Warum sehen wir in sozialen Netzwerken so viele Beiträge, die uns provozieren, erschrecken oder wütend machen? Die kurze Antwort liegt in der gewollten Aufmerksamkeit, die mit Wut erzeugt wird. Und diese Aufmerksamkeit ist die Grundlage des Geschäftsmodells alle Social Media Plattformen. Facebook lebt von Wut, X nicht minder, TikTok lebt auch davon… Doch wie funktioniert das Generieren von Wut?
Ende 2025 kürte Oxford Languages den Begriff „Rage bait (mittlerweile oft als ein Wort geschrieben)“ zum Oxford Word of the Year. Wörtlich übersetzt bedeutet er „Wutköder“ oder „Empörungsköder“. Gemeint sind Inhalte, die absichtlich frustrierend, provozierend oder beleidigend gestaltet werden, damit möglichst viele Menschen darauf reagieren. Solche Beiträge können falsche Behauptungen enthalten, müssen es aber nicht. Manchmal genügt eine ungerechte Verallgemeinerung, ein absichtlich falsch zugeordnetes Bild oder eine Überschrift, die einen komplizierten Vorgang auf einen vermeintlichen Skandal reduziert. Was genau, auch inhaltlich, genutzt wird, spielt nicht wirklich eine Rolle. Es ist lediglich wichtig, dass der Beitrag eine starke Reaktion auslöst.
Wer sich empört, kommentiert. Wer sich angegriffen fühlt, antwortet. Wer seinen Freundinnen und Freunden zeigen möchte, „was jetzt schon wieder passiert ist“, teilt den Beitrag. So einfach ist es. Und die Social Media lieben es! Sie wollen es, da sie damit existieren. Für die automatischen Sortiersysteme der Plattformen sind all diese Handlungen nämlichZeichen dafür, dass ein Inhalt Aufmerksamkeit erhält. Beiträge mit vielen Reaktionen haben deshalb bessere Chancen, weiteren Menschen angezeigt zu werden. Willkommen in der Realität des Wut-Algorithmus.
Warum uns negative Inhalte so leicht erreichen
Die Plattformen haben unsere Empfänglichkeit für negative Nachrichten nicht erfunden. Sie verstärken diese jedoch und verwerten sie wirtschaftlich.
Menschen reagieren im Durchschnitt stärker auf negative als auf vergleichbar positive Informationen. „Yes we can“ reicht nicht, wenn „schau, wie schlecht alles ist“ besser funktioniert. In der Psychologie wird dieses Phänomen als Negativitätsneigung bezeichnet. Was gefährlich, ungerecht oder bedrohlich wirkt, bindet unsere Aufmerksamkeit. Das war für unsere Vorfahren durchaus sinnvoll. Eine mögliche Gefahr zu übersehen konnte schwerwiegendere Folgen haben als eine angenehme Nachricht zu verpassen. Nur dass wir heute nicht mehr in Höhlen leben
Auf Social Media trifft diese menschliche Eigenschaft auf Systeme, die Inhalte nach erwartbarer Aktivität sortieren. Eine große Untersuchung von mehr als 105.000 verschiedenen Überschriften zeigte, dass bereits ein zusätzliches negatives Wort die Klickrate durchschnittlich erhöhte. Die Studie wertete rund 370 Millionen Einblendungen aus. Für eine Überschrift durchschnittlicher Länge stieg die Wahrscheinlichkeit eines Klicks mit jedem zusätzlichen negativen Wort um etwa 2,3 Prozent. Veröffentlicht wurde die Untersuchung 2023 in „Nature Human Behaviour“.
