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„Krankheit unserer Zeit“: Warum aufmerksam zuhören wichtig ist, und wie wir es schaffen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 18, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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„Krankheit unserer Zeit“Warum aufmerksam zuhören wichtig ist, und wie wir es schaffen

18.07.2026, 15:02 Uhr Von Torsten Landsberg
Ein-Mann-und-eine-Frau-bereiten-eine-Mahlzeit-in-einer-modernen-Kueche-zu
Es gibt viele Einflüsse, die das Zuhören erschweren. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Anderen aufmerksam zuzuhören, ist eine wertvolle Kompetenz. Anja Schauberger hat das über Wochen trainiert. Sie erklärt, wie es uns trotz Ablenkungen und knapper Zeit besser gelingen kann.

Nur wer anderen zuhört, kann selbst etwas lernen. Ja, das klingt nach Weisheiten aus dem Glückskeks, aber an denen ist eben häufig was dran. Stephen R. Covey, mormonischer Autor zahlreicher Selbsthilfe-Bücher, brachte das Problem der zwischenmenschlichen Kommunikation bereits auf den Punkt, bevor an Social Media zu denken war: „Die meisten Menschen hören nicht zu, um zu verstehen, sondern um zu antworten.“ Das dürfte vielen von uns bekannt vorkommen – aus dem privaten Umfeld, vom Arbeitsplatz und aus den Filter-Bubbles der sozialen Netzwerke sowieso. Dabei heißt es doch immer, wir sollen anderen offener und interessierter begegnen, insbesondere Andersdenkenden.

Dafür muss man selbstreflektiert anerkennen, dass beim Zuhören vielleicht noch Luft nach oben ist. „Am Anfang braucht man ehrliches Feedback von anderen“, sagt Anja Schauberger, die ihre eigenen Bemühungen im Buch „Besser zuhören – Warum eine scheinbar einfache Sache doch so schwer ist“ zusammengefasst hat. Dafür belegte sie beim Münchner Verein „Momo hört zu“ ein zehnwöchiges Online-Training im bewertungsfreien Zuhören.

„Ich habe mich immer für eine ziemlich gute Zuhörerin gehalten“, sagt sie – bis ihr Freund ihr plötzlich das Gegenteil offenbart habe. Das Training sollte ihn bestätigen: „Es ist krass, wenn man sich in einem Gespräch komplett zurücknehmen soll, ohne mit Tipps und Ratschlägen dazwischen zu grätschen.“

Es gibt viele Einflüsse, die das Zuhören erschweren. Informationen gehen im Grundrauschen unter, Zuhören erfordert Konzentration, die durch Tagesform oder Umgebungsgeräusche getrübt sein kann. Mangelndes Interesse ist als Faktor nicht zu unterschätzen, wer erinnert sich nicht an Situationen aus der Schulzeit, in denen man besser mal zugehört hätte? Zu allem Überfluss wird unser Alltag immer schnelllebiger und die Aufmerksamkeitsspanne kürzer, schließlich trainieren die digitalen Algorithmen das Gehirn darauf, ständig nach neuen Reizen zu verlangen.

Rückzug ins Private „ist völlig okay“

„Die sozialen Medien bringen nicht nur Gutes für uns als Gesellschaft“, glaubt Anja Schauberger. Ständig überlege man, was man poste, wie man sich auf Instagram präsentiere und als Marke aufbaue. Gleichzeitig beobachte sie im Offline-Leben einen Rückzug ins Private. „Unser Leben ist sehr vollgepackt, da ist es völlig okay, mal Netflix einzuschalten und die Welt draußen zu lassen.“ Der Rückzug verenge aber auch Blickwinkel und die Kreise, in denen wir uns umgeben. Ihr Freundeskreis sei früher durchmischter gewesen, sagt Schauberger. Es werde kaum noch lebhaft diskutiert. „Lieber habe ich mal einen Abend, an dem ich mich kurz über jemanden aufrege oder jemandem widerspreche, damit fangen ja neue Gedanken an und auch eine Offenheit für eine andere Meinung.“

Wer zuhört, möchte manchmal auch gehört werden. Blöd, wenn einem dann ausgerechnet ein Mensch gegenübersitzt, der jedes Gespräch an sich reißt. „Es ist eine Krankheit unserer Zeit, dass wir alles, was wir hören, auf uns selbst beziehen“, sagt Schauberger. Wenn ein Gesprächspartner ein Thema kapere, um seine eigene Erfahrung damit zu schildern, könne man es mit einem charmanten Hinweis versuchen. „Ein Vorwurf wie ‚Hey, du hörst mir gar nicht zu!‘ bringt da wenig. Ich versuche in solchen Momenten, wieder auf meine Sache zurückzukommen.“ Bei Leuten, die einem nicht so nahestünden, könne das allerdings schwierig werden. „Ich finde es trotzdem wichtig, zu spiegeln, dass man sich nicht gehört fühlt.“

Sich nicht gehört zu fühlen, führen manche Mitmenschen auch als Grund für extreme Wahlentscheidungen an. Wie sollen wir mit jenen umgehen, deren Ansichten uns vielleicht nicht sympathisch sind? „Es geht viel um Empathie, die uns etwas abhandengekommen ist“, sagt die Autorin.

Wut als Ersatz-Emotion

Wenn Menschen politisch ganz anders wählten als sie, wolle sie die Gründe verstehen. „Viele haben so eine Wut, aber dahinter stecken meistens andere Dinge, nämlich Angst, Sorge oder Traurigkeit.“ Diese Emotionen zu zeigen, sei schwieriger, als verärgert oder wütend zu sein und mit dem Finger auf andere zu zeigen. „Wenn wir ins Gespräch kommen und fragen: ‚Wovor hast du Angst?‘, dann könnte uns das wieder näher zusammenbringen.“

Wohl jede und jeder kennt Leute, die ausschweifend erzählen und jede Nebenhandlung und Person so detailliert ausschmücken, dass man irgendwann abschaltet oder laut rufen will: „Komm‘ doch mal auf den Punkt!“. Ist ein schlechtes Gewissen angebracht, wenn man gedanklich schnell abdriftet? Nein, sagt Schauberger. Abgrenzung sei eine Voraussetzung für gutes Zuhören. „Solche Gespräche lassen sich beschleunigen, indem man fragt, was als nächstes passiert ist.“ Wenn sich Leute im Kreis drehen oder Dinge zu Ende erzählt seien, sei es völlig legitim, das Thema zu wechseln. „Man kann nicht immer einstecken, um andere nicht zu verletzen, schließlich ist auch die Zeit des Zuhörenden wertvoll.“

Am wenigsten verletzen wollen wir in der Regel die uns am nächsten stehenden Menschen – aber ausgerechnet denen hören wir laut Kommunikationsforschung am wenigsten aufmerksam zu. Grund dafür ist die Closeness Communication Bias: „Wenn wir jemanden schon länger kennen, gehen wir davon aus, dass wir genau wissen, was er oder sie gleich sagen wird.“ Dadurch höre man nicht so genau zu, erkläre aber auch selbst nicht mehr so gut. Unser Gehirn wolle sich dadurch Arbeit ersparen.

„Wir sollten dagegen steuern, weil wir uns jeden Tag verändern, auch wenn wir zehn oder vierzig Jahre zusammen sind“, empfiehlt Anja Schauberger. Man könne sich abends hinsetzen und gegenseitig fünf Minuten vom Tag erzählen lassen, ohne dass der andere reagieren oder etwas sagen darf. „Das hilft dabei, aufeinander wieder neugierig zu werden.“

Quelle: ntv.de

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