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Startseite»Betrugsmaschen»Anschläge vor Wahlen? Chronologie zeigt kein Muster seit 2014
Betrugsmaschen

Anschläge vor Wahlen? Chronologie zeigt kein Muster seit 2014

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 26, 2026Keine Kommentare9 Minuten Lesezeit
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4 Tage. 331 Tage. Kein Muster.

Die Behauptung ist griffig: Anschläge kurz vor Wahlen seien in Deutschland kein Zufall, sie fänden immer verdächtig nah an Wahlterminen statt. Wir haben 22 schwere Taten seit 2014 neben die Wahltermine gelegt.

Von Andre Wolf · Mimikama


4

Tage lag die kürzeste Tat vor einer Wahl

6 / 22

lagen im letzten Monat vor einer Wahl

11 / 22

lagen mehr als drei Monate davor

Kurz gesagt

  • Der Abstand zwischen 22 schweren Taten seit 2014 und der jeweils nächsten Wahl reicht von 4 bis 331 Tagen.
  • Nur 6 der 22 Taten lagen im letzten Monat vor einer Wahl. 11 lagen mehr als drei Monate davor.
  • Ein fester Rhythmus oder ein geheimer Wahlkalender ist nicht erkennbar.
  • In Deutschland wird regelmäßig auf Bundes-, Landes-, Europa- und Kommunalebene gewählt. Terminnähe ist deshalb kein Signal, sondern der Normalzustand.
  • Zentral: Aus Datumsabständen allein lassen sich inszenierte Anschläge weder belegen noch widerlegen. Diese Chronologie beantwortet nur eine Frage – taugt der Kalender als Indiz? Nein.
  • Real ist etwas anderes: die nachträgliche Instrumentalisierung der Taten.

Die Behauptung

Sie taucht in Kommentarspalten auf, in Sprachnachrichten, in Messenger-Gruppen, und sie kommt selten mit Belegen: Anschläge würden in Deutschland auffällig häufig kurz vor Wahlen stattfinden. Wer diesen Satz liest, muss ihn nicht prüfen, um ihn zu glauben. Er fühlt sich richtig an, weil einem sofort zwei, drei Fälle einfallen, bei denen es genau so war.

Genau darin liegt das Problem. Erinnerung ist keine Statistik. Sie speichert das Auffällige und löscht das Unauffällige. Also haben wir das gemacht, was Erinnerung nicht kann: nachgezählt.

In eigener Sache

Ich habe in den letzten Stunden immer wieder dieselbe Behauptung gelesen: Attentate fänden in Deutschland immer verdächtig nah an Wahlterminen statt.

Wegen einer Reise nach Berlin hatte ich heute Nachmittag viel Zeit – und habe mir die Anschläge, Attentate und Terrorakte in Deutschland seit 2014 angesehen. Seid mir nicht böse, wenn ich hier und da nicht alles komplett aufgelistet habe: Diese Aufstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Für ein Ergebnis reicht sie aber allemal.

Und noch etwas, das kein Geheimnis ist: Ich bin seit Jahren davon überzeugt, dass es eine hybride Kriegsführung Russlands gegen liberale, demokratische Staaten gibt, gegen Deutschland im Besonderen. Ob aber Terroranschläge und Attentate gezielt kurz vor Landtags- oder Bundestagswahlen verübt werden, um die politische Stimmung zu beeinflussen, ist anhand ihrer Termine schwer bis gar nicht zu erkennen. Dazu reicht der Blick auf die Chronologie.

Geschrieben habe ich das übrigens nicht daheim bei meiner Familie, wo ich viel lieber wäre und diese Liste vermutlich nie entstanden wäre, sondern im Hotel in Berlin.

Andre Wolf

Die Chronologie

Die Zahl links ist der Abstand in Tagen bis zur nächsten Wahl auf Bundes- oder Landesebene. Rot markiert sind die Taten im letzten Monat vor einem Wahltermin. Die Motivangaben folgen den Einschätzungen der Ermittlungsbehörden; wo keine vermerkt ist, liegt in dieser Aufstellung keine Zuordnung vor.

