rein akademische Information. Oder auch: Du bist tot.
Auf die Zwei-Wände-Regel verlassen?
Nur noch begrenzt genial, denn dieser Krieg ist längst an einem Punkt, an dem Badezimmerkacheln und Treppenhausromantik eher psychologische Beruhigung als physischer Schutz sind.
Alarm-App installieren, Push-Meldungen aktivieren
Die Meldungen kommen oft Sekunden vor der Sirene. Sekunden, in denen man aufstehen, Schuhe anziehen, Dokumente greifen und das Hirn von Schlaf auf Panik umschalten kann. Wer darauf verzichtet, möchte vom Krieg offenbar ähnlich überrascht werden wie von einem plötzlich einsetzenden Gewitter ohne Dach.
Tracking-App nutzen
Auf der sieht man, welche Waffen gerade im Anflug sind. Sie zu missachten, kann tödlich sein. „Es ist ein relevanter Unterschied, ob da Drohnen ankacheln oder ob Raketen unterwegs sind, bei denen weitere Lebensplanung sowieso eher theoretischer Natur ist“, so Tölke. Diese Information nicht haben zu wollen, sei „strategischer Blindflug aus freiem Entschluss“.
Fenster und Vorhänge schließen
Druckwellen haben die unangenehme Eigenschaft, aus Fensterscheiben binnen Sekunden ein hochaggressives Splitterbiotop zu machen.
Schuhe neben dem Bett
Das ist wirklich wichtig, es sei denn, man ist Fakir und kann über einen flächendeckenden Teppich aus messerscharfen Splittern wandeln. Tölke: „Wer dann barfuß im Dunkeln versucht, Richtung Tür zu sprinten, lernt binnen weniger Schritte, dass Eigenblut auf Parkett erstaunlich rutschig ist.“
Notfallkleidung
Niemand möchte nachts im Schlafshirt bei vier Grad im Keller stehen oder halb nackt durchs Treppenhaus stolpern, während über einem Motorengeräusche kreisen. Hose, Pullover, Jacke – alles an einem Griffpunkt.
Wohnung nie ohne Pass oder Aufenthaltsdokumente verlassen
Gilt insbesondere für Ausländer. Die mobilen Gruppen der territorialen Rekrutierungs- und Mobilisierungsstellen kontrollieren regelmäßig Männer im öffentlichen Raum und prüfen Dokumente im Rahmen der Mobilisierung. „Da kann man froh sein, sich innerhalb von Sekunden beweisen zu können und nicht in irgendeiner administrativen Grauzone zu enden“, weiß Tölke aus mehrfacher eigener Erfahrung.
Haus nie ohne vollgeladenes Handy verlassen
Straßen können gesperrt sein, neue Warnungen reinkommen, Flugbahnen sich ändern, Treffpunkte verlegt werden, Netzbereiche ausfallen. „Ohne geladenes Telefon ist man kein informierter Mensch in Bewegung, sondern ein ahnungslos wanderndes Stück Biomasse.“ Das Netz in der Ukraine funktioniert übrigens hervorragend, selbst hinter dicken Mauern, im Schlafzimmer oder im Keller.
Nie ohne Bargeld rausgehen
Kartenzahlung funktioniert nur, bis Strom oder Netz fehlen. Danach steht man mit Kreditkarte, internationaler Gelassenheit und trockenem Hals vor einem toten Terminal und lernt, dass elektronische Souveränität ein überraschend fragiles Konzept ist.
Wasser, Konserven, Medikamente, Reserven
Nach schweren Nächten ist die Stadt nicht verpflichtet, sich sofort wieder nach den Bedürfnissen schlecht vorbereiteter Bewohner zu richten. „Wer dann morgens feststellt, dass der Haushalt aus einem halben Joghurt, Senf und existenzieller Ratlosigkeit besteht, hat Versorgung bisher eher als philosophische Kategorie verstanden“, weiß Tölke, inzwischen meist sehr gut ausgestattet.
„Und dann die Königsdisziplin menschlicher Selbstüberschätzung: Zu glauben, man habe sich inzwischen daran gewöhnt und könne nachlässiger werden. Das ist der Moment, in dem der Krieg innerlich zu lächeln beginnt“, weiß der Helfer. „An Sirenen gewöhnt man sich. An Einschläge gewöhnt man sich. An nächtliches Drohnensummen gewöhnt man sich. Der Mensch ist ein erstaunlich anpassungsfähiges Wesen. Leider gewöhnt er sich auch an seine eigene Schlampigkeit.“ Und genau deshalb ist der Satz vom „regional begrenzten Krieg“ so bequem wie falsch: Er suggeriert Distanz, wo längst keine mehr existiert. Er beruhigt jene, die das Land nur punktuell anschauen. Und er produziert zuverlässig dieselbe Illusion: dass Krieg etwas sei, das immer nur woanders stattfindet. In der Ukraine findet dieses Woanders leider überall statt.
