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50-Hertz-Chef Kapferer: „Kein Gaskraftwerk wird einen Solarpark oder Windpark verdrängen“

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuni 7, 2026Keine Kommentare9 Minuten Lesezeit
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50 Hertz für fünf Jahre Geduld„Der Solarzubau benötigt kein weiteres Tempo – das muss man so klar sagen“

07.06.2026, 07:15 Uhr Interview: Christian Herrmann und Clara Pfeffer
Kulisse-des-UNIPER-Kraftwerk-Scholven-im-Norden-von-Gelsenkirchen-das-ehemalige-Kohlekraftwerk-war-einst-das-leistungsstaerkste-in-Deutschland-die-Kohlebloecke-wurden-stillgelegt-2-gelten-noch-als-Systemrelevant-und-bleiben-bis-2031-als-Reserve-fuer-Spitzenlastzeiten-ein-neues-Gaskraftwerk-ist-dort-entstanden-und-mit-einer-140-MW-Anlage-im-Betrieb-und-soll-perspektivisch-auf-Wasserstoff-umgestellt-werden-produziert-neben-Strom-auch-noch-Fernwaerme-Foerdergeruest-der-ehemaligen-Steinkohlenzeche-Hugo-Schacht-2-NRW-Deutschland
Das Kraftwerk Scholven im Norden von Gelsenkirchen: Das ehemalige Kohlekraftwerk war einst das leistungsstärkste in Deutschland. Die Kohleblöcke wurden stillgelegt, zwei gelten aber nach wie vor als Systemrelevant und bleiben bis 2031 für Spitzenlastzeiten in Reserve. (Foto: picture alliance / Jochen Tack)

An sonnigen Tagen erzeugen deutsche Solaranlagen inzwischen mehr Strom, als das Land speichern oder verbrauchen kann. Übertragungsnetzbetreiber wie 50 Hertz exportieren den Strom deshalb ins Ausland – und zahlen viele Millionen Euro dafür. Die Lösungen sind in Arbeit, benötigen aber Zeit: „In den kommenden fünf Jahren werden mehr als 50 Gigawatt an Batteriespeichern realisiert“, sagt 50-Hertz-Chef Stefan Kapferer im Podcast „Das Klima-Labor von ntv“ . Was passiert bis dahin? Der Netzbetreiber wird deutlich: Viele Regionen benötigen vorerst keine weitere Solarenergie. „Für fünf oder sechs Jahre sollten wir andere Prioritäten setzen.“ Zum Beispiel? Mehr Tempo beim Windkraft-Ausbau. Und bei den neuen Gaskraftwerken: „Batterietechnologien machen große Fortschritte“, sagt Kapferer. „Aber wir hatten 2025 eine 200-stündige Dunkelflaute. Das decken wir nicht ohne neue Gaskraftwerke ab.“

ntv.de: Wie viel Geld haben Sie als Übertragungsnetzbetreiber an den sonnigen Mai-Feiertagen verloren?

Stefan Kapferer: Wir gar keins, aber die deutschen Steuerzahler enorm viel. Die Förderung der erneuerbaren Energien erfolgt aus dem Bundeshaushalt. Die negativen Strompreise am 1. Mai haben uns als Bundesrepublik etwa 50 Millionen Euro gekostet, weil wir einen Zuschuss zahlen mussten, damit uns dieser Strom abgenommen wird.

Bundeskanzler-Friedrich-Merz-l-r-CDU-Stefan-Kapferer-CEO-50Hertz-Transmission-GmbH-und-Martin-Blessing-persoenlicher-Beauftragter-des-Bundeskanzlers-fuer-Investitionen-in-Deutschland-nehmen-an-einer-Podiumsdiskussion-auf-dem-Ostdeutschen-Wirtschaftsforum-das-unter-dem-Motto-Eine-neue-Un-Ordnung-zu-Umbruechen-und-der-Resilienz-der-Wirtschaft-stattfindet-teil-Vom-31-Mai-bis-2-Juni-2026-befasst-sich-das-OWF26-mit-den-tiefgreifenden-geopolitischen-wirtschaftlichen-und-technologischen-Umbruechen-unserer-Zeit
Stefan Kapferer (M.) ist seit 2019 Vorstandsvorsitzender von 50 Hertz. Der Übertragungsnetzbetreiber ist für den Netzbetrieb in Berlin, Hamburg und allen ostdeutschen Bundesländern verantwortlich. Zuvor war Kapferer unter anderem Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und Chef des Bundesverbands der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). (Foto: picture alliance/dpa)

Ist das gut oder schlecht?

