Russland hat Telegram-Gründer Durow zur internationalen Fahndung ausgeschrieben – unter dem Vorwurf der Förderung terroristischer Aktivitäten. Durow lebt schon lange im Ausland, doch die Fahndung könnte ein weiteres Warnsignal an Telegram sein.
Er sitzt an einem Tisch, vor sich einen Obstteller und Getränke, dreht sich um und streckt einen Mittelfinger in die Kamera. Es ist Pawel Durows Kommentar zum Vorwurf, er habe terroristische Aktivitäten in Russland unterstützt. Das behauptet der russische Inlandsgeheimdienst (FSB).
Die Geheimdienste der Ukraine hätten Telegram-Kanäle und Telegram-Chats genutzt, um „Terroranschläge“ in Russland vorzubereiten. Und die Verwalter von Telegram hätten sie nicht gelöscht.
Screenshot des Telegram-Kanals Ozstorozhno novosti („Vorsicht, Nachrichten“) zeigt Telegram-Gründer Durow und seine Reaktion auf den Fahndungsaufruf aus Russland.
Vorerst überschaubare Folgen
In einem Telegram-Kanal namens „Vorsicht, Nachrichten“ beschreiben die Betreiber, welche Folgen das für den Telegram-Mitbegründer hat: Wer in Russland Terrorismus-Vorwürfen ausgesetzt ist, landet auf einer entsprechenden Liste und wird international zur Fahndung ausgeschrieben.
Für Durow bedeutet das auch die Sperrung etwaiger russischer Konten und das Einfrieren seines Vermögens. Er dürfte mit einer Bankkarte umgerechnet nur mehr rund hundert Euro im Monat ausgeben – wenn er denn darauf angewiesen wäre.
Da der Telegram-Mitbegründer ohnehin seit Jahren im Exil ist, dürfte ihn das nicht sonderlich stören. Theoretisch aber könnten ihn manche Staaten an Russland ausliefern. Zum Beispiel die, die mit Moskau in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten über bilaterale Abkommen verbandelt sind.
Von der EU geht für Durow keine Gefahr aus, da er auch einen französischen Pass besitzt, neben einem der Vereinigten Arabischen Emirate. Da sich die aber als IT- und Influencer-Hub sehen, werden sie wohl kaum einen der wichtigsten Vertreter der Branche nach Moskau ausliefern.
Weitere Einschränkungen für Telegram und die User?
Viel wichtiger ist vielleicht, was die Affäre für den Messenger-Dienst Telegram an sich bedeutet: Anwälte sehen in dem Vorwurf, Durow habe terroristische Aktivitäten in Russland unterstützt, einen möglichen Auftakt, die Einschränkungen für Telegram zu verschärfen. Denn mit dem Vorwurf gegen Durow könnte eine formelle Beweislast gegen den Messenger-Dienst insgesamt aufgebaut werden. Das könnte für Telegram in einem neuen Status münden – den einer verbotenen Organisation.
Für die Userschaft hätte das gegebenenfalls harte Konsequenzen: Zahlungen an Telegram, zum Beispiel durch den Kauf eines Premium-Abonnements, Werbung über Telegram – alles, was mit Geld zu tun hat, könnte als „Finanzierung extremistischer Aktivitäten“ gewertet werden.
Werbeplattform im Wahlkampf
Andrej Swinzow formulierte eine entsprechende Warnung bei der staatlichen Nachrichtenagentur TASS: Der stellvertretende Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses für Informationspolitik in Moskau meint, Russen sollten keine Abonnements bei Telegram kaufen und von Finanztransaktionen über den Messenger absehen, bis die Behörden die Situation geklärt haben.
Das könnte allerdings dauern, vermutlich bis nach der Duma-Wahl im September, der Wahl zum Unterhaus der Russischen Föderation. Denn bis dahin werden viele Kandidierende Telegram noch nutzen wollen – als Wahlkampfplattform. Und das, obwohl sie ohnehin schon gedrosselt wurde und nur noch über VPN, einen digitalen Umweg, zu erreichen ist.

