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Politik

Wie viel Vorbereitung braucht der Neustart im Ausland?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 1, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Stand: 01.08.2026 • 16:44 Uhr

Sonne, Meer und Schluss mit Stress: So wird das Auswandern auf Social Media gern dargestellt. Doch es lauern viele finanzielle Fallen.

Von Nina Ostersehlte, Timo Spicker und Lilli-Marie Hiltscher, WDR

Immer mehr Menschen träumen davon, Deutschland zu verlassen. Mallorca steht dabei sinnbildlich für das, was viele Auswanderer wollen: Raus aus dem grauen Alltag, rein in ein Leben mit Sonne, Meer und mehr Lebensqualität. So wie das deutsche Paar Tati und Kenny aus Dresden. Die beiden haben sich nach einer Weltreise entschieden, nicht nach Deutschland zurückzukehren, sondern auf die Insel auszuwandern.

„Wir wussten immer, dass wir eigentlich im Warmen wohnen wollen. Die Lebensqualität ist hier einfach eine andere“, sagen sie. Auf Mallorca fühle sich der Tag leichter an – dabei kamen sie ohne festen Job, ohne Wohnung und ohne Spanischkenntnisse.

Ohne Meldebescheinigung geht es nicht

„Das Schlimmste, was passieren kann, ist doch, dass wir es hier nicht schaffen. Dann gehen wir zurück nach Deutschland oder woanders hin“, sagt Tati im Interview mit dem ARD-Format ECHT?. Das Paar lebt seit Monaten von Ersparnissen. Vor der Auswanderung haben sie all ihre Besitztümer verkauft, um ihr neues Leben in Spanien beginnen zu können.

Leicht ist der Start trotzdem nicht: Tati und Kenny brauchen für das Leben in Spanien das sogenannte „Empadronamiento“, die kommunale Anmeldung. Ohne diese Meldebescheinigung gibt es zum Beispiel keine spanische Steuernummer und auch keine Krankenversicherungskarte. „Einen Termin für den Antrag zu kriegen, ist extrem schwer. Ohne Hilfe hätten wir erst nächstes Jahr einen bekommen“, so Kenny. Tati und Kenny lassen sich deshalb von einer lokalen Agentur unterstützen, die gegen Gebühr früheren Zugang zum Amt organisiert.

Unterstützung schon vorab

Wer auswandern will, kann sich aber auch schon vorher, noch in Deutschland, beraten lassen. Hierzulande gibt es offizielle, zertifizierte Beratungsstellen. Eine davon ist das Raphaelswerk in Hamburg. Dort hilft Nina Treue Menschen, die ins Ausland wollen. „Kürzlich hatte ich eine Beratung für ein Land, dass ich selber erst mal googeln musste: Die Pitcairn Islands. Dieses britische Überseegebiet im Pazifik erreicht man nur, wenn man nach Neuseeland fliegt und dann über Tahiti und Französisch-Polynesien mit dem Boot auf diese Inselgruppe fährt.“

Sowas sei aber eher die Ausnahme, sagt sie, klassische Ziele seien Österreich, Spanien und die USA. Aus ihrer Sicht unterschätzen viele Auswanderer vor allem, was vor dem Weggang aus Deutschland zu regeln ist: Abmeldung beim Einwohnermeldeamt, Information des Finanzamts, Krankenversicherung. Zudem fehle vielen ein finanzielles Polster. „Das wirkliche Minimum ist immer, dass man das Rückflugticket bezahlen kann“, betont sie.

Influencer als Berater?

Doch anstatt bei einer zertifizierten Beratungsstelle nachzufragen, ziehen viele Auswanderer ihre Informationen aus dem Internet. Auch Tati und Kenny haben sich über Social Media informiert: „Es gibt super viele Influencer, die ausgewandert sind und wirklich alles teilen“, berichten sie.

Nina Treue sieht das kritisch. Social-Media-Posts zeigten oft nur die schönen Seiten: Strand, Lifestyle, Freiheit. Der Alltag und die Frage, wovon Auswanderer tatsächlich leben, werde selten transparent gemacht. Und auch die Lebenshaltungskosten seien oft kein Thema.

Viele der Auswanderer erleben zwar ein Plus an Lebensqualität, wie den Feierabend am Strand. Gleichzeitig stoßen sie auf harte Fakten, denn billiger ist das Leben etwa in Spanien keineswegs. Gerade Selbstständige zahlen teils höhere Abgaben als in Deutschland.

Vorsicht vor hohen Mieten

Auch Wohnen ist teuer, vor allem auf beliebten Inseln wie Mallorca. Eine, die das selbst erlebt, ist Katha. Sie ist Spanischlehrerin und hat die Sprachschule „Sol y Español“ auf Mallorca gegründet. Nach ihrem Spanischstudium wollte sie in Spanien leben und arbeiten – mittlerweile ist sie seit fünf Jahren auf der Insel. Doch nicht immer sei alles leicht: Ihre Einzimmerwohnung mit etwa 52 Quadratmetern koste über 1.000 Euro Monatsmiete.

