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„Lauf um dein Leben“: Als der Terror nach Utøya kam

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 20, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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„Lauf um dein Leben“Als der Terror nach Utøya kam

Blick über die Insel Utøya, wo 77 vor allem junge Menschen ihr Leben verloren. (Foto: Meek, Tore/NTB scanpix/dpa)

Vor 15 Jahren tötete der Massenmörder Breivik 77 Menschen in Oslo und auf der Insel Utøya. Magnus Håkonsen entkam ihm knapp. Heute erzählt er von dem Kampf ums Überleben – und dem Trauma, das bleibt.

Am 22. Juli 2011 rennt der 18-jährige Magnus Håkonsen auf der Insel Utøya um sein Leben. Er weiß nicht, vor wem er wegrennt, zunächst versteht er nicht einmal, dass er es muss. Als er Schüsse hört, denkt er, jemand erlaube sich einen Spaß mit Feuerwerkskörpern – und geht genau in die Richtung, aus der das Knallen kommt. „Dann sehe ich plötzlich 30, 40 Menschen auf mich zurennen und schreien: ‚Lauf, lauf um dein Leben!'“, erzählt er. Er sprintet bis zum Ende der Insel, stürzt sich einen Abhang hinunter und ins Wasser. „Da sehe ich, dass jemand oben steht und auf mich zielt.“ Mehrere Schüsse verfehlen ihn nur knapp, Håkonsen rennt weiter und fällt. „Da habe ich gedacht, ok, das war’s. Jetzt sterbe ich.“

Magnus Håkonsen stirbt an diesem Tag nicht. Er schwimmt durch den kalten Tyrifjord, bis er sich völlig entkräftet auf ein Boot retten kann. 69 andere, darunter viele seiner Freunde, überleben den Tag nicht. Die meisten sterben durch Schüsse des rechtsextremen Terroristen Anders Behring Breivik. Manche ertrinken auf der Flucht. Als Polizist verkleidet war der Attentäter mit der Fähre auf die Insel gelangt, auf der ein Sommerlager der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten stattfand. Für Hunderte Jugendliche das Highlight des Sommers: Tage voller politischer Reden, Baden, Volleyballspielen.

Der Tag, der als schwärzester Tag in der Geschichte des Landes endet, beginnt auf Utøya mit scheußlichem Regen, erinnert sich Håkonsen: „Ich hatte mich erkältet und wollte am Abend abreisen.“ Da hört er von einem Freund, dass es im Regierungsviertel in Oslo eine Explosion gegeben haben soll.

Die Details kennen die Jugendlichen da noch nicht. Dass durch eine von Breivik gezündete Autobombe acht Menschen sterben und viele verletzt werden. Und dass der Täter mit dem Auto längst auf dem Weg Richtung Utøya ist, während Polizei und Rettungskräfte sich auf den Anschlag in Oslo konzentrieren.

Ein letztes Telefonat mit der Tochter

Trotzdem macht sich Unruhe auf der Insel breit. Alle werden zusammengetrommelt, viele rufen ihre Eltern an: Aber keine Sorge, hier sind wir sicher, so heißt es. Auch Merete Stamneshagen telefoniert mit ihrer Tochter Silje. Es wird das letzte Mal sein, dass sie deren Stimme hört. Als sie von den Schüssen auf Utøya erfährt, ruft Stamneshagen wieder bei ihrer Tochter an: „Sie ging nicht dran.“ Mit ihrem Mann macht sie sich auf den Weg zur Insel, die Fahrt dauert sieben Stunden: „Wir sind ohne Pause durchgefahren.“

In einem zum Sammelplatz umfunktionierten Hotel hängt eine Liste mit Namen derjenigen, die es an Land geschafft haben. Siljes Name steht nicht darauf. „Es dauerte eine ganze Woche, bis wir endgültig Gewissheit hatten“, erzählt Merete Stamneshagen. „Sie war mit drei Schüssen in den Kopf getötet worden und man hatte sie auf dem ‚Pfad der Verliebten‘ gefunden.“ Über eine Stunde lang konnte Breivik auf Utøya ungestört um sich schießen.

Heute ist der schmale Pfad, der am steilen Ufer der Insel entlangführt, ein Ort des Gedenkens an die Opfer. 15 Jahre sind seit dem Attentat vergangen. Der Mörder, der 77 Menschen auf dem Gewissen hat, muss wohl sein Leben lang im Gefängnis bleiben. Doch besonders vor dem Jahrestag holt die Erinnerung Überlebende und Angehörige ein. „Es ist so ein schleichendes Gefühl“, beschreibt Magnus Håkonsen, der sich wie Stamneshagen in der Selbsthilfegruppe für die Betroffenen des 22. Juli engagiert. „Man ist dünnhäutiger, schneller gereizt, wird leichter traurig, reagiert empfindlicher.“ Sobald die Gedenkfeier vorbei sei, falle eine große Last von ihm, „dass der Tag wieder überstanden ist“.