Auch moralisch aufgeladene Sprache verbreitet sich besonders gut. Die viel zitierte Studie „Emotion shapes the diffusion of moralized content in social networks“ zu politischen Diskussionen auf Twitter kam 2017 zu dem Ergebnis, dass jedes zusätzliche moralisch-emotionale Wort mit einer durchschnittlich rund 20 Prozent höheren Weiterverbreitung verbunden war. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich jeder beliebige Beitrag durch ein Empörungswort automatisch um genau 20 Prozent besser verbreitet. Untersucht wurden konkrete politische Debatten auf einer bestimmten Plattform. Der Befund zeigt dennoch, wie stark moralische Gefühle die Weitergabe politischer Botschaften beeinflussen können.
Damit entsteht ein Kreislauf, der uns fängt und an sich bindet. Wir reagieren besonders stark auf negative Inhalte. Daraus resultiert, dass die Plattform dieses Verhalten registriert und verteilt den Beitrag weiter. Seine größere Reichweite erzeugt neue Kommentare und Konflikte. Für die Plattform verlängert sich die Zeit, die Menschen mit dem Angebot verbringen. Diese Zeit lässt sich durch Werbung in Geld verwandeln. Die provozierte Wut ist deshalb nicht bloß ein unerfreulicher Nebeneffekt sozialer Netzwerke. Sie besitzt einen messbaren wirtschaftlichen Wert.
Die (politische) Strategie des Schlechtredens
Populistische und extremistische Akteure setzen nicht nur auf die tägliche Empörung. Sie reden auch gesellschaftliche und staatliche Strukturen systematisch schlechter, als sie tatsächlich sind. Dabei geht es nicht um notwendige Kritik an konkreten Missständen. Es entsteht vielmehr das Bild eines Landes, in dem angeblich kaum noch etwas funktioniert und eine Verbesserung innerhalb der bestehenden demokratischen Ordnung nicht mehr möglich sei. Wir kennen das alle, ein reales Problem wird zum Beweis erklärt, dass angeblich das ganze Land nicht mehr funktioniert. Aus einer Straftat wird „Niemand ist mehr sicher“, aus einem Unterrichtsausfall „Unsere Schulen sind kaputt“ und aus einer falschen politischen Entscheidung „Die Demokratie hat versagt“. Verbesserungen und Gegenbeispiele werden ausgeblendet.
Auch das Glorifizieren der Vergangenheit gehört dazu. Die guten alten Rezepte und „früher war alles besser“ sind nur Türöffner. Die Vergangenheit wird auf ihre angenehmen Erinnerungen reduziert und das mögen wir natürlich. Speziell auf Facebook gibt es dann Seiten, welche Nostalgie schüren, die dann komplett in die Politik kippen. „Früher konnte man die Türen offen lassen“, „Kinder hatten noch Respekt“ oder „Eine Familie konnte von einem Gehalt leben“. Armut, Gewalt, gesellschaftliche Ausgrenzung und geringere Chancen werden dabei vergessen. Verglichen wird eine geschönte Vergangenheit mit allen Problemen der Gegenwart. Da gibt es dann sehr schnell den wenig komplizierten Spagat zur Parteipolitik.
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Speziell die zerstörerisch wirkenden Polit-Postings werden stets wiederholt. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk beschreibt diese Haltung mit Blick auf die AfD als eine regelrechte „Lust an der Zerstörung“. Er spricht von „politischen Miesepetern“ und empfiehlt, ihnen demonstrativ mit Freundlichkeit und Höflichkeit zu begegnen. Eine solche Reaktion störe das ständig verbreitete Bild einer feindseligen und hoffnungslosen Gegenwart.
Das Schlechtreden erfüllt zielgerichtet eine politische Funktion. Wer den Staat, seine Behörden, Schulen und demokratischen Einrichtungen als vollständig kaputt darstellt, kann anschließend tiefgreifende Eingriffe als unvermeidliche Rettung verkaufen. Sehr spannend zu beobachten, wie in Deutschland zielgerichtet die CDU angegriffen wird. Doch mit welchem Ziel? Im Grunde geht es um Umgestaltungen und langfristige Weichenstellungen. Im Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt, was mit Blick auf die kommenden Wahlen sehr gründlich gelesen werden solte, finden sich dafür konkrete Beispiele. Die Partei möchte die allgemeine Schulpflicht abschaffen, Lehrpläne grundlegend verändern und nach einer Regierungsübernahme zahlreiche leitende Stellen in staatlichen Behörden neu besetzen. Solche Vorhaben erscheinen leichter vermittelbar, wenn zuvor das bestehende System genug angegriffen wurde.