Es ist gut, weil es zeigt, dass wir günstigen Strom aus erneuerbaren Energien (EE) herstellen können. Es zeigt aber auch deutlich, dass unser System derzeit noch nicht auf die großen Mengen EE-Strom vorbereitet ist. Wir haben eine Situation unterschiedlicher Geschwindigkeiten.

Was genau passiert denn an solchen Tagen?

Wir als Übertragungsnetzbetreiber haben eine Vermarktungspflicht und müssen gleichzeitig Systemstabilität sicherstellen. An Tagen wie dem 1. Mai suchen wir also Kunden und exportieren den überschüssigen Strom zum Beispiel nach Österreich oder in die Schweiz. Die erhalten Geld dafür, dass sie ihn abnehmen und Wasser in Pumpspeicherwerken mit dem Strom nach oben pumpen. In stromschwachen Zeiten lassen sie das Wasser wieder nach unten fließen und verkaufen den Strom – manchmal zurück nach Deutschland. Die Einnahmen und Ausgaben für den vermarkteten Strom rechnen wir monatlich mit dem Bundesfinanzminister ab.

Die Österreicher und Schweizer freuen sich.

Bestimmt. In Thüringen und Süddeutschland gibt es auch ein paar Pumpspeicherkraftwerke, aber in Norddeutschland geht das eher schlecht. Wir benötigen mehr Speicher, um das Stromangebot und die Nachfrage über die Zeitachse zu glätten. Bidirektionales Laden hilft ebenfalls: Kunden laden ihr E-Auto, wenn die Sonne scheint und Strom günstig ist. In Zeiten schwacher Erzeugung speisen sie diesen Strom zurück ins Netz. Das entwickelt sich gerade, aber geht nicht innerhalb weniger Monate. Kurzfristig müssen wir an der einen oder anderen Stelle umsteuern.

Kurzfristig? Sind das eher zwei oder eher zehn Jahre?

Wir sollten fünf oder sechs Jahre andere Prioritäten als den massiven Zubau weiterer Solarparks setzen. Warum haben wir die Energiewende gestartet? Wir verfolgen ein klimapolitisches Ziel. Das wollen wir erreichen, indem wir Dinge mit Strom betreiben, anstatt Diesel, Benzin oder Gas zu verfeuern. Der Stromverbrauch ist in den vergangenen zehn Jahren aber nicht so stark gestiegen wie erhofft, sondern sogar um etwa 15 Prozent gesunken. Das wird nicht so bleiben, aber wenn ein wachsendes Angebot auf eine schrumpfende Nachfrage trifft, verändert sich das Preisgefüge. Im Supermarkt würden wir begrüßen, wenn ein bestimmtes Produkt deutlich günstiger wird. Im Strommarkt funktioniert das nicht.

Warum investieren Sie dann nicht in Batteriespeicher? Die Preise sind in den vergangenen Jahren stark gefallen.

Als Übertragungsnetzbetreiber dürfen wir keine Erzeugungsanlagen besitzen, damit wir unsere neutrale Funktion im Netz bewahren.

Sollte man das ändern, wenn sie so wichtig für ein stabiles Stromnetz sind?

Das kann man diskutieren, aber es mangelt nicht an Investoren für Batteriespeicher. Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber haben bereits Batteriespeichern mit mehr als 50 Gigawatt eine Zusage für die Netzanbindung erteilt. Diese Anschlüsse werden in den kommenden fünf Jahren realisiert. Dafür muss man aber im Umspannwerk einen Anschluss einrichten und der Batteriespeicher muss auch gebaut werden. Es wird gern so getan, als ob wir Netzbetreiber langsam sind. Der Speicher muss aber auch erst einmal auf der grünen Wiese stehen.

