Auch in der Nacht vor dem ersten Schultag hat Russland die Ukraine wieder mit Angriffen überzogen. Zwischen Scherben und Luftalarm versuchen Lehrkräfte und Eltern, den Schulalltag der Kinder aufrechtzuerhalten.
Natalia Rewenko hatte sich so auf den ersten Schultag gefreut. Die Lehrerin soll wieder eine erste Klasse übernehmen. Die Eltern waren bereits gekommen und hatten die Schulbücher abgeholt. Doch dann schlug eine russische Rakete in der Gesamtschule Nummer 20 in Kiew ein.
Am vergangenen Donnerstag war das. Deshalb stand Natalia Rewenko in den vergangenen Tagen mit einem Besen in der Hand im Klassenzimmer – und kehrte die Scherben zusammen.
„Ich bin ja froh, dass die Wände, die Decken noch heil sind, aber ich bin so traurig, dass wir am 1. September nicht mit den Kindern in dieses Klassenzimmer können. Das tut weh“, sagt sie. An Präsenzunterricht ist für sie erst einmal nicht zu denken. Heute hat sie ihre Erstklässler über das Internet begrüßen müssen.
Mehr als 4.000 Schulen beschädigt
Die Rakete explodierte im Schulhof. Am stärksten zerstört sind die Turnhalle und die Mensa. Von ihnen sind nur die nackten Wände übrig.
Militärische Ziele im Umkreis der Schule gibt es nicht. Die Schule ist eine von mehr als 4.000, die Russland in diesem Krieg beschädigt oder zerstört hat.
Auch Eltern kamen in den vergangenen Tagen, um sich ein Bild zu machen. So Mutter Anastasija, die ungläubig auf die Trümmer blickt. Erst vor ein paar Tagen habe sie geholfen, die Fenster zu putzen. Jetzt werde sie helfen, die Scherben aufzusammeln.
„Die Russen wollen uns töten oder psychisch zerstören“, so ihr Kommentar. Aber das werde dem östlichen Nachbarland nicht gelingen, meint sie.
Zielt Russland auf Kultur- und Bildungseinrichtungen?
Es gibt viele Indizien dafür, dass Russland gezielt Kultur- und Bildungseinrichtungen in der Ukraine angreift. Dafür spricht, dass in den vergangenen Wochen auch Lagerhallen mit Büchern und Druckereien getroffen wurden. Jedes dritte Buch, das in diesem Jahr in der Ukraine gedruckt wurde, sei vernichtet, rechnete die BBC nach. Hunderttausende Schulbücher sind kurz vor Schulbeginn verbrannt.
Auch Roman Feschtschuk ist nach dem Angriff zur Gesamtschule Nummer 20 geeilt. Er ist Direktor einer Schule ganz in der Nähe. „In unserem Viertel ist es üblich, dass wir uns gegenseitig helfen“, meint er.
Außerdem habe er ja Erfahrung damit, solche Schäden zu beseitigen. Denn auch seine Schule wurde bei einem russischen Angriff beschädigt – im Mai. Dort findet ab heute wieder Präsenzunterricht statt. Immerhin 21 Klassenzimmer, etwa die Hälfte, sind wieder instandgesetzt.
Häufiger Luftalarm während des Unterrichts
Doch auch wenn der Unterricht stattfindet, können die Schülerinnen und Schüler nicht wie in Friedenszeiten lernen, sagt Lehrerin Rewenko. Der Stress führe dazu, dass ihr Gedächtnis schlechter sei und sie sich schlechter konzentrieren können.
„Aber wir machen mit ihnen verschiedene Übungen, damit sie lernen, ihre Gefühle zu beherrschen“, so die Lehrerin. Und tatsächlich könne sie Stoff vermitteln – gerade in den untersten Klassen, wo die Kinder wissbegierig seien.
Eine große Herausforderung für die Schulen wird auch der immer häufigere Luftalarm in Gebieten, die nicht in unmittelbarer Frontnähe liegen. Das liegt daran, dass Russland jetzt immer mehr Langstreckendrohnen mit Jet-Antrieb einsetzt. Die ukrainische Luftverteidigung kann diese nicht – wie herkömmliche Drohnen – schon beim Anflug auf die Städte ausschalten.
In der Hauptstadt Kiew etwa hat dies dazu geführt, dass es in den vergangenen Tagen jeweils mehr als zehn Alarme gab. Lehrerinnen und Lehrer müssen dann mit den Schülern in den Schutzkeller, der normale Unterricht ist unterbrochen. Doch auch daran hätten sie sich schon gewöhnt, sagt Lehrerin Natalia Rewenko.