Kommen wir also zurück zum Ragebait auf Social Media, denn diese Kommunikation knüpft gezielt an vorhandene Ängste an. Gesellschaftliche Veränderungen werden vor allem als Verlust dargestellt, staatliche Institutionen als unfähig und etablierte politische Kräfte als abgehobene Elite. Als Gegenbild dient das Versprechen einer vermeintlich überschaubaren und geordneten Vergangenheit. Damit dieses Bild einer „heilen Welt“ überzeugen kann, muss die Gegenwart möglichst düster erscheinen.
Konkrete Lösungen treten dabei häufig hinter der emotionalen Wirkung zurück. Das ständige Schlechtreden erzeugt Ärger, Enttäuschung und moralische Empörung. Genau solche Gefühle sorgen in sozialen Netzwerken für Kommentare, Weiterleitungen und neue Auseinandersetzungen. Werkzeuge wie Alternita Studio können diese Stimmung aufgreifen, passende Meldungen auswählen und daraus in kurzer Zeit zahlreiche zugespitzte Beiträge herstellen. So wird aus politischem Pessimismus ein dauerhafter Rohstoff für Reichweite.
Und jetzt stelle man sich vor, das ginge Automatisiert, mit wenig Aufwand und mit sehr hoher Reichweite!
Eine Software sucht nach der nächsten Empörung
Im Sommer 2026 wurde bekannt, wie sich dieser Mechanismus für politische Kampagnen automatisieren lässt. Das Werkzeug heißt Alternita Studio. Öffentlich gemacht wurde es durch eine Undercover-Recherche von Correctiv. Ein Reporter hatte sich unter falschem Namen als AfD-Mitglied ausgegeben und an einer Online-Vorführung teilgenommen. Geleitet wurde diese nach Darstellung von Correctiv von Mario Hau, einem Mitarbeiter der AfD-Bundesgeschäftsstelle, der seit Jahren im Umfeld der Parteivorsitzenden Alice Weidel tätig ist.
Alternita Studio stammt gemäß dieser Recherche nicht von einem unabhängigen Unternehmen, das zufällig einen Auftrag der AfD erhalten hat. Anbieterin ist die Alternita Dienstleistungs-GmbH. Sie gehört über die parteieigene Tauroggen Holding zur Unternehmensstruktur der Bundespartei, so erfahren wir. Geschäftsführer Hans-Holger Malcomeß ist zugleich Bundesgeschäftsführer der AfD. Als Prokurist ist Carsten Hütter eingetragen, der bis zum Bundesparteitag im Juli 2026 Bundesschatzmeister der Partei war.
Die 2021 gegründete Alternita GmbH sollte ursprünglich verschiedene Dienstleistungen für die Partei übernehmen. Das reichte von Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit über IT-Dienste bis zu Immobiliengeschäften. Correctiv berichtete im Februar 2026 über den Versuch, bei einem geplanten Immobilienkauf die Verbindung des Käufers zur AfD möglichst wenig sichtbar werden zu lassen. Die Anwälte der Partei wiesen die Darstellung zurück, es habe sich um eine Tarnkonstruktion gehandelt, und bezeichneten das geplante Vorgehen als grundsätzlich üblichen Geschäftsvorgang.
Mit Alternita Studio ist aus dieser parteieigenen Dienstleistungsstruktur nun auch eine technische Plattform für politische Kommunikation entstanden.