Was machen wir bis dahin? Vor dem 1. Mai wurden Privathaushalte mit Solaranlage aufgerufen, ihren Stecker zu ziehen, um das Netz zu entlasten, weil klar war, dass wir an diesem Feiertag viel mehr Strom erzeugen als verbrauchen werden. Das kann es doch auch nicht sein.

Große Solaranlagen sind steuerbar. Der Gesetzgeber hat vor zwei Jahren einen Anlagen-TÜV etabliert, nachdem wir einen Verteilnetzbetreiber in unserem Netzgebiet angewiesen hatten, eine bestimmte Menge an erneuerbarem Strom abzuregeln. Der Verteilnetzbetreiber wollte das tun und musste feststellen: Die Anlagen reagieren nicht. Dann ist Gefahr im Verzug für das Stromnetz. Erneuerbare Anlagen, die wir nicht brauchen, müssen abschalten, wenn keine konventionellen Anlagen mehr abgeregelt werden können.

Das passiert relativ häufig?

Das betrifft etwa drei Prozent der erzeugten Strommenge im Jahr. Das ist nicht nichts, aber es wird oft überdramatisiert. Aber wenn wir abregeln müssen, muss das funktionieren. Deshalb der Anlagen-TÜV. Es gibt auch Anreize für große Erzeuger, von sich aus auf negative Preise zu reagieren. Das gilt aber nicht für kleine Dachanlagen. Sollten die den Stecker ziehen? Das weiß ich nicht. Man kann zumindest diskutieren, ob solche Anlagen noch gefördert werden müssen. Ich finde nicht. Sie amortisieren sich heute innerhalb von 12 oder 13 Jahren, laufen aber mindestens 20 Jahre. Man verdient also auch ohne Förderung Geld.

Wo würden Sie ansetzen, um den Strom sinnvoll zu verteilen und den sicheren Netzbetrieb zu gewährleisten?

Batteriespeicher sind wichtig. Gleichzeitig muss sich der Umstieg auf Elektromobilität und Wärmepumpen fortsetzen und der Stromverbrauch anziehen. Außerdem müssen wir den Solarzubau regional steuern. Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg verkraften weitere Kapazitäten. Das sind Industrieregionen, die den Strom aufnehmen können. In Berlin und Hamburg ist auch jede Solaranlage wunderbar, egal ob privat oder Gewerbe. Der Stromverbrauch ist vorhanden. Brandenburg wäre das Gegenbeispiel. Das Land muss beständig Strom exportieren, weil die erneuerbaren Erzeugungskapazitäten 17 Gigawatt betragen, die Last aber nur drei Gigawatt. Dort wird sicherlich weitere Windkraft benötigt für Zeiten, in denen keine Sonne scheint, aber Solarparks nicht unbedingt.

Die berühmte Dunkelflaute, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint.

Ja. In einer Dunkelflaute decken die Erneuerbaren weniger als zehn Prozent des Strombedarfs. Neun von zehn Kilowattstunden stammen dann aus Braunkohlekraftwerken oder aus dem Ausland. In fünf oder zehn Jahren stehen die Erneuerbaren an solchen Tagen vielleicht bei 20 Prozent, aber dann fehlen immer noch 80 Prozent.

Dafür bauen wir neue Gaskraftwerke. Es ist sinnvoll, die mit viel Geld zu subventionieren?

Die zehn Gigawatt aus der ersten Ausschreibungsrunde benötigen wir definitiv. Batterietechnologien machen nicht nur bei den verfügbaren Mengen große Fortschritte. Die laufen inzwischen auch bis zu acht Stunden. Wir hatten aber 2025 eine Dunkelflaute, die länger als 200 Stunden dauerte. Das sind etwa neun Tage. Das decken wir nicht ohne neue Gaskraftwerke ab. In einem zweiten Schritt folgt der Kapazitätsmarkt: Dort können Batteriespeicher mitbieten, ausländische Kapazitäten oder auch große Verbraucher, die sagen: Ich stelle meine Produktion ein und reduziere meine Stromnachfrage dramatisch, wenn ihr das braucht. Bei dieser Ausschreibung werden wir sehen, ob Gaskraftwerke noch benötigt werden.

Die neuen Gaskraftwerke sind rechtzeitig fertig und einsatzbereit?

