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Startseite»Politik»Vor 70 Jahren: Das Unglück von Marcinelle veränderte Europa
Politik

Vor 70 Jahren: Das Unglück von Marcinelle veränderte Europa

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerAugust 8, 2026Keine Kommentare4 Minuten Lesezeit
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Stand: 08.08.2026 • 10:49 Uhr

Am 8. August 1956 ereignete sich im belgischen Marcinelle eines der schwersten Grubenunglücke Europas. 262 Bergleute aus zwölf Nationen starben. Das Unglück beeinflusste auch die Entwicklung hin zur EU.

Andreas Meyer-Feist

Das Unglücksbergwerk „Bois du Cazier“ ist heute Museum, Gedenkort und Weltkulturerbe. Das Unglück im belgischen Marcinelle beeinflusste die Entwicklung der Montanunion, der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, bis hin zur modernen EU. Es löste diplomatische Krisen aus und beendete in weiten Teilen die Arbeitsmigration aus Italien, dem Land mit der größten Zahl an Opfern. Das Unglück gilt auch als Startpunkt für einen modernen europäischen Arbeitsschutz.

Mit dem letzten Aufzug nach oben

Die Bilder der wenigen Überlebenden gingen damals um die Welt. Ein belgischer Bergmann, der im „Tunnel des Todes“ überlebte, erzählt einem Fernsehreporter kurz nach seiner Rettung: „Um sieben Uhr morgens fuhr ich über den Hauptschacht in 1000 Meter Tiefe ein. Um 8 Uhr kamen immer noch Arbeiter mit dem Aufzug runter. Ich rief: ‚Fahrt sofort wieder hoch, da ist was passiert.‘ Ich fuhr mit, alles war voller Rauch, ich erstickte fast. Später sagte man mir: ‚Du bist mit dem allerletzten Lift nach oben gekommen'“.

Die Bilder aus Marcinelle bildeten einen krassen Gegensatz zum gefeierten neuen Europa, das gerade politisch entstehen sollte – in der Zeit des Wirtschaftswunders voller Glanz, Nierentisch-Modernität und scheinbarer Sicherheit.

Unglück zeigte Schwächen des EU-Vorläufers

Das jedenfalls versprachen die Gründer der wenige Jahre zuvor etablierten Montanunion: Ein eher wirtschaftlich ausgerichtetes Zweckbündnis von sechs europäischen Staaten, zu denen auch Deutschland gehörte.

Über einen gemeinsamen Kohle- und Stahlmarkt sollte Europa ökonomisch schlagkräftig und vor allem modern werden. Die Wirklichkeit sah oft noch anders aus. Das zeigte sich in Marcinelle zum Entsetzen der Wiederaufbau-Europäer, die sich schon in hochmodernen Verhältnissen wähnten.

Unter Tage herrschte fast noch das Mittelalter: Knieend oder liegend mussten die Kumpel mit Spitzhacken die Kohle direkt aus dem Gestein brechen. Damit nicht alles sofort einstürzte, wurden die Hohlräume wie Jahrhunderte zuvor mit trockenem Holz abgestützt. Das fing schnell Feuer – wie am Morgen des 8. August.

Ein Bergmann hatte eine volle Kohle-Lore in den Lastenaufzug geschoben. Weil die Kommunikation nach oben nicht klappte, fuhr der Aufzug zu früh an, die Lore war aber noch nicht ganz drin. Überstehende Teile rissen Strom- und ölgefüllte Hydraulikleitungen ab. Nach einem Kurzschluss entstand Feuer.

Die meisten Opfer Italiener – und ein lange unbekannter Deutscher

136 Italiener, 95 Belgier und Arbeiter aus zehn weiteren Nationen starben, vor allem an Kohlenmonoxid-Vergiftungen. Auch Deutsche waren unter den Opfern. Einer von ihnen, Reinhold Heller, konnte erst im vergangenen Jahr identifiziert werden, nachdem er längst in einem anonymen Gemeinschaftsgrab beigesetzt worden war. Über viele Umwege und mit Hilfe des Auswärtigen Amtes fand man noch Angehörige.

Seine beiden Halbschwestern waren schon gestorben. Aber ihre Kinder lebten noch. Sie gaben DNA-Proben. Nach einer Exhumierung und einem DNA-Abgleich gab es dann Gewissheit für die Angehörigen. Heller kam aus dem Sudetenland, kam als Kriegsgefangener nach Belgien, wollte nicht zurück ins kriegszerstörte Deutschland, sondern in Belgien einen Neuanfang. In Marcinelle zeigte sich die turbulente europäische Geschichte.

Marcinelle änderte den Blick auf ein gemeinsames Europa

Das Grubenunglück trug aber auch zum Umdenken bei. Ohne die Ereignisse in Marcinelle hätte sich Europa politisch vielleicht etwas anders entwickelt. Vor dem Unglück zählte nur der wirtschaftliche Erfolg, den eine gemeinsamen europäische Politik versprochen hatte. Dass man vielleicht auch mehr miteinander tun kann, stand noch nicht zur Debatte. Marcinelle änderte den Blick. Die künftige europäische Gemeinschaft sollte nicht nur mit Kommerz, Aufstieg und Gewinn verbunden sein.

Nach dem Unglück wurde auch die soziale Sicherheit und die Unfallverhütung als europäische Aufgabe anerkannt. Damals wurde das Instrument der europäischen Mindeststandards etabliert. Als erstes wurden sie für Sicherheitsnormen unter Tage eingeführt.

Die Erfahrungen nach dem Unglück flossen auch in die Römischen Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ein, die noch heute die Basis für die EU bilden – mit einem Blick auf das „soziale Europa“. Zu sehen ist das heute noch, im ehemaligen Bergwerk von Marcinelle in der Nähe der belgischen Stadt Charleroi. Dort ist zu sehen, wie viele Europäer ohne Sicherheit schuften mussten – und was Europa daraus gelernt hat.

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