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Schon kurze Zeit nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin kursierten in den Sozialen Netzwerken Bilder und Videos zu dem vermeintlichen Täter. Doch sie waren falsch – und machten Unbeteiligte zu Verdächtigen.
Bei Breaking-News-Ereignissen wie Naturkatastrophen oder Anschlägen sind in den Sozialen Netzwerken schnell Bilder und Videos im Umlauf, die angeblich vor Ort aufgenommen wurden und bestimmte Szenen des Unglücks dokumentieren.
Doch oftmals werden dabei auch Inhalte verbreitet, die sich im Nachhinein als falsch oder irreführend herausstellen – mit teilweise drastischen Folgen.
Abdul M. war nicht der Attentäter
Nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin teilten Nutzer in Sozialen Medien Videos eines TikTok-Accounts eines Mannes mit den Namen Abdul M. und brachten ihn mit der Tat in Verbindung. Es kursierte die Behauptung, er sei der Täter und für den Anschlag nach Deutschland eingereist.
In den Videos, die M. am Freitag, also einen Tag vor der Tat hochgeladen hatte, dokumentierte er seinen Versuch, nach einer Abschiebung wieder nach Deutschland einzureisen. Über den anstehenden CSD oder eine geplante Weiterreise nach Berlin sprach er nicht.
Eine FDP-Politikerin verbreitete die Videos und heizte die Spekulationen, dass M. der gesuchte Attentäter ist, weiter an.
Abdul B. Ende 2025 nach Deutschland überstellt
Allerdings hieß der mutmaßliche Täter Abdul B. und war deutscher Staatsbürger. Er war entgegen entsprechender Falschbehauptungen nicht kürzlich in die Türkei abgeschoben worden. Nachdem Abdul B. versucht hatte, sich der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) anzuschließen, saß er allerdings tatsächlich im vergangenen Jahr im Libanon für drei Monate im Gefängnis. Weil der 21-Jährige die deutsche Staatsangehörigkeit hatte, wurde er anschließend im November 2025 zurück nach Deutschland überstellt und bei seiner Rückkehr von der Berliner Polizei am Flughafen festgenommen. Bis zu seiner Verurteilung im Mai 2026 hatte er in Untersuchungshaft gesessen.
Nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin, bei dem eine Frau getötet und 29 weitere Menschen verletzt wurden, fahndete die Polizei öffentlich nach ihm. Der Täter war mit einem weißen Kastenwagen in die Menschenmenge gefahren und hatte anschließend die Flucht ergriffen. Am Sonntagabend entdeckten Einsatzkräfte ihn in einer Kleingartenanlage in Berlin-Spandau. Nach Angaben der Polizei lief er dort mit einer Stichwaffe auf die Beamten zu und wurde daraufhin erschossen. Die Ermittler gehen von einem islamistischen Terroranschlag aus.
Falsch Verdächtigter veröffentlicht Video
Abdul M. hat sich inzwischen selbst zu den Anschuldigungen in den Sozialen Medien geäußert. „Es wird behauptet, dass ich der Täter wäre“, sagt er in einem Video, das er unter anderem auf seinem X-Account und bei TikTok hochgeladen hat. „Mein Bild wird geteilt und mein Name wird geteilt, nur weil ich Abdul M. heiße und der Täter Abdul hieß.“
Abdul M. widerspricht den Vorwürfen in einem eigenen Video.
In einigen Videos auf seinem TikTok-Account äußert er sich allerdings tatsächlich queerfeindlich, benutzt etwa das Wort „gay“ (schwul) als Schimpfwort. Bezogen auf die Vorwürfe sagt er aber: „Ich habe eine weiße Weste, ich habe noch nie in meinem Leben eine Anzeige bekommen.“ Das Attentat selbst sehe er als „eine unglaublich schändliche Tat“, die von jedem verurteilt werden sollte, „egal ob du Moslem bist oder Christ bist.“
Video von Festnahme zeigt nicht Attentäter
Bereits Samstagnacht kursierte in den Sozialen Netzwerken ein Video, das angeblich die Festnahme des Attentäters zeigen sollte. Zu sehen ist in dem fünfsekündigen Clip ein Mann in einem weißen T-Shirt, der offenbar von Einsatzkräften der Polizei überwältigt wurde und am Boden liegt. Ein kurzer Schwenk zeigt, dass das Video offenbar am Rande einer Großveranstaltung aufgenommen wurde.
Unter anderem die „Junge Freiheit“ hatte das Video verbreitet mit der Behauptung, dass es sich laut Augenzeugen bei dem Mann auf dem Boden um „den festgenommenen Amokfahrer“ vom CSD in Berlin handele. Doch das war falsch.
Der Attentäter war zu der Zeit noch nicht festgenommen, sondern noch auf der Flucht. Die „Junge Freiheit“ hat das Video inzwischen gelöscht und schreibt auf X, dass es sich laut Polizeiangaben um eine andere Festnahme am Rande des CSD gehandelt haben soll.
