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Trump-Unterstützer ausgeladen: Die Suche nach „neuen Gött:innen“ findet ohne Peter Thiel statt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 2, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Trump-Unterstützer ausgeladen Die Suche nach „neuen Gött:innen“ findet ohne Peter Thiel statt

02.06.2026, 19:21 Uhr Von Thomas Schmoll
ABD0135-20260522-WIEN-OeSTERREICH-Musiker-Alexander-Koeck-von-der-Band-CARI-CARI-am-Freitag-22-Mai-2026-im-Rahmen-der-Wiener-Festwochen-Eroeffnung-am-Heldenplatz-in-Wien
Nein, das ist nicht Peter Thiel, auch nicht Milo Rau. Dies ist Alexander Köck von der Band Cari Cari bei der Eröffnung der Wiener Festwochen auf dem Heldenplatz. (Foto: picture alliance / APA-Images)

Der politisch links stehende Intendant der Wiener Festwochen, Milo Rau, wollte den Trump-Fan Peter Thiel einladen, um über „Armageddon und Antichrist“ zu reden. Daraus wird nichts. Die Proteste waren zu stark, das Festival lud den deutschstämmigen Milliardär wieder aus. Alles nur PR?

Bescheidenheit bei der Ausübung seines Berufes ist nicht das Ding des Milo Rau. Die Wiener Festwochen, eines der bedeutendsten Kulturfestivals Europas, das Kunst mit gesellschaftspolitischen Debatten verknüpfen will, hat er zum Amtsantritt als Intendant 2024 gleich mal zur „Freien Republik“ erheben lassen. Diese wurde 2025 – nicht nur Donald Trump kennt das Mittel der Großbuchstaben, um der Welt zu zeigen, auf was es ankommt – zur „REPUBLIK DER LIEBE“ erweitert. Neben „heißen und zartfühlenden“ ging es auch um die „düsteren Gefühle“ wie Hass, Kummer und Schmerz.

Und wie schaut es 2026 aus? „Im dritten Jahr ihres Bestehens erklärt sich die Freie Republik Wien zur Republic of Gods.“ Das Event soll sich um Fragen drehen wie: „Welche neuen Gött:innen müssen wir gemeinsam erfinden?“ Um das herauszufinden, riefen der Intendant und seine Mitstreiter einen „Heiligen Frühling“ aus: „eine mythische Feier der Gotteskritik und Gottessehnsucht“. Das passt schon historisch zu Wien. Die Stadt ist in den Jahren 1529 und 1683 von den Osmanen belagert worden und hat zu spüren bekommen, wie brutal ein Kampf um den einzig wahren Gott sein kann.

So kam Rau auf die Idee, den gläubigen Christen Peter Thiel einzuladen, um mit ihm über Gott, die Welt, Trump und andere selbsternannte Lichtgestalten der US-Identitären zu reden. Der deutschstämmige Milliardär sieht nach allem, was über ihn bekannt ist, vielerorts den (oder die) Antichristen am Werk, mit dem Ziel, dem Westen die Apokalypse zu bringen. Seiner Ansicht nach ist das „Endspiel“, die Entscheidungsschlacht zwischen den Mächten des Guten und des Bösen, längst im Gange. Armageddon lässt grüßen.

„Armageddon und Antichrist?“

Rau schaffte es daher spielend, Thiel in sein Konzept der „Republik der Götter“ zu zwängen. Der Unternehmer sollte zu „Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik“ sprechen. Schließlich spielen Tech-Milliardäre wie Elon Musk, Alex Karp und eben Thiel gerne Gott. Sie „haben eine unglaubliche Macht“, sagte Rau der „Welt“. „Sie sind einflussreicher als die Könige zu Shakespeares oder die ideologischen Führer zu Brechts Zeiten. Sie können nicht nur Kriege auslösen und beenden – sondern dann auch ganz entspannt leugnen, dass es jemals einen Krieg gegeben hat.“

Der Intendant ist der Meinung: Reden hilft. Auch und gerade mit Ultrarechten. Was im linken politischen Lager, dem sich Rau zurechnet, auf heftige Kritik stößt. So war es auch, als der Regisseur in Hamburg im „Prozess gegen Deutschland“ eine Verhandlung zur Frage simulierte, ob ein Verbot der AfD verfassungsrechtlich geboten und möglich sei. Nach der kontrovers diskutierten Veranstaltung sei ihm klar geworden: „Wir konnten von links auf dem Feld der Identitätspolitik nie gewinnen, sondern waren bloß Steigbügelhalter der konservativen Revolution.“ Den Deutschen unterstellte er folgende Logik: „Die globale Rechte darf real siegen, aber sie darf nicht im Theater repräsentiert werden. Das war schon in der Weimarer Republik so: Draußen haben die Faschisten gewonnen, im Kino und den Theatern hat man emanzipatorische Komödien gezeigt.“

