Vor fast 40 Jahren beschlossen die Italiener per Volksentscheid den Ausstieg aus der Atomkraft. Nun treibt Regierungschefin Meloni den Wiedereinstieg voran. Doch ob es dazu kommt, ist alles andere als sicher.
An der Küste von Montalto di Castro, etwa 120 Kilometer nördlich von Rom, ragen Betonzylinder und verwaiste Schornsteine in den Himmel. Fast fünf Milliarden Dollar hat dieser Komplex einmal gekostet, er sollte Italiens modernstes Atomkraftwerk werden.
Doch als die Reaktoren fast fertig waren, beschloss Italien 1988 per Volksentscheid den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie. Der Koloss in Montalto wurde umgebaut, eine Zeitlang als Öl- und Gaskraftwerk genutzt, heute stehen auf dem Areal riesige Photovoltaikanlagen.
Meloni will Abhängigkeiten verringern
Das Areal ist ein Sinnbild für Italiens Zickzack-Kurs in der Energiepolitik. Denn Ministerpräsidentin Giorgia Meloni möchte die Atomkraft jetzt zurückholen. Italien solle auf diese Weise nicht nur die Vorgaben des europäischen Green Deal besser erfüllen, sondern auch unabhängiger in Energiefragen werden. Ziel sei langfristig ein Mix aus verschiedenen Energieformen, so Meloni.
Italien hat derzeit mit die höchsten Energiepreise Europas, auch weil das Land stark von Gasimporten abhängig ist. Das gefährdet seine Attraktivität als Industriestandort.
Durch die Blockade der Straße von Hormus im Nahen Osten hat sich die Situation zuletzt weiter zugespitzt. Italiens Vizepremier Matteo Salvini argumentiert, er wolle dafür sorgen, dass Bürger und Unternehmen demnächst wieder vollere Geldbeutel hätten.
Regierung und Parlament stehen hinter Projekt
Italiens Regierungskoalition steht geschlossen hinter dem Projekt: Im Juni hat die Abgeordnetenkammer ein entsprechendes Rahmengesetz für den Wiedereinstieg in die Atomenergie mit 155 zu 86 Stimmen verabschiedet – es gilt als sicher, dass die zweite Kammer, der Senat, auch zustimmt.
Dann ist der Weg frei für weitere Schritte, bei denen es aber zunächst um ein rechtliches Rahmengerüst geht. Das Projekt ist komplex und langwierig, Italiens Umweltminister Picchetto Fratin rechnet vor, dass erste Reaktoren frühestens in acht bis neun Jahren betriebsbereit wären.
Experte geht von 20 Jahren aus
Experten wie Nicola Amaroli, Forschungsdirektor am staatlichen italienischen Forschungsrat CNR, gehen von noch deutlich längeren Fristen aus. Die alten Reaktoren könnten nicht mehr genutzt werden, Italien müsse alles von Grund auf aufbauen.
Italiens Regierung hat angekündigt, beim Atomeinstieg auf sogenannte SMRs – Small Modular Reactors – zu setzen. Das sind sehr kleine Kernkraftwerke, die am Fließband in Fabriken vorgefertigt werden. Das Problem: Diese existieren derzeit fast nur als Prototypen.
„Es ist daher unrealistisch zu sagen, dass Italien seine Ziele früher als in 20 Jahren erreicht. Aber in diesen 20 Jahren, wird sich das Energiesystem noch stark ändern“, so Amaroli. Die Frage sei, ob jemand in Technologien investieren wolle, die in 20 Jahren veraltet sein könnten.
Italien gespalten
Drei bis sechs Milliarden Euro soll ein einziges SMR-Kraftwerk nach Einschätzung von Experten kosten. Doch selbst wenn man die Kosten über private Investoren decken könnte, wie Italiens Regierung es vorhat, gibt es nach Meinung Amarolis ein weiteres Problem: Italien ist in der Atomkraft-Debatte sehr gespalten.
Sollten die politischen Machtverhältnisse sich irgendwann ändern oder ein Volksentscheid die Entwicklung stoppen, könnte Italiens Atomenergie-Pläne ähnlich enden wie 1988 in Montalto di Castro.

