4 Tage. 331 Tage. Kein Muster.
Die Behauptung ist griffig: Anschläge kurz vor Wahlen seien in Deutschland kein Zufall, sie fänden immer verdächtig nah an Wahlterminen statt. Wir haben 22 schwere Taten seit 2014 neben die Wahltermine gelegt.
Von Andre Wolf · Mimikama
4
Tage lag die kürzeste Tat vor einer Wahl
6 / 22
lagen im letzten Monat vor einer Wahl
11 / 22
lagen mehr als drei Monate davor
Kurz gesagt
- Der Abstand zwischen 22 schweren Taten seit 2014 und der jeweils nächsten Wahl reicht von 4 bis 331 Tagen.
- Nur 6 der 22 Taten lagen im letzten Monat vor einer Wahl. 11 lagen mehr als drei Monate davor.
- Ein fester Rhythmus oder ein geheimer Wahlkalender ist nicht erkennbar.
- In Deutschland wird regelmäßig auf Bundes-, Landes-, Europa- und Kommunalebene gewählt. Terminnähe ist deshalb kein Signal, sondern der Normalzustand.
- Zentral: Aus Datumsabständen allein lassen sich inszenierte Anschläge weder belegen noch widerlegen. Diese Chronologie beantwortet nur eine Frage – taugt der Kalender als Indiz? Nein.
- Real ist etwas anderes: die nachträgliche Instrumentalisierung der Taten.
Die Behauptung
Sie taucht in Kommentarspalten auf, in Sprachnachrichten, in Messenger-Gruppen, und sie kommt selten mit Belegen: Anschläge würden in Deutschland auffällig häufig kurz vor Wahlen stattfinden. Wer diesen Satz liest, muss ihn nicht prüfen, um ihn zu glauben. Er fühlt sich richtig an, weil einem sofort zwei, drei Fälle einfallen, bei denen es genau so war.
Genau darin liegt das Problem. Erinnerung ist keine Statistik. Sie speichert das Auffällige und löscht das Unauffällige. Also haben wir das gemacht, was Erinnerung nicht kann: nachgezählt.
In eigener Sache
Ich habe in den letzten Stunden immer wieder dieselbe Behauptung gelesen: Attentate fänden in Deutschland immer verdächtig nah an Wahlterminen statt.
Wegen einer Reise nach Berlin hatte ich heute Nachmittag viel Zeit – und habe mir die Anschläge, Attentate und Terrorakte in Deutschland seit 2014 angesehen. Seid mir nicht böse, wenn ich hier und da nicht alles komplett aufgelistet habe: Diese Aufstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Für ein Ergebnis reicht sie aber allemal.
Und noch etwas, das kein Geheimnis ist: Ich bin seit Jahren davon überzeugt, dass es eine hybride Kriegsführung Russlands gegen liberale, demokratische Staaten gibt, gegen Deutschland im Besonderen. Ob aber Terroranschläge und Attentate gezielt kurz vor Landtags- oder Bundestagswahlen verübt werden, um die politische Stimmung zu beeinflussen, ist anhand ihrer Termine schwer bis gar nicht zu erkennen. Dazu reicht der Blick auf die Chronologie.
Geschrieben habe ich das übrigens nicht daheim bei meiner Familie, wo ich viel lieber wäre und diese Liste vermutlich nie entstanden wäre, sondern im Hotel in Berlin.
Andre Wolf
Die Chronologie
Die Zahl links ist der Abstand in Tagen bis zur nächsten Wahl auf Bundes- oder Landesebene. Rot markiert sind die Taten im letzten Monat vor einem Wahltermin. Die Motivangaben folgen den Einschätzungen der Ermittlungsbehörden; wo keine vermerkt ist, liegt in dieser Aufstellung keine Zuordnung vor.
