Eine GmbH mit 16.500 Followern?
.onion-Adresse angegeben. Diese Angaben gehören zum satirischen Auftritt der Seite und belegen keine reale GmbH. Screenshot: Facebook, 20. August 2026.Uns erreichte eine Leseranfrage zu einer Facebook-Seite, die auf den ersten Blick durchaus Fragen aufwerfen kann.
Sie nennt sich derzeit „Antifa Germany GmbH“, hat mehr als 16.500 Follower und führt als Kategorie „Schadensregulierungsservice“. Im Infobereich steht:
„Beschädigungs- und Verletzungsdienstleistungen, Wahlbegleitungsdienstleistungen u.v.m.“
Als Anschrift wird Alsterufer 27, 20354 Hamburg angegeben. Dazu kommen Telefonnummer, Öffnungszeiten, Bewertungen und sogar eine angebliche Internetadresse im Tor-Netzwerk. Wer nur diesen Ausschnitt sieht und den Hintergrund der Seite nicht kennt, könnte tatsächlich glauben, hier präsentiere sich eine organisierte Firma öffentlich auf Facebook.
Genau das passiert auch.
In den Kommentaren finden sich Nutzerinnen und Nutzer, die die Angaben offenbar ernst nehmen. Teile solcher Inhalte werden seit Jahren außerhalb ihres ursprünglichen Zusammenhangs weiterverbreitet. Aus einer Satireseite wird dann plötzlich ein angeblicher Beweis für bezahlte Demonstrierende, organisierte Wahlmanipulation oder eine zentral gesteuerte „Antifa“. Dabei lässt sich die Geschichte dieser Seite ziemlich weit zurückverfolgen.
Die „Antifa UG“ gibt es schon seit Jahren – als Satire
Bereits im Jahr 2015 berichtete der Tagesspiegel über die Facebook-Seite „Antifa UG – haftungsbeschränkt“. Der Verantwortliche erklärte damals, die Seite mache hauptsächlich Satire. Mit einer zentral organisierten linken oder linksradikalen Struktur hatte die vermeintliche Firma dem Bericht zufolge nichts zu tun.
Die Adresse der damaligen Seite war bereits dieselbe Facebook-Adresse, die heute zur „Antifa Germany GmbH“ führt: facebook.com/antifaug.
Auch in den folgenden Jahren tauchten im Namen dieser angeblichen Firma immer wieder Schreiben und Aktionen auf. Darunter waren Vergütungslisten für Demonstrierende, angebliche Zahlungen für Wahlmanipulation oder die inzwischen fast legendäre Idee vom „Demogeld“.
Mimikama beschäftigt sich mit diesen Geschichten seit vielen Jahren. Bereits 2020 berichteten wir über den Mythos vom bezahlten „Antifa-Berufsdemonstranten“. Die erfundene Organisation trat dabei je nach Variante als „Antifa GmbH“, „Antifa UG“ oder „Antifa e.V.“ auf. Auch später tauchten entsprechende Schreiben und angebliche Vergütungslisten immer wieder auf. 2024 haben wir ein solches „Antifa-UG“-Schreiben erneut überprüft.
Die Betreiber haben Mimikama selbst geantwortet
Besonders eindeutig wurde die Sache bereits 2020. Damals überprüfte die Deutsche Presse-Agentur ein angebliches Schreiben der „Antifa UG“ und zitierte dabei auch die Betreiber der Facebook-Seite. Diese erklärten: „Wir machen den gleichen Unsinn jetzt seit fünf Jahren.“ Zugleich wunderten sie sich darüber, dass Menschen weiterhin darauf hereinfallen. Der dpa-Faktencheck ist hier nachzulesen.
Die dpa stellte außerdem fest, dass die im damaligen Schreiben verwendete Handelsregisternummer zu einem völlig anderen Unternehmen gehörte. Die angeblichen Geschäftsadressen führten zu amerikanischen Vertretungen in Deutschland.
2025 überprüfte auch Correctiv erneut eine solche Vergütungsliste. Das Ergebnis blieb gleich: Die „Antifa UG“ war im Unternehmensregister nicht eingetragen, das Schreiben war frei erfunden und bereits 2016 von der satirischen Facebook-Seite verbreitet worden.
