Fünf Jahre ist es her, dass das Humboldt Forum in Berlin seine Pforten für das Publikum öffnete. Es sollte ein Debattenraum werden, ein Ort der Kolonialismus-Aufarbeitung. Ist all das gelungen?
Das Luf-Boot ist eines der spektakulärsten Ausstellungsstücke im Humboldt Forum, aber auch eines mit bezeichnender Geschichte: Das Auslegerboot wurde im Kontext kolonialer Unterdrückung und Gewalt von der Insel Luf im heutigen Papua-Neuguinea nach Deutschland gebracht. Im Ethnologischen Museum des Humboldt Forums wird seine Geschichte kritisch beleuchtet.
Klaus Fisching aus Dortmund ist zum ersten Mal als Besucher hier. Vieles, was damals geschehen ist, sei aus heutiger Sicht ein riesiges Verbrechen, sagt er. „Das ist schon gut, dass das ausgestellt wird und deutlich gemacht wird.“
Der andauernde Streit um die koloniale Raubkunst
Vor fünf Jahren öffnete das Humboldt Forum seine Pforten für das Publikum. Schon vor der Eröffnung gab es Debatten und Streit über das Kultur- und Museumszentrum: Die Symbolik der preußischen Architektur des wiedererrichteten Berliner Schlosses im Zentrum der Stadt löste Kritik aus; ebenso die Pläne, dort die ethnologischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu zeigen – und auch die Frage, wie mit kolonialer Raubkunst umgegangen werden sollte.
Zur Eröffnung 2021 wollte man deshalb vieles anders machen: Ein Debattenraum, Ort der Kolonialismus-Aufarbeitung und für die Stadtgesellschaft, sollte es werden. Die damalige Kulturstaatsministerin, Monika Grütters (CDU), bezeichnete es gar als “Museum neuen Typs”, das den friedlichen Dialog zwischen den Völkern erfahrbar machen solle. Ist all das gelungen?
Nur einer der Steine des Anstoßes: das Luf-Boot aus Papua Neuguinea.
Kritik an Relevanz und Ausrichtung
Fünf Jahre später sehen nicht alle, dass die Versprechen schon eingelöst worden sind. Für Volker Hassemer, ehemaliger Berliner CDU-Kultursenator und heute bei der Stiftung Zukunft Berlin aktiv, fehlt dem Ort die Relevanz als internationaler Dialograum. “Die eigentliche Idee, die Vision des Humboldt Forums, ging darüber hinaus”, sagt er. Es sollte nicht nur Kulturen präsentieren, sondern auch aktivieren. “Das passiert im Augenblick in dieser Stringenz nicht. Die Kulturen der Welt fühlen sich nicht aufgerufen, hier zu Wort zu kommen.” Er wünscht sich einen kulturellen Debattenraum von internationaler Relevanz.
Mit der Stiftung Zukunft Berlin, ein Zusammenschluss für bürgerschaftliches Engagement, fordert er deshalb einen klareren politischen Auftrag für das Humboldt Forum und eine klarere Führungsstruktur. Bislang ist das Humboldt Forum ein Kooperationsverbund der Humboldt-Universität, der Stadt Berlin und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz unter Leitung der Stiftung Humboldt Forum, die aber nicht vollumfänglich entscheiden kann.
Das Jubiläum: „Erfolg und Zäsur“
Auch der amtierende Kulturstaatsminister, Wolfram Weimer (parteilos), äußerte sich anlässlich des Jubiläums. Gegenüber der Nachrichtenagentur dpa sagte Weimer, dass das Jubiläum zwar generell ein Erfolg sei, aber auch eine Zäsur. „Die Phasen der Gründung und des Aufbaus sind vollendet. Jetzt beginnt die anspruchsvollere Aufgabe.“ Nun könne sich das Haus zu einer „Institution mit einem gemeinsamen Selbstverständnis“ entwickeln. In Weimers Aussagen spiegelt sich zumindest der Wille nach Veränderung wider.
