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Startseite»Betrugsmaschen»Faktencheck: Beruhigungsmittel im Trinkwasser? Falsche Behauptung!
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Faktencheck: Beruhigungsmittel im Trinkwasser? Falsche Behauptung!

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerJuli 31, 2026Keine Kommentare7 Minuten Lesezeit
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Behauptet wird:

„Die Leiterin eines Wasserwerkes einer der grössten deutschen Städte berichtete bei einer vertraulichen Plauscherei am Rande einer grossen Konferenz unvorsichtigerweise hinter vorgehaltener Hand, dass in ihrem Wasserwerk viele Fässer mit Beruhigungsmitteln und speziellen chemischen Zusätzen bereitstehen. Diese würden sofort ins Trinkwasser gekippt, falls es in dieser Stadt „unruhig“ werden sollte (mit unruhig sind Demonstrationen, Massenaufmärsche und soziale Unruhen gemeint). Dies gelte auch für andere deutsche Grossstädte.“

Kurzfazit: Die Behauptung ist falsch. Der Screenshot belegt keine Beruhigungsmittel im Trinkwasser. Die Wasserwerks-Passage stammt nicht von WELT ONLINE und nennt keine überprüfbare Quelle.

Screenshot über angebliche Beruhigungsmittel in Wasserwerken

Zwei Fragen müssen getrennt werden

Bei dem Screenshot geht es um zwei unterschiedliche Dinge.

Erstens: Stimmt die Behauptung, dass Wasserwerke Beruhigungsmittel lagern oder ins Trinkwasser geben würden?

Zweitens: Woher stammt der abfotografierte Ausschnitt eigentlich?

Die Antwort auf die erste Frage ist klar: Für Beruhigungsmittel in deutschen Wasserwerken gibt es keinen belastbaren Nachweis. Fachstellen und Wasserwerke widersprechen der Darstellung.

Die Antwort auf die zweite Frage ist etwas komplizierter: Auf dem Screenshot ist tatsächlich ein echter WELT-Artikel zu sehen. Er gehört aber nicht zur Beruhigungsmittel-Passage.

Was wird über das Trinkwasser behauptet?

In der markierten Passage steht, die Leiterin eines Wasserwerkes einer großen deutschen Stadt habe bei einer vertraulichen Plauderei berichtet, in ihrem Wasserwerk stünden viele Fässer mit Beruhigungsmitteln und speziellen chemischen Zusätzen bereit.

Diese Mittel würden angeblich sofort ins Trinkwasser gekippt, falls es in der Stadt „unruhig“ werde. Gemeint seien Demonstrationen, Massenaufmärsche und soziale Unruhen. Der Text behauptet außerdem, dies gelte auch für andere deutsche Großstädte.

Der Text nennt jedoch keine überprüfbare Person, keine konkrete Stadt, kein Wasserwerk, keine Konferenz und kein Dokument. Genau das ist die erste große Bruchstelle.

Der sichtbare WELT-Artikel ist echt

Auf dem Screenshot ist tatsächlich ein echter WELT-Artikel aus dem Jahr 2012 zu erkennen. Er trägt den Titel „Inflationsangst treibt Anleger in Immobilienfonds“, stammt von Richard Haimann und wurde am 20. März 2012 veröffentlicht.

WELT-Artikel von 2012 über Immobilienfonds

Dieser WELT-Artikel handelt von Euro-Krise, Inflationsangst, geschlossenen Immobilienfonds und Anlegerverhalten. Mit Wasserwerken, Trinkwasser oder Beruhigungsmitteln hat er nichts zu tun.

Der Screenshot zeigt offenbar mehrere Textteile aus einem Börsenbrief- oder Pressespiegel-Layout. Unter der Wasserwerks-Passage ist ein echtes WELT-ONLINE-Logo mit einem anderen Artikel zu sehen. Links sind zudem weitere Finanzbegriffe wie DAX, Sicherheitspuffer, Sondervermögen und Morgan erkennbar. Die Nähe zum WELT-Logo führt deshalb in die Irre: Die Beruhigungsmittel-Passage gehört nicht zu diesem WELT-Artikel.

Die Wasserwerks-Passage stammt nicht von WELT

Eine frühe auffindbare Online-Veröffentlichung der Beruhigungsmittel-Passage findet sich auf dem Kurtz-Blog beziehungsweise über marketlettercorp.com. Dort erschien am 19. April 2012 ein Beitrag mit dem Titel „Reines Wasser?“. Darin steht jene Behauptung, die aktuell wieder in sozialen Netzwerken geteilt wird.