2014
1 Tat

33Tage

29. JULI 2014

Brandsätze werden auf die Synagoge in Wuppertal geworfen

bis zur Wahl: Landtagswahl Sachsen, 31.08.2014

2015
1 Tat

148Tage

17. OKTOBER 2015Rechtsextrem

Messerattentat auf die Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker, schwer verletzt

bis zur Wahl: BW, RLP, Sachsen-Anhalt, 13.03.2016

2016
7 Taten

16Tage

26. FEBRUAR 2016Islamistisch

Eine radikalisierte Jugendliche verletzt im Hauptbahnhof Hannover einen Bundespolizisten mit einem Messer lebensgefährlich

bis zur Wahl: BW, RLP, Sachsen-Anhalt, 13.03.2016

141Tage

16. APRIL 2016

Sprengstoffanschlag auf das Gebetshaus einer Sikh-Gemeinde in Essen

bis zur Wahl: Mecklenburg-Vorpommern, 04.09.2016

48Tage

18. JULI 2016Islamistisch

Ein Täter greift Fahrgäste in einem Regionalzug bei Würzburg mit Beil und Messer an

bis zur Wahl: Mecklenburg-Vorpommern, 04.09.2016

44Tage

22. JULI 2016Rechtsextrem · rassistisch

Ein Täter erschießt am Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen

bis zur Wahl: Mecklenburg-Vorpommern, 04.09.2016

42Tage

24. JULI 2016Islamistisch

Ein Täter zündet in Ansbach eine Bombe und verletzt zahlreiche Menschen

bis zur Wahl: Mecklenburg-Vorpommern, 04.09.2016

158Tage

19. OKTOBER 2016Reichsbürger

Ein Täter schießt in Georgensgmünd auf Polizisten, die seine Waffen sicherstellen wollen. Ein Beamter stirbt, weitere werden verletzt

bis zur Wahl: Saarland, 26.03.2017

97Tage

19. DEZEMBER 2016Islamistisch

Ein Attentäter fährt mit einem Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz

bis zur Wahl: Saarland, 26.03.2017

2017
2 Taten

58Tage

28. JULI 2017Islamistisch

Messerangriff in einem Supermarkt in Hamburg-Barmbek. Ein Mensch stirbt, sechs werden verletzt

bis zur Wahl: Bundestagswahl, 24.09.2017

321Tage

27. NOVEMBER 2017Rechtsextrem

Der Altenaer Bürgermeister Andreas Hollstein wird bei einem Messerangriff am Hals verletzt

bis zur Wahl: Bayern, 14.10.2018

2019
3 Taten

145Tage

31.12.2018 / 1.1.2019Rassistisch

In der Silvesternacht fährt ein Täter in Bottrop und Essen gezielt mit dem Auto auf Menschen, die er für Ausländer hält. Acht Menschen werden teilweise schwer verletzt

bis zur Wahl: Bremen, 26.05.2019

91Tage

2. JUNI 2019Rechtsextrem

Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wird vor seinem Wohnhaus erschossen

bis zur Wahl: Brandenburg, Sachsen, 01.09.2019

18Tage

9. OKTOBER 2019Antisemitisch · rechtsextrem

Anschlag in Halle. Nachdem der Täter nicht in die Synagoge eindringen kann, ermordet er zwei Menschen

bis zur Wahl: Thüringen, 27.10.2019

2020
4 Taten

4Tage

19. FEBRUAR 2020Rassistisch

In Hanau werden neun Menschen ermordet

bis zur Wahl: Bürgerschaft Hamburg, 23.02.2020

331Tage

17. APRIL 2020Islamistisch

In Waldkraiburg beginnt eine Anschlagsserie gegen türkische Geschäfte und Einrichtungen