Vom Nachrichtenartikel zum fertigen Parteipost
Die Arbeitsweise ist recht einfach erklärt. Das System durchsucht nach den Recherchen von Correctiv rund um die Uhr ausgewählte Nachrichtenseiten. Alle 15 Minuten würden neue Beiträge eingelesen und danach bewertet, wie stark sie sich voraussichtlich in sozialen Netzwerken verbreiten könnten. Die Vorauswahl war politisch keineswegs vielseitig und hatte eine Art Bias, so kann man es verstehen. In der getesteten Version waren unter anderem Nius, Junge Freiheit und Apollo News eingestellt, außerdem der Politikteil der Bild und der Wirtschaftsteil von n-tv. Besonders weit oben erschienen laut Correctiv regelmäßig Meldungen über tatsächliche oder angebliche Straftaten von Menschen mit Migrationshintergrund.
Die Software nennt ihre Bewertung „Viralitätsscore“. Das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie, das das System gemeinsam mit Correctiv untersuchte, spricht dagegen von einem „Empörungsscore“. Gemeint ist, sie hebt jene Meldungen hervor, die sich besonders gut zuspitzen und für die politische Kommunikation der AfD verwenden lassen. Wählt ein Mensch eine Meldung aus, übernimmt ein Programmteil namens „Geistschreiber“. In einem Feld mit der Bezeichnung „Positionierung“ wird festgelegt, in welche politische Richtung der Beitrag gehen soll. Das System formuliert die Eingabe aus, passt sie an das AfD-Wahlprogramm an und erzeugt daraus mehrere Überschriften, Kurzbeiträge für X, einen Instagram-Text und eine Grafik im Erscheinungsbild der Partei.
Die Software übernimmt auch die Dramaturgie. Bei der Vorführung erklärte Hau laut Correctiv, der letzte Satz solle „immer so ein bisschen knallen“. Die Aufgabe besteht damit nicht einfach darin, eine Nachricht verständlich zusammenzufassen. Das Werkzeug soll aus ihr einen emotional wirksamen politischen Beitrag machen.
Mittlerweile bewirbt die Website von Alternita Studio ein erheblich erweitertes Angebot. Dort verspricht das Unternehmen, aus Nachrichten, Reden, Anträgen oder Wahlprogrammen innerhalb weniger Minuten komplette Serien für soziale Netzwerke zu erstellen. Texte, Grafiken und Kurzvideos können demnach produziert, in einen Redaktionsplan eingetragen und gleichzeitig auf mehreren Plattformen veröffentlicht werden. Das Angebot richtet sich inzwischen allgemein an Abgeordnete, Fraktionen und politische Verbände.
Die Technik stammt von Google, OpenAI und Anthropic
Eine eigene künstliche Intelligenz hat die AfD-Firma dafür nicht entwickelt. war auch gar nicht notwendig, denn Alternita Studio verbindet mehrere bereits vorhandene Angebote großer US-Unternehmen. Nach den von Correctiv eingesehenen technischen Informationen erzeugte Googles Gemini die Texte. Das Bildsystem von OpenAI lieferte die Grafiken. Claude (KI-Angebot des Unternehmens Anthropic) wurde für die Bearbeitung und Untertitelung von Videos eingesetzt.

Die Verbindung erfolgt über Programmierschnittstellen. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um digitale Zugänge, über die eine Software einer anderen Software automatisch einen Auftrag übermitteln und das Ergebnis zurückbekommen kann. Alternita Studio schickt beispielsweise eine Bildbeschreibung an das System von OpenAI und erhält anschließend das erzeugte Bild. Brisant ist diese Konstruktion, weil die beteiligten Unternehmen politische Kampagnenarbeit oder bestimmte Formen massenhaft erzeugter politischer Beeinflussung in ihren Nutzungsbedingungen einschränken oder untersagen. Correctiv gelang es dennoch, über Alternita Studio Inhalte zu erzeugen, die direkt bei den ursprünglichen Diensten auf Widerstand stoßen können.
