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„Nicht vor späten 2020er-Jahren“: Wo bleibt die E-Revolution auf Deutschlands Äckern?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 20, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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„Nicht vor späten 2020er-Jahren“Wo bleibt die E-Revolution auf Deutschlands Äckern?

20.07.2026, 09:25 Uhr Von Steve Przybilla
Ein-Traktor-mit-einer-Einzelkornsaemaschine-aufgenommen-in-Diehsa-10-04-2026
Derzeit setzen Landwirte in Deutschland fast ausschließlich noch auf Diesel als Kraftstoff für Traktoren. (Foto: picture alliance / photothek.de)

Die Mobilität wird zunehmend elektrisch – zumindest im Autoverkehr. Doch was ist mit der Landwirtschaft? Bisher ist Diesel noch die Energiequelle der Wahl. Ein Wandel zu E-Traktoren zeigt sich bisher nur in zarten Ansätzen – doch es gibt sie bereits.

Ein bisschen Gras wuchert schon. „Hier waren bis vor Kurzem noch Kartoffeln drin“, sagt Ingo Berthold, den Blick auf sein Feld gerichtet. Der Sandboden ist weich, lehmig und fruchtbar. „Leider auch ein bisschen trocken“, ergänzt der 64-jährige Biobauer, der im wasserarmen Brandenburg Obst und Gemüse anbaut.

Als der Landwirt aus der Garage kommt, sitzt er auf seinem Knegt 304G2E, einem Kleintraktor, 45 PS stark, 1,7 Tonnen schwer, hergestellt in den Niederlanden. „Ich wollte noch nie fossilen Diesel verbrauchen“, sagt Berthold. Früher habe er mit Pferden gepflügt, aber die seien 20-mal langsamer als ein Trecker. „Irgendwann“, sagt Berthold, „habe ich mir also doch einen zugelegt“. Aber nicht irgendeinen: Der Knegt 304G2E fährt elektrisch.

Bauernhöfe, die solche Fahrzeuge nutzen, kann man in Deutschland an einer Hand abzählen. Das Kraftfahrtbundesamt führt keine eigene Statistik. Der Deutsche Bauernverband, in dem rund 270.000 Landwirtinnen und Landwirte organisiert sind, kann auf Nachfrage keinen einzigen Betrieb nennen. Dabei gibt es durchaus Gründe, warum die Elektromobilität auch in der Landwirtschaft durchstarten könnte. Zumindest dann, wenn einige grundsätzliche Probleme überwunden werden.

Zwei Milliarden Liter Diesel pro Jahr

Für Bauer Berthold ist die Sache klar: Er will zum Klimaschutz beitragen. Sein Dach hat er mit Photovoltaik-Modulen versehen, die den hofeigenen Lieferwagen mit Strom versorgen. Seit drei Jahren nutzt er zusätzlich den Elektro-Traktor. „Im Sommer komme ich mit dem Solarstrom zu fast 100 Prozent aus“, sagt Berthold.

Noch ist er mit diesem Ansatz ein Exot, genau wie damals mit dem pflügenden Pferd. Der Staat subventioniert weiterhin Agrardiesel, obwohl der Kraftstoff die ohnehin hohen CO2-Emissionen weiter verstärkt. Allein in Deutschland werden jedes Jahr rund zwei Milliarden Liter Diesel in der Land- und Forstwirtschaft verbraucht.

Eine umweltfreundlichere Alternative tut also dringend Not. Zumal der Elektroantrieb für Landwirtinnen und Landwirte in mancher Hinsicht sogar bequemer ist als ein Diesel. „Ich muss nicht mehr ständig zum Tanken fahren, sondern kann den Trecker einfach auf dem Hof laden“, sagt Ingo Berthold. „Und dabei spare ich sogar noch Geld.“

Was zur naheliegenden Frage führt: Wenn das alles so praktisch ist, warum rollen nicht längst ganze Kolonnen von E-Traktoren über die Äcker?

Das größte Problem: die Auswahl. Während Diesel-Traktoren weltweit hunderttausendfach zum Einsatz kommen, befinden sich ihre batteriebetriebenen Brüder meist noch im Entwicklungsstadium. So bietet etwa der bayerische Landmaschinen-Hersteller Fendt aktuell nur zwei E-Traktoren an.

E-Traktoren als perfekte Marktlücke?

Das US-Unternehmen John Deere hat seinen Prototyp gerade erst vorgestellt. Hinzu kommen Neulinge wie die Münchner DIESS E-Agrartechnik AG, die ab 2027 einen Mittelklasse-E-Traktor verkaufen möchte. Oder der „Onox“ aus dem Allgäu, ein Traktor mit Wechselakku, der gerade erst den Deutschen Nachhaltigkeitspreis gewonnen hat. Die perfekte Marktlücke also, könnte man meinen. Doch selbst Startups fertigen bislang nur Einzelstücke.

Das zweite Problem: die hohen Anforderungen. Moderne (Diesel-)Traktoren sind nicht nur riesige Kolosse, sondern rollende Computer. Sie verfügen über klimatisierte Kabinen, hydraulische Sitze und satellitengestützte Navigation. Manche können sogar teilautonom fahren.

Der E-Traktor, auf dem Ingo Berthold sitzt, hat all das nicht. Nach vier bis sechs Stunden muss er wieder an die Steckdose. „Zum Pflügen, Häufeln und Mähen reicht’s“, sagt Berthold.

