Rückendeckung aus der Politik?Wie Betrüger den türkischen Aktienmarkt manipulierten und Anleger um Milliarden brachten

Ein milliardenschwerer Finanzskandal erschüttert die Türkei und hat inzwischen auch die Spitze der Regierungspartei erreicht. Wie konnte es dazu kommen, dass hunderte Fonds offenbar jahrelang Aktienkurse manipulieren und Anlegern Traumrenditen vorspiegeln konnten, ohne dass die Behörden einschritten?
Der türkische Aktienmarkt steht vor einer tiefen Zäsur: Nicht ein oder zwei, sondern gleich 27 Werte des Leitindex BIST 100 werden ausgetauscht. Die Regeln für die Indizes an der Istanbuler Börse wurden grundlegend überarbeitet. Während die Börse damit die Lehren aus einem der größten Finanzskandale der vergangenen Jahrzehnte in der Türkei zieht, steht die strafrechtliche und politische Aufarbeitung des Falls noch am Anfang. Dutzende Verdächtige wurden inzwischen verhaftet. Die stellvertretende Vorsitzende der Regierungspartei AKP trat zurück. Die Opposition vermutet Verbindungen bis in höchste Kreise. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Die Betrugsmasche
Im Zentrum des Skandals stehen sieben Fondsgesellschaften, die insgesamt 131 Aktienfonds mit einem Kapital von umgerechnet rund 18 Milliarden Euro verwalteten – bis vor knapp zwei Wochen, als die Finanzmarktaufsicht SPK die Auflösung sämtlicher Fonds anordnete und mehrere Manager festnehmen ließ. Der Vorwurf: Sie hätten das Geld ihrer Investoren teils koordiniert in Aktien kleinerer Unternehmen mit geringem Streubesitz investiert, die Kurse so gezielt in die Höhe getrieben und die Gewinne der Fonds aufgebläht.
Einige Fonds starteten zunächst mit einem kleinen, abgeschotteten Kreis von wenigen Insidern als Investoren. Solange der Fonds für die Öffentlichkeit geschlossen blieb, konnte niemand außer diesen Insidern zu- oder verkaufen – wodurch sich der ausgewiesene Fondswert praktisch beliebig steuern ließ. Über Jahre wurden so künstliche Wertsteigerungen von teilweise mehreren Tausend Prozent erzeugt. Anschließend wurden die Fonds für die Allgemeinheit geöffnet und gezielt Privatanleger mit den angeblichen Traumrenditen als Investoren angeworben. Ab diesem Punkt funktionierten die Fonds als Schneeballsystem: Das Geld neu einsteigender Kleinanleger diente dazu, früheren Teilnehmern – vor allem den ursprünglichen Insidern – hohe Auszahlungen zu ermöglichen.
Im August 2026 bekam das System Risse, als die Finanzaufsicht die Regeln für die Fonds anpasste, um die Konzentration der Investitionen auf wenig liquide Aktien zu veringern. Das zwang einige Fonds zu verlustreichen Verkäufen, woraufhin Anleger begannen ihr Geld abzuziehen. Schließlich brach das System zusammen.
Wie groß ist der Schaden?
Berichten zufolge hatten 455.000 Anleger in die 131 Fonds investiert. In türkischen Medien kommen immer wieder Anleger zu Wort, die ihr gesamtes Vermögen von teils mehreren Hunderttausend Euro in die betroffenen Fonds gesteckt hatten. Wie viel davon für immer weg ist, ist noch nicht klar. Die Fonds werden abgewickelt und müssen nun alle ihre verbliebenen Vermögenswerte verkaufen. Das kann Monate dauern. Dann wird der Rest an die Anleger verteilt. Das zuletzt gemeldete Fondsvermögen von rund 16 Milliarden Euro beruhte jedoch zu einem erheblichen Teil auf manipulierten Aktienkursen, die inzwischen eingebrochen sind. Dieses Geld dürfte großteils dauerhaft verloren sein.
Doch nicht nur die Anleger in den betroffenen Fonds selbst erlitten Verluste. Der türkische Leitindex BIST 100 brach allein am 16. September um über 6 Prozent ein, an einzelnen Handelstagen kam es zu Kursverlusten von über 7,5 Prozent mit mehrfachen Handelsaussetzungen. Nach Berechnungen des britischen Magazins „The Economist“ wurden dem Markt binnen nur zwei Tagen rund 30 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung entzogen.
Wer sind die Täter?
Die Istanbuler Generalstaatsanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen mehr als 75 Personen, von denen über 50 in Untersuchungshaft sitzen. Als einer der Drahtzieher gilt Emre Tezmen, Vorstandsvorsitzender der Tera-Gruppe. Noch vor wenigen Monaten hatte er in einem Interview angekündigt, seine Fondsgesellschaft zum „Goldman Sachs“ der Türkei zu machen. Vor knapp vier Jahren hatte er Tera an die Börse gebracht. Seitdem waren die Aktien des Unternehmens zeitweise um mehrere Tausend Prozent gestiegen.
In Führungspositionen bei Tera arbeiteten zahlreiche bekannte Persönlichkeiten, wie der ehemalige Vize-Zentralbankchef Erkan Kilimci, der ehemalige Botschafter der Türkei bei der OECD, Kerem Aklin und dessen Bruder Emre, ein bekannter Ökonom und Fernsehkommentator. Die Prominenten gaben der Gesellschaft ein seriöses Gesicht und sorgten für Vertrauen, als die exorbitanten Renditen und ungewöhnlichen Bewegungen mancher Aktienkurse bei manchen Beobachtern schon Verdacht erregten.