Ähnlich argumentierte der Schweizer auch bei seiner Einladung von Thiel, der JD Vance groß gemacht und Trump geholfen hat, die Wahl zu gewinnen. Rau erklärte sich und seine Leute für gut gerüstet: „Wir hätten ihn strukturiert konfrontiert und in Kontext gesetzt und nicht einfach reden lassen“, sagte er dem österreichischen „Standard“. Thiel habe dem zugestimmt. „Es wäre immerhin das erste Mal gewesen, dass er sich einer derartigen Öffentlichkeit stellen muss und es nicht nur im Geheimen tut.“

Theater als „Raum der Auseinandersetzung“?

Darüber, ob eine Gesellschaft die Debatte mit Akteuren der politischen Ränder offensiv führen soll oder nicht, ob sie bestimmte Meinungen und Aussagen aushalten soll oder nicht, wird seit Jahren gestritten, in Deutschland vor allem in Bezug auf die AfD. Jedes Interview, jede Einladung eines AfD-Spitzenpolitikers in eine Politik-Talkshow führt zur immer selben Kontroverse, wie sie nun auch in Wien zu erleben war: Keine Bühne für diese Leute, meinen die einen. Ohne mit ihnen zu reden, können sie nicht demaskiert werden, die anderen.

Das Thalia-Theater in Hamburg sagte trotz aller Proteste den „Prozess gegen Deutschland“ nicht ab. Anders die „Freie Republik“ Wiens, die nach einer Woche des Sturms der Entrüstung den Milliardär wieder auslud. Dem Intendanten zufolge löste der französische Soziologe Geoffroy de Lagasnerie, der politisch sehr weit links steht, mit seiner Ankündigung, nicht nach Wien zu kommen, sollte Thiel erscheinen, „erdrutschmäßig eine ganze Boykott-Bewegung von Festwochen-Teilnehmenden, die gedroht haben, abzusagen“, aus.

Und das, obwohl sich der „Rat der Republik“, der aus 80 Bürgern Wiens besteht und sich basisdemokratisch versteht, für die Einladung ausgesprochen hatte. Das Gremium hat sich 2024 zehn Regeln gegeben. Nummer eins: „Nur vielfältige Perspektiven ermöglichen ein vielfältiges Programm.“ Unter Achtens ist zu lesen: „Die Freie Republik Wien macht das Theater zu einem Raum der Auseinandersetzung.“ Die Kluft zwischen Ankündigung und Realität fliegt Rau nun von rechts um die Ohren.

„Es ist schade“

Als der Schweizer vor zwei Jahren die Intendanz des Festivals übernahm, porträtierte ihn die „taz“ als „Lieblingsfeind des konservativen Feuilletons“. Über seine Genfer Inszenierung von Mozarts „La clemenza di Tito“ 2021 – es war seine erste Opernarbeit – urteilte die FAZ: „Mit der vielbeschworenen Relevanz von Kunst verhält es sich doch im Grunde so: Sie wächst nicht durch Aktualisierung und Politisierung, vielmehr ist sie schon da und lässt sich zur Verstärkung von Agitation und Selbstdarstellung nutzen.“ Die FAZ haute nach Thiels Ausladung erneut in die Kerbe. Herausgeber Jürgen Kaube sprach in einem Kommentar von der „Republik des Milo Rau, die eine Monarchie der Selbstvermarktung eines Diskursdarstellers ist“.

Alles nur PR? Wie immer man Rau und zur Entscheidung der Festwochen steht: Gesprochen wird nun nicht über Inhalte und Ansichten Thiels, nicht über seinen apokalyptischen Pessimismus und seine autoritären Bestrebungen, sondern über die Ein- und Ausladung des Milliardärs: ein gefundenes Fressen für die politische Rechte. „Die Wiener Festwochen sind unter Milo Rau endgültig zu einer heruntergekommenen linken Agitationsbühne ohne künstlerischen Mehrwert verkommen“, kritisiert FPÖ-Kultursprecher Lukas Brucker und forderte die „sofortige Absetzung“ des Intendanten.

Und Thiel? „Als ich ihm jetzt geschrieben habe“, berichtete Rau dem „Standard“, was Sache sei, „hat er geantwortet, dass er das fast ein bisschen erwartet hat. Er hat gemeint, das Publikum hätte gewollt, dass wir ihn ’so richtig grillen‘, und jetzt sei das wie ein Stück von Antonin Artaud, das Theater der Grausamkeit. Es ist schade.“

Quelle: ntv.de

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