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Startseite»Politik»Longevity in China – der Traum vom langen Leben
Politik

Longevity in China – der Traum vom langen Leben

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 3, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Stand: 03.08.2026 • 16:32 Uhr

Sterben in China ist teuer. Und die Longevity-Bewegung aus den USA trifft bei reichen Chinesen auf fruchtbaren Boden. Ein ganzer Industriezweig hofft auf Milliardenumsätze, wenn Chinas Superreiche altern.

Jörg Endriss

Auch nach dem Tod hat man mit hohen Lebenshaltungskosten zu kämpfen – mit leeren Händen im Jenseits dazustehen, ist keine gute Idee. So zumindest sieht es Frau Zhao in einem Dorf bei Heze in der ostchinesischen Provinz Shandong.

In der Region ist es üblich, die Verstorbenen drei Jahre nach ihrem Ableben mit einem großen Fest zu ehren – und sie mit allem auszustatten, was sie für den neuen Wohnsitz im Reich der Toten brauchen. Zhao hat dafür einen großen Stapel gefalteter Goldbarren gebastelt, für ihren Mann, der an Krebs gestorben ist.

„Die Welt auf der anderen Seite ist genauso wie unsere“, sagt sie. „Alles, was wir hier haben, brauchen sie dort auch. Und sie feiern auch Feste. Wenn ich meinem Mann kein Geld schicke, kann es sein, dass die anderen dort welches haben – aber er nicht.“

Ein voll ausgestattetes Haus fürs Leben nach dem Tod.

Im Jenseits kein Rundum-Sorglos-Paket

Frau Zhao hat ein spezielles Unternehmen für Totenbedarf beauftragt, alles Nötige für ihren Mann herzustellen – alles aus Pappe: Eine dreistöckige Villa, die Solarheizung inklusive, ein Auto, einen Kühlschrank gefüllt mit seinen Lieblingsgerichten, eine Waschmaschine – laut Energielabel mit niedrigem Verbrauch.

Nach einem großen Fest mit vielen Verwandten wird alles verbrannt und so dem Toten geschickt. Es ist eine Art, Verstorbenen Respekt zu bezeugen, man kann sich ihnen nahe fühlen, indem man sie beschenkt. Es zeigt aber auch die traditionelle Vorstellung im chinesischen Volksglauben: Das Jenseits ist kein Paradies mit einem Rundum-Sorglos-Paket.

Wohl auch deshalb ist der Wunsch lange oder ewig zu leben stark in der chinesischen Kultur verankert. Legenden über Langlebigkeitselixiere und steinalte Mystiker haben eine lange Tradition. Die trifft nun auf einen Trend, der aus den USA nach China herüberschwappt: Longevity. Das bedeutet, alle möglichen Mittel einzusetzen, die tatsächlich oder vermeintlich die Lebenszeit verlängern.

Longevity-Trend aus den USA

In den USA verdienen Influencer damit ein Vermögen. Ein ganzer Industriezweig ist entstanden, um reichen Kunden alle möglichen Apparate und Therapien zu verkaufen. Nun auch in China.

Wu Xunwen hat den Morgen in seinem Apartment in einem Luxuswohnblock in der Handelsmetropole Shanghai mit Gymnastik begonnen – dabei trägt er eine Atemmaske mit einem Schlauch, der an ein Sauerstoffgerät angeschlossen ist. Der 48-Jährige ist Unternehmer, betreibt eine Online-Verkaufsplattform und besitzt mehrere Immobilien in Shanghai.

In seinem Wohnblock gibt es keinen vierten Stock – die Zahl vier klingt auf Chinesisch so ähnlich wie Tod. Quadratmeterpreise von 25.000 Euro sind hier normal. Seit einiger Zeit ist Wu Kunde bei einem Unternehmen, das ihm Therapien für ein langes Leben verspricht – eine so genannte Langlebigkeitsklinik.