2014
1 Tat
33Tage
29. JULI 2014
Brandsätze werden auf die Synagoge in Wuppertal geworfen
bis zur Wahl: Landtagswahl Sachsen, 31.08.2014
2015
1 Tat
148Tage
17. OKTOBER 2015Rechtsextrem
Messerattentat auf die Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker, schwer verletzt
bis zur Wahl: BW, RLP, Sachsen-Anhalt, 13.03.2016
2016
7 Taten
16Tage
26. FEBRUAR 2016Islamistisch
Eine radikalisierte Jugendliche verletzt im Hauptbahnhof Hannover einen Bundespolizisten mit einem Messer lebensgefährlich
bis zur Wahl: BW, RLP, Sachsen-Anhalt, 13.03.2016
141Tage
16. APRIL 2016
Sprengstoffanschlag auf das Gebetshaus einer Sikh-Gemeinde in Essen
bis zur Wahl: Mecklenburg-Vorpommern, 04.09.2016
48Tage
18. JULI 2016Islamistisch
Ein Täter greift Fahrgäste in einem Regionalzug bei Würzburg mit Beil und Messer an
bis zur Wahl: Mecklenburg-Vorpommern, 04.09.2016
44Tage
22. JULI 2016Rechtsextrem · rassistisch
Ein Täter erschießt am Olympia-Einkaufszentrum in München neun Menschen
bis zur Wahl: Mecklenburg-Vorpommern, 04.09.2016
42Tage
24. JULI 2016Islamistisch
Ein Täter zündet in Ansbach eine Bombe und verletzt zahlreiche Menschen
bis zur Wahl: Mecklenburg-Vorpommern, 04.09.2016
158Tage
19. OKTOBER 2016Reichsbürger
Ein Täter schießt in Georgensgmünd auf Polizisten, die seine Waffen sicherstellen wollen. Ein Beamter stirbt, weitere werden verletzt
bis zur Wahl: Saarland, 26.03.2017
97Tage
19. DEZEMBER 2016Islamistisch
Ein Attentäter fährt mit einem Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz
bis zur Wahl: Saarland, 26.03.2017
2017
2 Taten
58Tage
28. JULI 2017Islamistisch
Messerangriff in einem Supermarkt in Hamburg-Barmbek. Ein Mensch stirbt, sechs werden verletzt
bis zur Wahl: Bundestagswahl, 24.09.2017
321Tage
27. NOVEMBER 2017Rechtsextrem
Der Altenaer Bürgermeister Andreas Hollstein wird bei einem Messerangriff am Hals verletzt
bis zur Wahl: Bayern, 14.10.2018
2019
3 Taten
145Tage
31.12.2018 / 1.1.2019Rassistisch
In der Silvesternacht fährt ein Täter in Bottrop und Essen gezielt mit dem Auto auf Menschen, die er für Ausländer hält. Acht Menschen werden teilweise schwer verletzt
bis zur Wahl: Bremen, 26.05.2019
91Tage
2. JUNI 2019Rechtsextrem
Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke wird vor seinem Wohnhaus erschossen
bis zur Wahl: Brandenburg, Sachsen, 01.09.2019
18Tage
9. OKTOBER 2019Antisemitisch · rechtsextrem
Anschlag in Halle. Nachdem der Täter nicht in die Synagoge eindringen kann, ermordet er zwei Menschen
bis zur Wahl: Thüringen, 27.10.2019
2020
4 Taten
4Tage
19. FEBRUAR 2020Rassistisch
In Hanau werden neun Menschen ermordet
bis zur Wahl: Bürgerschaft Hamburg, 23.02.2020
331Tage
17. APRIL 2020Islamistisch
In Waldkraiburg beginnt eine Anschlagsserie gegen türkische Geschäfte und Einrichtungen
bis zur Wahl: BW, RLP, 14.03.2021
208Tage
18. AUGUST 2020Hinweise auf islamistische Motivation · psychische Erkrankung wesentlich
Ein Autofahrer rammt auf der Berliner Stadtautobahn A100 gezielt mehrere Fahrzeuge und verletzt mehrere Menschen
bis zur Wahl: BW, RLP, 14.03.2021
161Tage
4. OKTOBER 2020Islamistisch · homophob
Ein Täter greift in Dresden ein homosexuelles Paar mit Messern an. Ein Mann stirbt, sein Partner wird schwer verletzt
bis zur Wahl: BW, RLP, 14.03.2021
2021 – 2022
kein Eintrag in dieser Aufstellung
2023
1 Tat
26Tage
18. APRIL 2023Islamistisch
Ein Täter greift in einem Duisburger Fitnessstudio mehrere Menschen mit einem Messer an
bis zur Wahl: Bürgerschaft Bremen, 14.05.2023
2024
3 Taten
93Tage
31. MAI 2024Islamistisch
Messeranschlag auf dem Mannheimer Marktplatz. Mehrere Menschen werden verletzt, ein Polizist stirbt
bis zur Wahl: Sachsen, Thüringen, 01.09.2024
9Tage
23. AUGUST 2024Islamistisch
Messeranschlag auf dem Stadtfest in Solingen. Drei Menschen werden getötet, weitere verletzt
bis zur Wahl: Sachsen, Thüringen, 01.09.2024
17Tage
5. SEPTEMBER 2024Terroristisch · antiisraelisch
Ein bewaffneter Täter greift in München das israelische Generalkonsulat und das NS-Dokumentationszentrum an
bis zur Wahl: Brandenburg, 22.09.2024
im letzten Monat vor der Wahl (6) früher (16)
Bei der Silvester-Tat von Bottrop und Essen ist der Abstand ab dem 1. Januar 2019 gerechnet. Erfasst wurden schwere Anschläge, Attentate und Terrorakte in Deutschland ab 2014. Die Aufstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – Zeiträume ohne Eintrag sind daher keine Aussage darüber, dass in ihnen nichts geschehen ist.
Was man sofort sieht
Erstens: Die Zahlen springen. 33, 148, 16, 141, 48, 44, 42, 158, 97, 58, 321. Die Abstände reichen von wenigen Tagen bis zu knapp einem Jahr. Sechs der 22 Taten fielen in den letzten Monat vor einer Wahl, 16 nicht. Elf lagen mehr als drei Monate davor. Ein fester Rhythmus oder ein geheimer Wahlkalender ist nicht erkennbar.
