Aktuell kursiert ein Video, das den Ausbau des Bundeskanzleramts als Beleg für „Realitätsverlust“ und „Verachtung für das Volk“ darstellt. Der Kern stimmt: Das Kanzleramt wird erweitert, und das Projekt ist teuer und politisch umstritten.
Irreführend wird das Video dort, wo reale Bauteile, alte Zahlen und politische Wertungen zu einem zugespitzten Gesamtbild montiert werden. Mehrere genannte Punkte existieren tatsächlich, werden aber falsch eingeordnet oder mit nicht belastbaren Vergleichen verbunden.
„Eine Milliarde Euro zahlen wir Steuerzahler für den Umbau des Bundeskanzleramtes. Das ist schon jetzt achtmal größer als das Weiße Haus, zehnmal größer als Downing Street Number 10, dreimal größer als der Élysée-Palast in Paris. Nur noch der Regierungssitz in China ist größer.
Der Kanzler bekommt eine Wohnung mit 250 m², bescheidene 225.000 Euro kostet die Ausstattung. Ein neuer Hubschrauberlandeplatz gebaut auf einem 23 Meter hohen Turm für zehn Millionen Euro, neun über fünf Geschosse reichende Wintergärten, eine Kita für 12 bis 15 Kinder – die Kosten der Einrichtung: 2,8 Millionen Euro.
Und während im ganzen Land die Brücken einstürzen, wird in Berlin eine neue Brücke für den Transport von Akten gebaut – Baukosten lächerliche 637 Millionen Euro, und noch mehr Platz für Mitarbeiter, schon jetzt hat Hr. Merz 900 davon. Und die brauchen natürlich Fitnessräume.
50.947 m² hat der ganze “Kanzler-Bums”, wenn er fertig ist.Eindrucksvoller kann man die Verachtung für das Volk und den kompletten Realitätsverlust nicht dokumentieren.“
Text aus dem Video (hier archiviert)
Das Projekt kostet nicht offiziell eine Milliarde
Der Ausbau des Bundeskanzleramts ist kein erfundener Vorgang. Westlich der Spree entstehen ein Erweiterungsbau, ein Post- und Logistikbereich, eine erhöhte Hubschrauberlandeplattform und eine zusätzliche Brücke. Für den Erweiterungsbau werden rund 60.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche genannt; Baubeginn war im Januar 2023, die Fertigstellung ist für 2028 vorgesehen.
Die Kosten liegen tatsächlich sehr hoch. In der Entwurfsunterlage wurden 637 Millionen Euro für das Gesamtprojekt genannt. Die Bundesregierung spricht inzwischen von 777 Millionen Euro prognostizierten Gesamtabrechnungskosten.
Die im Video genannte Milliarde Euro ist damit keine aktuell offiziell bestätigte Projektsumme. Sie kann als politische Zuspitzung oder aufgerundete Erwartung gemeint sein, entspricht aber nicht dem belastbaren Stand der Regierungs- und Bauunterlagen.
Die Größenvergleiche sind nicht belastbar
Das Video behauptet, das Kanzleramt sei achtmal größer als das Weiße Haus, zehnmal größer als Downing Street 10 und dreimal größer als der Élysée-Palast. Solche Vergleiche sind problematisch, weil unterschiedliche Gebäudetypen, Flächenbegriffe und Funktionen miteinander vermischt werden.
Beim Weißen Haus, bei Downing Street 10 oder beim Élysée werden häufig die bekannten Repräsentations- und Wohngebäude betrachtet. Beim Bundeskanzleramt geht es dagegen um einen Verwaltungs- und Regierungskomplex mit Büros, Sicherheitsbereichen, Funktionsflächen und ausgelagerten Arbeitsplätzen, die wieder gebündelt werden sollen.
Auch die Behauptung, nur der Regierungssitz in China sei größer, ist auf dieser Grundlage nicht belastbar. Dafür bräuchte es eine sauber vergleichbare internationale Rangliste mit denselben Flächenkategorien. Eine solche Grundlage ist in den vorliegenden Informationen nicht erkennbar.
Kanzlerwohnung = Amtswohnung
Die Aussage, „der Kanzler bekommt eine Wohnung mit 250 Quadratmetern“, hat einen realen Kern, ist aber verkürzt. Geplant ist eine Amtswohnung im Bundeskanzleramt. Sie kann von der jeweiligen Kanzlerin oder dem jeweiligen Kanzler genutzt werden, ist aber an das Amt gebunden und nicht persönliches Eigentum des Amtsinhabers.