Bei einem Test verwendete die Redaktion einen Beitrag des Neonazi-Magazins „NS Heute“ als Grundlage. Das System produzierte dazu den Slogan „Stolzmonat statt Regenbogen-Diktat“ und auf Wunsch das Bild einer brennenden Regenbogenflagge. In einem weiteren Versuch erhielt die Software eine Eingabe, nach der eingebürgerte Menschen „konsequent und unfreiwillig“ aus Berlin entfernt werden sollten, um sogenannte „ethnische Wählerblöcke“ zu verhindern. Alternita Studio lehnte diese Vorgabe nicht ab. Das System entfernte zwar die offen formulierte Forderung nach einer unfreiwilligen Vertreibung, übernahm aber deren verfassungsfeindlichen Kern. Im fertigen Beitrag war von der Rücknahme von Einbürgerungen die Rede, um „ethnische Wählerblöcke zu verhindern“.
Das Werkzeug erzeugte den Extremismus in diesem Fall nicht selbst. Die politische Vorgabe stammte von den Testenden. Doch anstatt sie zurückzuweisen, verwandelte die Software die offen radikale Forderung in eine sprachlich geglättete und unmittelbar veröffentlichbare Botschaft. Gerade darin liegt eine besondere Gefahr, denn der extreme Inhalt wirkt nach der Bearbeitung weniger drastisch, obwohl sein Kern erhalten bleibt.
OpenAI erklärte nach der Recherche, man habe den Fall geprüft, und verwies darauf, dass die Erstellung oder Verbreitung politischer Kampagnenbotschaften in großem Umfang nicht erlaubt sei. Ob konkrete Sanktionen gegen Alternita Studio verhängt wurden, teilte das Unternehmen nicht mit. Google erklärte, die Vorwürfe weiterhin zu prüfen. Von Anthropic war zunächst keine öffentliche Reaktion bekannt.
War der Einsatz erst für 2027 vorgesehen?
Rund um den Start der Software gibt es einander widersprechende Angaben. In der Vorführung erklärte Mario Hau laut Correctiv, das System starte am 1. Juli 2026. Zwei Kunden seien bereits vorhanden. Die große Präsentation solle auf dem AfD-Bundesparteitag in Erfurt stattfinden. Die Anwälte der AfD widersprachen wiederum dieser Darstellung. Das Werkzeug befinde sich noch in der Entwicklung, die „eigentliche Markteinführung“ sei für 2027 geplant.
Die öffentlich erreichbare Website könnte je nach Verständnis einen anderen Eindruck vermitteln. Dort wird Alternita Studio als sofort einsetzbares, kostenpflichtiges Angebot beworben (vergleiche). Für verschiedene Funktionen werden monatliche Abonnements angeboten. Auch kostenlose Testzugänge und regelmäßige Online-Vorführungen sind angekündigt. Belegt ist somit, dass Alternita Studio derzeit, also Sommer 2026, funktionsfähig ist und von Correctiv ausführlich getestet werden konnte. Ein AfD-Mitarbeiter sprach von einem Start und ersten Kunden, während die Anwälte der Partei von einer Entwicklungsphase sprachen. Wie viele Verbände oder Politikerinnen und Politiker das System tatsächlich einsetzen und in welchem Umfang bereits damit erzeugte Inhalte veröffentlicht wurden, ist weiterhin offen.
Auch die Verbindung zu Alice Weidel muss genau beschrieben werden. Bei der Vorführung waren ihre Social-Media-Profile an das System angeschlossen. Ihre Anwälte bestätigten gegenüber Correctiv, dass Beiträge über die Software veröffentlicht würden. Sie bestritten jedoch, dass Weidel ihre Inhalte damit erzeugen lasse. Die technische Verbindung ist damit belegt, die Erstellung ihrer Texte durch Alternita Studio nicht.
