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Startseite»Politik»Was das Revival der Diddl-Maus mit Girlpower zu tun hat
Politik

Was das Revival der Diddl-Maus mit Girlpower zu tun hat

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 21, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Stand: 21.07.2026 • 11:40 Uhr

Girlband-Ästhetik, Eurodance – und jetzt auch Diddl. Mit den 1990er-Revivals erlebt auch die Kultmaus ein Comeback. Dabei geht es auch um die Neubewertung von Mädchenkultur.

Die Diddl-Maus ist zurück: Nach Jahren der Abwesenheit ist die etwas zu süße Maus mit den klobigen Füßen und der Latzhose wieder im Handel erhältlich. Verschiedene Medien berichten von einem regelrechten Hype. In Berlin erzählt eine Buchhändlerin, die neuen Diddl-Blöcke seien den Mitarbeitenden „aus der Hand gerissen“ worden.

Die Szenen erinnern an die 1990er-Jahre, als die Maus des deutschen Cartoonisten und Zeichners Thomas Goletz die Schulhöfe fest im Griff hatte. Goletz schuf mit der Maus, die zunächst als Känguru konzipiert war, ein Kultobjekt und einen festen Bestandteil der Popkultur der 1990er- und 2000er-Jahre.

Blümchen, Spice Girls, Diddl-Blätter

In Frankreich, wo die neuen Artikel schon vorab erhältlich waren, sollen einige Produkte schon vergriffen sein. Sammlerstücke erreichen einen Tauschwert von mehreren hundert Euro. Doch Diddl taucht nicht nur im Schreibwarenladen auf, sondern beispielsweise auch in einem Song von Ikkimel. Die Berliner Rapperin verkörpert mit ihrem Auftreten, ihrem Look und ihren Texten in Deutschland den Zeitgeist der Gen Z, wie kaum eine andere.

Vieles, was heute mit den 1990ern verbunden wird, war damals Teil einer weiblichen Jugendkultur: Blümchen, die Spice Girls und Tic Tac Toe. Genau wie Diddl-Freundschaftsbücher, -Stiftdosen und -Tassen wurden diese Stars häufig als geschmacklos, oberflächlich oder besonders kommerziell abgetan.

Jungs fuhren Skateboard, Mädchen tauschten Diddl-Blätter. Jungs hörten Hip-Hop, Mädchen Take That. Auch wenn Stars wie Lucilectric das Mädchen-Sein feierten – das, was Mädchen mochten, galt gemeinhin als peinlich.

Wie Mädchenkram seinen Makel verliert

Deswegen freut es die feministische Autorin und Soziologin Nadia Shehadeh im Gespräch mit dem WDR, wenn die Stars und Gimmicks der 1990er heute anders betrachtet werden. „Zum ersten Mal darf man uneingeschränkt und völlig ironiefrei dazu stehen, dass das einem gefällt.“ Die Perspektive auf die Pop-Kultur hat sich verschoben. Statt Schamgefühlen löst die 1990er-Ästhetik Begeisterung aus.

Die 90er-Jahre-Ästhetik löst bei vielen Begeisterung aus. Mädchen trugen damals Diddl-Socken und tauschten die Diddl-Blätter.

Becker: „Retro-Trends von jüngeren Leuten vorangetrieben“

Von Nostalgie kann man in dem Fall nach Meinung des Historikers Tobias Becker aber nicht sprechen. „Meistens werden diese Retro-Trends und Revivals von jüngeren Leuten vorangetrieben, die keine unmittelbare Beziehung zu dieser Zeit haben“, sagt Becker im Gespräch mit dem WDR.

Viele von denen, die heute die 1990er feiern, waren damals Kindergarten- oder Grundschulkinder. Manche wurden sogar erst später geboren. Ihre Erinnerung richtet sich deshalb weniger auf die tatsächlichen 1990er, als auf deren popkulturelle Ästhetik: Neonfarben, Plateauschuhe, Eurodance und scheinbar grenzenlose Unbeschwertheit.

Sie blicken also auch nicht sehnsuchtsvoll zurück, sondern greifen alte Moden auf und passen sie an. „Bei den Leuten, die damals dabei waren, beobachten wir häufig das Gegenteil von Nostalgie“, so der Historiker von der FU Berlin. Auch Becker selbst – Jahrgang 1980 – habe auf die Ankündigung vom Revival der Diddl-Maus nicht euphorisch oder sehnsuchtsvoll reagiert, sondern eher geschockt. Nach dem Motto „Oh mein Gott!“.

