Exklusiv
Laut Sicherheitskreisen soll der mutmaßliche Anschlagsversuch am Flughafen Leipzig Parallelen zu der spektakulären Anschlagsserie auf Luftfrachtpakete aufweisen. Recherchen von WDR, NDR und SZ zeigen, wie schon damals Drohnen eine wichtige Rolle spielten.
Alexander Dobrindt zeigte nach dem mutmaßlichen Anschlagsversuch in Leipzig auf niemanden mit dem Finger. Und doch gab er einen Wink: „Fremde Mächte“, sagte der Innenminister von der CSU vor wenigen Tagen, könnten als Urheber nicht ausgeschlossen werden. Und wen Dobrindt damit indirekt meinte, wird immer klarer: Er meinte wohl Russland.
Dafür sprechen Einschätzungen aus Sicherheitskreisen sowie gleich mehrere Parallelen zu der Anschlagsserie im Juli 2024. Damals gingen Brandsätze in England, Polen und ebenfalls am Leipziger Flughafen in Flammen auf, versteckt zum Teil in Luftfracht-Paketen. Nur knapp entging der europäische Luftverkehr damals einer Katastrophe. Zwischen diesem Vorfall und dem aktuellen Drohnenalarm in Leipzig könnte es eine Verbindung geben.
Einsicht in polnische Ermittlungsunterlagen
So geht aus polnischen Ermittlungsunterlagen, die WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung (SZ) einsehen konnten, hervor, dass jenes Personennetzwerk, das damals Brandsätze in Luftfracht deponierte, auch Drohnenteile quer durch Europa transportierte – ebenso nach Deutschland. Damals schon spielten Konservendosen eine Rolle. Auch im aktuellen Fall von Leipzig soll an der Drohne eine mit hochexplosivem Sprengstoff gefüllte Konservendose befestigt gewesen sein. Wohl nur wegen eines defekten Zünders detonierte die Sprengladung nicht, die später in der Nähe mehrerer Transportmaschinen aus der Ukraine gefunden wurde.
Vor zwei Jahren, im Sommer 2024, soll laut Ermittlungen ein junger Ukrainer die Zündvorrichtungen in den Luftfrachtpaketen aktiviert haben. Zudem soll er in jenen Tagen Drohnenteile zwischen dem Baltikum, Polen und Deutschland transportiert haben. All das, so nehmen die Ermittler an, soll er im Auftrag des russischen Militärgeheimdienst GRU gemacht haben: Weitere „Wegwerf-Agenten“ wie der junge Ukrainer sollen dann die Aufträge ausgeführt haben. Als Wegwerf-Agenten bezeichnet der Verfassungsschutz Menschen ohne nachrichtendienstliche Ausbildung, die Straftaten im Auftrag eines ausländischen Geheimdienstes verüben.
Angeleitet worden seien sie unter anderem über Telegram von Mittelsmännern. Die Verantwortlichen sehen westliche Ermittler im russischen Geheimdienst.
Der Ukrainer hat den Transport in Polen zugegeben. Er erklärte aber, dass er nicht gewusst habe, dass er Zeitzünder aktiviert oder für den russischen Geheimdienst gearbeitet hätte. Anfragen an seinen Anwalt blieben zuletzt unbeantwortet. Moskau selbst hat jede Beteiligung an dem DHL-Plot bislang zurückgewiesen.
Sprengstoff in Maisdosen?
Aus den polnischen Ermittlungsunterlagen geht hervor, dass der junge Ukrainer im Auftrag eines Telegram-Kontakts namens „Warrior“ gehandelt haben soll. Im litauischen Kaunas soll er damals mehrere Maisdosen, Drohnen-Propeller und ein Gestell aus Plastikrohren ausgegraben haben, unter anderem auf einem Friedhof.
Die Gegenstände soll er nach Lodz in Polen gebracht haben, wo er sie in einem Gebüsch abgelegt haben soll. Umgerechnet 2.000 Dollar soll er für diesen Auftrag erhalten haben. In polnischen Ermittlungskreisen soll man nach Informationen von WDR, NDR und SZ früh den Verdacht gehabt haben, dass in den Maisdosen Sprengstoff gewesen sein könnte – und dass die einzelnen Teile womöglich zu einer fliegenden Bombe zusammengebaut werden sollten.
