Die neuen Sport-Helden in Serien wie „Ted Lasso“ oder „Off Campus“ sind sensibel und verletzlich. Diese neuen Männerbilder sind Ausdruck eines Kulturkampfes – mitten auf dem Spielfeld der Popkultur.
Ein US-amerikanischer College-Football-Coach, der einen englischen Profi-Fußballverein trainieren soll? Die Serie „Ted Lasso“ erzählt von einem Trainer, der Erfolg ganz anders definiert, als es im Profi-Fußball üblich ist: „Für mich hat Erfolg nichts mit Gewinnen oder Verlieren zu tun. Ich möchte diesen jungen Männern helfen, die beste Version von sich selbst zu sein. Auf dem Spielfeld und außerhalb“, sagt er.
Ted Lasso ist besonders – nicht nur, weil er mit seinem ausladenden Schnauzbart und seinen Hemdkrägen aussieht wie der biedere Nachbar der gelben Simpsons-Familie. Er ist ein emotional verfügbarer Mann, der durch Aufmerksamkeit und Zuwendung zum Erfolg kommen möchte, nicht durch spartanische Disziplin und drakonische Trainingseinheiten. Und das in einer der für manche männlichsten Angelegenheiten der Welt: dem Fußball.
Letzlich geht es zwar doch ums Gewinnen, aber in „Ted Lasso“ ist der Weg zum Sieg weniger macho-artig.
Ehrgeiz und emotionale Offenheit machen den „neuen Mann“ aus
In Medien und Popkultur steht für dieses Verhalten die Idee des „neuen Mannes“ – kein soziologischer Begriff, sondern ein kulturelles Leitbild. Traditionell männliche Eigenschaften werden nicht ersetzt, sondern erweitert. Zum Ideal werden Männer, die weiterhin erfolgreich, ehrgeizig und durchsetzungsstark sind, genauso aber emotionale Offenheit, Selbstreflexion und Bindungsfähigkeit zeigen.
Bei aller Verfügbarkeit, Erfolge feiern will Ted Lasso trotzdem – ebenso wie sein Team und die Fans. Dass die Serie jetzt in die vierte Staffel startet, zeigt, dass diese Figur für das Publikum langfristig interessant ist, vielleicht sogar ein Vorbild.
Heißer Sex und kaltes Eis
Auch „Heated Rivalry“ lässt vor dem Hintergrund des Machosports Eishockey eine ungewöhnliche Geschichte ablaufen. Der kanadische Eishockey-Shooting-Star Shane Hollander geht eine Beziehung mit seinem Konkurrenten, Ilya Rozanov, ein. Ähnlich körperlich wie auf dem Eis geht es auch beim Sex zur Sache. Die beiden müssen erst noch lernen, ihre Gefühle anders auszudrücken.
Die Serie macht ein bis heute wirksames Tabu im Profisport sichtbar: offen gelebte Homosexualität. Der Konflikt der Geschichte speist sich gerade daraus, dass beim sehr maskulinen Eishockey die vermeintliche emotionale Verwundbarkeit unter der Schutzausrüstung wachgeküsst werden möchte.
Eishockey als Basis für eine Romance-Serie: Szene aus „Hated Rivalry“
Das Publikum ist weltweit begeistert, ein Überraschungshit. Dem klassischen Männlichkeitsbild entspricht diese Serie nur teilweise. Und nicht nur queeren Menschen, sondern auch vielen heterosexuellen Frauen gefällt das. Ungewöhnlich für eine Sportserie, wenn auch nicht für das darunterliegende Erzählschema der Romanze.
Außen hart und innen ganz weich
Auch „Off-Campus“ spielt mit Eishockey als Chiffre für harte Männlichkeit. Eine begabte Studentin verliebt sich nämlich ausgerechnet in den Kapitän des Eishockey-Teams. Die Helden der Serie sind zwar typische attraktive Leistungssportler, sie sind aber emotional zugänglich und lernfähig. Der harte Eishockeyspieler braucht inzwischen mehr als Helm und Protektoren. Aufgerüstet mit Gefühlen und Empathie betritt der „neue Mann“ das Eis.
„Off Campus“ basiert auf einer erfolgreichen New-Adult- und Sports-Romance-Reihe von Elle Kennedy. Übrigens ist auch „Heated Rivalry“ eine Adaption. In diesen Genres entsprechen die männlichen Figuren einem Wunschbild.
Manosphere vs. der „neue Mann“
Ob Fußballcoach, sich begehrende Eishockeyrivalen oder College-Sportler. In diesen Serien stehen nicht die altbekannten zynischen Anti-Helden im Mittelpunkt, die ihre Macht durch Arroganz und Machogehabe unterstreichen. Die Entwicklung wirkt deshalb so frisch, weil die Serienlandschaft lange von schwierigen und fragwürdigen Männerfiguren geprägt war.
Diese Entwicklung wirkt zunächst überraschend. In vielen Dokumentationen und Berichten arbeiten Journalisten und Forscher heraus, dass gerade die junge männliche Generation mehr und mehr in den Bann hypermaskuliner Online-Influencer gerät. Die “Manosphere“ ist der Sammelbegriff für das Ausleben von übersteigerter Männlichkeit; häufig eben in den sozialen Medien, aber auch darüber hinaus.
Bekanntestes Beispiel dafür sind die Tate-Brüder, gegen die seit Jahren unter anderem wegen Menschenhandels und Vergewaltigung ermittelt wird. Zuletzt wurden sie in Florida festgenommen. Großbritannien fordert ihre Auslieferung wegen neuer Vorwürfe.
Zwei Antworten auf männliche Verunsicherung
Es ist die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Während Streaming-Serien emotionale, verletzliche Männer als Helden erzählen und das neue Männerbild mit großer Nachfrage verkauft bekommen, erzielen Influencer der Manosphere mit toxischem Rollenverständnis riesige Reichweiten.
Beides kann letztlich Ausdruck derselben Verunsicherung sein, wenn es um ein infrage gestelltes Männlichkeitsbild geht. Die Manosphere verspricht die Wiederherstellung eindeutiger, patriarchaler Hierarchien. Die Serien versöhnen das Bild eines als stark begriffenen Mannes mit dem Ideal von Gleichberechtigung, weil er eben emotional zugänglich ist.
Der „Neue Mann“ als Supermann
Anstelle eines echten neuen Mannes oder eines wirklich neuen Körperbildes handelt es sich vor allem bei „Heated Rivalry“ und „Off Campus“ um eine Erweiterung des immer noch vorherrschenden Ideals. Verletzlichkeit ist kein Manko, sondern sie macht attraktiver. Der neue Serienmann wird zum Supermann, in dem er nicht nur mächtig, muskulös und erfolgreich ist, sondern auch über seine Gefühle spricht.