Sexismus war Alltag

„Für viele Leute waren die 1990er tatsächlich eine bessere Zeit“, meint der Historiker Tobias Becker. „Die Mauer öffnet sich, Europa wächst zusammen, es gibt diese ganze Jugendkultur um Techno und Loveparade. Da haben wir ein bisschen einen Aufbruch wie in den 1960er-Jahren.“

Allerdings blende diese Perspektive die Schattenseiten des Jahrzehnts aus. Zum Beispiel die damals weit verbreitete Homophobie und den grassierenden Sexismus.

Als die Mitglieder der Girl-Band Tic Tac Toe sich vor laufender Kamera zerstritten, brandmarkten die Medien das als „Zicken-Spektakel“. Wenn Entertainer Thomas Gottschalk Spice-Girl Geri Halliwell ungefragt und vor laufender Kamera auf die Lippen küsste, galt das als normal.

Entertainer Thomas Gottschalk und die britische Band Spice Girls haben mit die 1990er-Jahre geprägt. Hier sind Emma Bunton, Victoria Adams, Mel B, Geri Halliwell und Mel C (von links) 1997 zu Gast bei „Wetten, dass …?“

„Es gab damals keine Political Correctness“

Heute werden die Stars von damals für ihr feministisches Empowerment gefeiert. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sie sich damals ziemlich viel gefallen ließen und gefallen lassen mussten. Denn Sexismus war im deutschen Fernsehen an der Tagesordnung. „Es gab damals keine Political Correctness“, fasst Becker zusammen.

Dass die 1990er im Rückblick so positiv interpretiert werden, hat für die Soziologin Nadia Shehadeh aber auch mit dem aktuellen Krisenmodus zu tun. In einer Gegenwart, die von Kriegen, Klimawandel und Inflation geprägt ist, erscheinen die 1990er als überschaubare, analoge und optimistische Epoche.

Wer den Namen Diddl hört, denkt nicht zuerst an die hohe Jugendarbeitslosigkeit nach der Wiedervereinigung. Vielmehr an Sammelmappen, Freundschaftsbücher und „H.D.G.D.L“. – eine Welt aus Papier statt Push-Nachrichten.

„Die 1990er waren nie richtig weg“

Party-Veranstalter Merlin Schommer geht bei seiner Einschätzung eines 1990er-Hypes sogar noch einen Schritt weiter. Er sagt: „Die 1990er waren nie richtig weg.“ Er und sein Team veranstalten seit mehr als zehn Jahren 1990er-Partys in Köln.

Retro-Süßigkeiten, Neon-Schminke, Seifenblasenmaschine und Auftritte von Bands wie den „Backstreet Boys“ gehören dazu. Das Publikum sei zwischen 18 und 40 Jahre alt und mehrheitlich weiblich. Der DJ allerdings ist ein Mann. Auf seinem Käppi ist nicht Diddl zu sehen, sondern ein weiterer Hype der 1990er- und 2000er-Jahre: Pokémon.

Wie stark das Diddl-Fieber tatsächlich hochkochen wird, ist noch nicht absehbar. Vielleicht gelingt der Maus ein echtes Comeback. Vielleicht handelt es sich aber auch nur um eine gelungene Marketingkampagne.

Die Maus mit der Latzhose und den übergroßen Füßen sollte ursprünglich ein Känguru sein. Erschaffen hat sie der deutsche Cartoonist und Zeichner Thomas Goletz. In den Neunzigern hatte Diddl die Schulhöfe fest im Griff.

Ist die „süßhässliche Maus“ Diddl „Camp“?

Die Soziologin Nadia Shehadeh jedenfalls hat beobachtet, dass die „süßhässliche Maus“ schon lange vor dem offiziellen Verkaufsstart in Deutschland in Räumen der queeren Subkultur wieder aufgetaucht ist. „Dort werden oft Dinge gefeiert, die vermeintlich uncool sind.“

Die US-amerikanische Kulturkritikerin Susan Sontag bezeichnete diese bewusste Aufwertung des Trivialen durch queere Subkulturen als „Camp“. Darunter verstand sie eine ästhetische Haltung, die das Künstliche, Übertriebene und vermeintlich Geschmacklose gerade wegen seines Kitsch-Charakters schätzt und zelebriert.

Diddl als Zeichen der Zuneigung

Wenn Diddl heute bei Künstlerinnen wie Ikkimel auftaucht ist das auch ein Statement. Sammelmappen, Freundschaftsbücher und Kuscheltiere waren nie so belanglos, wie viele glaubten. Sie haben Mädchen echte Freude bereitet. Mit Diddl konnten sie ihre Zuneigung zueinander zum Ausdruck bringen. Das hat niemandem wehgetan. Warum also die kulturelle Abwertung?

Vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft des 1990er-Revivals: Nicht die Vergangenheit gewinnt, sondern die Girlpower von damals, die die Anerkennung bekommt, die ihr lange verwehrt blieb.

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Dr. Heinrich Krämer
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