Archivierter Kurtz-Blog-Beitrag Reines Wasser vom 19. April 2012

Die Leiterin eines Wasserwerkes einer der grössten deutschen Städte berichtete bei einer vertraulichen Plauscherei am Rande einer grossen Konferenz unvorsichtigerweise hinter vorgehaltener Hand, dass in ihrem Wasserwerk viele Fässer mit Beruhigungsmitteln und speziellen chemischen Zusätzen bereitstehen. Diese würden sofort ins Trinkwasser gekippt, falls es in dieser Stadt „unruhig“ werden sollte (mit unruhig sind Demonstrationen, Massenaufmärsche und soziale Unruhen gemeint). Dies gelte auch für andere deutsche Grossstädte.
Aus „Sicheres-Vermoegen“
Autorisierte Quelle: „Geldbrief“, Abonnements mit Rabatt bei www.marketlettercorp.com

Mimikama · Unabhängig seit 2011

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Unter dem Text werden „Sicheres-Vermoegen“ und „Geldbrief“ genannt. Nach dem vorliegenden Herkunftshinweis wurde die Passage mit „Quelle: Sicheres Vermögen, gelesen in GELDBRIEF 08/2012“ geführt. Damit führt die Spur nicht zu WELT ONLINE, sondern in ein älteres deutschsprachiges Verlags- und Börsenbrief-Umfeld.

Auch dieses Umfeld ist heute nur noch eingeschränkt nachvollziehbar. Market Letter Corp. weist darauf hin, dass der Verlag am 30. Juni 2020 geschlossen wurde. Die dort veröffentlichten Beschreibungen und Verlagsprodukte würden nicht mehr redigiert und befänden sich auf dem Stand des jeweiligen Veröffentlichungs- oder Überarbeitungszeitpunkts.

Eine Seite mit ähnlicher Gestaltung und alten Kurtz-Inhalten findet sich unter kurtzsuccessors.com. Auch dort wird darauf hingewiesen, dass der Verlag geschlossen sei und alte Reports nur noch einsehbar beziehungsweise vorübergehend bestellbar seien.

Für die Bewertung der Trinkwasser-Behauptung ist das entscheidend: Die alte Veröffentlichung erklärt, woher die Passage wahrscheinlich stammt. Sie beweist aber nicht, dass deutsche Wasserwerke Beruhigungsmittel lagern oder ins Trinkwasser geben würden.

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Der entscheidende Nachweis fehlt

Die Behauptung bleibt trotz der alten Veröffentlichung unbelegt. Der Text nennt keine überprüfbare Leiterin, keine konkrete Stadt, kein Wasserwerk, kein Datum, keine Konferenz und keine Unterlagen.

Formulierungen wie „vertrauliche Plauscherei“, „hinter vorgehaltener Hand“ und „eine der größten deutschen Städte“ erzeugen den Eindruck von Insiderwissen. Für einen Nachweis reicht das nicht aus.

Wer eine so schwere Behauptung aufstellt, müsste konkrete Angaben liefern: Wer soll das gesagt haben? In welchem Wasserwerk? Wann? Gibt es Lagerlisten, Bestellungen, interne Anweisungen, behördliche Hinweise oder Messwerte?

All das fehlt.

Fachstellen und Wasserwerke widersprechen

Trinkwasser wird in Deutschland kontrolliert und darf nicht beliebig mit Stoffen versetzt werden. Zugesetzt werden dürfen nur zugelassene Aufbereitungsstoffe, etwa zur Einstellung des pH-Werts oder zur Verringerung von Korrosion.

Das Umweltbundesamt erklärte gegenüber AFP, eine absichtliche Dosierung von Beruhigungsmitteln ins Trinkwasser könne ausgeschlossen werden. Stoffe mit gesundheitlicher Wirkung könnten nicht als normale Aufbereitungsstoffe zugelassen werden.

Auch mehrere Wasserwerke und Versorger großer deutscher Städte wiesen den Vorwurf zurück, darunter Berlin, Hamburg, München, Stuttgart, Leipzig, Dortmund und Düsseldorf. Sie erklärten, es gebe keine Vorräte oder Planungen für Beruhigungsmittel im Trinkwasser.