Anderswo sind die Ansprüche höher. „Wenn ich mein Feld pflüge, muss der Traktor auch mal 14 Stunden am Stück laufen“, sagt Thomas Decker. „Da hab‘ ich keine Zeit, alle zwei Stunden zum Laden zu fahren.“ Decker ist nicht nur Landwirt, sondern auch Wissenschaftler. An der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf leitet er ein Forschungsprojekt zu Traktoren mit erneuerbaren Antriebsenergien („TrAkzeptanz“).

„Marktreife bisher noch nicht erreicht“

Sein bisheriges Fazit fällt gemischt aus: „Für die große Verbreitung und Anwendung unter Landwirten ist die Marktreife bisher noch nicht erreicht“, sagt Decker. Aber: „Es gibt trotzdem sehr viel Potenzial, wenn man sich auf die low hanging fruits konzentriert.“ Low hanging fruits, das sind tief hängende Früchte, die man leicht pflücken kann. Decker meint Einsatzgebiete, die keinen stundenlangen Dauerbetrieb erfordern, zum Beispiel im Stall vor dem Futtermischwagen, beim Transport oder bei leichten Grünlandarbeiten.

„Gerade in der Milchviehhaltung sind Elektrotraktoren sinnvoll“, sagt der Forscher. „Sie rollen leise durch den Stall, ohne dass die Kühe Lärm oder Abgasen ausgesetzt sind.“

Auch die Hersteller räumen diese Beschränkungen ein. „Im Bereich der Großtraktoren mit über 500 PS hätte die Batterie die Dimension eines Güterwaggons“, heißt es aus der Fendt-Pressestelle. Auch John Deere erklärt, für Leistungen von über 130 PS bleibe der Diesel „die praktikabelste Lösung“. Aber: Gerade für leichtere Arbeiten seien die E-Modelle ideal. Da sind sie also wieder, die low hanging fruits.

Vom umgebauten Dieseltraktor zum E-Prototyp

Mit kleinen Früchten legt auch das bayerische Startup Tadus los. Der Fünf-Personen-Betrieb will in die Lücke vorstoßen, die die Großen bislang nicht besetzen. „Als ersten Entwicklungsschritt haben wir einen bestehenden Dieseltraktor umgebaut“, sagt Geschäftsführerin Johanna Baier. „Uns war aber von Anfang an klar, dass wir am Ende ein eigenes Fahrzeug bauen müssen. Ansonsten würden wir nie den gewünschten Wirkungsgrad erreichen und genug Platz für die große Batterie haben.“

Und tatsächlich: Im November 2025 präsentierte die Firma ihren Tadus T16.20 auf der Agrar-Messe Agritechnica. Er verfügt über wechselbare Batterien, eine klimatisierte Kabine und einen bidirektionalen Lademodus. Er kann also Strom nicht nur ziehen, sondern bei Bedarf ins Netz zurückspeisen. Im Laufe des Jahres sollen die ersten Einzelstücke nun über die Felder rollen.

Ein großes Problem bei allen E-Modellen: die hohen Anschaffungskosten. Tadus-Chefin Johanna Baier bestätigt, dass ihre Elektrotraktoren etwa 20 bis 30 Prozent teurer sind als konventionelle Traktoren – und dabei ist eine staatliche Förderung schon eingerechnet. Gäbe es die nicht, wäre der Preis mehr als doppelt so hoch. Nach ihren Berechnungen amortisiert sich die Anschaffung jedoch bereits nach drei bis fünf Jahren.

Elektrisch ackern? Nicht vor Ende der 2020er-Jahre

Die gute Nachricht: Genau wie beim Agrardiesel hilft der Staat auch bei den Elektrovarianten nach. Ein neues Förderprogramm des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat bezuschusst sowohl „Hoftankstellen“ (also Ladestationen) als auch die Fahrzeuge selbst. „Elektrifizierte Landmaschinen“ werden mit bis zu 40 Prozent gefördert, heißt es im entsprechenden Merkblatt.

Unterm Strich stehen die Chancen also gar nicht so schlecht für Antriebswende auf dem Acker. Noch sind E-Trecker eine Nische, noch können sie weniger als ihre konventionellen Brüder. Doch sie holen auf. Mit einem weitverbreiteten Einsatz könne man „vermutlich nicht vor den späten 2020er-Jahren rechnen“, prognostiziert Marktführer John Deere. Das klingt weit weg, wäre aber schon in drei, vier Jahren der Fall.

Auf die Zukunft angesprochen, haben die drei ganz unterschiedliche Erwartungen. Johanna Baier vom Startup Tadus ist verhalten optimistisch: „Die Nachfrage ist da, aber viel hängt von einer kontinuierlichen Förderung ab“, sagt die Geschäftsfrau. Wissenschaftler Thomas Decker hält weder blinde Euphorie noch totale Skepsis für angebracht: „E-Traktoren bieten Chancen“, sagt er, „aber nicht für alle“.

Ein zweiter E-Traktor? Warum nicht!

Und Biobauer Ingo Berthold? Er glaubt, dass E-Traktoren in Zukunft wirtschaftlich attraktiver werden. „Wenn man die Batterien als Speicher nutzt, eröffnen sich ganz andere Möglichkeiten.“

Demnächst will er auf seinem Hof weitere Solarmodule aufstellen. „Darunter pflanze ich Tomaten, wie in einem Gewächshaus“, freut sich der Elektro-Pionier – und liebäugelt schon mit einem zweiten Stromtraktor. „Bisher lade ich den Pferdemist immer von Hand auf“, sagt er. Ein bisschen Entlastung wäre da nicht schlecht.

Quelle: ntv.de

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