Nach Musikfestivals bleiben oft regelrechte Müllberge zurück. Die Branche ist sich des Problems bewusst, unternimmt aber zu wenig. Manche Fans ergreifen inzwischen selbst die Initiative.
Einsame Zelte, zerschlissene Pavillons, verdreckte Planschbecken und herumfliegende Plastiksäcke: Manche Social-Media-Bilder von Festivals am Tag der Abreise erinnern nicht an eine Party, sondern an eine Post-Apokalypse. Viele Besucher nutzen ihr Festival-Gepäck als Einwegprodukt. Sie lassen Grill und Zelt einfach auf dem Campingplatz zurück.
Die britische Association of Independent Festivals – der Branchenverband unabhängiger Festivals – schätzte 2019 die Zahl der zurückgelassenen Zelte auf 250.000 pro Jahr. Und das allein in Großbritannien.
Aus alten Zelten werden Bauchtaschen
Die von Braunschweiger Studierenden ins Leben gerufene Initiative NeuerDings will diese Ressourcenverschwendung nicht hinnehmen. Die Mitglieder fahren auf Festivals und sammeln dort zurückgelassene Zelte ein. Aus dem Material lassen sie Bauchtaschen produzieren, die sie dann im nächsten Jahr auf dem gleichen Festival wieder verkaufen – und gleichzeitig über Ressourcenverschwendung aufklären.
„Es wird wirklich viel zurückgelassen, das noch funktionsfähig ist. Teilweise stehen da komplett neue Stühle und Zelte aufgebaut da, das ist schon krass“, sagt Organisator Lucas Starke im Gespräch mit dem BR. Ihm und seinem Team ist klar, dass solche kleinen Recycling-Initiativen das Müllproblem nicht lösen. „Wir könnten hundertmal mehr Material mitnehmen, als wir verarbeiten können“, sagt Starke. Aber in erster Linie wolle man aufklären und ein Bewusstsein schaffen.
Ich war mal ein Zelt: Die Bauchtaschen von NeuerDings machen die Müllberge nach den Festivals allerdings kaum kleiner.
Deutsche Umwelthilfe kritisiert Festival-Betreiber
Bei einem Festival mit 80.000 Gästen können mehrere 100 Tonnen Müll entstehen. Und laut der Deutschen Umwelthilfe (DUH) tun Festivals zu wenig dafür, diesen Müll zu vermeiden oder immerhin konsequent zu trennen.
Die Umweltorganisation hat zehn der größten deutschen Festivals auf ihre Abfallkonzepte befragt. Ergebnis: Es gibt deutlich Nachholbedarf. Zwar setzen einige Festivals etwa auf Müllpfand oder Mülltrennung auf dem Campingplatz, aber diese Schritte seien zu klein und inkonsequent.
Einweggeschirr und Einwegbecher als Problem
Vor allem den immer noch weit verbreiteten Einsatz von Einweggeschirr beim Essen und teilweise sogar den Getränken kritisiert die DUH. „Um das zu beziffern: Beim Parookaville fallen an einem Wochenende 600.000 Einwegbecher, 250.000 Getränkedosen und ungefähr eine halbe Million Einwegartikel für die Essensausgabe an. Das macht 23 Tonnen Müll, die man einfach vermeiden könnte“, sagt Elena Schägg von der Deutschen Umwelthilfe.
„Tonnenweise vermeidbarer Müll“: Die Deutsche Umwelthilfe kritisiert vor allem die Massen an Einwegartikeln auf Festivals.
Das Bewusstsein ist da, aber auch blinde Flecken
Weitere Einsparmöglichkeiten sieht die Deutsche Umwelthilfe bei kostenlosen Wegwerf-Werbeartikeln, die manche Festivals an die Fans ausgeben. Oder bei der Bezahlung mittels eigens fürs Festival hergestellten Elektrochips am Handgelenk, die danach als Elektroschrott entsorgt werden müssen. „Es gibt noch viele Bereiche, die unbeachtet sind“, sagt Schägg weiter.
Die meisten Festivals haben auf ihren Websites lange Abhandlungen über das eigene Bemühen und Ziel, grüner zu werden. Elena Schägg beobachtet bei den Veranstaltern durchaus ein Problembewusstsein und Willen zur Veränderung. Allerdings würden viele Maßnahmen zu langsam umgesetzt, sagt Schägg. „Klar gehen manche Prozesse nicht von heute auf morgen. Aber trotzdem: Insgesamt können die Festivalbetreiber mehr machen.“
Wenn Metal-Fans den Zeltplatz aufräumen
Nicht allen Festival-Besuchern sei die Tragweite des Problems bewusst, sagt Miriam Nollau von NeuerDings. Manche würden am Stand mit den recycelten Bauchtaschen eher belustigt zur Kenntnis nehmen, dass ihr Zelt ein zweites Leben bekommen hat. Allerdings hänge es auch stark vom Festival ab, wie nachhaltig seine Besucher und Besucherinnen denken.
Denn vielen Festivalgästen ist Umweltschutz und -schonung explizit wichtig. In Social Media Videos prahlen zum Beispiel Metal-Fans damit, wie sauber sie den Campingplatz hinterlassen.
Die Verantwortlichen des Metal-Festivals Summer Breeze in Bayern lobten dieses Jahr im Nachgang die Sauberkeit seiner Besucher und Besucherinnen. Der Campingplatz sei so ordentlich wie nie hinterlassen worden und die Aufräumarbeiten in Rekordgeschwindigkeit erledigt gewesen, teilten die Veranstalter mit.