Das Szenario wäre kaum steuerbar

Selbst unabhängig von den Dementis ist das behauptete Vorgehen praktisch unrealistisch. Menschen trinken unterschiedlich viel Leitungswasser. Manche trinken es direkt, andere nur als Kaffee oder Tee, manche fast gar nicht.

Eine gleichmäßige Dosierung über ein ganzes Stadtnetz wäre nicht kontrollierbar. Ein Pharmakologe der Freien Universität Berlin bezeichnete das Szenario gegenüber AFP als schwer vorstellbar. Um eine spürbare Wirkung bei vielen Menschen zu erzielen, wären enorme Mengen notwendig. Gleichzeitig wäre die Wirkung unberechenbar.

Spuren von Medikamenten sind etwas anderes

Manchmal werden geringe Medikamentenrückstände im Wasser mit der Behauptung aus dem Screenshot vermischt. Das ist irreführend.

Es kann vorkommen, dass Arzneimittelrückstände in sehr geringen Spuren in Gewässern oder im Trinkwasser nachweisbar sind, etwa durch Ausscheidungen oder falsche Entsorgung. Das ist aber etwas völlig anderes als eine absichtliche Beimischung von Beruhigungsmitteln durch Wasserwerke.

Laut Umweltbundesamt liegen gemessene Arzneimittelkonzentrationen im Trinkwasser weit unter therapeutisch wirksamen Mengen. Daraus folgt kein Beleg für die Behauptung, Wasserwerke würden im Krisenfall Medikamente ins Trinkwasser kippen.

Mimikama berichtete bereits 2020 darüber: Mimikama hat dieses Gerücht schon am 24. April 2020 in einem Faktencheck aufgegriffen. Der damalige Artikel ist hier nachzulesen:

Warum der Screenshot glaubwürdig wirkt

Der Screenshot wirkt überzeugend, weil er aussieht wie ein abfotografierter Zeitungsausschnitt. Eine Passage ist markiert, darunter steht ein bekanntes Medienlogo. Genau diese Kombination führt aber in die Irre.

Der echte WELT-Artikel auf dem Bild gehört nicht zur Beruhigungsmittel-Passage. Die alte Veröffentlichung im Umfeld von „Sicheres Vermögen“, „Geldbrief“ und dem Kurtz-Blog zeigt nur, dass das Gerücht alt ist. Sie zeigt nicht, dass es wahr ist.

Dass der Ausschnitt aktuell auf Facebook, TikTok, Reddit und anderen Plattformen erneut geteilt wird, macht die Behauptung nicht neuer. Die Geschichte kursiert mindestens seit 2012.

Fazit

Die Behauptung über Beruhigungsmittel in deutschen Wasserwerken ist falsch. Es gibt keinen belastbaren Nachweis für entsprechende Vorräte oder eine geplante Beimischung ins Trinkwasser.

Auch die angebliche Quelle trägt die Behauptung nicht: Die genannte Leiterin bleibt anonym. Eine konkrete Stadt, ein Wasserwerk, eine Konferenz oder ein Dokument werden nicht genannt. Ob diese Person und das angebliche Gespräch überhaupt existierten, lässt sich anhand des Textes nicht überprüfen.

Der aktuell verbreitete Screenshot führt zusätzlich in die Irre. Der sichtbare WELT-Artikel ist echt, handelt aber von Immobilienfonds und gehört nicht zur Wasserwerks-Passage.

Die Herkunftsspur der Wasserwerks-Passage führt nicht zur WELT, sondern zu „Sicheres Vermögen“ und dem Hinweis „gelesen in GELDBRIEF 08/2012“. Eine frühe Online-Veröffentlichung findet sich 2012 im Kurtz-Blog beziehungsweise auf marketlettercorp.com. Diese Herkunft erklärt, wo der Text kursierte, belegt aber nicht, dass die Aussage stimmt.

Bewertung: Falsch. Der Screenshot nutzt einen echten Medienkontext, um ein altes, unbelegtes Gerücht glaubwürdiger erscheinen zu lassen.

✓ Dieser Fall wurde geprüft

Der nächste Fake ist schon unterwegs.

Diesen hier hast du geprüft gesehen – die meisten Menschen sehen ihn ungeprüft. Bleib ihnen einen Schritt voraus.

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Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
Teile dieses Beitrags können KI-gestützt erstellt und redaktionell geprüft worden sein.
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Dr. Heinrich Krämer
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