„Der Schlachter weiß Bescheid“Brandenburger Viehdiebe sind bis ins letzte Glied durchorganisiert

233 Rinder verschwinden zwischen März und Mai in Brandenburg nahezu spurlos. Das LKA ist den Tätern auf der Spur. Dass es nicht der erste derartige Fall ist, hilft den Ermittlern. Doch sie haben es mit Profis zu tun.
Mit einem großen Lastwagen kommen bislang Unbekannte nach Brandenburg, parken nah an verschiedenen Weiden und laden dann zwischen 30 und 70 Tiere ein, ehe sie wieder von dannen ziehen. Viermal ist das nachts in den vergangenen Wochen geschehen. 233 Rinder kommen den Landwirten auf diese Weise abhanden, der Schaden übersteigt 337.000 Euro, sagt Brandenburgs Innenminister Jan Redmann. Dass die Tiere jetzt anderswo in Deutschland auf einer Weide stehen, findet Kriminalist Christoph Wenzlaff „abwegig“. Man könne davon ausgehen, „die Tiere werden ins Ausland gebracht und dann womöglich verarbeitet oder vielleicht sogar noch weiter weg transportiert“, sagt der Brandenburger Landesvorsitzende des Bunds Deutscher Kriminalbeamter (BDK) ntv.de.
Für die betroffenen Bauern sind das keine guten Nachrichten. Doch sie haben inzwischen „den Schock erst einmal überwunden“, der „Betrieb läuft wieder normal weiter“, erklärt der Brandenburger Landesbauernverband (LBV) auf Anfrage von ntv.de. Die Tierwirte seien jetzt sensibilisierter, kontrollieren ihre Weiden und Stallungen häufiger. Der Verband lobt die Polizei: „Das Eingreifen war schnell, beherzt und spürbar“.
Die Beamten nehmen verstärkt Viehtransporter ins Visier, kontrollieren auch nachts entlang von Autobahnen und Landstraßen. Seit dieser Woche läuft zudem eine öffentliche Fahndung: Die Ermittler des Landeskriminalamts (LKA) suchen nach Hinweisen aus der Bevölkerung zu einem „blauen Viehtransporter in der Größenordnung von 12,5 Tonnen“, mit dem in der Nacht vom 11. zum 12. Mai in Schenkendöbern 32 Rinder abtransportiert worden sein sollen. Auch für die anderen Taten kommt das Fahrzeug infrage.
„Polizei muss eine Weile Druck machen“
Als Chef der Kriminalisten-Gewerkschaft will Wenzlaff Überstunden in der Belegschaft möglichst vermeiden. Jetzt fahren viele Kräfte mehr Streife oder werden in der Ermittlungsgruppe „Weide“ des LKA gebunden. Auch, wenn der Aufwand der Ermittler verhältnismäßig groß ist, hält ihn Wenzlaff für „gut und richtig“. Und er sagt sogar: „Das muss man auch eine Weile durchhalten können, weil die Täterinnen und Täter – in dem Fall wohl überwiegend Täter – schauen ja auch Nachrichten. Und wenn die merken, dass jetzt der Verfolgungsdruck steigt, dann pausieren die auch erst mal.“
Tatsächlich zeigt sich: Seit die Polizei diesen Druck ausübt, kam es zu keinen neuen Diebstählen. Sie ereigneten sich dem LKA zufolge ausschließlich zu diesen Zeitpunkten:
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am 29. März im Rabensteiner Ortsteil Zixdorf (Landkreis Potsdam-Mittelmark)
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am 21. April im Uebigau-Wahrenbrücker Ortsteil Langennaundorf (Landkreis Elbe-Elster)
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zwischen Januar und 6. Mai im Vetschauer Ortsteil Raddusch (Landkreis Oberspreewald-Lausitz)
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am 12. Mai im Schenkendöberner Ortsteil Hammer (Landkreis Spree-Neiße)
Nicht die erste große Rinder-Diebstahlserie
Der Fall erinnert Wenzlaff an ähnliche Taten vor ungefähr zehn Jahren: Zwischen 2014 und 2017 sind hunderte Rinder und Kälber in Brandenburg gestohlen worden. Verantwortlich dafür war eine Gruppe aus Polen. „Diese Ermittlungen vor zehn Jahren nimmt man jetzt so ein bisschen als Blaupause“, erklärt der Experte. In den Fokus rücken höchstwahrscheinlich auch die Täter der damaligen Diebstähle. „Das würde natürlich bedeuten, dass man relativ schnell zum Ermittlungserfolg kommt.“
Gewerkschafter Wenzlaff weiß, so viele Rinder zu klauen, „erfordert eine größere Organisation: Man kann davon ausgehen, dass nicht nur die Diebstähle bandenmäßig durchgeführt werden, sondern dass die Täter über die ganze Logistikkette bis hin zur Endverarbeitung Bescheid wissen.“ Wer auch immer die Tiere von den Dieben kauft und weiter hält oder aber schlachtet, müsse ahnen, dass etwas faul ist, da die Viehdiebe keine Papiere vorlegen könnten. „Ein Schlachtbetrieb muss also mit involviert sein, sonst würde das auch nicht funktionieren.“ Ist das Vieh einmal verarbeitet, werde der Nachweis über den Diebstahl schwierig.