Was hat es mit Alsterufer 27 auf sich?
Die auf der Facebook-Seite angegebene Adresse ist ein besonders schönes Detail dieser Konstruktion.
Alsterufer 27/28 war tatsächlich die Adresse des US-Generalkonsulats in Hamburg.
Genau deshalb fiel diese Adresse bereits bei früheren angeblichen „Antifa“-Dokumenten auf. Auch weitere dort angeführte „Niederlassungen“ entsprachen Adressen amerikanischer Vertretungen in Deutschland. Die dpa dokumentierte diese Adressen bereits 2020.
Allerdings gibt es 2026 eine wichtige Aktualisierung zu unseren älteren Faktenchecks:
Das US-Generalkonsulat befindet sich inzwischen nicht mehr am Alsterufer.
Die Vertretung zog im Sommer 2022 aus dem Gebäude aus. Heute wird für das US-Generalkonsulat in Hamburg die Adresse Kehrwieder 8, 20457 Hamburg angegeben.
Die Facebook-Seite verwendet also weiterhin die frühere Adresse des US-Generalkonsulats als angeblichen Firmensitz.
Dass eine Facebook-Seite eine Anschrift, Firmenbezeichnung oder Unternehmenskategorie anführt, ist übrigens kein Nachweis für die Existenz einer entsprechenden Gesellschaft. Dafür sind Handels- und Unternehmensregister relevant. Im gemeinsamen Registerportal der Länder können unter anderem Handels-, Partnerschafts- und Vereinsregister durchsucht werden.
Sogar der angebliche Darknet-Link fällt bei der Prüfung auf
Auf der aktuellen Facebook-Seite wird außerdem folgende Adresse angegeben:
antifa1312inc77fck1fd00f7an3l1a0mft.onion
Das schaut zunächst geheimnisvoll aus. .onion-Adressen werden für Dienste innerhalb des Tor-Netzwerks verwendet.
Nur passt die angegebene Adresse technisch nicht zum aktuellen Format.
Der Zeichenblock vor .onion besteht bei dieser Adresse aus 35 Zeichen. Aktuelle Onion-Adressen der Version 3 bestehen laut Tor Project aus 56 Buchstaben und Zahlen. Die früheren Onion-v2-Adressen waren wesentlich kürzer und werden seit 2021 nicht mehr unterstützt.
Die auf Facebook angeführte Adresse ist damit jedenfalls keine gültige aktuelle v3-Onion-Adresse und belegt keine reale Antifa-Infrastruktur.
Sie passt allerdings hervorragend zum Stil der gesamten Seite.
„Demogeld“, Sachschäden und Wahlbegleitung
Wie deutlich die Überzeichnung ist, zeigt ein Blick auf frühere Veranstaltungen der Seite.
Dort finden sich Titel wie „Mit Demogeld zum Millionär – Zahlungen des Antifa e.V. richtig ausnutzen!“ oder „Sechsstelliger Sachschaden in sechs Minuten – mit sechs einfachen Tricks zum Beschädigungsexperten“.
Andere Beiträge behaupten etwa, Mitarbeiter seien in die AfD eingeschleust worden.
Für Menschen, die den Running Gag kennen, ist die Absicht relativ offensichtlich. Problematisch wird es, sobald einzelne Screenshots den ursprünglichen Zusammenhang verlassen.
Dann sieht jemand nur noch:
Antifa Germany GmbH
Alsterufer 27
Beschädigungs- und Verletzungsdienstleistungen

Vielleicht kommt noch ein Screenshot einer angeblich vertraulichen Vergütungsliste dazu.
Das genügt offenbar immer wieder, um aus der Satire eine vermeintliche Enthüllung zu machen.
Demogeld, Mitgliedskarten und andere Antifa-Trollereien
Zu den bekanntesten Auswüchsen dieser Trollereien gehören das sogenannte „Demogeld“ und angebliche Antifa-Mitgliedskarten.