Wenige Tage später, am 12. Juli 2024, soll der junge Ukrainer noch einmal zu dem litauischen Friedhof gefahren und ein weiteres Gestell mit Plastikrohren und Drohnenpropeller ausgegraben haben. Dieses Paket sollte nun nicht nach Polen, sondern nach Deutschland gebracht werden. Insgesamt hatte er für seinen Auftraggeber dabei: das Gestell aus Kunststoffrohren, einen Drohnenpropeller, zwei Redmi-Telefone, fünf SIM-Karten des polnischen Anbieters „Play“ und ein Laptop-Ladegerät.
Als er an der polnisch-deutschen Grenze in eine Kontrolle geriet, schrieb ihm sein Telegram-Kontakt „Warrior“ nur kurz: „Scheiße“. Doch er wurde trotz der Propeller durchgewunken. „Warst Du nicht nervös?“, fragte „Warrior“. „Ich glaube nicht, dass sie irgendwelche Verdachtsmomente hatten“, soll der junge Ukrainer seinem Mittelsmann geantwortet haben.
Wenige Stunden später kam er in Düsseldorf an, wo er nach Vermutung der polnischen Ermittlungen auf weitere, bislang unbekannte Personen gewartet haben soll. Via Telegram erhielt er die Adresse und Buchungsdaten für ein Hotelzimmer in Düsseldorf: Dort legte er offenbar alles ab. Wenige Stunden später soll er den Ermittlungen und Chats zufolge den Auftrag bekommen haben, aus einem Gebüsch in der Nähe von Bahngleisen in Düsseldorf eine Plastiktüte mit weiteren Propellern aufzunehmen und nach Polen zu bringen. Vor Ort in NRW könnte es also bislang unbekannte Helfer gegeben haben.
Weitere Spuren in Deutschland
Es gibt im DHL-Fall noch weitere Spuren nach Deutschland. Neben dem jungen Ukrainer sollen zwei der insgesamt zehn Angeklagten im Fall der Luftfrachtpakete in den Tagen vor den Anschlägen in der Bundesrepublik gewesen sein. Mehrere Tage sollen die Männer in Frankfurt am Main verbracht haben. Anschließend sollen sie für ein paar Tage bei einem Bekannten in einem als Flüchtlingsunterkunft genutzten Hotel in Berlin untergekommen sein. Zusammen seien sie durch die Stadt gezogen.
Einer der Beschuldigten erklärte vor Gericht, es habe sich um Sightseeing gehandelt. Die deutschen Ermittler sollen diesen Hinweisen nachgegangen sein. Es gab 2024 und 2025 mehrere Durchsuchungen und Befragungen. Hinweise auf Straftaten fanden sie aber wohl nicht.
Der junge Ukrainer steht derzeit in Polen mit vier weiteren Tatverdächtigen wegen des sogenannten DHL-Plots vor Gericht. Auch in Litauen läuft ein Prozess gegen fünf mutmaßliche Mitglieder des Sabotage-Netzwerks. Insgesamt identifizierten die europäischen Ermittler mehr als 20 Tatverdächtige.
Russischer Militärgeheimdienst als Auftraggeber vermutet
Während im Laufe der Zeit mehrere mutmaßlich beteiligte sogenannte Wegwerf-Agenten im DHL-Fall festgenommen wurden, wird nach den Drahtziehern weiter gesucht. Das gilt auch für „Warrior“, hinter dem polnische Ermittler einen Mann namens Alexej K. vermuten. Alexej K. soll auch am Brandanschlag auf eine Ikea-Filiale in Litauen beteiligt gewesen sein. Als ein paar Monate nach den Anschlägen in Leipzig, Birmingham und Warschau das Konto mit dem Namen „Warrior2024Alpha“ wieder online ging, konnten die Ermittler die Spur zurück nach Krasnodar in Russland verfolgen: Sie habe zu Alexej K. geführt.
An der Spitze der Luftfracht-Operation vermuten westliche Sicherheitsbehörden zwei hochrangige Mitglieder aus dem Militärgeheimdienst GRU. Sie sollen die Schattenarmee der „Wegwerf-Agenten“ losgeschickt haben. Doch auch diese wurden bislang nicht gefasst.