Nicht nur deshalb beschreibt Wenzlaff das Vorgehen der Täter als „hochprofessionell“. Sie müssten auch besondere Kenntnisse über die Rassen haben und am Rand der Weide erkennen, welche Tiere genau dort grasen. Die Viehdiebe müssen großflächig ausgekundschaftet haben, wo die Höfe liegen und wie viele Rinder zu holen sind. Eventuell kamen dafür sogar Drohnen zum Einsatz, mutmaßt Landesbauernpräsident Henrik Wendorff nach den Taten. Wenzlaff schließt das nicht aus. „Sie sind mitunter sehr leistungsfähig, leise, können auch aus größeren Höhen gestochen scharfe Bilder erstellen“, fasst der Kriminalbeamte zusammen.
Wenn die Tiere nicht geschlachtet werden, dann kann sich der Gewerkschafter vorstellen, dass „Auftragsdaten damit verbunden sind: dass gesagt wird, man möchte eine neue Herde gründen und braucht ein paar Zuchttiere“. In diesem Fall sei wahrscheinlich „ganz gezielt danach Ausschau gehalten“ worden. Für die These spricht, dass durchweg hochpreisige Jungtiere und Rinder gestohlen wurden: Jedes sei laut Angaben der Polizei und Halter rund 1000 bis 2000 Euro wert.
Deshalb schlagen Viehdiebe in Brandenburg zu
Die Beamten stimmen sich vor dem Hintergrund des großen damaligen Falls bereits eng mit polnischen Ermittlern ab. Aber auch im Inland stehen sie im Kontakt mit den Polizeibehörden der anderen Bundesländer. Dabei geht es um warnende Maßnahmen, aber auch um den Erkenntnisaustausch. Doch Wenzlaff schätzt, die Täter haben es aus gutem Grund auf Brandenburger Höfe abgesehen: „Was Brandenburg besonders attraktiv macht, ist einmal die ländliche Struktur, die dünne Besiedelung in der Fläche. Gleichzeitig haben wir große Agrarflächen, wo eben Rinder zu finden sind. Und wir haben die gute logistische Verkehrsanbindung – und dann eben auch nach Osteuropa“, erklärt der Brandenburger.
Was jetzt im Nachgang an solche Taten helfen würde, beschreibt Wenzlaff so: „Wir müssen unsere Polizeiausbildung spezialisieren.“ Derzeit würden nur sogenannte Generalisten ausgebildet werden, anders als noch vor einigen Jahren. Die Polizeischüler werden nun vorbereitet für den Dienst auf Streife sowie als Kriminalermittler. „Viele andere Bundesländer stellen inzwischen wieder um, auch wir müssen fortschrittlicher werden und uns spezialisieren“, sagt Wenzlaff. Durch das Studium in der jetzigen Form „leidet aus Sicht unserer Gewerkschaft sowohl die schutzpolizeiliche Qualität der Arbeit als auch die der Kriminalpolizei“. Und das schlägt sich nun auch auf die Dauer der Ermittlungen nieder.