Beim Demogeld-Mythos wird behauptet, Menschen würden für Demonstrationen gegen die AfD bezahlt oder sogar gezielt dafür angeworben. Einen besonders bekannten Beitrag zu diesem Running Gag lieferten im Februar 2015 die Jusos Halle: Sie stellten in der Nähe einer rechten Demonstration einen vermeintlichen „Geldausgabestand“ für Demogeld auf. Mimikama berichtete damals über die Aktion.
Später wurde die Idee noch weiter überzogen. Es kursierten angebliche Anträge, Abrechnungen und Vergütungstabellen. Was offensichtlich als politische Satire oder Trollerei gedacht war, wurde außerhalb dieses Zusammenhangs teilweise ernst genommen.
Damit verfestigte sich bei manchen Menschen die Vorstellung, hinter „der Antifa“ stehe eine straff organisierte Struktur mit festen Mitgliedern, Bezahlung und zentraler Verwaltung.
In den folgenden Jahren tauchten immer neue Varianten auf. Dazu gehörten angebliche Mitgliedsausweise in Kategorien wie „Gold“ oder „Platin“, vermeintliche Spesenabrechnungen und detaillierte Vergütungstabellen. Auch solche angeblichen Dokumente der „Antifa UG“ hat Mimikama wiederholt überprüft.
Weitere Beispiele aus unserem Archiv: „Reisekosten? Das Schreiben der Antifa UG“ und „Antifa-Abrechnung und ähnliche Trollereien“.
Wenn Satire zum vermeintlichen Beweis wird
Der ursprüngliche Zweck solcher Aktionen dürfte häufig darin gelegen haben, politische Gegner zu provozieren oder deren Vorstellungen über eine angeblich zentral organisierte „Antifa“ ins Lächerliche zu ziehen.
Das Problem beginnt dort, wo der satirische Zusammenhang verloren geht.
Ein Foto eines „Demogeld“-Standes, eine angebliche Mitgliedskarte oder eine Vergütungsliste kann Jahre später erneut auftauchen. Wer nur den Screenshot sieht, bekommt den ursprünglichen Witz womöglich gar nicht mehr mit.
Damit erzeugen die Trollereien selbst das Bild jener straff organisierten Institution, die sie eigentlich karikieren sollen.
Wie wirkmächtig diese Vorstellung geworden ist, zeigt auch die Politik: Im Sächsischen Landtag gab es etwa einen Antrag der AfD, die „Antifa“ zu verbieten. Die Schwierigkeit dabei liegt bereits im Begriff selbst – „Antifa“ bezeichnet keine einzelne bundesweit organisierte juristische Person mit einheitlicher Mitgliedschaft oder Geschäftsführung.
Genau deshalb sind die angebliche „Antifa GmbH“, die „Antifa UG“ oder ein „Antifa e.V.“ als vermeintliche Zentralorganisation irreführende Konstruktionen.
Das Muster funktioniert seit mindestens zehn Jahren
Mimikama hat solche Dokumente wiederholt überprüft.
2024 kursierte erneut ein angebliches Schreiben der „Antifa UG“, in dem für das Verschwindenlassen oder Verändern von AfD-Stimmen Geld versprochen wurde. Auch dieses Dokument haben wir überprüft: Es verwendete die bekannten erfundenen Organisationsstrukturen und Adressen amerikanischer Vertretungen.
2025 tauchten ähnliche Geschichten rund um eine angebliche „ANTIFAmily“-Karte wieder auf. Auch diesen Fall hat Mimikama eingeordnet. Das Prinzip war ähnlich: Ein satirischer oder erfundener Inhalt wird aus seinem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und anschließend als Beleg für eine reale, zentral organisierte Struktur präsentiert.
Die Lebensdauer solcher Geschichten ist bemerkenswert. Ein Fake muss dabei gar nicht ständig neu erfunden werden. Ein altes Bild, ein neues Datum oder ein Screenshot ohne Vorgeschichte reichen oft aus.
Gibt es überhaupt „die Antifa“?
Auch hier lohnt sich eine präzise Unterscheidung.
Es gibt selbstverständlich antifaschistische Initiativen und Gruppen. Darunter befinden sich auch linksextremistische Zusammenschlüsse, und Straftaten aus diesem Spektrum sind real.
