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Das Unvorstellbare „droht“: Das Ende des Gianninismus: Was wird nun aus Infantino?

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 2, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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01.08.2026 | 07:07 Uhr

Die Investorenpläne der FIFA rufen im Weltfußball viel Empörung und Widerstand hervor. Nun sagt Boss Gianni Infantino sein Vorhaben ab. Doch damit dürfte die Sache nicht ausgestanden sein.

Wie konnte er sich so täuschen? FIFA-Boss Gianni Infantino hatte die Idee, den Weltfußball zu revolutionieren. Der gierigste Mann, den der globale Sport je gesehen hat, wollte die Weltmeisterschaft verkaufen. Zumindest anteilig. Er wollte neue Milliarden heben, kleinen Mitgliedsverbänden große Summen schenken – und sich selbst natürlich auch. Über eine zu gründende Tochtergesellschaft hätte er seine Zukunft golden absichern können. Laut der britischen „Times“ beabsichtigte Infantino, nach einem möglichen Ausscheiden als FIFA-Chef den Vorsitz der FIFA Forward Enterprise zu übernehmen

Doch dann das: In der Nacht zu Samstag knickte Infantino ein. Er gab seine umstrittenen Investorenpläne auf. Ihm, dem Alleinherrscher des Fußballs, an dessen aalglatter Aura bislang jeder Skandal folgenlos vorbeirutschte, war in dieser Woche alles um die Ohren geflogen. Dienstag sickerte sein Milliardenprojekt via „Times“ durch. Eine Welle der großen Wut und Solidarität gegen die Endstufe des Gianninismus brach los. Die UEFA, kein Verband, der das Ehrenamt dem Kommerz vorzieht, baute sich schnell geschlossen als mächtige Opposition auf. Drohte aggressiv mit Boykott aller FIFA-Turniere. Eine WM ohne viele der größten Nationalteams der Welt – ein Scherz, ein Schlag in die Magengrube des FIFA-Chefs. Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zogen nach der UEFA-Androhung eilig nach, dann Asien. Eine Mehrheit für Infantino war unmöglich.

Infantino schlägt aus luftiger Höhe auf

Die größte Spaltung der Fußballgeschichte trieb Infantino nun zurück auf den Boden. Er schlug aus luftiger Höhe auf. In diesen Sphären fühlte er sich unangreifbar. Die Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada hatte ihm noch einmal bewiesen, dass er tun und lassen kann, was er will. Empörung war zwar immer da, aber keine Folgen. Als Papiertiger standen ihm seine Kritiker gegenüber. Auch noch im Fall des US-Stürmers Folarin Balogun, der nach Einflussnahme von US-Präsident Donald Trump trotz Roter Karte eine Spielberechtigung erhielt.

Köster: UEFA muss starken Infantino-Widersacher aufbauen

Wie konnte nur passieren, dass Infantino scheiterte? Der süße Geschmack des gigantischen Geldes hatte ihm tüchtig die Sinne vernebelt. Der eigene Größenwahn flog ihm fatal um die Ohren. Seine Beteuerungen, es habe sich lediglich um eine Idee, um einen Vorschlag gehandelt, verhallten im Resonanzkörper der Empörung. Seine Glaubwürdigkeit hatte er seit Jahren Stück für Stück abgetragen. Und nun wirkte alles eben nicht mehr nur als ein Hirngespinst, sondern als eine seit langer Zeit vorbereitete Weltrevolution. Sogar der potenzielle Investor wurde benannt. Joshua Kushner aus dem Umfeld der Trump-Familie. Das hatte mindestens den Beigeschmack von Vetternwirtschaft. Die große Nähe von Infantino zu Trump wird nun sogar Thema im US-Kongress.

In der Nacht versuchte Infantino, den großen Schaden zu minimieren. Wachsweich erklärte er, natürlich ohne Einsicht, dass er weit über das Ziel hinausgeschossen hatte: „Nachdem wir uns alle Standpunkte aufmerksam angehört haben, ist deutlich geworden, dass das Projekt zu Spaltungen geführt hat, die – unabhängig vom Ausmaß der Unterstützung – nicht mehr im Interesse des ursprünglich angestrebten Ziels liegen.“ Das Ziel der FIFA sei es, stets zu vereinen und zu verbessern. „Daher wird dieser Vorschlag nicht weiterverfolgt“, betonte Infantini. Es sei seine Absicht, alle interessierten Parteien in den kommenden Tagen und Wochen „im Geiste des gemeinsamen Interesses an unserem Sport wieder zusammenzubringen, mit dem Ziel, den Fußball überall weiter voranzubringen, insbesondere in jenen Ländern, die unsere Unterstützung am dringendsten benötigen“. Eine verklausulierte Ankündigung (oder Drohung?), dass seine Pläne noch nicht endgültig ins Grab geschüttet werden.

