Aktuell wird ein Artikel verbreitet, der Windräder und Rechenzentren in räumlicher Nähe als kombinierte Gefahr für Wärme, Böden und Gesundheit darstellt. Anlass ist ein Beitrag über geplante Anlagen im Raum Korneuburg (Niederösterreich). Die Kernaussage ist aber allgemeiner formuliert: Windräder und Rechenzentren sollen sich bei Erwärmung und Infraschall gegenseitig verstärken.
Dafür gibt es keinen belastbaren Nachweis. Der Artikel nennt zwar reale physikalische Phänomene und einzelne Studienwerte, verbindet sie aber zu einer Kausalkette, die von den angeführten Quellen nicht gedeckt ist. Die zentrale These einer „potenzierten“ Wärme- und Infraschallgefahr ist nicht belegt.
Einzelne Effekte sind keine kombinierte Gefahr
Die entscheidende Frage lautet nicht nur, ob ein bestimmtes Projekt in Niederösterreich problematisch sein könnte. Sie lautet: Verstärken sich Windräder und Rechenzentren grundsätzlich, wenn sie nahe beieinanderstehen?
Genau diese Verallgemeinerung ist nicht belegt. Die vorliegenden Studien beschreiben einzelne Effekte von Windparks oder Rechenzentren, aber keine kombinierte Wärme- oder Infraschallwirkung beider Anlagen. Für die behauptete Verstärkung fehlen Standortdaten, gemeinsame Berechnungen zur Wärme- und Schallausbreitung sowie belastbare Gesundheitsdaten.
Das bedeutet nicht, dass lokale Prüfungen unnötig wären. Es bedeutet: Aus den genannten Studien folgt keine allgemeine Regel, nach der Windräder und Rechenzentren in räumlicher Nähe automatisch eine zusätzliche Wärme- oder Infraschallgefahr erzeugen.
Lokale Effekte werden überdehnt
Ein echter Kern der Behauptung ist: Windkraftanlagen können das bodennahe Mikroklima verändern. Sie erzeugen aber keine zusätzliche Wärme wie Heizungen. Der entscheidende Effekt ist die Durchmischung von Luftschichten.
Besonders in stabilen Nächten kann wärmere Luft aus höheren Schichten stärker nach unten gemischt werden. Am Boden kann es dadurch lokal messbar wärmer werden.
Wir haben diesen Unterschied bereits in einem eigenen Faktencheck erklärt: Windräder können nachts lokal wärmere Luft nach unten mischen, sie heizen aber nicht wie ein Ofen und belegen keinen Beitrag zur globalen Klimaerwärmung. – Heizen Windräder die Nacht auf? Was hinter der Studie wirklich steckt
Die im Artikel genannte Zahl von rund +0,7 Kelvin gilt nur für eine spezielle Modellrechnung: eine kurze Nachtsituation mit sehr ruhiger, stabil geschichteter Luft über einem vereinfachten Gelände. Sie beschreibt nicht den Durchschnitt einer ganzen Nacht, eines Jahres oder einer Region. Unter anderen Wetterbedingungen fiel der Effekt deutlich kleiner aus oder ging sogar in Richtung Abkühlung.
Auch die Aussagen zu Verdunstung und Bodenfeuchte werden überdehnt. Mehr Verdunstung bedeutet zunächst nur, dass mehr Energie dafür verwendet wird, Wasser zu verdunsten. Daraus folgt nicht automatisch, dass Windparks Böden dauerhaft austrocknen oder eine Region erwärmen. Ob ein relevanter Effekt entsteht, hängt unter anderem von Wetter, Boden, Bewuchs, Niederschlag, Landnutzung und Dauer ab.
Dasselbe gilt für Standortvergleiche. Der Artikel verweist auf Studien aus Texas und behauptete Parallelen zum Burgenland. Solche Vergleiche sind nur belastbar, wenn Messreihen, Kontrollgebiete und Methoden vergleichbar sind. Ohne saubere Analyse lässt sich nicht zeigen, welcher Anteil einer regionalen Temperaturentwicklung auf Windparks zurückgeht und welcher auf andere Ursachen wie Wetterlagen, Landnutzung oder regionalen Klimawandel.
Der Fehler liegt deshalb nicht zwingend in den Studien selbst. Problematisch ist die Interpretation: Einzelwerte aus speziellen Bedingungen werden als allgemeiner Beweis gegen Windenergie präsentiert. Dabei werden Größenordnung, räumliche Begrenzung, Unsicherheiten und der Unterschied zwischen lokalem Mikroklima und globaler Klimaerwärmung verwischt.
Rechenzentren werden falsch eingepasst
Auch bei Rechenzentren gibt es einen echten Ausgangspunkt. Große Rechenzentren verbrauchen viel Strom, geben Abwärme ab und können durch Kühltechnik Geräusche verursachen. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass sie zusammen mit Windrädern eine verstärkte Wärme- oder Gesundheitsgefahr erzeugen.
Die im Artikel genannten Werte zum sogenannten „Data Heat Island Effect“ stammen aus einem arXiv-Preprint. Untersucht wurde dort die Temperatur der Erdoberfläche, gemessen per Satellit, an vielen Standorten. Das ist nicht dasselbe wie die Lufttemperatur an einem konkreten geplanten Standort. Der Preprint belegt auch nicht, dass ein bestimmtes Rechenzentrum vor Ort genau diese Erwärmung verursacht.
Wichtig ist auch: Der Artikel vermischt unterschiedliche Größen wie Oberflächentemperatur, Lufttemperatur und Bodenfeuchte. Ohne gemeinsame Standortprüfung lassen sich diese Werte nicht einfach addieren.
