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Startseite»Betrugsmaschen»Ein altes Foto von Hape Kerkeling – und sofort beginnt der politische Hass
Betrugsmaschen

Ein altes Foto von Hape Kerkeling – und sofort beginnt der politische Hass

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 20, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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📖Wie beeinflusst Framing die Wahrnehmung von Nachrichten? Antworten finden Sie im Leitfaden Framing & Narrative.

Eigentlich wär’s eine harmlose Nostalgiefrage: Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt einen jungen Mann, darunter steht: „Erkennst du den Mann auf dem Foto? Heute ist er einer der berühmtesten Komiker Deutschlands! Wer ist das?“

Gemeint ist Hape Kerkeling. Die verlinkte Seite führt zu einem Beitrag über Prominente früher und heute, in dem Kerkeling als einer der bekanntesten deutschen Komiker vorgestellt wird.

Damit könnte die Sache erledigt sein. Name hinschreiben, vielleicht noch eine Erinnerung an Horst Schlämmer oder „Total normal“ dazupacken – fertig.

Die Kommentarspalte nahm allerdings eine völlig andere Richtung.

Zweieinhalb Seiten voller Beschimpfungen

Eine Nutzerin hat uns geschrieben, sie habe „spaßeshalber“ begonnen, die Antworten unter einem dieser Beiträge mitzuschreiben. Nach zweieinhalb Seiten habe sie aufgegeben:

„Abgesehen vom Inhalt: Der Ton ist kaum auszuhalten.“

Ihre Dokumentation umfasst weit mehr als hundert Kommentare. Viele davon haben mit der Frage nach dem Foto kaum noch etwas zu tun. Kerkeling wird unter anderem als „Systemling“, „Abschaum“, „Regierungsclown“, „Marionette“ und „Systemtrompete“ bezeichnet.

Ein altes Foto von Hape Kerkeling – und sofort beginnt der politische Hass

Manche schreiben lediglich „Zecke“, „Idiot“ oder „Arschloch“. Andere werden noch aggressiver: Er sei „ekelhaft“, ein „widerlicher Mensch“ oder hätte „damals schon entsorgt gehört“.

Das ist keine politische Kritik. Wer jemanden „Abschaum“ nennt oder seine „Entsorgung“ verlangt, setzt sich weder mit dessen Aussagen noch mit politischen Argumenten auseinander. Die Person wird zum Feindbild erklärt, danach genügt ein Schimpfwort.

Ob einzelne Kommentare strafrechtlich relevant sind, müsste jeweils juristisch geprüft werden. Die entmenschlichende Sprache ist trotzdem deutlich zu erkennen.

Warum plötzlich alle über die AfD reden

Das Foto selbst enthält keine politische Aussage. Trotzdem tauchen in den Kommentaren laufend die AfD, die Bundesregierung und angebliche „Altparteien“ auf.

Der zeitliche Zusammenhang dürfte dabei eine Rolle spielen: Mitte Juli 2026 wurde bekannt, dass Kerkeling zu einer Anhörung über ein mögliches AfD-Verbotsverfahren im Thüringer Landtag eingeladen wurde. Die Einladung erfolgte auf Betreiben der Linksfraktion. Sein Büro erklärte anschließend, Kerkeling werde sich derzeit nicht dazu äußern.

Kerkeling hatte sich bereits 2024 öffentlich für die Prüfung eines AfD-Verbots ausgesprochen. Im April 2026 hielt er außerdem bei einer Gedenkveranstaltung zur Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald eine Rede. Dabei erinnerte er an seinen Großvater, der dort als politischer Häftling inhaftiert gewesen war.

Das erklärt, weshalb einige Menschen Kerkeling politisch ablehnen. Es erklärt nicht, weshalb aus Ablehnung sofort „Ungeziefer“, „Abschaum“ und Vernichtungsfantasien werden.

Kritik wäre etwa die Frage, warum ein Komiker zu einer solchen Anhörung eingeladen wird oder welchen fachlichen Beitrag er leisten könnte. In der dokumentierten Kommentarspalte findet diese Auseinandersetzung kaum statt. Stattdessen wird seine politische Haltung benutzt, um ihn als gesamten Menschen abzuwerten.

Derselbe Beitrag auf mehreren Nostalgieseiten

Wir fanden das identische Bild auf mindestens drei Facebook-Seiten:

„Helden unserer Kindheit“, „Unsere Kindheit die 70er und 80er Jahre“ sowie „Die guten alten Zeiten – Erinnert ihr euch noch?“

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Ein altes Foto von Hape Kerkeling – und sofort beginnt der politische Hass

Der Begleittext ist nahezu gleich. Alle Beiträge verlinken über eine Kurzadresse auf die Domain unsere-helden.com. Einer der dokumentierten Posts hatte zum Zeitpunkt des Screenshots bereits mehr als 2.500 Kommentare.

Laut Impressum ist unsere-helden.com ein Produkt der Ströer Social Publishing GmbH mit Sitz in Berlin. Die Seite beschreibt ihr Angebot als Sammlung von Erinnerungen an bekannte Filme, Serien und Persönlichkeiten aus der Kindheit.

Ob sämtliche Facebook-Seiten unmittelbar von diesem Unternehmen betrieben werden, lässt sich anhand der vorliegenden Screenshots nicht zweifelsfrei feststellen. Erkennbar ist allerdings: Mehrere ähnlich benannte Nostalgieseiten verbreiten dasselbe Motiv, verwenden dieselbe Frage und schicken ihre Nutzer auf dieselbe Website.