Hanne Waagans Gummistiefel blieben auf Utøya

Hanne Waagan geht es ähnlich. Sie nennt es „das 22.-Juli-Gefühl“. „Es kommt jedes Jahr wieder, und dann fühlt es sich an wie ein Countdown bis zum Jahrestag.“ Waagan ist 17 Jahre alt, als sie das Sommerlager auf der Insel besucht. Kurz zuvor hat sie sich neue Gummistiefel gekauft. „Als ich mich auf Utøya verstecken musste, blieben sie dort liegen, weil ich keine Zeit mehr hatte, sie anzuziehen“, erzählt sie. Erst mit 30 Jahren schafft sie es, sich neue Gummistiefel zu kaufen.

Was damals auf der Insel passiert ist, darüber möchte sie nicht sprechen. Das Erlebte, aber vor allem die Zeit danach, hat sie in einem Theaterstück verarbeitet. Der Titel: „Das Mädchen in Gummistiefeln“. „Gummistiefel klammern sich irgendwie an deine Beine. Deshalb sind sie ein Symbol für ein Trauma, das auf eine Art immer dabei ist“, sagt Waagan. Für sie bedeutet das zum Beispiel, dass sie sich nie ganz sicher fühlt: „Ich bin immer wachsam.“

Wie lebt man mit diesem Trauma weiter, das alles andere, Normale, das man erlebt, überschattet? Darum geht es in ihrem Stück, aber auch noch um etwas anderes: „Der 22. Juli ist so gewaltig groß, so massiv“, sagt Waagan. „Deshalb ist es wichtig, dass wir nicht nur allgemein darüber sprechen, sondern durch so eine persönliche Geschichte, wie wir sie auf der Bühne erzählen.“

Håkonsen erzählt seinen Schülern von Utøya

Magnus Håkonsen ist heute Lehrer für Gesellschaftskunde. Der 22. Juli steht fest im Lehrplan. Wenn seine Schüler ihn fragen, antwortet Håkonsen ehrlich mit seiner eigenen Geschichte: „Ich kann nicht darüber sprechen, was damals passiert ist, ohne zu sagen, dass ich dort war.“ Darüber zu reden findet er aber noch aus einem anderen Grund wichtig: „Es ist eine Gelegenheit, über rechtsextreme Kräfte zu sprechen, und wie diese versuchen, Gruppen gegeneinander auszuspielen.“

Auf Utøya waren damals ganz verschiedene Jugendliche, erzählt er – „von den größten politischen Nerds bis zu denjenigen, die gehört hatten, dass es ein Fußballturnier gibt und wir am Lagerfeuer Lieder singen und Gitarre spielen“. Manche Überlebende leiden bis heute schwer unter den psychischen und körperlichen Folgen des Anschlags. Andere schaffen es, mit ihrem Trauma umzugehen. Einige haben politische Karriere gemacht.

Kampf gegen das Vergessen – und rechtsextreme Kräfte

Mehrere Minister in der aktuellen norwegischen Regierung sind Überlebende des Attentats von 2011. Doch immer wieder müssten sich Sozialdemokraten heute von politischen Gegnern anhören, die „Utøya-Karte“ zu ziehen, wenn sie über den Terror von damals sprächen, sagt Håkonsen. Soll heißen: den Anschlag politisch für sich zu nutzen. Der 33-Jährige hält das für fatal: „Wir müssen den Mut haben, ehrlich darüber zu sprechen, wie gefährlich antidemokratische Denkweisen sind.“

Auch Merete Stamneshagen kämpft deshalb gegen das Vergessen. „Der 22. Juli war nie wichtiger als heute, denn das rechtsextreme Milieu wächst – und junge Menschen, die 2011 noch nicht einmal geboren waren, feiern Breivik für das, was er getan hat.“ Zum Jahrestag ist Stamneshagen zurück auf Utøya, um Silje und ihren Freunden zu gedenken. Wie möchte sie, dass man sich an ihre Tochter erinnert? „Sie war nicht jemand, der jedem Trend folgte, um wie alle anderen zu sein“, sagt Stamneshagen. „Da bin ich wirklich ziemlich stolz drauf: dass sie ganz sie selbst war.“

Quelle: ntv.de, Julia Wäschenbach, dpa

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