Für Infantino könnte es ganz eng werden

Wie lange er die Dinge noch organisieren und orchestrieren darf? Darum wird es nun gehen. Er hat auf seinem Weg, den er schon zehn Jahre geht, so viele Werte des Fußballs verraten und den Ausverkauf vorangetrieben. Bei der WM machte er die verpflichtenden Hydration Breaks (Trinkpausen) zur Cashcow, die Halbzeitpause im Finale überdehnte er massiv, um eine gigantische Show mit Musik- und Fußballstars zu inszenieren. Das war Hollywood und nicht mehr Fußball. Bei den Fans im Stadion, die für ihren Besuch absurde Eintrittsgelder zahlen mussten, kamen die kommerzialisierten Veränderungen gar nicht gut an. Nach wenigen Spielen organisierte sich über alle Stadien hinweg ein kollektives Pfeifkonzert, wenn der Schiedsrichter zur Werbepause bat.

Unterhalb der mächtigen Funktionärsebene hatte Infantino ohnehin schon zuvor jeden Respekt, jeden Rückhalt verloren. Als er sich vor der WM in Katar plötzlich „arabisch, schwul und behindert“ fühlte, schüttelte die Welt den Kopf. Und hörte nicht mehr auf, wenn der Schweizer irgendwo auftrat und sprach. Es war einfach immer absurd. Und wurde absurder. Im vergangenen Jahr erdachte er sich einen Fantasiepreis (FIFA-Friedenspreis), um seinem Kumpel Trump eine Freude zu machen. Der war traurig, war empört, dass er den Friedensnobelpreis nicht erhalten hatte. Aber wozu gibt es den Gianninismus? Und zack, war der US-Präsident ein Friedensengel. Den allerdings niemand so richtig ernst nahm. Es war ein peinliches Buckeln, eine Shitshow.

Das hatte Infantino nicht erwartet

Im kommenden Jahr wird bei der FIFA gewählt. Und es wäre sehr wahrscheinlich gewesen, dass Infantino weiter an der Spitze bleibt. Sogar der Fall Balogun hätte ihm wohl nicht viel beschert als ein paar leichte Kratzer. Aber dass er das Herzstück des Spiels, die Weltmeisterschaft, anteilig an Investoren verkaufen wollte, das könnte ihn massiv beschädigt haben. Dass die FIFA dabei alles unter Kontrolle behalten wollte, dass es für die Fans keine Veränderungen gegeben hätte, das war fruchtlose Beschwichtigungen.

Der Druck auf Infantino steigt. Die Machtbasis bröckelt. FIFA-Betriebsdirektor Kevin Lamour warf Infantino vor, die Mitarbeiter hintergangen zu haben. Sie hätten Besseres verdient als Missachtung und Einschüchterung, hieß es in einem Schreiben, das der Nachrichtenagentur AP vorliegt. Zuvor war Carlos Cordeiro, ein hochrangiger Berater Infantinos, aus Protest gegen das Vorhaben zurückgetreten. Er hatte dies ebenfalls mit scharfer Kritik verbunden. Auch er betonte, an den Plänen nicht beteiligt gewesen zu sein. Dass zuvor so viele Verbände in so kurzer Zeit in die Ketten gingen, das hatte Infantino nicht erwartet. Das war nicht zu erwarten. Das Lockmittel Geld hatte seine ewige Anziehungskraft verloren. War an einer überraschenden Moral der Fußballwelt zerschellt. Wächst nun aus der Blitz-Opposition eine mächtige Option gegen den Boss persönlich?

Zögern die Gegner, bleibt Infantino mehr Zeit, um die Scherben aufzukehren – und womöglich sogar seine Macht über 2031 hinaus auszubauen. Als der Weltverbandsboss vor fünf Jahren eine Verkürzung des WM-Zyklus auf zwei Jahre forcierte und am Veto der Europäer und Südamerikaner scheiterte, ging er gestärkt daraus hervor.

Mit PSG-Boss Nasser al-Khelaifi soll einem Bericht des Magazins „Politico“ zufolge ein mächtiger Gegenkandidat zu Infantino aufgebaut werden. Auch wenn das Lager des Katari mauert und jegliche Ambitionen abmoderiert. Als Chef von Paris St. Germain ist Al-Khelaifi allerdings zumindest bei vielen Fußballfans nicht unumstritten. Sein mittlerweile erfolgreiches Milliardenprojekt steht für Kommerz und einen ebenfalls aberwitzigen Gigantismus. Aber: Im Streit um die ebenfalls höchst umstrittene Super League stand er an der Seite der UEFA und dessen Präsidenten Aleksander Ceferin, der als Organisator des angedrohten FIFA-Boykotts auch ein starker Mann im Kampf gegen Infantino sein könnte. Dass allerdings im Falle eines Infantino-Sturzes ein neuer Geist bei der FIFA einkehrt, der die Moral vor die Milliarden stellt, das scheint auch mit verändertem Personal abwegig.

Verwendete Quelle: ntv.de

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