Informationsvakuum mit Falschbehauptungen gefüllt
Dass unbeteiligte Personen zu Unrecht im Internet verdächtigt werden, der Täter zu sein, ist keine Seltenheit, sondern bei vielen Anschlägen zu beobachten. „Das liegt unter anderem an dem Informationsvakuum, was es kurz nach einem solchen Anschlag gibt und es wird versucht, dieses mit exklusivem Wissen zu füllen“, sagt Josef Holnburger, Politikwissenschaftler und Geschäftsführer beim Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS).
Manche Menschen ließen sich verleiten, Falschinformationen oder Informationen, die sich später als falsch herausstellen, zu verbreiten – etwa um Anerkennung zu bekommen, zu den Ersten zu gehören oder eine politische Agenda zu verfolgen. „Das ist jedoch höchst problematisch und kann schreckliche Auswirkungen auf zu unrecht beschuldigte Personen haben.“
Medien, Polizei und Einzelpersonen sollten sich Holnburger zufolge mit Anschuldigungen und Verdächtigungen stark zurückhalten und auf gesicherte Informationen warten.
Verschwörungsnarrative kursieren
Obwohl Polizei und Medien inzwischen viele Informationen zum Täter und der Tat selbst veröffentlicht haben, kursieren zahlreiche Verschwörungsnarrative in den sozialen Netzwerken. So werden etwa Zweifel gesät, ob der Täter aus eigenen Motiven heraus gehandelt habe oder es sich möglicherweise um eine „False Flag“-Aktion gehandelt haben könnte. Als tatsächliche Drahtzieher werden etwa Geheimdienste, Russland oder auch die AfD genannt.
So schreibt etwa der Chefredakteur des rechtsextremen Compact-Magazin auf X: „Irgendwie stinkt die Sache mit der Täter-Identifikation“ oder „Ist sehr bequem für den Staat, da kann der keine Fragen mehr beantworten. Klappe zu, Affe tot.“
Ein anderer Nutzer schreibt in einem Post auf X, der knapp 270.000 Mal gesehen wurde: „Für mich ist das eine klare Aktion der Geheimdienste. Sie suchen sich zuerst jemanden aus, der perfekt ins Bild passt. Der Betroffene weiß nichts davon, dass er zum Attentäter werden soll. Anschließend verübt ein eigener Mann das Attentat, und am Ende wird der Ausgewählte liquidiert.“
Für die in dem Posting aufgestellten Behauptungen gibt es keine Beweise.
Auch aus anderen politischen Lagern verbreiten sich Verschwörungsnarrative. So heißt es in einem Post: „Schon wieder, wie von der AfD bestellt, ganz kurz vor wichtigen Wahlen, in Sachsen Anhalt, MeckPomm und Berlin!“. In einem Video wir behauptet, es gäbe „Hinweise darauf, dass die AfD über ein paar Ecken selber hinter solchen Taten steckt“ und es werden Verbindungen zu Russland und den Einsatz von sogenannten Wegwerf-Agenten gezogen.
Ambiguitätstoleranz zentral im Glaube an Verschwörungen
Es ist bekannt, dass Russland Desinformation und „Wegwerf-Agenten“ für Sabotage und Destabilisierung unserer Demokratie einsetzt, sagt Holnburger. Allerdings deutet „derzeit nichts darauf hin, dass es sich bei der Tat um einen Wegwerf-Agenten Russlands handelt.“ Recherchen zeigen, dass die Verbindungen von Abdul B. ins islamistische Milieu eng waren und er unter Beobachtung der Polizei stand.
Verschwörungserzählungen können so konstruiert werden, dass sie das eigene politische Weltbild stützen und sich gegen Überprüfungen immunisieren, erklärt der Politikwissenschaftler. Dabei können die Erzählungen sehr unterschiedlich sein oder sich sogar widersprechen. Die sogenannte Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, eine uneindeutige oder unvollständige Informationslage in komplexen Situationen auszuhalten, sei mit verantwortlich dafür, wie anfällig Menschen für Verschwörungsnarrative sind.
„Menschen mit einer geringen Ambiguitätstoleranz neigen dazu, häufiger an Verschwörungserzählungen zu glauben, weil sie für Großereignisse wie einen Terroranschlag große Erklärungen brauchen, die angeblich dahinter stehen würden.“ Statt sich in haltlosen Spekulationen zu verlieren, müsse man sich im Nachgang so einer Tat anschauen, wie sich der Täter radikalisieren und es zu der Tat kommen konnte. Dazu gehöre auch, genau hinzuschauen, wo Polizei und Geheimdienst nicht richtig gehandelt haben. „Das muss aufgeklärt und analysiert werden“, so Holnburger. Verschwörungsnarrative und Falschbehauptungen würden jedoch nicht dazu beitragen.
