Im Jemen nimmt die Gewalt wieder zu, zudem greifen die Huthi inzwischen fast täglich Schiffe im Roten Meer vor Saudi-Arabien an. Wird aus dem jemenitischen Bürgerkrieg und dem Iran-Krieg nun ein zusammenhängender Konflikt?
„Tod Amerika, Tod Israel“: Mit Parolen und Marschmusik geben sich die Huthi in Jemens Hauptstadt Sanaa kämpferisch. Massenaufmärsche sollen Stärke demonstrieren. Ein Anhänger erklärt, man sei zusammengekommen, um seine Bereitschaft zu zeigen, anzugreifen – wo immer die Führung es wolle.
Der Krieg im Jemen ist neu aufgeflammt: Vor einigen Wochen beschoss Saudi-Arabien den Flughafen Sanaas und tötete wichtige Mitglieder der Miliz, nun gehen die Huthi mit großer Aggressivität gegen die Truppen der international anerkannten Regierung im Jemen vor, die von Saudi-Arabien unterstützt wird.
Bei Überraschungsangriffen der Huthi am Donnerstag starben mehr als 50 Regierungssoldaten. Bei Drohnenangriffen in Saudi-Arabien wurden mehrere Zivilisten verletzt. Zahlreiche saudische Frachter wurden im Roten Meer angegriffen, mindestens ein Schiff ist bereits gesunken.
Und die Huthi drohen Saudi-Arabien offen mit weiterer Eskalation. Man warne „den kriminellen saudischen Feind, irgendeine Dummheit gegen unser Land zu begehen“, so ein Huthi-Sprecher. Saudi-Arabien werde „die Konsequenzen jeder Eskalation zu tragen haben“, fügte der Sprecher hinzu und riet seinen Landsleuten, in die Heimat zurückzukehren – „bevor es zu spät ist“.
Kommt es zu einer „Einheit der Schlachtfelder“?
Saudi-Arabien rechnet mit einem neuen Krieg: Es könnte zu koordinierten Angriffen auf zivile und wirtschaftliche Einrichtungen kommen, heißt es aus dem Königreich – von irakischen Milizen zusammen mit den Huthi unter Anleitung von Iran. Denn beide Akteure sind mit Iran verbündet.
„Wir sprechen hier von der ‚Einheit der Schlachtfelder‘, die sich von einer rein geografischen Abstimmung hin zu einer operativen Koordination entwickelt hat“, sagt Lika Mikki, politischer Forscher am Doha Institut. „Das heißt, sie agieren nun gemeinsam. Ich weiß, dass die Hisbollah die irakischen Milizen ausgebildet hat. Und Berichten zufolge hat sie auch die Huthi im Jemen ausgebildet – und zwar von Anfang an. Es gibt unter ihnen eine direkte Abstimmung. Und der Krieg hat diese Gruppen gestärkt.“
Die Huthi haben durchaus ihre eigene jemenitische Agenda, zeigen sich aber seit Jahren solidarisch mit Iran und anderen Mitgliedern der iranisch geführten Achse des Widerstands gegen Israel, zu der auch die Hamas im Gazastreifen zählt. Als der Gaza-Krieg ausbrach, begannen die Huthi, Schiffe im Roten Meer zu beschießen.
Ein Handelsschiff passiert eine internationale Schifffahrtsroute vor der jemenitischen Insel Hanish im Roten Meer. Ist nun auch dieser Transportweg in Gefahr?
Zurückhaltung mit Absicht?
Welchen Einfluss hat Iran auf die Huthi, und welche Interessen verfolgt die Miliz selbst? Da gehen die Meinungen von Experten auseinander. In den vergangenen Monaten war es auffällig ruhig geworden um die Miliz im Jemen. In der Stunde existentieller Bedrohung des iranischen Regimes, zu Beginn des US-geführten Krieges gegen Teheran, hielten sich die Huthi zurück.