Hartmut Dorgerloh, Generalintendant und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Humboldt Forum, hingegen zeigt sich zufrieden mit der Entwicklung. “Das Humboldt Forum ist sicher nicht der Nabel der Welt, aber es ist sicherlich ein Ort für die Verständigung über zentrale Fragen”, sagt er. Man setze sich gerne mit Kritik auseinander, aber müsse klarstellen, dass die Themen einen sehr dezidierten Gegenwartsbezug hätten. Im Humboldt Forum finden viele Veranstaltungen statt, bei denen man die Kulturen zusammenbringe und die auch vom Publikum angenommen würden.
Weiterhin Skepsis trotz guter Besucherzahlen
Im vergangenen Jahr besuchten etwa 3,3 Millionen Menschen das Humboldt Forum – auch wenn in dieser Zahl alle Besucher berücksichtigt wurden; auch diejenigen, die nur durch den Hof laufen. 60 Prozent der Besucherinnen und Besucher waren Touristen. In den Ausstellungen waren insgesamt 634.000 Menschen, in Veranstaltungen 132.000 Besucher. Damit gehört das Humboldt Forum zu einem der meistbesuchten Kulturorte in Berlin.
Für Kulturjournalistin Nicola Kuhn vom Berliner Tagesspiegel, die das Humboldt Forum seit Jahren begleitet, ist es trotzdem noch nicht ganz in der Stadt angekommen. Das Humboldt Forum sei für Touristen ein großer Anziehungspunkt geworden, sagt sie. „Aber dass es in der Kulturszene Akzeptanz hätte, das sehe ich nicht. Es ist eigentlich so, dass jeder im Kulturbereich eine gewisse Skepsis hat.“
Debatte um Architektur wirkt nach
Berührungsängste, die wohl auch mit der Entstehungsgeschichte zu tun haben: Zehntausende Artefakte aus den ethnologischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sind während der Kolonialzeit nach Deutschland gekommen. Dass sie ausgerechnet in preußischer Architektur ausgestellt werden, wird von vielen immer noch kritisch gesehen.
Noa K. Ha, wissenschaftliche Leiterin des Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung, sieht darin einen nicht auflösbaren Widerspruch. „Es ist eine kolonial-revisionistische Architekturgeste“, sagt sie. Die Fassade des Gebäudes feiere implizit den deutschen Kolonialismus, selbst wenn man im Inneren kritische Ausstellungen plane. Sie spricht sich auch jetzt noch für einen kritischen Umgang mit der Fassade aus, etwa indem man Teile davon abträgt oder symbolisch umgestaltet.
Doch es sei auch viel Positives durch das Humboldt Forum bewirkt worden. Wichtige Debatten seien der Gesellschaft damit auf die Füße gefallen. “Den Zusammenhang zwischen Kolonialgeschichte und Rassismus haben wir eigentlich erst mit der Entscheidung für das Humboldt Forum und den Bau dazu erlangt”, sagt sie. Auch die Bemühungen im Umgang mit Restitution bewertet sie weitgehend positiv, etwa die Rückgabe der aus dem heutigen Nigeria geraubten Benin-Bronzen.
Blockade bei weiteren Restitutionen
Trotzdem dürften die Bemühung auch fünf Jahre nach der Eröffnung nicht erlahmen. „So ein bisschen könnte man den Eindruck gewinnen, dass man sagt: Ja, wir haben uns mit der Geschichte auseinandergesetzt, wir haben ja auch die Benin-Bronzen zurückgegeben“, sagt sie. „Die Benin-Bronzen sind die Spitze des Eisberges.“ Sie fordert proaktiv und auch in der Breite geraubte Kulturgüter zu restituieren und die Erforschung der Herkünfte zu vertiefen.
Laut Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die die ethnologischen Sammlungen im Humboldt Forum verantwortet, ist schon viel erreicht worden. Es gebe eine Reihe von Restitutionsbeschlüssen, die aber wegen schwieriger Aushandlungsprozesse noch nicht umgesetzt seien. Die Forschung nach den Ursprüngen der Objekte könne immer weiter ausgebaut werden. Dafür seien aber entsprechende Ausstattungen, sprich finanzielle Mittel, nötig.
Und so bleibt das Humboldt Forum auch fünf Jahre nach der Eröffnung für das Publikum ein Ort, über den viel diskutiert wird und der häufig aneckt. In fünf Jahren wurde vieles angestoßen, aber es ist auch noch viel im Werden.