bis zur Wahl: BW, RLP, 14.03.2021

208Tage

18. AUGUST 2020Hinweise auf islamistische Motivation · psychische Erkrankung wesentlich

Ein Autofahrer rammt auf der Berliner Stadtautobahn A100 gezielt mehrere Fahrzeuge und verletzt mehrere Menschen

bis zur Wahl: BW, RLP, 14.03.2021

161Tage

4. OKTOBER 2020Islamistisch · homophob

Ein Täter greift in Dresden ein homosexuelles Paar mit Messern an. Ein Mann stirbt, sein Partner wird schwer verletzt

bis zur Wahl: BW, RLP, 14.03.2021

2021 – 2022
kein Eintrag in dieser Aufstellung

2023
1 Tat

26Tage

18. APRIL 2023Islamistisch

Ein Täter greift in einem Duisburger Fitnessstudio mehrere Menschen mit einem Messer an

bis zur Wahl: Bürgerschaft Bremen, 14.05.2023

2024
3 Taten

93Tage

31. MAI 2024Islamistisch

Messeranschlag auf dem Mannheimer Marktplatz. Mehrere Menschen werden verletzt, ein Polizist stirbt

bis zur Wahl: Sachsen, Thüringen, 01.09.2024

9Tage

23. AUGUST 2024Islamistisch

Messeranschlag auf dem Stadtfest in Solingen. Drei Menschen werden getötet, weitere verletzt

bis zur Wahl: Sachsen, Thüringen, 01.09.2024

17Tage

5. SEPTEMBER 2024Terroristisch · antiisraelisch

Ein bewaffneter Täter greift in München das israelische Generalkonsulat und das NS-Dokumentationszentrum an

bis zur Wahl: Brandenburg, 22.09.2024

im letzten Monat vor der Wahl (6)    früher (16)

Bei der Silvester-Tat von Bottrop und Essen ist der Abstand ab dem 1. Januar 2019 gerechnet. Erfasst wurden schwere Anschläge, Attentate und Terrorakte in Deutschland ab 2014. Die Aufstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – Zeiträume ohne Eintrag sind daher keine Aussage darüber, dass in ihnen nichts geschehen ist.

Was man sofort sieht

Erstens: Die Zahlen springen. 33, 148, 16, 141, 48, 44, 42, 158, 97, 58, 321. Die Abstände reichen von wenigen Tagen bis zu knapp einem Jahr. Sechs der 22 Taten fielen in den letzten Monat vor einer Wahl, 16 nicht. Elf lagen mehr als drei Monate davor. Ein fester Rhythmus oder ein geheimer Wahlkalender ist nicht erkennbar.

Zweitens: Die Häufungen folgen keinem Wahlkalender. 2016 verzeichnet die Aufstellung sieben Taten, drei davon innerhalb einer einzigen Juliwoche – Würzburg, München, Ansbach. Diese Verdichtung hat mit Wahlterminen nichts zu tun.

Drittens: Die Motive verteilen sich breit. In der Aufstellung stehen islamistisch, rechtsextrem, rassistisch, antisemitisch, homophob und antiisraelisch motivierte Taten nebeneinander, dazu ein Fall aus dem Reichsbürger-Milieu. Bei einem Eintrag – der Attacke auf der Berliner A100 – sahen die Behörden Hinweise auf eine islamistische Motivation, zugleich spielte eine psychische Erkrankung des Täters eine wesentliche Rolle. Wer aus dieser Liste ein einziges Feindbild ableiten will, muss dafür die Hälfte der Einträge ignorieren.

Der Denkfehler

Dazu kommt ein Punkt, der die Behauptung entkräftet, bevor sie überhaupt anfängt. In Deutschland finden regelmäßig Wahlen auf Bundes-, Landes-, Europa- und Kommunalebene statt – und das ist gut so. Im Schnitt liegt damit alle paar Monate irgendwo ein Wahltermin an.

