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Betrugsmaschen

Faktencheck: Gefälschtes CSD-Banner mit Täterbild enttarnt

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 29, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Am Abend des 25. Juli 2026 fuhr ein Fahrzeug am Rande des Berliner CSD in eine Menschenmenge. Eine 65-jährige Frau starb, 29 weitere Menschen wurden verletzt, teilweise schwer. Der 21-jährige Tatverdächtige Abdul B. wurde am folgenden Tag bei einem Polizeieinsatz in Berlin-Spandau erschossen. Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen; die Tat wird als mutmaßlich islamistisch motivierter Anschlag behandelt. 

Kurz nach dem Angriff erschienen in sozialen Netzwerken Bilder eines großen pinkfarbenen Banners mit dem Satz: „Wir wählen, damit Berlin weltoffen bleibt.“ Auf dem Banner ist scheinbar Abdul B. zu sehen. Beiträge auf Instagram und anderen Plattformen stellten das Motiv als eine nach dem Anschlag gestartete Solidaritätsaktion dar. Ein Instagram-Beitrag behauptete etwa, die Stadt setze damit „ein klares Zeichen für Zusammenhalt, Mut und Solidarität“.

Das virale Bild zeigt das manipulierte Banner mit dem nachträglich eingefügten Gesicht des mutmaßlichen Täters in einem Instagram-Beitrag | Screenshot: Mimikama
Das virale Bild zeigt das manipulierte Banner mit dem nachträglich eingefügten Gesicht des mutmaßlichen Täters in einem Instagram-Beitrag | Screenshot: Mimikama

Als Quellen wurden pauschal „n-tv“ und „WELT“ genannt. Die dort veröffentlichten Berichte behandeln zwar den Anschlag und den Tatverdächtigen, belegen aber nicht die Existenz einer solchen nachträglichen Plakataktion. Die Quellenangabe erzeugt somit einen journalistischen Anschein, stützt die konkrete Bildbehauptung jedoch nicht. 

Das echte Banner zeigt eine andere Person

Eine Bilderrückwärtssuche führt zu Aufnahmen desselben Bannergerüsts. Darauf ist nicht Abdul B., sondern ein langhaariges Model in einem lilafarbenen Oberteil und grünen Ärmeln zu sehen.

Das Originalbanner der Berliner CSD-Kampagne in einem X-Post, der das Motiv abwertend und queerfeindlich kommentiert. Zu sehen ist die tatsächlich für die Kampagne abgebildete Person – nicht der mutmaßliche Täter. | Screenshot: Mimikama
Das Originalbanner der Berliner CSD-Kampagne in einem X-Post, der das Motiv abwertend und queerfeindlich kommentiert. Zu sehen ist die tatsächlich für die Kampagne abgebildete Person – nicht der mutmaßliche Täter. | Screenshot: Mimikama

Auch auf der offiziellen Website des Berliner CSD (hier archiviert) findet sich dieses Motiv innerhalb der Kampagne „Haltung ist hot“. Die Kampagne soll zur Teilnahme an der Berliner Abgeordnetenhauswahl im September 2026 aufrufen und für eine „vielfältige, demokratische und weltoffene Stadt“ werben. Sie wurde nicht erst nach dem Anschlag entwickelt. 

Pose, Kleidung und Gestaltung des Kampagnen-Fotos (hier archiviert) stimmen mit dem real aufgestellten Banner überein. Verändert wurde lediglich der Kopf der abgebildeten Person. Das Gesicht des Models wurde durch das Gesicht des mutmaßlichen Täters ersetzt.

CSD-Verein bestätigt die Manipulation

Der Berliner CSD bestätigte die Fälschung auch gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Vorstandsmitglied Thomas Hoffmann erklärte, auf dem kursierenden Bild sei das Gesicht der ursprünglich abgebildeten Person gegen das Gesicht des Tatverdächtigen ausgetauscht worden.

Das echte Banner sei am 24. und 25. Juli im Bereich der Abschlusskundgebung auf der Straße des 17. Juni gezeigt worden. Die Konstruktion sei am 26. Juli vollständig abgebaut worden. Nach Angaben des Vereins war das Banner zudem bereits mehrere Tage vor dem Anschlag produziert worden, also bevor das Gesicht des Tatverdächtigen öffentlich bekannt war. 

