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„Für immer beschmutzt“: Tödliche ICE-Schüsse offenbaren hässliche Fratze von Trumps WM

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 11, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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ICE-Agenten erschießen einen Familienvater nur 13 Minuten entfernt vom FIFA-Fanfest der Ausrichterstadt Houston. Eine Tragödie mit Ansage: Diese WM ist kein friedliches Fest, die Trump-Regierung zeigt nun ihre hässliche Fratze.

Als sich am Dienstagmorgen die Profis von Argentinien und Ägypten in Atlanta für ihre grandiose Achtelfinalpartie vorbereiteten. Als Tausende Fans der beiden Mannschaften frühstückten, ihre Trikots überstreiften und langsam ins Stadion pilgerten, um einmal Lionel Messi oder ihn ausscheiden zu sehen. Als die USA zum 27. Tag der Fußball-WM erwachten, fuhr Lorenzo Salgado Araujo in Houston, ein paar Bundesstaaten gen Westen vom Argentinien-Spiel, zur Arbeit – und wurde von einem Beamten der US-Einwanderungs- und Zollbehörde ICE erschossen.

Salgado, der seit 35 Jahren ohne Papiere in Houston gelebt haben und nicht vorbestraft gewesen sein soll, wurde erschossen, nachdem ICE-Agenten ihn kurz vor 7 Uhr morgens anhielten. Der Tod des 52-jährigen mexikanischen Staatsbürgern und Vater von drei Kindern, die allesamt US-Bürger sind, löste in Houston sofort heftige Reaktionen und Proteste aus. Hunderte gingen am nächsten Tag auf die Straße.

„Er hat es nicht verdient, zu sterben. Er hat es nicht verdient, auf eine Schlagzeile wie ‚Mexikaner von ICE erschossen‘ reduziert zu werden“, sagte Sohn Ronaldo Salgado einen Tag nach dem tödlichen Schuss. Er erklärte, niemand vom DHS oder von der ICE-Behörde habe die Familie kontaktiert, und dass er erst über die sozialen Medien vom Tod seines Vaters erfahren habe.

Dunkler Schatten legt sich auf WM

Damit legt sich ein dunkler Schatten auf die WM. Während das US-Team auch dank etlicher Spieler mit Migrationsgeschichte ins Achtelfinale des Turniers stürmte. Während Donald Trump diese Erfolge feiert und sogar für die Aufhebung der Roten Karte für Folarin Balogun, der nur aufgrund der Staatsbürgerschaft durch Geburt – ein Recht, das Trump abschaffen will – für die Nationalelf spielberechtigt ist, sorgte. Während die Hundertausenden Fans in den USA Begeisterung und Völkerverständigung entfachen, setzt Trumps Regierung ihre Terrorkampagne gegen Einwanderer in den gesamten Vereinigten Staaten fort.

„In den letzten Wochen der Weltmeisterschaft haben wir beobachtet, wie die US-Einwanderungsbehörden ihre täglichen Festnahmen verdoppelt haben, doch da diese Festnahmen größtenteils abseits der WM-Stadien stattfanden, können die Trump-Regierung und die FIFA so tun, als sei alles in Ordnung“, sagte Andrea Florence, Geschäftsführerin der Sport & Rights Alliance, gegenüber ntv.de.

Die Zahlen der Inhaftierten schnellen während der WM fast unbemerkt in die Höhe. Innerhalb von fünf Tagen Ende Juni nahmen ICE-Beamte in den USA laut Unterlagen, die der „New York Times“ vorliegen, mehr als 10.000 Menschen fest. Allein in Houston waren es im Mai 735.

„Trump versucht zu vertuschen“

Der Tod Salgados hat nun auch der breiten Öffentlichkeit gezeigt, dass eben nicht alles in Ordnung ist. Dass hinter der schillernden Kulisse der WM-Partien bei vielen Menschen im Land immer noch die Angst regiert. „Inmitten des Trubels rund um die Weltmeisterschaft dürfen wir nicht zulassen, dass diese Menschenrechtsverletzungen in Vergessenheit geraten oder ignoriert werden“, sagte Florence.