Correctiv fand auf Weidels Instagram-Profil ungekennzeichnete KI-Bilder, deren Gestaltung den mit Alternita Studio erzeugten Beiträgen ähnelte. Der künstliche Ursprung eines untersuchten Bildes ließ sich dem Bericht zufolge mit einem Prüfwerkzeug von OpenAI bestätigen. Daraus folgt jedoch noch nicht zweifelsfrei, dass gerade Alternita Studio dieses Bild erstellt hat.
Wenn viele Kanäle plötzlich gleich klingen
Alternita Studio könnte demnach die Produktion politischer Inhalte deutlich beschleunigen. Eine Nachricht lässt sich in wenigen Minuten in mehrere Beiträge, Bilder und Videos verwandeln. Dieselbe Botschaft kann anschließend über verschiedene Konten und Plattformen verbreitet werden. Das ganze nennt sich das Astroturfing. Das bedeutet, eine zentral organisierte Kampagne so inszeniert, als sei sie spontan aus der Bevölkerung entstanden. Veröffentlichen zahlreiche scheinbar unabhängige Konten dieselben Botschaften, kann der Eindruck einer breiten öffentlichen Zustimmung entstehen. Tatsächlich können die Inhalte von einer Partei, einem Unternehmen oder einer Interessengruppe geplant, finanziert und mithilfe technischer Werkzeuge verbreitet worden sein. Der Begriff leitet sich von einer Kunstrasenmarke ab: Was wie eine echte Bewegung von unten aussieht, ist künstlich hergestellt.
Wir haben in der Vergangenheit schon häufiger dieses System beschrieben (vergleiche). Dadurch entsteht der Eindruck einer breiten, schnellen und spontanen Reaktion. Tatsächlich können Auswahl, Formulierungen und Gestaltung aus demselben technischen System stammen. Ein einzelner Mensch kann damit eine Menge an Inhalten herstellen, für die früher ein ganzes Team aus Redakteurinnen, Grafikern und Videoproduzentinnen nötig gewesen wäre.

Doch das allein ist noch kein Beleg für Astroturfing. Und ob Alternita Studio bereits für solche verdeckten Kampagnen eingesetzt wird, ist bislang nicht nachgewiesen. Dennoch, die Voraussetzungen für eine massenhafte und koordinierte politische Kommunikation sind jedoch vorhanden. Die aktuelle Website wirbt ausdrücklich damit, mehrere Social-Media-Profile zu verwalten, Inhalte an das Erscheinungsbild unterschiedlicher Absender anzupassen und Beiträge gleichzeitig über zahlreiche Plattformen auszuspielen.
Das verändert auch die öffentliche Wahrnehmung politischer Mehrheiten. Wenn derselbe Deutungsrahmen innerhalb kurzer Zeit auf vielen Kanälen auftaucht, kann er größer und verbreiteter wirken, als er tatsächlich ist. Wiederholung erzeugt Vertrautheit. Vertraute Aussagen werden leichter verarbeitet und können dadurch glaubwürdiger erscheinen, selbst wenn sie unbelegt oder falsch sind.
Die Verantwortung bleibt beim Menschen
Alternita Studio trifft eine Vorauswahl, formuliert Texte und produziert Bilder. Die Verantwortung für deren Veröffentlichung verschwindet dadurch nicht. Laut den von Correctiv untersuchten Geschäftsbedingungen müssen die Nutzerinnen und Nutzer die erzeugten Inhalte vor der Veröffentlichung eigenverantwortlich prüfen. Die AfD-Anwälte betonten ebenfalls, dass einer entsprechenden Klausel ausdrücklich zugestimmt werden müsse.
Damit bleibt ein fertiger KI-Beitrag eine menschliche Veröffentlichung, da dieser die Endabnahme übernehmen soll. Wer ihn auswählt, freigibt und verbreitet, kann sich nicht glaubwürdig darauf zurückziehen, die Maschine habe einen Fehler gemacht. Ein automatisiertes Werkzeug besitzt weder ein politisches Mandat noch eine eigene rechtliche Verantwortung. Es handelt im Auftrag der Menschen und Organisationen, die es einsetzen.