„Die Huthi sind eng mit Iran verbündet und haben sich bislang zurückgehalten – wohl für den Moment, in dem Iran sie am dringendsten benötigt“, so Elisabeth Kendall von der Cambridge University bei France24 schon vor Wochen. „Denn sollte es zu einem gleichzeitigen Versuch kommen, den Handel und die Ölexporte abzuwürgen, durch die Huthi auf der einen Seite der Arabischen Halbinsel und die Iraner auf der anderen, würde dies massiven Druck auf die USA und ihre internationalen Verbündeten ausüben.“
Passiert jetzt genau das? Die Huthi drohen, Bab al-Mandab, die zweite umkämpfte Meerenge in der Region zu blockieren. Saudi-Arabien sieht in den Huthi eine Bedrohung des Ölexports. Seit die Straße von Hormus weitgehend blockiert ist, hat der reiche Golfstaat alternative Exportrouten aufgebaut: Das Öl wird mit einer Pipeline zum Roten Meer gepumpt und dort am Hafen Yanbu verschifft. Ausgerechnet nahe dem Hafen griffen die Huthi kürzlich an.
Neben der Straße von Hormus ist auch Bab al-Mandab eine wichtige Meerende in der Region.
Ein „lebenswichtiger Durchgang“
Durch die Probleme bei der Straße von Hormus sei das Rote Meer mittlerweile eine entscheidende Exportroute, sagt Elisabeth Kendall. Die Rohölexporte über den Hafen von Yanbu am Roten Meer hätten sich seit dem vergangenen Jahr vervierfacht. „Riesige Rohöltanker transportieren auf dieser Route nun sechsmal mehr Öl als zuvor.“
Weil diese riesigen Tanker den Suezkanal nicht passieren könnten, seien sie gezwungen, die Meerenge Bab al-Mandab zu nutzen. „Sollten die Huthi-Rebellen diesen lebenswichtigen Durchgang blockieren, hätte dies drastische Auswirkungen auf die Ölversorgung“, sagt Kendall. „Die Huthi verfügen hier über ein erhebliches Druckmittel.“
Die gefährlichste Waffe: Sprengboote
Auch wenn man sie militärisch nicht überschätzen sollte, hätten die Huthi doch gefährliche Methoden, sagen Militärbeobachter. „Unbemannte, schnelle Sprengboote sind die zerstörerischsten Waffen, die die Huthis besitzen“, sagt der ehemalige jemenitische Brigadegeneral Yasser Saleh aus Aden.
Die Huthi verfügten zwar über ballistische Boden-See-Raketen und über Drohnen, aber diese hätten nicht die gleiche Zerstörungskraft wie ein Sprengboot, das bis zu einer Tonne Sprengstoff an Bord haben könne, erklärt Saleh. Es ist ein asymmetrischer Krieg in der Region, in dem jetzt auch die Huthi verstärkt mitmischen.
Saudi-Arabien hat nun eine Militärallianz mit der Türkei und Pakistan geschmiedet, um sich starke Verbündete an die Seite zu holen. Ein bewaffneter Angriff auf einen der drei Staaten werde als Angriff auf alle drei gewertet, hieß es – möglicherweise auch mit Blick auf den Jemen.
Eine weitere Front
Die Huthi hatten den bitterarmen Jemen 2014 förmlich überrannt und in einen Bürgerkrieg gestürzt. Seit mehr als zehn Jahren kämpft die Miliz gegen die international anerkannte Regierung, die Hilfe aus Saudi-Arabien erhält. Der Krieg stürzte Millionen Jemeniten ins humanitäre Elend.
Seit 2022 galt eine informelle Waffenruhe. Die Huthi regieren die von ihnen kontrollierten Landesteile mit harter Hand und sollen von Iran und seinen Verbündeten mit Waffen und Trainings unterstützt worden sein.
Das Wiederaufflammen des Konflikts im Jemen – es ist eine weitere Front in einem undurchschaubaren Krieg in Nahost, dessen Ende völlig offen ist.

