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„Leute greifen zur Mistgabel“: In den USA rollt die Widerstandswelle gegen KI und ihre Macher

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 16, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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„Leute greifen zur Mistgabel“In den USA rollt die Widerstandswelle gegen KI und ihre Macher

16.07.2026, 19:49 Uhr

Von Roland Peters

KI und seine Auswirkungen erreichen auf verschiedenen Ebenen den Alltag der US-Bürger. In den vergangenen Monaten nahmen Drohungen gegen die Verantwortlichen zu, KI-Gegner verüben sogar Anschläge. New York reagiert mit einem Baustopp für Rechenzentren.

Das abstrakte Thema KI betrifft potenziell alle Lebensbereiche. In den USA ist es auch greifbar angekommen. Als Rechenzentren in den Vorgärten der Wähler – und auf den Sicherheitskameras der Manager. Wenn es eine aktuelle Angelegenheit gibt, bei der sich die US-Amerikaner parteiunabhängig einig sind, dann ist es künstliche Intelligenz und deren reale oder gefühlt negative Auswirkungen auf ihren Alltag, insbesondere auf die Umwelt, auf die Preise und auf den Arbeitsmarkt.

„Der KI-Widerstand lässt Tech-Bosse um ihr Leben fürchten“, titelt das „Wall Street Journal“ (WSJ). Der Hintergrund: Im April ist ein Mann im Sitz des KI-Unternehmens Anthropic aufgetaucht, der einen Manager warnen wollte, dieser werde „getötet“. Wenige Tage vorher hatte ein 20-Jähriger einen Molotow-Cocktail auf das Haus des OpenAI-Chefs Sam Altman geschleudert und danach versucht, in die Firmenzentrale einzubrechen. Er trug ein „Anti-KI-Manifest“ mit einer Namensliste von Zielpersonen bei sich. Ein weiterer Mann drohte Mitarbeitern von Anthropic, er werde ihre Kinder „häuten“, weil sie seinen Arbeitsplatz gestohlen hätten.

Eine weitere Drohung sprach ein Mann dem Bericht zufolge online aus. Er wollte Geld erstattet bekommen und darüber mit einem Menschen statt mit einer KI sprechen. „Da ihr euch weigert, mir einen echten Ansprechpartner zu nennen und mir mein Geld zu erstatten, werde ich mit meiner Pistole in euer Büro kommen, und dann werden wir uns verdammt noch mal über mein Geld unterhalten“, drohte er. Bei einer KI-Firma in San Francisco, die dort ein Café betreibt, laufen offenbar täglich Menschen vorbei, die sie lautstark beschimpfen; etwa, dass KI die Mieten hochtreibe und „unser Wasser stiehlt“.

Auf-dem-Bild-der-Ueberwachungskamera-vor-dem-Haus-von-OpenAI-Chef-Sam-Altman-wirft-laut-Anklage-Daniel-Moreno-Gama-im-April-einen-Molotow-Cocktail-in-Richtung-des-Eingangstores
Auf dem Bild der Überwachungskamera vor dem Haus von OpenAI-Chef Sam Altman wirft laut Anklage Daniel Moreno-Gama im April einen Molotow-Cocktail in Richtung des Eingangstores. (Foto: US-Justizministerium)

Palantir-Chef warnt vor Unruhen

Seit Februar hat sich die Lage deutlich verschärft, berichtet das „Wall Street Journal“ auf Basis von Zahlen einer Sicherheitsagentur, die das Internet und Darknet beobachtet. Demnach versiebenfachten sich digital formulierte Drohungen bis Mai, im Juni gingen sie leicht zurück. „Mich hat überrascht, wie schlimm es innerhalb so kurzer Zeit geworden ist“, wird Liferaft-Chef Jonathan Graff zitiert.

Im ersten Jahresquartal 2026 blockierten Rechenzentrumsgegner mindestens 75 Bauprojekte im Wert von 130 Milliarden US-Dollar. Forscher sehen einen „strukturellen Wandel“ der Proteste. Die Zahl der aktiven Oppositionsgruppen in 49 von 50 Bundesstaaten habe sich auf 833 erhöht, also mehr als verdoppelt. Das Thema KI und die Proteste gegen Rechenzentren könnten so auch Auswirkungen auf die bevorstehenden Kongresswahlen im November haben.