Damit ist auch die zeitliche Erzählung der viralen Beiträge widerlegt: Das Banner war keine spontane Reaktion auf den Anschlag.

Hinweise auf eine Bearbeitung mit OpenAI-Werkzeugen

Das kursierende Bild wurde zusätzlich mit dem öffentlichen Verifikationswerkzeug von OpenAI überprüft. Das Tool meldete ein Herkunftssignal, das auf eine Erstellung oder Bearbeitung mit OpenAI-Werkzeugen hindeutet. Konkret wurde ein SynthID-Wasserzeichen erkannt; ein C2PA-Herkunftsnachweis war dagegen nicht mehr vorhanden.

Das OpenAI-Prüftool erkannte bei der manipulierten Aufnahme ein SynthID-Signal und bewertete den Inhalt als „Erstellt mit OpenAI-Tools“. | Screenshot: Mimikama
Das OpenAI-Prüftool erkannte bei der manipulierten Aufnahme ein SynthID-Signal und bewertete den Inhalt als „Erstellt mit OpenAI-Tools“. | Screenshot: Mimikama

OpenAI erklärt, dass ein erkanntes Signal darauf hinweist, dass eine Datei wahrscheinlich aus einem OpenAI-Werkzeug stammt. Es sagt jedoch nicht automatisch aus, welcher Teil eines Bildes verändert wurde oder ob dessen Aussage inhaltlich korrekt ist. Fehlt ein Signal, lässt sich umgekehrt auch nicht sicher ausschließen, dass KI verwendet wurde. Auch AFP kam bei einer eigenen Prüfung mit dem OpenAI-Werkzeug zu dem Ergebnis „Erstellt mit OpenAI-Tools“. 

Dass andere KI-Detektoren keine Manipulation erkannten, widerspricht diesem Befund nicht. Allgemeine Erkennungssysteme suchen häufig nach statistischen Bildmerkmalen und können Bearbeitungen übersehen. Ein eingebettetes Herkunftssignal ist dagegen ein konkreter technischer Hinweis, wenngleich auch dieser allein nicht erklärt, wie die Datei entstanden ist.

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Der kleine Hinweis „KI Symbolbild“

Eine Kennzeichnung lässt sich außerdem erkennen. In der linken unteren Ecke des Instagram-Bildes steht klein und senkrecht „Foto: KI Symbolbild“.

Im Instagram-Beitrag findet sich links unten der schwer erkennbare Hinweis „Foto: KI Symbolbild“. | Screenshot und Hervorhebung: Mimikama
Im Instagram-Beitrag findet sich links unten der schwer erkennbare Hinweis „Foto: KI Symbolbild“. | Screenshot und Hervorhebung: Mimikama

Der Hinweis ist leicht zu übersehen und steht im deutlichen Gegensatz zur übrigen Aufmachung des Beitrags. Denn sowohl der Begleittext als auch die Formulierung im Bild erwecken den Eindruck, es handle sich um ein reales Banner und um eine tatsächliche Aktion nach dem Anschlag. Ein kaum sichtbarer KI-Hinweis korrigiert diesen irreführenden Gesamteindruck nicht.

Zudem kursieren weitere Versionen der Manipulation, auf denen ein solcher Hinweis nicht zu erkennen ist. Die Fälschung existiert außerdem in mindestens zwei unterschiedlichen Perspektiven. Wer die Ausgangsbilder bearbeitet und erstmals veröffentlicht hat, lässt sich anhand der verfügbaren Beiträge nicht sicher feststellen.

Warum die Fälschung problematisch ist

Das manipulierte Bild verbindet eine echte Kampagne für Weltoffenheit mit dem Gesicht eines mutmaßlichen islamistischen Attentäters. Dadurch entsteht der Eindruck, die CSD-Organisatoren oder die Stadt Berlin hätten den Täter nachträglich zum Gesicht einer Solidaritätskampagne gemacht.

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Diese Darstellung eignet sich dazu, Empörung gegen den CSD, queere Menschen und eine offene Gesellschaft zu schüren. Die Fälschung arbeitet dabei mit einem typischen Muster politischer Desinformation: Ein echtes Foto und ein echter Kampagnenslogan werden verwendet, aber durch eine gezielte Bildmanipulation in einen vollständig falschen Zusammenhang gestellt.