Dadurch lässt sich nach vielen schweren Gewalttaten irgendein Wahltermin in zeitlicher Nähe finden. Da kann man verknüpfen, wie es nach eigenem Gusto beliebt.

Wenn permanent gewählt wird, ist Nähe zu einer Wahl kein Hinweis. Sie ist der Normalzustand.

Deshalb funktioniert das Argument so gut: Es ist unwiderlegbar konstruiert, weil ein Wahltermin nie fehlt.

Was diese Daten können – und was nicht

Hier ist Präzision wichtig, in beide Richtungen.

Diese Chronologie beweist nicht, dass hinter keiner dieser Taten mehr steckt als der jeweilige Täter. Kalenderdaten können kein Motiv belegen und keines ausschließen. Sie sagen nichts über Netzwerke, Hintergründe oder Radikalisierungswege. Und weil die Aufstellung unvollständig ist, sagt auch eine Lücke in der Liste nichts über die Wirklichkeit aus.

Sie beantwortet exakt eine Frage: Trägt die zeitliche Nähe zu einer Wahl als Indiz für Inszenierung? Und die Antwort ist ein klares Nein. Aus den Abständen allein lässt sich kein gesteuerter, kein getakteter, kein inszenierter Anschlag herleiten. Wer das behauptet, stützt sich auf ein Muster, das in den Daten nicht existiert.

Wer Inszenierung belegen will, braucht Belege aus der Tat selbst: Ermittlungsakten, Täterkontakte, Finanzströme, Kommunikationswege. Ein Datumsabstand ist keiner davon.

Und die hybride Bedrohung?

Dass demokratische Staaten Ziel hybrider Angriffe sind, ist gut dokumentiert: Desinformationskampagnen, Sabotage an Infrastruktur, gefälschte Medienseiten, koordinierte Netzwerke in sozialen Medien. Das ist aber eine andere Aussage als: „Terroranschläge werden auf Wahltermine getaktet.“ Für diesen zweiten Satz liefert die Chronologie keinen Anhaltspunkt. Beides auseinanderzuhalten ist keine Verharmlosung, sondern die Voraussetzung dafür, die reale Bedrohung ernst nehmen zu können, ohne jeder Verschwörungserzählung aufzusitzen.

Was tatsächlich passiert

Was allerdings tatsächlich passiert, ist die Instrumentalisierung. Anschläge werden nachträglich politisch verwertet.

Extremistische Gruppen, politische Akteure und Desinformationsnetzwerke nutzen solche Taten, um Angst zu schüren, Feindbilder zu verstärken und den Wahlkampf emotional aufzuladen. Das bleibt dann in unserem Kopf, und wir verbinden Wahlkampf und Terrorakte miteinander.

Nicht die Taten folgen dem Wahlkalender. Die Erzählungen über die Taten tun es.

Fazit

Die Behauptung, Attentate fänden verdächtig nah an Wahlen statt, hält einer schlichten Nachrechnung nicht stand. Sie lebt davon, dass niemand nachzählt – und davon, dass in einer Demokratie immer bald irgendwo gewählt wird.

Wer das nächste Mal auf diesen Satz stößt, kann eine einzige Rückfrage stellen: Wie groß war der Abstand denn bei den anderen Taten? In den meisten Fällen kommt darauf keine Antwort. Und das ist bereits die Antwort.


Zur Methodik: Erfasst wurden schwere Anschläge, Attentate und Terrorakte in Deutschland ab 2014, jeweils mit dem Abstand in Tagen zur nächstfolgenden Wahl auf Bundes- oder Landesebene. Die Aufstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; sie dient ausschließlich der Prüfung, ob ein zeitliches Muster erkennbar ist. Motivzuschreibungen folgen den Einschätzungen der Ermittlungsbehörden. Dieser Beitrag ist eine datenbasierte Einordnung, kein Faktencheck im engeren Sinn.

Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise)

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Dr. Heinrich Krämer
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