Die Zahl von 250 Quadratmetern stammt aus älteren Parlaments- und Debattenunterlagen. Auch die oft genannte Summe von 225.000 Euro für Ausstattungskosten ist kein aktuell feststehender Kostenposten. Nach der vorliegenden Prüfung erklärte die Bundesregierung, dass sich die Ausstattungskosten noch nicht beziffern ließen.
Solange Friedrich Merz Kanzler ist, wäre er der mögliche Nutzer dieser Amtswohnung. Sachlich geht es aber nicht um eine ihm persönlich gehörende Wohnung, sondern um eine Wohnmöglichkeit für die jeweilige Amtsinhaberin oder den jeweiligen Amtsinhaber.
Hubschrauberlandeplatz und Wintergärten sind real
Ein neuer Hubschrauberlandeplatz ist tatsächlich Teil der Planung. Laut Bundesregierung muss die bisherige Landemöglichkeit im Park wegen des Erweiterungsbaus verlegt werden; die erhöhte Landeplattform sei die genehmigungsfähige Variante gewesen. Die im Video genannten 23 Meter Höhe und 10 Millionen Euro stammen aus früheren Planungs- und Debattenständen.
Auch die Wintergärten sind nicht frei erfunden. Die Zahl von neun über fünf Geschosse reichenden Wintergärten stammt aus älteren parlamentarischen Kritiktexten. Offiziell werden sie als Teil des architektonischen und energetischen Konzepts sowie als Aufenthalts- und Kommunikationsbereiche für Beschäftigte beschrieben. Das erklärt die Planung, nimmt ihr aber nicht automatisch die politische Angreifbarkeit.
Ob man diese Bauteile politisch für angemessen hält, ist eine legitime Debatte. Das Video stellt sie aber vor allem als Luxus-Symbole dar und lässt die planerische Begründung weitgehend weg.
Kita-Kosten werden verkürzt dargestellt
Eine Kita ist tatsächlich geplant, laut Bundesregierung für bis zu 15 Kinder. Irreführend ist jedoch die Formulierung, 2,8 Millionen Euro seien „die Kosten der Einrichtung“.
Nach der vorliegenden Einordnung geht es nicht einfach um Möbel, Spielzeug oder Innenausstattung. Die Summe bezieht sich auf eine Kita innerhalb einer gesicherten Regierungsanlage mit besonderen baulichen, energetischen und sicherheitstechnischen Anforderungen.
Der Betrag bleibt politisch kritisierbar. Aber die Darstellung im Video verkürzt, wofür diese Kosten stehen.
Die Brücke ist nicht nur für Akten
Auch die zusätzliche Brücke gibt es in der Planung. Das Video beschreibt sie als Brücke „für den Transport von Akten“. Nach offizieller Darstellung erfüllt sie mehrere Zwecke: Sie soll die bestehende Brücke entlasten, Post- und Warenverkehr zwischen Alt- und Neubau ermöglichen, interne Wege sichern und medientechnische Verbindungen herstellen. Die untere Ebene soll zudem öffentlich nutzbar sein.
Falsch ist die Kostenzuordnung im Video. Die 637 Millionen Euro sind nicht die Baukosten dieser Brücke, sondern die damaligen Gesamtbaukosten des gesamten Erweiterungsprojekts. Für die Brücke selbst wurden in älteren parlamentarischen Unterlagen rund 18 Millionen Euro genannt.
Damit verschiebt das Video eine Projektsumme auf ein einzelnes Bauteil. Das verstärkt die Empörung, ist aber sachlich falsch.
Mitarbeiterzahl und Fitnessräume brauchen Kontext
Die Größenordnung von rund 900 Beschäftigten im Bundeskanzleramt ist laut vorliegender Prüfung offiziell belegt. Ebenfalls stimmt, dass im Erweiterungsbau ein Sport- und Gymnastikraum vorgesehen ist.

Das Video erweckt jedoch den Eindruck, es gehe um Fitnessräume als Komfortangebot für die Mitarbeiter. Nach offizieller Darstellung handelt es sich um einen Dienstsportraum für die Bundespolizeiinspektion des Bundeskanzleramts, der auch von anderen Bundespolizei-Dienststellen genutzt werden kann. Er ist für bis zu 25 Personen ausgelegt.
Auch die Flächenangabe von 50.947 Quadratmetern lässt sich mit den aktuellen offiziellen Kennzahlen nicht sauber decken. In den vorliegenden Informationen stehen für den Erweiterungsbau rund 60.000 Quadratmeter Bruttogrundfläche und für das Bestandsgebäude 25.347 Quadratmeter Nutzfläche. Das spricht dafür, dass im Video ältere Werte oder unterschiedliche Flächenkategorien vermischt werden.