Denn auch wenn Salgados Tod nicht direkt mit dem Turnier in Verbindung steht, ist doch eine Regierung der Hauptausrichter, die solch ein Vorgehen von den ICE-Beamten billigt, gutheißt und anordnet. Der Sportswashing-Plan von Trump und Co. erhält nun eine fiese Delle. Sie wollten sich mit dem Turnier die Weste reinwaschen und im endlich mal positiven Licht der internationalen Aufmerksamkeit sonnen, was mehr und mehr zu gelingen schien. Nun offenbart das Weiße Haus wieder die hässliche Fratze in Form der gewaltvollen, paramilitärähnlichen ICE-Miliz.

„Die Trump-Regierung versuchte, mit der Weltmeisterschaft die Missstände in der Einwanderungspolitik faktisch zu vertuschen und sie durch den Sport schönzureden“, sagte Minky Worden, Direktorin von Human Rights Watch im Bereich Global Initiatives, zu ntv.de. „Wenn man aber an die Hunderttausenden von Einwanderern denkt, die seit Donald Trumps zweiter Amtszeit – die auch die unmittelbare Vorbereitungsphase der Weltmeisterschaft begleitete – abgeschoben wurden, wird deutlich, dass diese Weltmeisterschaft für immer durch diese Missstände beschmutzt sein wird.“

13 Minuten vom Tod zum Fanfest

Die FIFA, die sich sonst gerne als Weltverbesserer präsentiert, schweigt, obwohl Menschenrechtsorganisationen bereits lange vor dem Turnierstart gefordert hatten, die FIFA müsse Druck auf die US-Regierung wegen ICE ausüben. Und obwohl Houston eine ihrer WM-Städte ist. Nur drei Tage vor Salgados Tod warf dort Marokko den Co-Gastgeber Kanada mit 3:0 aus dem Turnier, es war das letzte von sieben WM-Spielen in der texanischen Metropole. Anlässlich der WM begrüßte die Stadt laut Schätzungen eine halbe Million Besucher, das offizielle FIFA-Fanfest ist nur 13 Minuten mit dem Auto vom Ort des tödlichen Vorfalls entfernt

„Gianni Infantinos ständige Behauptung, diese Weltmeisterschaft werde das ‚beste und erfolgreichste Turnier der Geschichte‘ sein, ist bereits falsch“, sagte Worden dazu. „Die FIFA übt weiterhin keinen Druck auf die Trump-Regierung aus, ihre gewalttätigen, missbräuchlichen und diskriminierenden Einwanderungsmaßnahmen einzuschränken.“

Ganz im Gegenteil, Infantino verlieht Trump gar den erfundenen FIFA-Friedenspreis zu einem Zeitpunkt, als ICE-Razzien Gemeinden in den gesamten Vereinigten Staaten terrorisierten. Worden zieht deshalb ein fatales Urteil: „Von Russland über Katar bis hin zu den USA – das Vermächtnis von Gianni Infantino steht bereits fest“, sagte die HRW-Direktorin: „Seine zehnjährige Amtszeit als FIFA-Präsident hat einer Reihe autoritärer Regierungen dabei geholfen, ihr Ansehen aufzupolieren und gleichzeitig Menschenrechtsverletzungen zu vertuschen.“

„Jede Zahl ist auseinandergerissene Familie“

Vor der WM hatte es große Bedenken um mögliche ICE-Einsätze bei Spielen, Fanfesten und rund um die Stadien gegeben. Dann war es dort aber ruhig geblieben. ICE-Einsatzkräfte sind rund um die WM zwar im Einsatz, aber sie gehören meist zum Bereich „Homeland Security Investigations“, die etwa gegen Menschenhandel und Material über sexuellen Kindesmissbrauch ermittelt, und nicht zu seinem auf Abschiebungen ausgerichteten Pendant.