Seit dem 2. August 2026 gelten zudem die Transparenzregeln aus Artikel 50 der europäischen KI-Verordnung. Unter bestimmten Voraussetzungen müssen künstlich erzeugte oder manipulierte Bilder, Texte, Audioaufnahmen und Videos erkennbar gemacht werden. Das betrifft auch KI-generierte Texte zu Angelegenheiten von öffentlichem Interesse, sofern keine ausreichende menschliche Prüfung und redaktionelle Verantwortung vorliegt. Ob Alternita Studio sämtliche Anforderungen erfüllt, ist bislang nicht behördlich entschieden. Die Bundesnetzagentur hat inzwischen eine zentrale Rolle bei der deutschen Umsetzung der europäischen Regeln übernommen. Eine öffentlich bekannte Entscheidung gegen Alternita Studio liegt derzeit nicht vor.
Was wir gegen die Empörungsmaschine tun können
Ob wir das alles wollen oder nicht, danach wird nicht gefragt. Wir können auch nicht ad hoc jede Nutzerin und jeden Nutzer zu einem technischen Spezialisten ausbilden. Kaum jemand wird im Alltag untersuchen können, welches Sprachmodell an einem Beitrag beteiligt war oder über welche Schnittstelle ein Bild erzeugt wurde. Was aber geht, ist das Training, um die wiederkehrenden Methoden zu erkennen. Welche Gefühle löst ein Beitrag aus? Will er informieren oder zuerst provozieren? Wird eine einzelne Tat benutzt, um eine ganze Gruppe abzuwerten? Passt das Bild tatsächlich zum behaupteten Ereignis? Welche Quelle steckt hinter der Meldung?
Ein Ansatz dafür ist das sogenannte Prebunking. Menschen lernen dabei typische Manipulationstechniken kennen, bevor sie ihnen in einem konkreten Fall begegnen. Den Ansatz des Prebunkings verfolgen wir bei Mimikama.Education bereits seit einigen Jahren. In Schulen, Seminaren und Workshops geht es nicht bloß darum, einzelne Falschmeldungen nachträglich zu widerlegen. Menschen sollen verstehen, wie Aufmerksamkeit erzeugt wird, weshalb bestimmte Inhalte in ihren Feeds auftauchen und welche Rolle die eigene emotionale Reaktion bei der Verbreitung spielt.
Ebenso wichtig ist das laterale Lesen, welches wir auch in unseren Auftritten vermitteln. Klingt aufgrund des Begriffs sperrig, ist aber nicht schwierig. Es geht darum, dass man nicht auf jener Website bleibt, deren Glaubwürdigkeit man beurteilen möchte. Man öffnet weitere Seiten und sucht nach Informationen über den Absender, die ursprüngliche Quelle und die behaupteten Fakten. Professionelle Faktencheckerinnen und Faktenchecker arbeiten auf diese Weise, weil eine unseriöse Website über sich selbst beinahe alles behaupten kann.
Dazu gehört auch eine Form von Suchtresilienz. Wer gelernt hat, den eigenen Impuls für einen Moment zu unterbrechen, muss nicht sofort kommentieren oder teilen. Dieser kurze Abstand ist wichtig, weil Empörung von Geschwindigkeit lebt. Prüfung braucht dagegen Zeit.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Alternita Studio steht deshalb für mehr als den Einsatz künstlicher Intelligenz durch eine politische Partei. Das Werkzeug verbindet die Auswahl empörungsträchtiger Nachrichten mit automatischer Zuspitzung, professioneller Gestaltung und schneller Verbreitung. Es macht sichtbar, wohin sich politische Kommunikation entwickeln kann, wenn Reichweite wichtiger wird als Einordnung.
Deine Wut ist gewollt!
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Verwendete Bilder, Screenshots und Medien dienen ausschließlich der sachlichen Auseinandersetzung im Sinne des Zitatrechts (§ 51 UrhG).
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