Wenn Flüsse kaum noch Wasser führen, trocknen Auen aus, Grundwasserreserven schrumpfen und Schadstoffe aus dem Abwasser treten konzentrierter auf. Fachleute fordern ein neues Wassermanagement und mehr Klimaschutz.
Das Ökosystem der Auen lebt vom Wechsel zwischen hohen und niedrigen Wasserständen. Steigt ein Fluss an, werden Altarme und flache Auengewässer überflutet; bleibt der Pegel lange niedrig, können sie verlanden oder austrocknen. Das verbliebene Wasser in den Auen erwärmt sich, enthält weniger Sauerstoff und bietet Tieren und Pflanzen schlechtere Bedingungen.
Christian Damm forscht am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zur Auenökologie. Er sagt: „Wenn das Wasser im Rhein zurückgeht und die Auen sozusagen ausgetrocknet werden, dann bedeutet das, dass denen das wesentliche Lebenselixier fehlt.“ Ein trockener Sommer sei am Oberrhein zwar nicht ungewöhnlich. Problematisch werde es, wenn Hitze und Wassermangel häufiger auftreten.
Der Auwald verändert sich
Besonders gefährdet sind Amphibien. Trocknet ein Laichgewässer zu früh aus, können sich Amphibienlarven wie Kaulquappen nicht vollständig entwickeln und sterben. Auch Fische, Muscheln und Libellenlarven verlieren Nahrung und Rückzugsräume.
Ebenso leiden Bäume wie Silberweiden und Schwarzpappeln. Folgen mehrere Dürrejahre aufeinander, sterben sie ab; Vögel verschwinden. Die Lücken besetzen dann andere trockenresistentere Arten. So verändert sich die Gemeinschaft aus Pflanzen, Tieren und Pilzen. Wie der Auwald der Zukunft aussehen wird, lasse sich kaum vorhersagen, sagt der Auenökologe.
Folgen für den Menschen
Auen sind nicht nur Lebensräume. Sie haben auch Funktionen: Sie kühlen ihre Umgebung, halten Hochwasser zurück und speichern Feuchtigkeit. Pflanzen, Böden und Mikroorganismen filtern zudem Nähr- und Schadstoffe. Laut Bundesumweltministerium sind intakte Auen deshalb wichtig für Grundwasserbildung, Hochwasserschutz und Klimaanpassung. Fehlt ihnen Wasser, können sie das nicht mehr leisten.
Für Christian Damm zeigen sie daher eine größere Herausforderung auf: „Das Wasserproblem ist ein Problem auf jedem Quadratmeter unserer Landschaft.“ Wälder, Wiesen und Felder außerhalb der Auen seien oft noch weniger gegen Trockenheit und damit sinkendes Grundwasser gewappnet.
Trinkwasser unter Druck
Sinkendes Grundwasser und niedrige Flusspegel sind zwar nicht dasselbe. Häufig haben sie aber dieselbe Ursache: zu wenig Niederschlag und hohe Verdunstung. Andauernde Niedrigwasserstände können die Trinkwasserversorgung einschränken, schreibt zum Beispiel das Umweltministerium in Baden-Württemberg.
Bislang keine flächendeckende Knappheit
Jedoch können regional Vorräte sinken, private Brunnen austrocknen und Wasserversorger an ihre Fördergrenzen kommen.
Der Wissenschaftler aus Karlsruhe erklärt: „Wir werden nicht verdursten, das ist nicht das Problem. Aber die Wasserverfügbarkeit wird schlechter werden.“ Tiefere Brunnen sichern die Versorgung durch Grundwasser oft noch. Pflanzen aber erreichen tiefer liegendes Grundwasser irgendwann nicht mehr. Zugleich wächst die Konkurrenz zwischen Trinkwasserversorgung, Landwirtschaft und Industrie.
Gereinigtes Abwasser wird schlechter verdünnt
Niedrigwasser in Flüssen wird auch bei der Abwasserreinigung zum Problem. Kläranlagen arbeiten weiter und leiten das gereinigte Wasser in Flüsse und Bäche ein. Bei niedrigen Pegeln fehlt dort jedoch Wasser, dann treten Reststoffe aus dem Abwasser wie Stickstoff, Phosphor oder Arzneimittelrückstände in höheren Konzentrationen auf: „Bei Niedrigwasser wird das gereinigte Abwasser weniger verdünnt, wodurch Nährstoffe das Algenwachstum fördern und den Sauerstoffhaushalt belasten können“, erklärt Manfred Kleidorfer, Professor für nachhaltige Entwicklung urbaner Wasserinfrastruktur an der Universität Innsbruck.
Die Abwasserentsorgung funktioniere zwar weiter. Fällt ein Gewässer aber fast trocken, können die Reststoffe Tiere und Pflanzen stärker belasten. In kleinen Flüssen kann gereinigtes Abwasser dann einen großen Teil des vorhandenen Wassers ausmachen.
Winterwasser für trockene Sommer
Die Probleme in Auen, Flüssen und Grundwasser hängen zusammen. Für den Auenökologen Damm liegt ein Teil ihrer Lösung darin, Wasser länger in der Landschaft zu halten, statt es im Winter schnell abzuleiten. „Die gute Nachricht ist, wir haben im Winter sehr viel Wasser und zunehmend Wasser. Das heißt, wir müssen einfach lernen, diesen Wasserhaushalt über das Jahr besser zu verteilen“ – auch über die Jahreszeiten hinweg.
Dafür könnten Gräben aufgestaut, Wiesen vernässt und alte Nebenarme wieder angeschlossen werden. Der KIT-Forscher fordert von Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Wasserwirtschaft und öffentlicher Hand zeitnah zusammen und regional übergreifend zu handeln.
„Am Ende ist die Wärme das Problem“
Ein besseres Wassermanagement könne die Folgen von Niedrigwasser und fehlendem Grundwasser zwar abmildern, aber nicht die Ursache beseitigen. „Am Ende ist nicht das Wasser das Problem, sondern natürlich die Wärme“, sagt Damm. Denn höhere Temperaturen verstärken die Verdunstung.
„Die Dekarbonisierung ist letztlich das Stichwort“, sagt der Forscher aus Karlsruhe: Ohne den Ausstieg aus fossilen Energien werde sich auch das Wasserproblem nicht dauerhaft lösen lassen.