In der Vergangenheit musste man für Bau und Genehmigung mit mindestens vier Jahren rechnen. Das ist auch das Zeitfenster, das uns gerade noch zur Verfügung steht. In einer Dunkelflaute wollen wir ja keine Kohlekraftwerke ins System holen. Braunkohlekraftwerke sind die dreckigsten von allen fossilen Kraftwerken und auch nicht so flexibel wie Gaskraftwerke. Sicher ist auch, dass kein Gaskraftwerk einen Solarpark, einen Onshore- oder einen Offshore-Windpark bei der Stromerzeugung verdrängen wird, denn das Gaskraftwerk ist die teuerste Lösung. Das rechnet sich nicht.

Brandenburg sollte aber trotzdem keinen weiteren Solarpark bauen, sondern ein Rechenzentrum?

In Regionen mit viel Erneuerbaren hilft zusätzliche Last. Aber Wind und Solar sind nicht die Einzigen, die einen Netzanschluss möchten. Es gibt eine zweite Gruppe: Diese will den Strom nutzen, um Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu schaffen. Beim Netzanschluss gilt bisher aber: Erneuerbare haben Vorrang. Alle anderen Interessenten müssen sich hinten einreihen, egal ob Rechenzentrum oder die großen Chipfabriken in Dresden. Das ist absurd.

Sie befürchten nicht, dass der Ausbau der Erneuerbaren wie 2017 abgewürgt werden könnte?

Wir wollen 2045 klimaneutral sein. Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass die Nachfrage nach grünem Strom dann nicht so hoch sein wird, wie es vor fünf oder zehn Jahren erwartet wurde. Damals war die Annahme, dass Deutschland viel grünen Wasserstoff produzieren würde, um Erdgas in Gaskraftwerken und industriellen Prozessen zu ersetzen. Inzwischen spricht einiges dafür, dass die Produktion eher in Spanien, Skandinavien oder Marokko passieren und Deutschland den Wasserstoff anschließend importieren wird. Damit würde der Stromverbrauch deutlich sinken.

Weil die Wasserstoffherstellung dort günstiger wäre?

Ja. In Spanien gibt es mehr Sonne, in Skandinavien beständigeren Wind und gleichzeitig eine sehr niedrige Stromnachfrage, weil dort weniger Menschen leben. Der andere Grund für die niedrigere Stromnachfrage in Deutschland ist nicht so erfreulich: Der Industrie geht es nicht gut. Dementsprechend fällt der industrielle Energieverbrauch nicht so hoch aus. Die gute Nachricht ist: Die Gestehungskosten von Strom werden weiter sinken. Die Erneuerbaren sind die kostengünstigste Option. In unserem Netzgebiet waren im ersten Quartal 78 Prozent des Stroms erneuerbar. Das ist gewaltig. Aber der Strompreis berechnet sich nicht nur durch Gestehungskosten. Wir müssen die Systemkosten im Griff behalten, also den Netzausbau und auch den Redispatch, also die Eingriffe ins Stromsystem.

Das meinten Sie eingangs mit den unterschiedlichen Geschwindigkeiten: Wir müssen beim Ausbau der Erneuerbaren einige Jahre kürzertreten. Warum beschleunigen wir nicht den Netzausbau?

Ich rede nicht davon, den Ausbau der Erneuerbaren zu bremsen. Bei Windkraft an Land und auf See müssen wir die Dynamik der Genehmigungen unbedingt auf die Umsetzung der Projekte übertragen.

Und den Windturbo starten?

Ja, bitte. Es geht nur um den Solarzubau. Dort gab es einen enormen Zuwachs, es ist kein zusätzliches Tempo notwendig. Das muss man so klar sagen. Ansonsten sind die unterschiedlichen Geschwindigkeiten vor allem eine Ressourcenfrage: An einen Transformator in einem Umspannwerk kann ich ein Rechenzentrum anschließen, einen Batteriespeicher oder einen Solarpark, aber nicht alle drei gleichzeitig. Wir kaufen inzwischen mehr Trafos und erhöhen die Zahl unserer Mitarbeiter. Aber wir stoßen an Grenzen und müssen Prioritäten setzen.

Mit Stefan Kapferer sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast „Das Klima-Labor von ntv“.

Quelle: ntv.de

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