„Aber ich bin auf Mallorca“, sagt sie und betont: „Wenn ich in Palma bin, denke ich: ‚Das ist die schönste Stadt der Welt‘. Und egal wie lange ich schon hier bin: Es wird für mich auch immer so bleiben.“ Um andere Auswanderer zu unterstützen und ihnen den Neustart zu erleichtern, organisiert sie auf der Insel regelmäßig Treffen, bei denen sich Auswanderer auch mit Spaniern vernetzen können.

Teurere Beratung im Netz

Unterstützung online gibt es auch von sogenannten „Auswanderer-Coaches“ oder „Beratern“ – allerdings teils zu hohen Preisen. Ein Beispiel ist die Seite staatenlos.ch, die sich auf Auswandern spezialisiert hat und von Christoph Heuermann betrieben wird. Dort kostet eine individuelle Beratung rund 2.997 Euro – Zahlung im Voraus. Außerdem werden sogenannte „Voice Messenger Packages“ angeboten. Das „Multi Voice Messenger Package“ für 497 Euro erlaubt nach eigenen Angaben bis zu fünf schriftliche Fragen, die per Sprachnachricht beantwortet werden.

Die Frage, die sich bei solch einem Angebot allerdings stellt: Ist so eine Beratung überhaupt legal? Denn in Deutschland gibt es ein Auswandererschutzgesetz. Danach braucht, wer „geschäftsmäßig Auskunft über die Aussichten der Auswanderung“ geben und Rat erteilen will, eine Erlaubnis der zuständigen Behörde. Andernfalls handelt er ordnungswidrig und riskiert ein Bußgeld von bis zu 20.000 Euro. Zuständig ist das Bundesverwaltungsamt (BVA).

Beratung aus dem Ausland?

Allerdings gibt es eine Einschränkung: Sitzt der Berater im Ausland und erfolgt die Beratung ausschließlich im Ausland, dann ist keine Genehmigung erforderlich. Das ist im Fall von staatenlos.ch undurchsichtig: Im Impressum der Seite ist ein Unternehmen mit Sitz in Florida genannt, Mobilfunknummern stammen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten oder Russland, Webseite und Mailadresse aus der Schweiz.

Auf ECHT?-Anfrage nach einer offiziellen Erlaubnis schreibt Christoph Heuermann: „Als freie, souveräne Menschen außerhalb des maroden deutschen Systems geben wir uns die Erlaubnis zu unserem Handeln jeden Tag selbst.“ Das Auswandererschutzgesetz sei „für ein global aufgestelltes, digitales Unternehmen im Jahr 2026 schlicht inexistent“.

Wenn die Auswanderung scheitert

Wie komplex und riskant ein dauerhafter Neustart sein kann, zeigt das Beispiel des YouTubers und Streamers Evanijo. Er zog vor einigen Jahren nach Madeira – während der Corona-Pandemie war die Atlantikinsel vor allem bei Digital-Nomaden und Influencern beliebt.

Vor Ort nutzte er das Angebot eines Steuerbüros mit deutschsprachigen Mitarbeitern: Sie sollten sich um seine Steuern und „den ganzen bürokratischen Kram“, wie er es nennt, kümmern. Dafür zahlte Evanijo monatlich Geld – kontrollierte aber kaum, was tatsächlich erledigt wurde, wie er im ECHT-Interview erzählt. Später stellte sich heraus: Anmeldung und steuerliche Gestaltung waren offenbar fehlerhaft oder unvollständig, er musste eine fünfstellige Summe nachzahlen. Mittlerweile lebt er wieder in Hamburg und sagt, die Auswanderung nach Madeira war „die schlimmste Entscheidung meines Lebens“.

Lebensumstände ändern sich

Doch nicht jede Auswanderung scheitert an schlechter Vorbereitung oder Bürokratie. Manchmal ändern sich Lebensumstände – etwa durch Familie und Kinder. Die Influencerin Charlotte Weise lebte mehr als sechs Jahre in Spanien, baute sich dort ein Zuhause auf. Dennoch zog sie mit ihrer Familie im Sommer zurück nach Hamburg. Einer der Gründe: „Es war nie die Familie da.“ Die Tatsache, dass ihr Kind die Oma nur einmal im Jahr sah, war einer der Gründe, warum sie und ihr Mann entschieden: „Wir wollen wieder zurück.“

Trotz des Umzugs zurück nach Deutschland sieht Charlotte Weise die Zeit in Spanien nicht als Scheitern: „Ich würde es immer wieder so machen“, sagt sie. Dabei betont sie aber auch, dass eine realistische Sicht auf Alltag und Absicherung nötig sind, damit man erfolgreich ist.

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