Zweitens: Die Häufungen folgen keinem Wahlkalender. 2016 verzeichnet die Aufstellung sieben Taten, drei davon innerhalb einer einzigen Juliwoche – Würzburg, München, Ansbach. Diese Verdichtung hat mit Wahlterminen nichts zu tun.
Drittens: Die Motive verteilen sich breit. In der Aufstellung stehen islamistisch, rechtsextrem, rassistisch, antisemitisch, homophob und antiisraelisch motivierte Taten nebeneinander, dazu ein Fall aus dem Reichsbürger-Milieu. Bei einem Eintrag – der Attacke auf der Berliner A100 – sahen die Behörden Hinweise auf eine islamistische Motivation, zugleich spielte eine psychische Erkrankung des Täters eine wesentliche Rolle. Wer aus dieser Liste ein einziges Feindbild ableiten will, muss dafür die Hälfte der Einträge ignorieren.
Der Denkfehler
Dazu kommt ein Punkt, der die Behauptung entkräftet, bevor sie überhaupt anfängt. In Deutschland finden regelmäßig Wahlen auf Bundes-, Landes-, Europa- und Kommunalebene statt – und das ist gut so. Im Schnitt liegt damit alle paar Monate irgendwo ein Wahltermin an.
Dadurch lässt sich nach vielen schweren Gewalttaten irgendein Wahltermin in zeitlicher Nähe finden. Da kann man verknüpfen, wie es nach eigenem Gusto beliebt.
Wenn permanent gewählt wird, ist Nähe zu einer Wahl kein Hinweis. Sie ist der Normalzustand.
Deshalb funktioniert das Argument so gut: Es ist unwiderlegbar konstruiert, weil ein Wahltermin nie fehlt.
Was diese Daten können – und was nicht
Hier ist Präzision wichtig, in beide Richtungen.
Diese Chronologie beweist nicht, dass hinter keiner dieser Taten mehr steckt als der jeweilige Täter. Kalenderdaten können kein Motiv belegen und keines ausschließen. Sie sagen nichts über Netzwerke, Hintergründe oder Radikalisierungswege. Und weil die Aufstellung unvollständig ist, sagt auch eine Lücke in der Liste nichts über die Wirklichkeit aus.
Sie beantwortet exakt eine Frage: Trägt die zeitliche Nähe zu einer Wahl als Indiz für Inszenierung? Und die Antwort ist ein klares Nein. Aus den Abständen allein lässt sich kein gesteuerter, kein getakteter, kein inszenierter Anschlag herleiten. Wer das behauptet, stützt sich auf ein Muster, das in den Daten nicht existiert.
Wer Inszenierung belegen will, braucht Belege aus der Tat selbst: Ermittlungsakten, Täterkontakte, Finanzströme, Kommunikationswege. Ein Datumsabstand ist keiner davon.
Und die hybride Bedrohung?
Dass demokratische Staaten Ziel hybrider Angriffe sind, ist gut dokumentiert: Desinformationskampagnen, Sabotage an Infrastruktur, gefälschte Medienseiten, koordinierte Netzwerke in sozialen Medien. Das ist aber eine andere Aussage als: „Terroranschläge werden auf Wahltermine getaktet.“ Für diesen zweiten Satz liefert die Chronologie keinen Anhaltspunkt. Beides auseinanderzuhalten ist keine Verharmlosung, sondern die Voraussetzung dafür, die reale Bedrohung ernst nehmen zu können, ohne jeder Verschwörungserzählung aufzusitzen.
Was tatsächlich passiert
Was allerdings tatsächlich passiert, ist die Instrumentalisierung. Anschläge werden nachträglich politisch verwertet.
Extremistische Gruppen, politische Akteure und Desinformationsnetzwerke nutzen solche Taten, um Angst zu schüren, Feindbilder zu verstärken und den Wahlkampf emotional aufzuladen. Das bleibt dann in unserem Kopf, und wir verbinden Wahlkampf und Terrorakte miteinander.
Nicht die Taten folgen dem Wahlkalender. Die Erzählungen über die Taten tun es.
Fazit
Die Behauptung, Attentate fänden verdächtig nah an Wahlen statt, hält einer schlichten Nachrechnung nicht stand. Sie lebt davon, dass niemand nachzählt – und davon, dass in einer Demokratie immer bald irgendwo gewählt wird.
Wer das nächste Mal auf diesen Satz stößt, kann eine einzige Rückfrage stellen: Wie groß war der Abstand denn bei den anderen Taten? In den meisten Fällen kommt darauf keine Antwort. Und das ist bereits die Antwort.
Zur Methodik: Erfasst wurden schwere Anschläge, Attentate und Terrorakte in Deutschland ab 2014, jeweils mit dem Abstand in Tagen zur nächstfolgenden Wahl auf Bundes- oder Landesebene. Die Aufstellung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit; sie dient ausschließlich der Prüfung, ob ein zeitliches Muster erkennbar ist. Motivzuschreibungen folgen den Einschätzungen der Ermittlungsbehörden. Dieser Beitrag ist eine datenbasierte Einordnung, kein Faktencheck im engeren Sinn.
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
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