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Politik

Geheime Schatten-Diplomatie – Hintertür nach Moskau?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 16, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Exklusiv

Stand: 16.07.2026 • 12:53 Uhr

Offiziell wurde der „Petersburger Dialog“ von deutscher Seite aufgelöst, dennoch haben sich erneut deutsche Ex-Politiker mit Putin-Getreuen getroffen. Warum machen sie das – und was weiß die Bundesregierung?

Von Chris Humbs und Markus Pohl, RBB

Ein bemerkenswerter Satz, zufällig aufgeschnappt am Dienstagmorgen in einem Café am Flughafen von Baku: „Wir haben gerade in deiner Abwesenheit den Ukraine-Konflikt gelöst.“ Gesagt hat ihn Matthias Platzeck, ehemaliger SPD-Bundesvorsitzender und Ministerpräsident von Brandenburg. Seine Begleiter, von denen einer gerade an den gemeinsamen Tisch zurückgekehrt ist: Ronald Pofalla, CDU, Ex-Kanzleramtschef, und Tim Guldimann, ehemaliger Schweizer Botschafter in Berlin.

Natürlich meint Platzeck das scherzhaft. Aber dass man die verharmlosende Wortwahl „Ukraine-Konflikt“ für den Angriffskrieg Russlands nicht einfach als unbedachte Äußerung abtut, könnte viel damit zu tun haben, weswegen Platzeck und seine Begleiter überhaupt nach Baku gekommen sind.

Auf konspirativer Mission

Knapp zwei Tage zuvor, am frühen Sonntagabend, war das Trio am Kaspischen Meer gelandet, per Direktflug aus Berlin. Hier, im autoritär geführten Aserbaidschan, wagt man sich auf eine konspirative Mission: Es geht um geheime Gespräche mit hochrangigen Putin-Getreuen.

Dass sich die „Baku-Connection“ um Pofalla und Platzeck seit 2024 dort regelmäßig mit russischen Abgesandten trifft, haben das ARD-Politmagazin Kontraste und die Wochenzeitung Die Zeit bereits enthüllt. Nur einmal, im November 2025, wich man nach Abu Dhabi aus. Jetzt also wieder Baku. Und dieses Mal sind Reporter von Zeit und Kontraste auch vor Ort.

Schon am Vorabend der Gespräche stoßen sie in Bakus Altstadt auf die russische Delegation: Die sitzt zum Abendessen im angesagten Mugam Club bei aserbaidschanischer Livemusik. Angeführt wird sie von Viktor Subkow, ehemaliger russischer Ministerpräsident, heute Aufsichtsratschef von Gazprom.

Mit dabei auch Alexey Gromyko, Leiter des Europa-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften. In einem geheimen Dossier an den Kreml empfahl sein Institut vor einiger Zeit, „die Angst deutscher Bürger vor einem möglichen Konflikt zwischen der NATO und der Russischen Föderation“ müsse geschürt werden.

Eine Riege von Hardlinern

Und dann stößt da auch noch Waleri Fadejew mit an, Vorsitzender des russischen Menschenrechtsrates. Wegen aktiver Kriegspropaganda und Desinformation hat er in der EU-Einreiseverbot. Eine Riege von Hardlinern – ohne wirkliche politische Macht, aber auch ohne erkennbare Tendenzen zur Abgrenzung zu Putins Kurs und dem Krieg gegen die Ukraine.

Die grundsätzliche Idee, diskrete Gesprächskanäle nach Moskau offen zu halten, hält auch die Russland-Expertin Sarah Pagung nicht für abwegig. Dafür aber ausgerechnet auf diese Personen zu setzen, sorgt bei ihr für Kopfschütteln. „Eine ganz schwierige Wahl“, sagt Pagung, die das Berliner Büro der Körber-Stiftung leitet. „Zu glauben, man könne sich mit solchen Leuten treffen und habe dann irgendeine Form von Einfluss auf russische Politik, halte ich für völlig fehlgeleitet.“

Zurück in Baku: Am Montag um 11 Uhr soll der deutsch-russische Schattengipfel beginnen. Schauplatz ist das mondäne 5-Sterne-Hotel Four Seasons, wo sich die Russen einquartiert haben. Für sie firmiert die Veranstaltung hier als „Petersburger Dialog“ – das Gesprächsformat, das einst von Gerhard Schröder und Putin persönlich ins Leben gerufen wurde. Platzeck saß auf deutscher Seite im Vorstand des „Petersburger Dialogs“, Pofalla und Subkow haben ihn zeitweise gemeinsam geleitet.

Offiziell wurde der Dialog nach Beginn des russischen Angriffskrieg auf die Ukraine von deutscher Seite aufgelöst. Warum machen Pofalla und Platzeck bei diesem Versuch der Fortführung mit? In der Vergangenheit ließen die Beteiligten schriftliche Anfragen und Gesprächsangebote stets unbeantwortet.

Russische Einflussoperation?

Überpünktlich kommen die Deutschen um 10:40 Uhr im Four Seasons an. Der Austausch selbst findet dann im zweiten Stock statt, abgeschirmt vom normalen Hotelbetrieb. Die Inhalte bleiben unklar. Nach Recherchen von Kontraste und Die Zeit werten deutsche Sicherheitsbehörden die Gespräche als russische Einflussoperation. Also als Versuch, auf die deutsche Politik einzuwirken.

Als das Trio aus Berlin nach vier Stunden wieder herunterkommt, sprechen die Reporter sie an. Zum Inhalt des Austauschs erhalten sie keine Antwort. Die Herren geben sich amüsiert. „Sie sind liebe Leute“, sagt der Schweizer Diplomat Guldimann zu den Journalisten, und es hört sich so an, als meinte er damit: Sie sind naiv, wenn sie meinen, ich würde ihnen etwas erzählen. Platzeck ist es immerhin wichtig, zu betonen, dass die Gruppe nicht hier, im sündhaftteuren Four Seasons, abgestiegen sei. „Da wir das alles selber bezahlen, sind wir etwas preiswerter untergebracht“, sagt er. Auf spätere schriftliche Anfragen reagieren weder die deutschen noch die russischen Teilnehmer.

Die entscheidenden Fragen bleiben offen: Ist das hier eine Riege von Ex-Politikern auf privater Mission? Oder handelt man etwa in Abstimmung mit der Bundesregierung? Will sich diese vielleicht – abseits der offiziell verfolgten diplomatischen Isolation Russlands – doch noch ein Hintertürchen offenhalten? Etwa einen konspirativen Petersburger Dialog?

Knappes Dementi

Aus dem Auswärtigen Amt kommt ein knappes Dementi: „Die Bundesregierung plant keine Fortsetzung oder Weiternutzung des Formats“. Und aus dem Haus von Friedrich Merz heißt es: „Es handelt sich nicht um eine Initiative des Bundeskanzleramtes. Darüber hinaus können wir Ihnen nichts mitteilen.“

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Ronald Kiesewetter hätte sich eine klare Distanzierung gewünscht. Er befürchtet, die Verbündeten könnten glauben, Deutschland versuche in der Russlandpolitik einen Sonderweg zu gehen. Allein das sei schon ein Erfolg der „kognitiven Kriegsführung“ des Kreml.

Mehr zum Thema sehen Sie heute bei Kontraste um 21:45 Uhr im Ersten.

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Dr. Heinrich Krämer
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