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Politik

China investiert neuerdings massiv in den Bereich Biotechnologie

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 12, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 12.07.2026 • 18:43 Uhr

China hat die Biotechnologie als Schlüsselbranche entdeckt. Der globale Konkurrenzdruck wächst. Es wäre nicht der erste Industriebereich, in dem China den Westen abhängt.

Marie von Mallinckrodt

Eine Drohne fliegt über Hochhäuser, Straßen und Bäume hinweg. Die Musik dazu wirkt heroisch, getragen und emotional. Was aussieht wie ein Stadtviertel ist ein staatlicher Biotechnologie-Park in Peking. Das Werbevideo soll interessierte Unternehmen und Talente anwerben, auch aus dem Ausland. Das ganze gezeigte Areal fördert eine Schlüsseltechnologie des chinesischen Staats: Biopharma – das sind mithilfe von Biotechnologie entwickelte Medikamente. Es gibt bereits Hunderte Firmen und Start-ups. Direkt daneben Krankenhäuser, wo Labore ihre klinischen Tests durchführen können.

Davon profitieren die hier angesiedelten Pharma-Unternehmen wie etwa Innocare. Es hat im vergangenen Jahr Lizenzrechte für einen Autoimmunwirkstoff an ein US-amerikanisches Unternehmen verkauft. Der Unternehmenssprecher Lu Chunhua lobt die guten Rahmenbedingungen: „Nehmen wir die staatliche Förderpolitik, die Regeln zur Zulassung von Arzneimitteln – es ist ein guter Wandel. Gucken wir auf die Fachkräfte: Viele im Ausland lebende Chinesen kehren nach China zurück und starten in der Biotech-Branche.“

„China hat in hohem Maße Vorteile“

Lu Chunhua beschreibt das, was sich auch in dem jüngsten Fünfjahresplan der kommunistischen Staatsführung ablesen lässt: Biotechnologie ist eine Schlüsselindustrie und gehört damit auch zum Bereich der Nationalen Sicherheit. Damit einher gehen, wie Michael Laha von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sagt, gezielte finanzielle Förderungen für Start-ups – in Form von sogenannten staatlichen Lenkungsfonds etwa.

Er meint, die EU drohe den Anschluss zu verlieren. Damit ist er nicht allein. Auch Alexander Brown, der für das in Berlin ansässige China-Forschungsinstitut MERICS eine Analyse zu Chinas Aufstieg in der Biotechnologie geschrieben hat, meint: „Was die Entwicklung dieser neuen Technologien angeht, hat China in hohem Maße Vorteile hinsichtlich Kosten, Umfang und Geschwindigkeit“.

Die Durchführung klinischer Studien sei um etwa 30 Prozent günstiger als in europäischen Ländern. Denn China verfüge über große Krankenhäuser, es kann leichter Patientinnen und Patienten finden. Außerdem, so Brown: „China hat umfangreiche Mittel bereitgestellt, um Unternehmen in diesem Bereich aufzubauen und Skaleneffekte zu erzielen. Das bedeutet, dass Forscher schneller und kostengünstiger Zugang zu den benötigten Schlüsselmaterialien erhalten.“

Bedrohlicher Einbruch in Deutschland

In Deutschland wiederum, wo hauptsächlich privates Wagniskapital eine Rolle spielt, seien Förderungen zurückgegangen : „Die staatliche und finanzielle Unterstützung für Biotechnologie ist zurückgegangen – letztes Jahr etwa um 78 Prozent eingebrochen.“ Zugleich ist in Deutschland über die letzten zwei Jahrzehnte die Anzahl der Patente im Bereich der Biotechnologie weniger geworden. Entwicklungen neuer, innovativer Medikamente kommen mittlerweile zu einem Drittel aus China: „Vor fünf Jahren war China kaum von Bedeutung“, so Michael Laha.

In China gibt es unterdessen immer mehr Start-ups, die in ihren Laboren neue Medikamente entwickeln. Klinische Tests werden hier schneller und unbürokratischer durchgeführt. Heute meldet die chinesische Industrie mehr Patente an als die europäische Konkurrenz. Globale Pharmaunternehmen – Merck, Pfizer, aber auch Bayer – sichern sich auf einmal Lizenzen an neuen Wirkstoffen, etwa gegen Krebs, die aus China kommen.

Bayer sieht China als neuen Forschungs-Hotspot, investiert in die Zusammenarbeit mit chinesischen Start-ups, unter anderem in Shanghai in ein Innovationszentrum. Friedemann Janus, Leiter der regionalen Geschäftsentwicklung von Bayer, erklärt das Engagement: „Von der Hinsicht können wir einiges lernen von China, wie man schnell, kostengünstig hochqualitative Ergebnisse in Forschung und Entwicklung macht.“

Wie lange braucht China den Westen noch?

Es sei doch zu begrüßen, so Michael Laha von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, dass China jetzt selbst auch Talente und finanziellen Einsatz einbringe für die menschliche Gesundheit. Genau diese chinesische Schnelligkeit ist es aber, die manche auch besorgt, weil Europa sie nicht hat. Der Bundesverband Deutscher Industrie warnt vor dem Risiko strategischer Abhängigkeiten. Dabei geht es auch um Druck aus Peking, der ausgeübt werden könnte: Verzögerung bei Genehmigungen, Lieferbeschränkungen, Sperren von Datenzugängen.

Noch braucht China den dominierenden Biopharma-Markt des Westens. Das heißt, dass chinesische Pharmaunternehmen auf Investitionen von globalen, westlichen Pharmariesen angewiesen sind, damit ihre Medikamente auch internationale Märkte erreichen können. Aber das kann sich ändern. In anderen Wirtschaftsbereichen hat die Volksrepublik bereits ein Quasi-Monopol: Strategisch wichtige Seltene Erden, die für Hochtechnologie benötigt werden, nutzt China im Handelsstreit mit den USA. Was ist, wenn das auch mit überlebenswichtigen Pharma-Wirkstoffen passiert?

Europa muss wieder mehr forschen und investieren

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fordern, die Politik müsse mehr finanzielle Anreize schaffen und eigene Start-ups in Europa fördern: „Es ist wichtig, eine übermäßige Konzentration in den Händen chinesischer Akteure zu vermeiden, um ein gewisses Maß an Diversifizierung zu gewährleisten und die Widerstandsfähigkeit der europäischen Biotech-Lieferketten zu stärken“, sagt Alexander Brown. Und Michael Laha ergänzt: „Deutschland muss sicherstellen dass die Ergebnisse aus Forschung und Entwicklung auch hierzulande wirtschaftlich genutzt werden können – dass neues Wissen also nicht nur entsteht, sondern auch in Deutschland kommerzialisiert wird.“

Chinesische Biotechfirmen zielen auf den globalen Markt. Laha spricht von einer Übergangsphase: „Bislang wurde in Deutschland und in Europa Wissen produziert, und der Absatzmarkt war in China. Mittlerweile kann sich das wandeln. Das Wissen wird hauptsächlich in China produziert, und für dieses neue Wissen werden europäische Märkte oder amerikanische Märkte erfasst“. Laha, Brown und andere Wissenschaftler meinen: Damit Europa das Wissen und die damit einhergehende Macht und Unabhängigkeit nicht verloren gingen, müsse es selbst wieder mehr in Forschung und Entwicklung investieren.

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