Langsam normalisiert sich der Wasserstand des Rhein, der auch eine wichtige Transportroute ist. Rechtzeitig genug, damit ein Preisschock ausbleibt?
„Normalerweise geht das Getreide zur Ernte in unsere Lager rein und wird dann zügig verschifft“, sagt Christoph Kempkes. „Derzeit laufen wir aber übervoll, weil über den Wasserweg nichts raus geht.“ Kempkes ist Chef der Raiffeisen Waren-Zentrale Rhein-Main AG (RWZ) – einem der größten Agrarhandelshäuser Deutschlands. Auch in Rheinland-Pfalz hat das Unternehmen zahlreiche Standorte, zum Beispiel in Andernach und Worms direkt am Rhein.
Das Unternehmen leidet unter den Folgen des Niedrigwassers. Über die Binnenschifffahrt kann aktuell immer noch wenig abgewickelt werden. Bis sich die Lage entspannt, dürften noch Wochen vergehen. „Wir müssen unsere Kunden aus der weiterverarbeitenden Industrie bedienen – Brot wird ja täglich gegessen – und dafür jetzt viel auf die Straße verlagern. Aber da sind die Kapazitäten begrenzt. Das treibt die Transportkosten punktuell bis auf das doppelte Niveau.“
Knapper Lagerplatz
Der Agrarhändler ist unter Druck, denn aufgrund von Verträgen muss geliefert werden. „Wir erfassen in der Erntesaison etwa 500.000 Tonnen Getreide. Rund die Hälfte muss über das Wasser raus“, sagt Kempkes. Zudem kann nicht ohne weiteres auf Lkw oder Bahn umgestellt werden. Vielen Standorten fehlen dafür die technischen Voraussetzungen. „Wer auf Wasserstandorte angewiesen ist, ist aktuell etwas gekniffen“, so Kempkes.
Weiteres Problem: Normalerweise beginnen Agrarhändler im Herbst, Lagerplatz mit Düngemitteln für das nächste Frühjahr zu belegen. „Das sind große Mengen, und die müssen disponiert, bewegt und vorfinanziert werden. Das wird diesmal eng“, sagt Kempkes. Er erwartet bei Dünger steigende Preise.
Für den Verbraucher im Supermarkt rechnet der Agrarhändler nicht mit höheren Kosten. „Der Wettbewerb im Lebensmittelhandel funktioniert. Ausländische Anbieter, die günstiger produzieren und weniger reguliert operieren, drängen auf den Markt. Die Mehrkosten für Transport und Energie und Zinsen bleiben wohl bei Landwirten und Agrarhändlern hängen.“
Viele Betriebe leiden laut IHK weiter
Die RWZ ist kein Einzelfall. Auch wenn der Pegelstand des Rhein zuletzt wieder deutlich gestiegen ist, kann laut IHK Rheinhessen noch lange nicht von Normalität gesprochen werden: „Die Lage hat sich gegenüber dem Höhepunkt der Niedrigwasserphase etwas entspannt, von Entwarnung kann jedoch keine Rede sein. Wenn Transportschiffe fahren, dann nur noch mit verringerter Kapazität“, so Karina Szwede, Hauptgeschäftsführerin der IHK. „Schiffe können vielerorts weiterhin nur mit eingeschränkter Ladung fahren, was die Transportkosten für Unternehmen spürbar erhöht – das belastet vor allem Industrie-, Chemie- und Handelsunternehmen entlang des Rhein.“
Die IHK hatte sich vor kurzem in der Region umgehört. Das Ergebnis: 72 Prozent der befragten Unternehmen sind betroffen – durch höhere Kosten, umgestellte Logistik und Einschränkungen in der Produktion. Oft steigen die Ausgaben beim Transport um 50 Prozent oder noch mehr. Drohen aufgrund der gestörten Lieferketten und der höheren Transportkosten jetzt höhere Preise und damit eine steigende Inflation?
„Energiepreise dauerhaft auf hohem Niveau“
Ralph Solveen analysiert seit Wochen die Lage am Rhein und die Folgen für Lieferketten und Logistik. Er ist stellvertretender Leiter der Abteilung „Economic Research” bei der Commerzbank. Solveen ist vorsichtig optimistisch. „Das Niedrigwasser hat die Konjunktur etwas gebremst, aber die Stimmung in der Wirtschaft ist zuletzt sogar leicht gestiegen.“ Aktuell erwartet der Konjunkturexperte deshalb auch noch keine größeren Folgen für die Teuerung in Deutschland.
„Die Kosten für den Transport sind teils deutlich gestiegen. Bis sich das aber in Preisen für den Kunden bei Produkten übersetzt, wird das noch dauern“, so der Experte. „Ich glaube aber eher nicht, dass es insgesamt zu größeren Preissprüngen kommt.“ Es seien auch nicht alle deutschen Unternehmen betroffen, sondern vor allem diejenigen im Südwesten entlang der Rheinroute. „Diese Firmen haben jetzt teils sehr hohe Transportkosten zu bezahlen. Aber sie können diese Mehrkosten nicht einfach an die Kunden weitergeben. Dafür ist der Konkurrenzdruck zu groß.“
Für den Rest des Jahres rechnet der Ökonom insgesamt mit einer Inflation von mehr als zwei Prozent – und damit über der Zielmarkte der Europäischen Zentralbank (EZB). „Die Energiepreise dürften dauerhaft auf hohem Niveau bleiben. Davon sind alle betroffen – vom energieintensiven Industriebetrieb bis zum Taxifahrer. Das wird sich auf die Preise auswirken.“
Langfristiger Engpass bei der Logistik?
Frank Huster, Hauptgeschäftsführer des Bundesverband Spedition und Logistik (DSLV), stellt eine Grundsatzfrage: „Die Logistikkosten sind für Teile der Industrie deutlich gestiegen. Entscheidend wird aber sein, ob und wie wir mit unserer Infrastruktur zukünftig im Sommer überhaupt noch Lieferketten sichern können.“ Auch die IHK Rheinhessen sieht das ähnlich: „Wir benötigen leistungsfähige Wasserstraßen, einen beschleunigten Ausbau der Schieneninfrastruktur und insgesamt verlässliche Verkehrswege“, fordert Karina Szwede.
Huster erwartet, dass wegen der trockenen Sommer Güter künftig vermehrt auf Straße und vor allem Schiene verlagert werden. Für ihn ist die Herausforderung dabei, dass die Binnenschifffahrt bislang vergleichsweise günstig gewesen sei. Die Ladung eines Binnenschiffs mit 3.000 Tonnen entspreche 120 bis 150 Lkw, so Huster. „Eine stille Reserve an Fahrzeugen und vor allem an Fahrern gibt es nicht.“ Auch die Aufhebung des Sonntagsfahrverbotes ändere nichts. „Hiermit können zwar punktuell Lieferengpässe bei wenigen Unternehmen behoben werden, doch es werden keine zusätzlichen Lkw-Kapazitäten geschaffen.“ Die Potenziale auf der Straße seien insgesamt begrenzt, so Huster.
Massengüter könnten auf der Schiene schneller und günstiger als mit dem Lkw befördert werden. Doch auch das Schienennetz sei in einem schlechten Zustand. „Der Staat muss dringend Milliarden in die Erneuerung aller Verkehrswege investieren, damit es mit der Güterversorgung nicht hakt.“ Entsprechende Signale aus dem Bundesverkehrsministerium gibt es bereits. Es dürfte also wohl teurer werden – wenn nicht für die Verbraucher über die Inflation, dann auf jeden Fall für die Steuerzahler.