Palantir-Chef Alex Karp sagte auf einer Konferenz über Arbeitswelt und KI, die Angst vor Arbeitslosigkeit habe eben Auswirkungen. Wenn man den Leuten sage, ihr Job werde wegfallen, „greifen die Leute zur Mistgabel“. Manche KI-Unternehmen haben reagiert und beschäftigen mehr Sicherheitspersonal. Firmen im Silicon Valley rieten ihren Angestellten bereits, in unbekannten Gegenden keine Logos ihres Arbeitgebers zu zeigen.

Karp bezeichnete politische Unruhen als die größte Herausforderung der Branche. Er würde seinen Kollegen raten: „Keiner von uns wird Geld verdienen, wenn das Land auseinanderbricht.“ Die Investmentfirma Andreessen Horowitz alias a16z dementiert schlicht Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, während Anthropic-Chef Darius Amodei schon lange über große Umwälzungen spricht.

Derweil stampfen die KI-Konzerne in den USA weiterhin Rechenzentren samt Kraftwerken aus dem Boden. Die politischen Verantwortlichen begrüßen die Investitionen meist, weil sie auf wirtschaftlichen Aufschwung hoffen. Eine breite Mehrheit der US-Amerikaner lehnt dies jedoch ab. Ein Drittel hielt den schnellen Bau von Rechenzentren im März für eine gute Idee, aber 64 Prozent waren dagegen. Nur 14 Prozent würden einen Bau in der Nähe ihres Zuhauses unterstützen, 57 Prozent ablehnen. 77 Prozent befürchteten deshalb höhere Strompreise.

Mega-Projekt in der Wüste

Ein Beispiel für die Gründe des Widerstands ist der Bundesstaat Utah im Westen des Landes. Dort genehmigte ein Landkreis zuletzt ein gigantisches neues Rechenzentrum, das an drei Standorten in der dortigen Wüste auf einer Fläche von 160 Quadratkilometern errichtet werden soll – doppelt so groß wie Manhattan. Bei öffentlichen Diskussionen brach sich die Wut von Gegnern des „Stratos“-Projekts ihre Bahn, die Kommunalpolitiker sollen mit dem Tode bedroht worden sein. An den Plänen gibt es breite Kritik. Stratos und sein eigenes Gaskraftwerk werden demnach mehr Energie verbrauchen als derzeit der gesamte Bundesstaat. Zudem würde es Wasser verbrauchen in einer Gegend, die ohnehin unter Trockenheit und Wasserknappheit leidet.

Einer Wirkungsanalyse von Physiker Rob Davies von der Utah State University zufolge würde Stratos die klimaschädlichen Emissionen des Bundesstaates wegen des Energie- und Wasserbedarfs um etwa 50 Prozent steigern. Die Abwärme der riesigen, zur Kühlung des Rechenzentrums nötigen Industrieventilatoren könnte die Tagestemperaturen im umliegenden Hansel-Tal um zwischen 1,1 bis 2,7 Grad und die Nachttemperaturen zwischen 4,4 und 6,6 Grad erhöhen. „Die thermische Belastung durch das geplante Stratos-Projekt ist extrem“, schreibt Davies. „Diese Anlage führt zu einer erheblichen Austrocknung eines Wassereinzugsgebiets und eines Ökosystems, das sich bereits in einem aktiven Zusammenbruch befindet.“

Einer der Investoren sagte, Stratos „zeigt den Chinesen und dem Rest der Welt, dass wir es ernst meinen, dass wir das Projekt umsetzen, vorantreiben und unseren KI-Unternehmen, die das Land verteidigen, die nötige Rechenleistung zur Verfügung stellen werden“. Derzeit werden Unterschriften gegen das Projekt gesammelt, um eine Volksabstimmung zu ermöglichen.

An der Ostküste hat zugleich der Bundesstaat New York einen kompletten, einjährigen Baustopp für Rechenzentren verhängt. Dies kündigte Gouverneurin Kathy Hochul an, eine Demokratin. „Der Bau von Rechenzentren droht unsere Rechnungen in die Höhe zu treiben, unsere Ressourcen zu erschöpfen und verursacht Unsicherheit für die New Yorker.“ Hochul tritt im November erneut zur Wahl an. Steigende Energiepreise kann sie nicht gebrauchen. Damit ist sie bislang eine Ausnahme. Weite Teile der Politik sind vorsichtig, wenn es um Widerstand gegen die KI-Konzerne geht. Es stehen viel Geld für Wahlkampffinanzierung und versprochene Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Quelle: ntv.de

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