Fazit

Das virale Bannerfoto ist manipuliert. Auf dem echten CSD-Banner war ein Model der offiziellen Kampagne „Haltung ist hot“ zu sehen, nicht der mutmaßliche Täter des Anschlags.

Das Banner wurde außerdem bereits vor der Tat produziert und während des CSD aufgestellt. Es war keine nachträgliche Aktion der Stadt Berlin. Das Gesicht des Tatverdächtigen wurde später digital in Fotografien des Banners eingesetzt.

Bewertung: Falsch und manipuliert.

FAQ zum angeblichen CSD-Banner

Zeigt das Banner tatsächlich den mutmaßlichen Täter des Berliner CSD-Anschlags?

Nein. Auf dem echten Banner ist eine andere Person zu sehen. Sie gehört zur offiziellen Kampagne des Christopher Street Day Berlin. Das Gesicht des mutmaßlichen Täters wurde nachträglich in Fotos des aufgestellten Banners eingefügt.

Hat die Stadt Berlin das Banner nach dem Anschlag aufgestellt?

Dafür gibt es keine Belege. Nach Angaben des Berliner CSD war das Originalbanner bereits vor dem Anschlag produziert und am 24. sowie 25. Juli 2026 im Bereich der Abschlusskundgebung aufgestellt worden. Es handelte sich daher nicht um eine Reaktion auf die Tat.

Was zeigt das Originalbanner?

Das ursprüngliche Banner zeigt ein Model der offiziellen CSD-Kampagne 2026. Kleidung, Körperhaltung und Gestaltung stimmen mit einem Kampagnenfoto auf der Website des Berliner CSD überein. Ausgetauscht wurde lediglich das Gesicht.

Wie lässt sich erkennen, dass das Bild manipuliert wurde?

Vergleichsbilder zeigen dasselbe Banner mit der tatsächlich abgebildeten Kampagnenperson. Auch das offizielle Kampagnenmotiv bestätigt deren Identität als Teil der Werbeaktion. Der Berliner CSD bestätigte zudem gegenüber AFP, dass auf dem verbreiteten Bild ein Gesichtstausch vorgenommen wurde.

Wurde das Bild mit künstlicher Intelligenz erstellt?

Eine Überprüfung mit einem OpenAI-Erkennungstool ergab den Hinweis „Erstellt mit OpenAI-Tools“. Laut angezeigtem Ergebnis wurde ein entsprechendes Herkunftssignal erkannt. Andere geprüfte Programme meldeten dagegen keine KI-Bearbeitung. Solche Detektoren liefern keine unfehlbaren Ergebnisse. Entscheidend für die Widerlegung ist deshalb vor allem der Vergleich mit dem nachweisbaren Originalmotiv.

Warum taucht die Manipulation aus unterschiedlichen Perspektiven auf?

Es kursieren mindestens zwei Aufnahmen des manipulierten Banners aus verschiedenen Blickwinkeln. Offenbar wurden mehrere Fotos des echten Bannergerüsts bearbeitet. Wer die Manipulation ursprünglich erstellt und verbreitet hat, ließ sich anhand der vorliegenden Beiträge nicht feststellen.

FACTCHECK

AFP Faktencheck

28. Juli 2026

MEDIA

ZEIT ONLINE

27. Juli 2026

✓ Dieser Fall wurde geprüft

Der nächste Fake ist schon unterwegs.

Diesen hier hast du geprüft gesehen – die meisten Menschen sehen ihn ungeprüft. Bleib ihnen einen Schritt voraus.

Früher gewarnt werden →

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📩 Mir ist auch etwas Verdächtiges begegnet – prüfen lassen

Claudia lächelt freundlich in einem hellen Raum.

Claudia Spiess

Claudia Spiess ist Redakteurin und Designerin bei Mimikama,
Österreichs führender Faktencheck-Organisation. Sie verbindet
journalistische Sorgfalt mit visueller Kommunikation und trägt
zur verständlichen Aufbereitung von Faktenchecks bei.

Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
(Mehr zur Arbeitsweise)

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