Auch gegen Spitzenmanager anderer Fondsgesellschaften wird ermittelt. Unklar ist noch, inwiefern die verschiedenen Firmen zusammenarbeiteten und wie sie ihren mutmaßlichen Betrug koordinierten. Auffällig ist ist nicht nur ein insgesamt ähnliches Vorgehen, sondern dass sie teilweise in gegenseitg in Tochtergesellschaften investierten.
Wie reagierten die Behörden – oder eben nicht?
Klar ist inzwischen: Spätestens seit Herbst 2025 wussten die Behörden von Unregelmäßigkeiten und mutmaßlichen Kursmanipulationen. Finanzminister Mehmet Simsek wurde eigenen Angaben zufolge am 4. November vergangenen Jahres informiert. Die Kapitalmarktaufsicht SPK räumte inzwischen ein, bereits im vierten Quartal 2025 verdächtige, „nicht durch wirtschaftliche Realität erklärbare“ Kursbewegungen registriert zu haben. Dennoch taten die Behörden monatelang nichts. Im Gegenteil: Als der ehemalige stellvertretende Vorsitzende der türkischen Finanzkriminalitätsbehörde MASAK, Ramazan Basak, vor verdächtigen Aktivitäten bei Tera warnte und im Januar 2026 schließlich Strafanzeige erstattete, wurde er zeitweise festgenommen und ein Verfahren gegen ihn wegen „Börsenmanipulation“ und „öffentlicher Verbreitung irreführender Informationen“ eingeleitet.
Die SPK stoppte den Handel mit den 131 Fonds erst, nachdem diese im September 2026 teilweise zusammenbrachen und nicht mehr zahlungsfähig waren.
Welche politischen Vorwürfe stehen im Raum?
Für Basak ist das Stillhalten der Aufsichtsbehörden nur dadurch erklärbar, dass die Täter Rückendeckung „aus Politik, Justiz und Behörden“ hatten. Bewiesen ist das bisher allerdings nicht. Tera-Chef Tezmen soll in der Vergangenheit damit geprahlt haben, Finanzminister Simsek sei sein persönlicher Freund und Geschäftspartner. Das weist dieser allerdings strikt zurück.
Eine Verbindung zur Spitze der Regierungspartei AKP hat der Skandal allerdings am Wochenende mit dem Rücktritt von Fatma Betül Sayan Kaya bekommen. Die stellvertretende Vorsitzende, ehemalige Ministerin und Beraterin des Parteichefs und Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan soll im Frühjahr Aktien eines Unternehmens gekauft haben, deren Kurs offensichtlich durch die Skandalfonds manipuliert wurde. Nachdem Sayan Kaya und ihr Ehemann hohe Beträge investiert hatten, stieg der Aktienkurs um mehr als das Zehnfache. Nur wenige Tage bevor die SPK einschritt und auch der Handel mit der betreffenden Aktie ausgesetzt wurde, verkaufte das Politikerpaar wieder und strich Berichten zufolge einen Gewinn von mehr als 20 Millionen Euro ein.
Basak behauptet, es gebe „viele Fatma-Betül-Sayan-Kaya-Fälle“ – hochrangige Politiker, die angeblich von dem Betrugschema der Fondsgesellschaften profitierten, indem sie mutmaßlich konkrete Informationen zu Kursmanipulationen bekamen. Bewiesen ist dies allerdings nicht.
Welche Konsequenzen wurden bisher gezogen?
Präsident Erdogan selbst versprach, den Skandal ohne Ansehen der betroffenen Personen aufzuklären: „Wer immer Verantwortung trägt, wird vor dem Gesetz zur Rechenschaft gezogen.“ Ähnlich äußerte sich auch Justizminister Akin Gürlek. Sein Wille, die Ermittlungen in eigenen Kreisen voranzutreiben, scheint jedoch begrenzt: Den Verdacht, Regierungs- oder AKP-Vertreter seien in den Betrug verwickelt, wies Gürlek empört zurück und beschuldigte stattdessen die Opposition, „mit Lügen und Aufwiegelung, das Geschehene politisch auszunutzen“.
Unmittelbare Konsequenzen zog dagegen inzwischen die Istanbuler Bösre. Sie führt nun komplett neue Regeln für ihre Indizes ein. Neben Handelsvolumen und Marktkapitalisierung spielt künftig auch die Volatilität für die Aufnahme in die Indizes eine Rolle. Der Mindestwert für Streubesitz wurde erhöht, ebenso die Anforderungen an das Eigenkapital der Unternehmen. In der Folge fliegen diese Woche Dutzende Aktien aus den verschiedenen Indizes der türkischen Aktienmarktes.
Mit dieser Neuordnung kommt die Istanbuler Börse Forderungen des internationalen Index-Anbieters MSCI nach. Der hatte gedroht, die Türkei aus der Gruppe der Schwellenländer in die der sogenannten „Grenzmärkte“ („Frontier Marktes“) herabzustufen. Angesichts des großen Einflusses von MSCI könnte das zu weniger internationalen Investitionen in der Türkei führen.