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Wieduwilts Woche: Deutschland schreibt sich krank

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 4, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Wieduwilts WocheDeutschland schreibt sich krank

Und jetzt zum Arzt. Oder morgen? Oder doch nicht? (Foto: picture alliance / dpa Themendienst)

Eigentlich wollten Union und SPD mit dem Reformpaket einen Befreiungsschlag wagen. Die Sache sollte ein wenig Momentum entwickeln, mit dem unser Land wieder nach vorn rückt. Das missglückte so sehr wie die deutsche WM-Teilnahme.

Kommunikation ist die Summe aller guten Dinge, plus die Schiefgegangenen zum Quadrat. Diese Formel mag ein bisschen unscharf sein, aber, wie die Koalition nun lernt: Sie trifft zu. Das zeigt nicht nur ein bizarrer Tweet, mit dem Merz’ Social-Media-Account sich versehentlich über die vielleicht ödeste deutsche Niederlage der Fußballgeschichte freute („wir sind stolz auf Euch!“).

Das eigentliche Problem ist viel größer: Am Ende der Reformwoche spüren viele Bürger kein Momentum, stattdessen wundern sie sich über kleinteiligste Steueranpassungen für Minijobs oder die Absetzbarkeit von Handwerkerleistungen. Vor allem fasst sich die Republik an den Kopf, weil sie sich am ersten Krankheitstag ein Attest für den Arbeitgeber besorgen soll.

Kaum jemand schien zunächst verstanden zu haben, worauf sich die Koalitionsparteien im Falle, sagen wir, eines grippalen Infekts, geeinigt haben. Man müsse am ersten Tag zum Arzt, oder: man müsse am ersten Tag in die Videosprechstunde, oder: man müsse gar nicht am ersten Tag irgendwohin, aber sich für den ersten Tag krankschreiben, sowie: man kehre einfach nur zu dem zurück, was vor Covid gegolten habe. Ah ja.

Klingt wie Mao

Das ist ein kommunikativer Großunfall: Denn diese Unsicherheit trifft ja nicht wenige Fälle oder umstrittene Steuereffekte. Jeder ist früher oder später krank, also betroffen. 83 Millionen Deutsche tapsen im Dunkeln. Führung fühlt sich anders an.

Bei der Bundesärztekammer bricht derweil Panik aus. In der FAZ warnt ein Hausarzt, „die Leute rennen uns die Sprechstunden ein“. Ihm graue davor, dass alle grippalen Bürger sich nun in einer Patiententoilette tummelten, die dortige Klobrille mit virenlastiger Kotze vollsauen und dadurch ganze Landstriche infizieren.

Alles in allem also ein mageres Ergebnis für einen Tag, dem der Kanzler einmal mehr eine große rhetorische Rampe gebaut hatte. Friedrich Merz hatte einen „großen Sprung nach vorn“ erwartet. Das klang nach dem chinesischen Diktator Mao Zedong, dessen „großer Sprung nach vorn“ freilich mit bis zu 50 Millionen Hungerstoten endete und nicht mit 50 Millionen Deutschen im Wartezimmer.

Teil des Gesamtversagens

Zur allgemeinen Verwirrung hatte Merz zuvor gesagt, er erwarte einen großen Sprung, wiederum aber keinen „großen Big Bang“. Knalllose Großsprünge? Ist das nun dialektisch oder dumm?

Die Stimmung jedenfalls: miserabel. Traurige Woche für den Fußball, traurige Woche für den Bundeskanzler. Deutschland schreibt sich krank, und zwar in jeder Hinsicht, so klang es in vielen Kommentaren.

„Pomadiges Phlegma“ erkannte Thomas Tuma vom „Focus“ sowohl im Fußball wie auch dem Land. Jürgen Kaube von der FAZ rüffelte das „Land der Mutlosen“, das die eigenen Niederlagen, ob im Fußball, bei der Bahn oder in der Bildung, nicht als Ansporn, sondern unverdiente Schmach empfinde.

Sympathie hängt vom Erfolg ab

Springer-Freikommentator Ulf Poschardt kommentierte, Deutschland habe es insgesamt nicht drauf, Fußball sei da nur ein Teil des Gesamtversagens. Die Folge: Jetzt müsse Schluss sein mit sozialer Gerechtigkeit! Deutschland sei nur sympathisch, wenn es erfolgreich ist.

Ja, wir hatten einmal selige Zeiten. Wie anders war die Stimmung 2006, als Deutschland sich im Sommermärchen sonnte und immerhin Platz 3 in der WM erkämpfte! Cool waren wir für einen Moment, sympathisch. Das lag aber nicht nur am Fußball.

Kanzlerin war eine Frau namens Angela Merkel, die, anders als bisweilen behauptet, extrem gut kommunizieren konnte. Sie hatte schon vor 20 Jahre einen Videopodcast, fasste sich kurz und bewahrte Ruhe – zur Ruhe riet ihr auch ein kleiner silberner Würfel, den ihr der damalige „Bild“-Chef Kai Diekmann zum Amtsantritt geschenkt hatte.

Merkel zeigt’s noch einmal

Man mag über Merkels Politik denken, was man will. Aber heute, ausgerechnet in dieser miesen Woche des Jahres 2026, präsentierte Merkel noch einmal, dass sie weiß, wie Kommunikation funktioniert – anlässlich ihres Kanzlerinnenportraits für die Ahnengalerie im Kanzleramt.

Malen lassen hatte sie sich von einem bis dato wenig bekannten Jungkünstler namens Jérémie Queyra (das zeigt Modernität), den Würfel ließ sie ebenfalls abbilden (damit zeigt sie Ruhe), genauso wie eine gelbe Umlaufmappe (zeigt Sachlichkeit).

Mit den Fingerkuppen der gewölbten linken Hand berührt Merkel zudem eine weiße Sofalehne. Sie stützt sich dabei nicht, wie es fälschlich mancherorts hieß. Es ist vielmehr eine klare Besitzgeste, das Markieren von Territorium – ähnlich, wie man sich für ein Foto gegen das eigene Auto lehnt: Meins!

Man wünscht sich so viel Klarheit im Auftritt für die Regierungsspitze – und sei es nur für deren Fußballkommentare auf Instagram. Immerhin, der deutsche Fußball soll nun womöglich Jürgen Klopp richten, der zudem begnadet kommuniziert.

Nur ein Jürgen Klopp der Politik, der ist nicht in Sicht.

Quelle: ntv.de

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