Dennoch geht das Sterben auch während der WM weiter. Nur normalerweise nicht in der Öffentlichkeit wie nun mit Salgado. Laut Human Rights Watch starben seit dem Start des XXL-Turniers zwei Menschen in ICE-Gefängnissen. Der dunkle Schatten ist längst tiefschwarz. Im vergangenen Monat veröffentlichten Human Rights Watch und Physicians for Human Rights einen Bericht, aus dem hervorgeht, dass in den ersten 500 Tagen von Trumps zweiter Amtszeit 52 Menschen in ICE-Gewahrsam starben. Laut Recherchen des britischen „Guardian“ ist Salgados Tod der zehnte tödliche Schuss, den Bundesbeamte der US-Einwanderungsbehörden seit dem Beginn von Donald Trumps zweiter Amtszeit abgegeben haben. Dazu kommen Tausende Festnahmen. „Jede Zahl ist auseinandergerissene Familie“, merkte Worden diesbezüglich an.

Die WM ist kein Fest des Friedens. Kein Sportevent fernab von politischen Ärgernissen. Infantino kann da beten und weissagen, wie er will. Mit einem Blick auf das bisherige Vorgehen der ICE-Behörde und auch rein statistisch gesehen war es nur eine Frage der Zeit, bis es zum traurigsten aller WM-Skandale kommt. Zur Tragödie mit Ansage.

Salgado-Familie will unabhängige Untersuchung

In einer ersten Stellungnahme hatte ICE behauptet, Salgado habe sich den mündlichen Anweisungen angeblich nicht gefügt, „sein Fahrzeug als Waffe eingesetzt“ und versucht, während der Kontrolle einen Beamten zu überfahren, woraufhin ein Beamter „in Notwehr“ seine Waffe abgefeuert habe. Das DHS erklärte, dass die Geschehnisse vom Büro des DHS-Generalinspekteurs untersucht werden. Das FBI untersucht den Fall außerdem vom Blickwinkel eines Angriffs auf einen Beamten. Am Freitag berichteten ABC News und die „New York Times“ unter Berufung auf einen DHS-Beamten, dass Salgado nicht das eigentliche Ziel des ICE-Einsatzes gewesen sei, sondern lediglich einer gesuchten Person ähnelte.

Die Familie von Salgado fordert derweil eine unabhängige Untersuchung. Auch vier demokratische Kongressabgeordnete aus Texas verlangten eine „sofortige, vollständig unabhängige und transparente Untersuchung“. In einem Schreiben an DHS-Chef Markwayne Mullin und den amtierenden ICE-Direktor David Venturella forderten sie Antworten auf zahlreiche Fragen zu dem Vorfall und baten um „das gesamte Dashcam-Material beider Fahrzeuge“.

Die Politiker schrieben bezüglich der Flucht- und Notwehr-Behauptungen weiter, dass das DHS „dieselben Geschichten wiederholt, die wir bereits zuvor gehört haben“. Im Januar wurden Renee Good und Alex Pretti, beide US-Bürger, in Minnesota von Beamten der Einwanderungsbehörden getötet. Good wurde von einem ICE-Beamten erschossen und auch damals erklärte das DHS, sie habe ihr Fahrzeug als Waffe benutzt, was Videos widerlegten oder zumindest infragestellten.

Messi trifft, Salgado ist tot

„Das bisherige Verhalten der ICE gibt Anlass zu unmittelbaren Bedenken sowohl hinsichtlich des Vorfalls selbst als auch hinsichtlich der Aussichten auf eine wirklich glaubwürdige Untersuchung“, teilte Human Rights Watch in einem Statement zu Salgado mit.

Später am Dienstag schlug Argentinien mit einem famosen Comeback-Sieg Ägypten und zog ins Viertelfinale ein. Vielleicht hätte Lorenzo Salgado das Spiel nach getaner Arbeit gerne mit seiner Frau und seinen drei Söhnen geschaut. Doch zu diesem Zeitpunkt war er bereits tot. Die Gerichtsmedizin des zuständigen Countys von Texas hat den Vorfall als Tötungsdelikt eingestuft. Als Haupttodesursache wurde eine „durchdringende Schusswunde am Oberkörper“ angegeben.

Verwendete Quelle: ntv.de

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