Was an der Kritik berechtigt ist
Die Kritik am Ausbau ist nicht grundsätzlich aus der Luft gegriffen. Das Projekt ist groß, teuer und politisch angreifbar. Bei mehreren Bauteilen gab es bereits parlamentarische Kritik, unter anderem an Kita, zweiter Brücke, Wintergärten, Amtswohnung und Hubschrauberlandeplatz.
Auch die Kostenentwicklung ist ein legitimer Gegenstand öffentlicher Debatte. Aus 637 Millionen Euro in der Entwurfsunterlage wurden laut Bundesregierung 777 Millionen Euro prognostizierte Gesamtabrechnungskosten. Das ist eine relevante Größenordnung, über die politisch gestritten werden kann.
Gerade deshalb ist Genauigkeit wichtig. Wer das Projekt kritisiert, muss nicht aus Amtsräumen Privatwohnungen machen, alte Schätzungen als aktuelle Endkosten darstellen oder unterschiedliche Flächenbegriffe für spektakuläre Vergleiche mischen.
Fazit
Das Video wirkt glaubwürdig, weil es viele reale Elemente enthält: den Ausbau, hohe Kosten, zusätzliche Büros, eine Amtswohnung, eine Kita, eine Brücke, eine Hubschrauberlandeplattform, Wintergärten und Dienstsportflächen. – Themen, die natürlich auch im Gespräch sind.
Der Fehler liegt hier in der Zusammensetzung. Reale Punkte werden zugespitzt, aus dem Zusammenhang gelöst oder mit falschen Kosten verbunden. Amtsfunktionen werden personalisiert, Flächenangaben vermischt und alte Planungsstände als aktuelle Tatsachen präsentiert.
Bewertung: Irreführend. Das Video greift ein reales und teures Bauprojekt auf, vermischt aber korrekte Angaben mit falschen Zuordnungen, veralteten Zahlen und politischer Zuspitzung.
FAQ zum Kanzleramt-Ausbau
Kostet der Ausbau des Bundeskanzleramts eine Milliarde Euro?
Offiziell ist derzeit keine Milliarde Euro als Projektsumme bestätigt. In den vorliegenden Unterlagen werden 637 Millionen Euro aus der Entwurfsunterlage und 777 Millionen Euro prognostizierte Gesamtabrechnungskosten genannt.
Ist das Kanzleramt größer als das Weiße Haus?
Solche Vergleiche sind nur eingeschränkt sinnvoll. Beim Kanzleramt geht es um einen Verwaltungs- und Regierungskomplex, bei anderen Gebäuden oft um Repräsentations- oder Wohngebäude. Unterschiedliche Flächenbegriffe machen die genannten Faktoren nicht belastbar.
Bekommt Friedrich Merz eine 250-Quadratmeter-Wohnung?
So formuliert ist es irreführend. Geplant ist eine Amtswohnung für die jeweilige Kanzlerin oder den jeweiligen Kanzler, keine Privatwohnung für eine bestimmte Person. Die Zahl von 250 Quadratmetern stammt aus älteren Unterlagen.
Sind 225.000 Euro für die Ausstattung der Kanzlerwohnung belegt?
Nicht als aktueller feststehender Kostenposten. Laut vorliegender Prüfung erklärte die Bundesregierung, dass die Ausstattungskosten noch nicht bezifferbar seien.
Gibt es wirklich eine Kita im neuen Kanzleramt?
Ja, eine Kita für bis zu 15 Kinder ist geplant. Die genannten 2,8 Millionen Euro beziehen sich aber nicht bloß auf Möbel oder Spielzeug, sondern auf eine Kita innerhalb einer gesicherten Regierungsanlage.
Wird ein neuer Hubschrauberlandeplatz gebaut?
Ja. Eine erhöhte Hubschrauberlandeplattform ist Teil der Planung. Laut Bundesregierung muss die bisherige Landemöglichkeit wegen des Erweiterungsbaus verlegt werden.
Kostet die neue Brücke 637 Millionen Euro?
Nein. Diese Summe bezieht sich auf die ursprünglichen Gesamtbaukosten des Projekts. Für die Brücke selbst wurden in älteren parlamentarischen Unterlagen rund 18 Millionen Euro genannt.
Sind Fitnessräume für alle Mitarbeiter geplant?
Das Video stellt diesen Punkt verkürzt dar. Vorgesehen ist ein Dienstsportraum für die Bundespolizeiinspektion des Bundeskanzleramts, nicht ein allgemeines Luxus-Fitnessangebot für die gesamte Belegschaft.
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