Das Sauerstoffgerät soll den Atemluftmix in verschiedenen Höhen, bis 5.000 Meter über dem Meeresspiegel, simulieren. „Die verschiedenen Sauerstoffsättigungen reinigen meine Blutgefäße wie ein Hochdruckreiniger“, glaubt er. Danach gibt es einen bunten Mix aus Pillen, zumeist Nahrungsergänzungsmittel. „Ich lasse dann meine Blutwerte kontrollieren und finde heraus, was mir hilft“, erklärt er.

Sauerstoff- und Kältekammern für ein langes Leben

Dafür fährt er regelmäßig in die Langlebigkeitsklinik des Unternehmens Timepie. Wu wird hier freudig begrüßt, er ist ein guter Kunde. Regelmäßig bekommt er hier Ernährungstipps, Bluttests und lässt seinen Gesundheitszustand überwachen. Lange Schlafen sei wichtig, referiert Wu, und man dürfe nicht zu spät vor dem Schlafengehen essen oder trinken.

Dazu kommt die Therapie mit Apparaten, die für die Gesundheit förderlich sein sollen: die Kältekammer, in der man sich ein paar Minuten bei -100 Grad aufhalten soll. Oder eine eigene Sauerstoffkammer. Die All-Inclusive-Mitgliedschaft kostet dann pro Jahr umgerechnet 300.000 Euro.

Manche Kunden wollen gleich die Ausrüstung für zu Hause. „Es sind reiche Chinesen, die unsere Apparate kaufen, manchmal ohne sie gesehen zu haben“, sagt eine Marketingmanagerin. Dabei kostet bereits eine kleine Sauerstoffkammer etwa 60.000 Euro. Ein Unternehmer, der anonym bleiben will, habe sogar sein ganzes Büro umgebaut und als Sauerstoffkammer eingerichtet.

Ein Partnerunternehmen der Langlebigkeitsklinik verkauft praktischerweise gleich die Anlagen. Den Gentest für den Einstieg in das Langlebigkeits-Programm gibt es für ein paar Tausend Euro.

China setzt auf die „Silver Economy“

Chinas Gesellschaft altert rapide. Dazu gehört die Generation, die im Laufe von Chinas wirtschaftlichem Aufstieg sehr reich geworden ist. Chinas Staatsführung hat die so genannte Silver Economy ganz offiziell zum künftigen Wachstumstreiber für die lahmende Wirtschaft erklärt. Die Beratungsgesellschaft KPMG schätzt, dass sich das Marktvolumen bis zum Jahr 2035 etwa verachtfachen dürfte, auf umgerechnet etwa 600 Milliarden Euro.

Auf die alternde superreiche Oberschicht setzt auch Timepie-Vizedirektorin Gan Yu. „Wir merken, dass der Markt immer größer wird. Immer mehr Unternehmen eröffnen Langlebigkeitskliniken. Pharmaunternehmen setzen andere Ziele für die Entwicklung von Medikamenten, statt etwa Herzinfarkte zu behandeln, sollen künftig die Folgen des Alterns gelindert werden.“

Dass das Thema auch in der alternden, kommunistischen Führung angekommen ist, hat sich im vergangenen Jahr gezeigt. Während eines Besuchs von Russlands Präsident Wladimir Putin in Peking hatten TV-Mikrophone einen Satz aus dem Gespräch mit Präsident Xi Jinping eingefangen, die darüber sprachen, dass man vielleicht bald durch moderne Medizintherapien und Organtransplantationen bis zu 150 Jahre leben könne.

Witwe Zhao ehrt ihren verstorbenen Mann mit Haus, Auto und seinen Lieblingsgerichten.

Breite Lücke zwischen Arm und Reich

Für Menschen wie in dem Dorf bei Heze, die ihre Toten mit den materiellen Dingen ausstatten, sind solche Therapien weit weg. Auf dem Land haben Menschen eher Schwierigkeiten, sich die Behandlung zu leisten, wenn sie schwer krank werden.

Bei der Totengedenkfeier findet ein Nachbar von Witwe Zhao tröstende Worte, während ein Papp-Auto aufgebaut wird, um es für den Toten zu verbrennen. „Mancher mag zu Lebzeiten kein Auto gehabt haben – aber dann schicken wir ihm eins ins Jenseits.“

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Dr. Heinrich Krämer
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