Eine bundesweit organisierte Firma namens „Antifa Germany GmbH“, die als Zentrale sämtliche antifaschistischen Gruppen steuert, ergibt sich daraus allerdings nicht.
Die Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages beschrieben „Antifa“ 2018 als Oberbegriff für verschiedene Strömungen. Ein einheitliches Handeln oder ein geschlossenes politisch-ideologisches Konzept könne dieser Szene nicht unterstellt werden.
Auch die Bundesregierung erklärte 2020, dass mehrere lokale Gruppierungen und Initiativen existieren, ihr jedoch keine bundesweit agierende Organisation mit klaren Mitgliedschaften und verfestigten Strukturen bekannt sei.
Dieser Faktencheck sagt daher nichts darüber aus, ob einzelne antifaschistische Gruppen Gewalt anwenden oder Straftaten begehen. Geprüft wird eine konkrete Behauptung: Ist die Facebook-Seite „Antifa Germany GmbH“ der öffentliche Auftritt einer realen GmbH mit den dort dargestellten Dienstleistungen?
Dafür finden sich keine belastbaren Belege. Die dokumentierte Vorgeschichte der Seite spricht sehr deutlich für ein seit Jahren betriebenes Satire- und Trollprojekt.
Warum wir trotzdem darüber berichten
Man könnte die Sache als alten Internetwitz abhaken.
Die Kommentare unter der Facebook-Seite zeigen allerdings, warum das zu kurz greifen würde. Menschen reagieren auf die Inhalte, als hätten sie gerade einen Blick hinter die Kulissen einer geheimen Organisation bekommen.
Satire braucht dabei keine böse Absicht, um später als Desinformation zu funktionieren. Ein Screenshot verliert seine Überschrift. Ein zehn Jahre alter Scherz landet in einer Telegram-Gruppe. Jemand schreibt dazu: „Das geben die sogar offen zu.“
Und schon beginnt die Geschichte ein neues Leben.
Gerade deshalb lohnt sich die Überprüfung.
„Das glaubt ihr doch selbst nicht“
Uns ist bewusst, dass manche diesen Faktencheck trotzdem ablehnen werden. Gerade bei Erzählungen über „die Antifa“ reicht für einige schon die Existenz einer Facebook-Seite als vermeintlicher Beweis, während Registereinträge, historische Quellen oder die dokumentierte Satiregeschichte als unglaubwürdig abgetan werden. Daran ändert auch dieser Artikel nichts automatisch.
Deshalb legen wir hier offen, worauf sich unsere Bewertung stützt: auf die seit 2015 nachvollziehbare Geschichte der Seite, frühere Aussagen der Betreiber, öffentliche Register sowie unabhängige Recherchen von dpa, Correctiv und anderen Medien. Wer zu einem anderen Ergebnis kommt, kann diese Quellen selbst prüfen. Entscheidend ist dabei nicht, ob eine Behauptung ins eigene Weltbild passt, sondern ob sie sich belegen lässt.
Fazit
Die Facebook-Seite „Antifa Germany GmbH“ existiert. Eine reale Firma mit den dort behaupteten Aufgaben wird dadurch nicht belegt.
Die Seite und ihre Vorgänger sind seit mindestens 2015 als Satire- beziehungsweise Trollprojekt dokumentiert. Angebliche Antifa-Vergütungslisten aus diesem Umfeld wurden mehrfach als falsch entlarvt. Die Hamburger Adresse verweist auf den früheren Sitz des US-Generalkonsulats, das bereits 2022 umgezogen ist.
Selbst die derzeit angeführte .onion-Adresse entspricht nicht dem aktuellen Format eines Tor-Onion-Dienstes.
Der eigentlich interessante Teil dieser Geschichte liegt deshalb woanders: Ein alter Internet-Scherz schafft es seit mehr als einem Jahrzehnt immer wieder, als vermeintlicher Beweis für eine geheime „Antifa-Firma“ aufzutauchen.
Und offenbar funktioniert er noch immer.
Hinweis: Stand zum Veröffentlichungsdatum.
Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
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