Die Addition ist der Fehler
Der Artikel erweckt den Eindruck, man könne einen Windpark-Wert und einen Rechenzentrum-Wert räumlich zusammenlegen und daraus eine verstärkte Belastung ableiten. Genau dort liegt die zentrale Bruchstelle.
Eine solche Aussage bräuchte konkrete Daten: Wo stehen die Anlagen? Wie groß ist das Rechenzentrum? Wie wird gekühlt? Wohin geht die Abwärme? Welche Wetterlagen sind typisch? Wie sehen Boden, Bewuchs und Umgebung aus? Für Schallfragen bräuchte es außerdem genaue Angaben dazu, wie laut welche Anlagen sind, wann sie laufen und wie sich der Schall ausbreitet.
Diese Angaben werden im Artikel nicht geliefert. Ohne solche Daten kann weder die Abwärme noch die Schallausbreitung über mehrere Kilometer seriös abgeschätzt werden.

Damit bleibt nur eine vorsichtige Aussage: Windparks können unter bestimmten Bedingungen lokale Mikroklimaeffekte haben. Rechenzentren können Abwärme und tieffrequenten Umgebungslärm verursachen. Eine pauschale gegenseitige Verstärkung ist damit nicht belegt.
Infraschall wird überdehnt
Infraschall ist sehr tiefer Schall unterhalb von etwa 20 Hertz. Menschen hören ihn meist nicht als normalen Ton. Bei hohen Pegeln kann er aber als Druck, Vibration oder tiefes Dröhnen wahrgenommen werden. Entscheidend ist deshalb nicht nur, ob Infraschall messbar ist, sondern wie stark er dort ankommt, wo Menschen wohnen.
Auch hier ist der Ausgangspunkt nicht völlig erfunden. Windenergieanlagen erzeugen messbaren Infraschall. Rechenzentren können tieffrequenten Schall verursachen, etwa durch Kühltechnik. Daraus folgt aber nicht automatisch eine kilometerweite gesundheitsschädliche Belastung.
Messungen der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg zeigen: Infraschall von Windrädern ist in der Nähe der Anlagen messbar. In rund 700 Metern Entfernung war aber keine relevante Erhöhung gegenüber den ohnehin vorhandenen Hintergrundgeräuschen mehr feststellbar. Auch Untersuchungen des Umweltbundesamts fanden bei Infraschall um oder unterhalb der Wahrnehmungsschwelle keine unmittelbaren körperlichen Reaktionen. Eine Doppelblindstudie mit 72 Stunden simulierter Windrad-Infraschallbelastung fand ebenfalls keine nachweisbaren Effekte auf Schlaf, Körperfunktionen oder subjektive Beschwerden.
Das bedeutet nicht, dass Lärmfragen bei Windparks oder Rechenzentren egal wären. Tieffrequenter Schall kann ein Planungsthema sein. Die konkrete Behauptung einer kombinierten Infraschallgefahr durch Windräder und Rechenzentren ist damit aber nicht belegt.
Was für konkrete Standorte gilt
Für konkrete Standorte lässt sich aus den genannten Studien keine pauschale Gefahrenregel ableiten. Windräder und ein Rechenzentrum in räumlicher Nähe bedeutet nicht automatisch eine verstärkte Wärme- oder Infraschallbelastung. Dafür bräuchte es Daten zum jeweiligen Standort, zur Technik, zur Abwärme, zu Schallquellen, Wetterlagen und Ausbreitungsbedingungen.
Das gilt auch für den im Artikel genannten Raum Korneuburg. Der Beitrag nennt zwar geplante Windräder und ein Rechenzentrum, liefert aber keine gemeinsame Standortprüfung für Wärme, Bodenfeuchte und Schall.
Auch die Behauptung, Umweltprüfungen würden solche Effekte systematisch ignorieren, ist zu pauschal. Die EU-UVP-Richtlinie verlangt ausdrücklich die Betrachtung kumulativer Wirkungen mit anderen bestehenden oder genehmigten Projekten und nennt auch Lärm, Vibration und Wärme. Ob das in einem konkreten Verfahren ausreichend geschieht, ist eine andere Frage.
Bewertung: Irreführend und in der Hauptaussage nicht belegt. Der Artikel nutzt reale physikalische Phänomene, baut daraus aber eine nicht nachgewiesene Verstärkungs-These über Wärme, Austrocknung und Infraschall.
FAQ zum Thema Windräder und Rechenzentren
Verstärken sich Windräder und Rechenzentren automatisch gegenseitig?
Nein. Dafür gibt es nach den vorliegenden Quellen keinen belastbaren Nachweis. Ob es an einem konkreten Standort relevante Überschneidungen gibt, müsste mit Standortdaten, Messungen und Modellen geprüft werden.
Können Windräder das lokale Mikroklima beeinflussen?
Ja, unter bestimmten Wetterbedingungen können Windkraftanlagen das lokale Mikroklima verändern. Die im Artikel genannten Werte stammen aber aus einem speziellen Simulationsfall und sind keine allgemeine Prognose für Jahresmittel, ganze Regionen oder das Klima insgesamt.
Erwärmen Windräder das Klima wie eine zusätzliche Wärmequelle?
Nein. Windräder erzeugen keine zusätzliche Wärme wie Heizungen. Sie können Luftschichten durchmischen und dadurch lokal Temperatur und Feuchte verändern.
Können Rechenzentren Wärme und Lärm verursachen?
Ja. Große Rechenzentren können Abwärme abgeben und durch Kühltechnik tieffrequenten Umgebungslärm verursachen. Daraus folgt aber nicht automatisch eine kilometerweite gesundheitsschädliche Infraschallbelastung.
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