
Viele Wochen muss sich Leon Goretzka gedulden, bis er als Vereinsloser einen neuen Klub findet. Bei Aston Villa stopft er Lücken großer Abgänge. Für sein Debüt könnte es kaum ein schweres Duell als jenes mit Meister FC Arsenal geben.
Er kennt Titelrennen, er kennt das Spiel mit den Besten seines Fachs, er kennt den Kampf um den Stammplatz: All das nützt Leon Goretzka bei seinem neuen Team gar nicht so viel. Denn statt beim FC Bayern spielt er nun beim Premier-League-Klub Aston Villa. Und dort ist vieles anders.
Zwar ist das Team von Trainer Unai Emery der amtierende Europa-League-Sieger. Zwar spielt das Team in dieser Saison in der Champions League. Zwar beendete es die vergangene Premier-League-Saison als Vierter – und damit vor dem FC Liverpool. Doch es hatte auch satte 20 Punkte Rückstand auf den FC Arsenal. Und Aston Villa muss in diesem Sommer einen satten Umbruch verkraften.
Stürmer Ollie Watkins verabschiedete sich aus Birmingham zu Al-Hilal nach Saudi-Arabien. Offensivspieler Morgan Rogers, der in der abgelaufenen Saison nur das allerletzte Spiel verpasste, wechselte zum FC Chelsea. Mittelfeld-Motor Youri Tielemans läuft jetzt für Manchester United auf, Innenverteidiger Ezri Konsa zog es zum FC Arsenal, Stammtorhüter Emiliano Martinez ging wie Rogers zu Chelsea. Fünf absolute Stammspieler – einfach weg. Sie brachten viel Transfererlöse, mehr als 300 Millionen Euro sollen es sein, doch die wurden nicht direkt reinvestiert.
Jackson und Goretzka kennen sich vom FC Bayern
Obwohl die Eigentümer von Aston Villa mit Wes Edens, dem Eigentümer des NBA-Teams Milwaukee Bucks, und Nassef Sawiris, laut „Forbes“ der reichste Mann Ägyptens, zwei Multimilliardäre sind: So viel Finanzkraft wie andere Premier-League-Teams bringt Villa nicht auf.
Der frühere Freiburger Johan Manzambi, der bei der WM für die Schweiz groß aufspielte, kam für rund 60 Millionen Euro. Der 20-Jährige ist aber noch verletzt. Jüngst reagierte Villa zudem auf den Watkins-Abgang und verpflichtete Nicolas Jackson vom FC Chelsea für bis zu 75 Millionen Euro. Der Senegalese kommt als alter Bekannter von Trainer Emery, schließlich arbeiteten die beiden schon beim FC Villarreal zusammen. Zudem war Jackson bekanntlich an den FC Bayern ausgeliehen und spielte da also schon mit dem ablösefrei gewechselten Goretzka zusammen. Er teilte sein Schicksal auch mit dem deutschen Nationalspieler: Beide gehörten nicht zur Stammelf von Trainer Vincent Kompany.
Aston Villa bekommt mit den beiden damit ein Duo, das sich bereits kennt. Goretzka soll mit seiner Erfahrung und Dynamik Tielemans ersetzen und mehr Mittelfeld-Optionen bieten, nachdem Amadou Onana wegen seiner schweren Knieverletzung bei der WM in diesem Jahr nicht mehr zum Einsatz kommen kann. Und eben auch Jackson mit entscheidenden Pässen für Tore beliefern. Goretzka hat die Körperlichkeit für die robuste und intensive Premier League, er bringt die Erfahrung aus acht Jahren beim FC Bayern mit, weiß, wie man in einem ständig unter Druck stehenden Team agiert.
„Wenn du einen Motor brauchst, vertrau einem deutschen“
Villa kündigte ihn mit einem typisch deutschen Klischee an: „Wenn du einen Motor brauchst, vertrau einem deutschen.“ Und er sagte bei seiner Vorstellung: „Ich freue mich wirklich sehr darauf, alle paar Tage in solchen großen Spielen anzutreten.“ Gönnte sich sogar einen Seitenhieb gegen seinen Ex-Klub und die Bundesliga. „Und das ist wahrscheinlich der größte Unterschied zur Bundesliga, wo es nur einige wenige große Spiele gegen starke Gegner gibt.“
Für Goretzka ist es die Chance zum Neustart. Als schon vor zwei Saisons klar war, dass der 31-Jährige keine glorreiche Zukunft beim FC Bayern haben wird, rankten sich viele Gerüchte um seine Person. Er entschied sich immer wieder für den Verbleib in München – wohl auch wegen seines guten Gehalts – ehe sein Vertrag nun im Sommer endete. Dann hatte er einen „langen Urlaub“, wie er es mit einem Augenzwinkern nannte. „Und es war ein Prozess, herauszufinden, was ich wirklich wollte. Vom ersten Moment an hatte ich ein wirklich gutes Gefühl, und ich bin sehr froh, hier zu sein.“
Klopp wird genau hinschauen
Glaubt man seiner Erzählung, will Goretzka bei einem ambitionierten, aber nicht immens privilegierten Team seine Erfahrung einbringen. Er wird Champions League spielen, wird aber nicht den Druck haben, sie gewinnen zu sollen. Er wird angesichts der personellen Situation eine tragende Rolle spielen können – und sehr schnell müssen.
Denn ohne ihn lief es bei Villa noch gar nicht. Zum Saisonauftakt gab es eine fiese 0:4-Klatsche gegen Brighton and Hove Albion. Nun geht es direkt gegen den amtierenden Meister FC Arsenal (21 Uhr/Sky und im ntv.de-Liveticker) mit Goretzkas DFB-Kollegen Kai Havertz. Anschließend folgt noch eine Premier-League-Partie gegen Hull City, ehe beim FC Brügge schon das erste Königsklassen-Spiel ansteht. Es folgen Duelle mit Borussia Dortmund und Champions-League-Sieger Paris St. Germain.
Der neue Bundestrainer Jürgen Klopp wird genau hinsehen. Am 17. September nominiert er seinen ersten Kader. Sein Vorgänger Julian Nagelsmann hatte Goretzka bekanntlich eine gewichtige Rolle für die WM versprochen, ihn dann aber nur als Reservisten eingesetzt. Nach dem Desaster-Turnier mit dem Aus im Sechszehntelfinale gegen Paraguay hatten Gerüchte die Runde gemacht, wonach Goretzka vor allem durch schlechte Laune aufgefallen sein soll. Bei Aston Villa bekommt der 31-Jährige nun die Chance, sich neu zu beweisen. Um womöglich seine DFB-Karriere ebenfalls fortsetzen zu können.
Verwendete Quelle: ntv.de