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Berlin Tag & Macht: Das rhythmische Klatschen aus dem Kanzleramt erzählt eher von Ohrfeigen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 16, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Berlin Tag & MachtDas rhythmische Klatschen aus dem Kanzleramt erzählt eher von Ohrfeigen

16.07.2026, 18:41 Uhr Eine Kolumne von Marie von den Benken
Bundeskanzler-Friedrich-Merz-Deutschland-Berlin-Bundespressekonferenz-Thema-Aktuelle-Themen-der-Innen-und-Aussenpolitik
Sunshine, Sunshine Reggae. Let the good vibes get a lot stronger. (Foto: picture alliance / Metodi Popow)

Als Friedrich Merz verkündete, seine Regierung habe endlich ihren Rhythmus gefunden, musste ich an meinen Opa denken. Und an Stephan Remmler. Leider klingt Schwarz-Rot weniger nach „Trio“ als nach der Bordkapelle der Titanic.

Als ich klein war, lief mein Opa oft durch sein Haus, in dem ich zahllose Sommer verbracht hatte, und trällerte einen Song vor sich hin. Immer denselben. Über Jahre. Am lautesten sang er den Part „Der Rhythmus, wo ich immer mit muss“. Viele Jahre später, das Haus wirkte bereits sehr viel leiser, weil mein Opa nicht mehr dort war, fand ich heraus, dass jenes Lied vermutlich „Keine Sterne in Athen“ hieß und von Stephan Remmler gesungen wurde. Ich kannte weder den Song noch Remmler, aber die Zeile werde ich nie vergessen. Irgendwann erzählte meine Mutter mir, Stephan Remmler sei ein ziemlich bekannter Sänger gewesen und seine Band „Trio“ ein Kulturphänomen wie heute „Die Ärzte“. Aber ob das stimmt, da da da bin ich mir nicht sicher.

Anders als ich ist Friedrich Merz alt genug, um Songs wie „Keine Sterne in Athen“ noch am Erscheinungstag live im Autoradio gehört zu haben. Autoradios, die Älteren werden sich erinnern, waren Hörfunkempfänger, die für den Einbau in ein Kraftfahrzeug entwickelt wurden. Radiosender waren einst sehr populär. In einer Zeit, bevor man beim Autofahren vornehmlich Podcasts hörte, in denen hysterisch lachende Influencer mit Ringlicht und Life-Coach-Zertifikat dir erklären, warum du eine miserable Mutter bist. Oder dich falsch ernährst. Oder nicht Millionär bist.

In meiner spätjugendlichen Unbekümmertheit stelle ich mir also diese Woche oft vor, wie Friedrich Merz andauernd „Keine Sterne in Athen“ summte, bevor er der überraschten Presse verkündete: „Die Bundesregierung hat ihren Rhythmus gefunden.“ Rhythmus finden, das klingt moderner als einen Plan zu haben. Es gibt der Regierungsmannschaft sogar ein wenig Sunshine-Reggae-Vibes. Sofort hat man Bilder im Kopf. Bärbel Bas mit Taucherbrille am Strand. Jens Spahn im grünen Muskelshirt in der Brandung. Lars Klingbeil sitzt auf einer Palme und wirft mit Kokosnüssen. Sunshine, Sunshine Reggae, don’t worry, don’t hurry, take it easy!

Aber so wünschenswert es auch wäre, könnte der Bundeskanzler endlich einen Rhythmus anbieten, bei dem man immer mitmuss, halte ich Koalitions-Euphorie für verfrüht. Unter uns gesagt: Wie er da so zuversichtlich über die neue Effizienz seiner Regierung reüssierte, das wirkte für mich tatsächlich ein bisschen so wie der Kapitän der Titanic, der kurz vor der Kollision mit dem Eisberg noch schnell stolz verkündet, die Bordkapelle spiele inzwischen aber jawohl wirklich hervorragend.

Rhythmus das denn wirklich sein?

Und tatsächlich muss man der schwarz-roten Koalition attestieren: Das rhythmische Klatschen, das man aus den Koalitionsausschüssen vernimmt, erzählt keine Geschichte orkanartigen Beifalls. Eher die von schallenden Ohrfeigen, mit denen man sich liebevoll maßregelnd in die Parade fährt. Denn parallel zu seiner Rhythmus-Offenbarung erklärte Merz auch noch, er gehe nicht davon aus, die Schuldenbremse würde zeitnah reformiert. Ein interessantes Signal an Koalitionspartner und Backpfeifen-Empfänger SPD, für den genau dieses Thema ungefähr denselben Stellenwert besitzt wie Lionel Messi für den argentinischen Fußball.

Frindly Fire gibt es aber auch von der gegenüberliegenden Seite der Koalitionsbank. SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf fordert Bildungsministerin Karin Prien auf, ihre Kürzungspläne zurückzunehmen. Der Kanzler erklärt beim Unterhaltsvorschuss, darüber werde man „noch ausführlich sprechen“. Darüber wird noch zu reden sein, das klingt nicht unbedingt nach politischer Debatte, sondern eher nach: Du hast jetzt erstmal drei Wochen Hausarrest. Merz allerdings trägt diese als Gesprächsangebot verklärte Drohung so ernsthaft, vor Schreck habe ich vorsorglich mein Zimmer aufgeräumt.