Mimikama-Club - Communitybereich fuer Steady-Unterstuetzer:innen

„Wer ist das?“ ist eine ziemlich wirksame Frage

Solche Wiedererkennungsbeiträge sind leicht verständlich. Man muss keinen Artikel lesen und kein Video ansehen. Ein Name als Kommentar genügt.

Damit entsteht schnell viel Aktivität. Facebook selbst erklärt, dass unter anderem die Zahl der Kommentare, Reaktionen und geteilten Beiträge das Ranking im Feed beeinflussen kann. Auch das bisherige Verhalten eines Nutzers – etwa, ob er ähnliche Inhalte kommentiert – fließt in die Auswahl ein.

Das bedeutet nicht, dass jeder wütende Kommentar automatisch zusätzliche Reichweite garantiert. Facebook verwendet nach eigenen Angaben zahlreiche weitere Signale. Klar ist dennoch: Eine Frage wie „Wer ist das?“ fordert direkt zur Interaktion auf. Ob jemand „Hape Kerkeling“ schreibt oder ihn als „Systemling“ beschimpft – in beiden Fällen entsteht zunächst ein weiterer Kommentar.

Der Seitenbetreiber bekommt Aktivität. Die Kommentarspalte bekommt den nächsten Kübel Aggression.

Hass wird zur gemeinsamen Beschäftigung

Besonders auffällig ist die Wiederholung derselben Begriffe. „Systemling“, „Marionette“, „Hofnarr“ und „Zecke“ erscheinen mehrfach, oft ohne weitere Erklärung.

Damit wird Zugehörigkeit signalisiert: Man zeigt, dass man Kerkeling dem angeblichen „System“ zurechnet und selbst auf der vermeintlich richtigen Seite steht. Ein ausführliches Argument wäre dafür fast hinderlich. Das passende Schlagwort reicht, andere erkennen den Code und stimmen mit einer Reaktion oder einem ähnlichen Kommentar ein.

So entsteht eine Kommentarspalte, in der sich die Beteiligten gegenseitig überbieten. Der eine nennt Kerkeling einen „Clown“, der nächste einen „gefährlichen Clown“. Auf „Systemling“ folgt „vollgefressene Systemzecke“.

Die Sprache verschärft sich Schritt für Schritt, obwohl der Ausgangsbeitrag weiterhin bloß ein altes Foto zeigt.

Seitenbetreiber können moderieren

Betreiber einer Facebook-Seite sind diesem Verlauf nicht hilflos ausgeliefert. Kommentare können verborgen oder gelöscht werden. Facebook stellt Seiten zusätzlich Werkzeuge zur Verfügung, mit denen Kommentare durchsucht und gesammelt moderiert werden können.

Für Facebook-Seiten ist außerdem standardmäßig eine Sortierung nach Relevanz aktiviert. Kommentare mit vielen Antworten oder Reaktionen können dadurch weiter oben erscheinen.

Gerade deshalb macht Moderation einen Unterschied. Bleiben aggressive Kommentare sichtbar und erhalten sie Zuspruch, prägen sie auch den Eindruck für jene Menschen, die später in die Diskussion kommen.

Aus den Screenshots lässt sich nicht vollständig rekonstruieren, ob einzelne Beiträge später moderiert oder Kommentare entfernt wurden. Die von der Nutzerin dokumentierte Menge zeigt jedenfalls, dass zahlreiche massive Beschimpfungen über einen längeren Zeitraum sichtbar waren.

Was diese Sammlung zeigt – und was nicht

Die abgeschriebenen Kommentare sind keine repräsentative Untersuchung aller Menschen, die den Beitrag gesehen haben. Wir wissen auch nicht, wer hinter den einzelnen Profilen steckt. Aus der Wortwahl allein lassen sich weder Bots noch eine koordinierte Kampagne nachweisen.

Die Sammlung zeigt trotzdem sehr konkret, wie rasch ein unpolitischer Nostalgiebeitrag politisch aufgeladen werden kann. Ein bekanntes Gesicht genügt. Sobald die Person einem politischen Lager zugeordnet wird, verschwindet der Mensch hinter Begriffen wie „Systemling“ oder „Zecke“.

Man muss Hape Kerkelings politische Ansichten nicht teilen. Man kann seine Einladung in den Thüringer Landtag für sinnvoll, fragwürdig oder schlicht seltsam halten.

Wer allerdings bei einem Jugendfoto reflexartig „Abschaum“ schreibt, führt keine politische Debatte mehr.

Er zeigt nur, wie normal die Verachtung für ihn bereits geworden ist.

Kurzfazit

Eine harmlose Wiedererkennungsfrage wurde zur Projektionsfläche für politischen Hass. Der aktuelle Streit um Hape Kerkelings Einladung zu einer Anhörung über ein mögliches AfD-Verbot dürfte viele Kommentare ausgelöst haben.

Die Facebook-Beiträge sind zugleich auf Interaktion gebaut: Ein bekanntes Gesicht und eine einfache Frage bringen zuverlässig Antworten. Facebook berücksichtigt solche Interaktionen beim Feed-Ranking. Damit kann auch Empörung zum Nutzen der verbreitenden Seiten werden.

Die Dokumentation der Nutzerin ist keine vollständige Studie. Sie ist dennoch ein ziemlich beklemmender Ausschnitt daraus, was in manchen Kommentarspalten inzwischen als normale politische Äußerung durchgeht.

Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise)

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Dr. Heinrich Krämer
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