Ausführlich gesprochen wurde dieser Tage auch über die geplanten Renovierungen am Fundament der Gesundheitspolitik. Vor allem der Vorstoß, Arbeitnehmer sollten bereits ab dem ersten Krankheitstag ein Attest vorlegen müssen, sorgt für flächendeckende Reformmigräne. Während Schwarz-Rot also inzwischen mehr Ideen für die Stabilisierung unseres Gesundheitswesens diskutiert hat, als es in ländlichen Gebieten Arztpraxen gibt, legt der ehemalige Grünen-Star Ricarda Lang, inzwischen hauptberuflich Comedienne auf dem Kurznachrichtendienst X, Merz sogar nahe, er „sollte mal zehn Minuten mit einem Hausarzt telefonieren“. Würde er auch gerne – aber er bekommt ja keinen Termin. Wegen der ganzen Migranten.

Und was macht eigentlich die AfD?

Die AfD macht derweil das, was sie am beeindruckendsten beherrscht: Viel Lärm um Nichts. Gepaart mit kompromissloser Ahnungslosigkeit und lösungsansatzbefreiter Schattenargumentation. Ganz in dieser Tradition fragt Tino Chrupalla, der Lionel Messi der Heimatlyrik, den Kanzler im Bundestag: „Wo leben Sie eigentlich?“ Wobei das recht einfach ist: Niedereimer im Sauerland. Herzlich willkommen also zu einer neuen Folge „DSDR – Deutschland sucht den Regierungsstar“. Die einzige Castingshow, bei der die Kandidaten nicht per Jury-Wertung auditiert werden, aber trotzdem Woche für Woche miesere Quoten einfahren.

Der neue Merz-Rhythmus beeindruckt daher vor allem den Stephan Remmler der politischen Kommunikation selbst. Niemand glaubt so sehr daran, plötzlich politisches Taktgefühl entwickelt zu haben, wie der Kanzler. Obwohl: Taktgefühl kann sich ja auf vielerlei Arten zeigen. Und wenn man so will, hat Merz Recht: Die SPD tanzt den Flamenco. Die CDU hört Peter Maffay. Markus Söder spielt Alphorn. Die AfD marschiert im Gleichschritt. Die Bahn kommt grundsätzlich vier Takte zu spät. Und Kai Wegner verlässt die Band noch vor der Zugabe.

Totales Chaos, nichts passt zusammen, aber alles fällt irgendwie unter die Rubrik Musik. Das könnte man natürlich als Erfolg werten. Kein Wunder also, dass Merz diese Woche tatsächlich erklärt, seine schlechten Umfragewerte seien für ihn Ansporn. Nach dieser Logik müsste Schalke 04 deutscher Meister werden. Aber vielleicht ist genau das der neue Politikstil. Scheitern nicht mehr als Problem verstehen, sondern als Coachingmaßnahme. Normale Menschen reagieren auf historisch einzigartige Misserfolge zuweilen mit Selbstkritik. Politiker interpretieren sie inzwischen offenbar als Achievement.

Revolverhelden unter sich

Die Begeisterung, die Merz aus seinem neugewonnenen Rhythmus ableitet, teilen daher nur wenige Wählerinnen und Wähler. Ungünstig für den Chef einer Partei, die gelegentlich auch mal eine Wahl gewinnen muss. Zum Glück gibt es gute Freunde. Menschen, die dir selbstlos eine helfende Hand reichen. Im Fall von Merz beispielsweise sein türkisches Pendant Recep Tayyip Erdoğan. Der schenkte dem Kanzler für seine schwierigen Koalitionsgespräche diese Woche eine Schusswaffe samt Munition. Andere Regierungschefs erhalten zum Staatsbesuch eine Vase, einen Bildband oder eine landestypische Gebäckvariation. Friedrich Merz bekommt das Starterset „John Wick – Regierungsviertel-Edition“.

Da fragt man sich natürlich umgehend, wie solche Geschenke im Kanzleramt wohl verwaltet werden. Gibt es eine repräsentative Geschenke-Vitrine? Liegt die Waffe dort zwischen dem goldenen Klo von Donald Trump und einem handsignierten BRAVO-Starschnitt von Emmanuel Macron? Muss sie in der Steuererklärung als geldwerter Vorteil angegeben werden? Und was schenkt Merz im Gegenzug? Einen Zahnarzttermin? So amüsant diese Vorstellung auch ist, es gibt auch etwas Tragische an diesem Szenario: Aufgrund latenter Unzufriedenheit mit der Arbeit der Regierung wartet die AfD inzwischen nicht mehr im Vorzimmer der Macht. Sie steht bereits mit einem Bein im Kanzleramt und misst die Vorhänge für die Staatskanzlei aus.

Keine Sterne in Athen für Friedrich Merz und Lars Klingbeil. Und demnächst auch keine Mehrheiten mehr in Berlin. Vielleicht summt Friedrich Merz tatsächlich jeden Morgen „Keine Sterne in Athen“. Das Problem ist nur: Der Rhythmus, wo er immer mit muss, ist inzwischen die Melodie des Stillstands. Und damit der Soundtrack zum Sinkflug seiner eigenen Regierung.

Quelle: ntv.de

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