Heute beginnen die Filmfestspiele von Venedig. Bis zum 12. September werden unter anderem Robert Pattinson und Promi-Paar Penélope Cruz und Javier Bardem neue Filme präsentieren. Große Studioproduktionen allerdings sind nicht dabei.
Als Alberto Barbera, der Chef der Filmfestspiele von Venedig, Ende Juli das diesjährige Programm verkündete, waren die Erwartungen groß.
Am Ende der zweistündigen Pressekonferenz jedoch fehlten die Titel, auf die viele gehofft hatten: „Digger“, eine Politsatire mit Tom Cruise von Oscar-Gewinner Alejandro González Iñárritu. Außerdem David Finchers „The Adventures of Cliff Booth“ mit Brad Pitt, das Sequel zu „Once Upon a Time in Hollywood“ und Aaron Sorkins Facebook-Thriller „The Social Reckoning“, die Fortsetzung von „The Social Network“.
Robert Pattinson spielt die Hauptrolle im Thriller „PrimeTime“.
Die größte US-Produktion, die 2026 ihre Premiere am Lido feiern wird, ist „Primetime“: ein medienkritischer Thriller mit Robert Pattinson in der Hauptrolle.
Rückzug statt Festival-Hopping
Gut, auch „Primetime“ ist ein prestigeträchtiger Titel. Schon allein, weil er aus der Independent-Qualitätsschmiede A24 stammt. Aber mit stargespickten und hochbudgetierten Hollywood-Schwergewichten wie „Digger“ oder „The Social Reckoning“, über die seit Monaten im Netz diskutiert werden und die als potentielle Oscar-Kandidaten gelten, kann das Spielfilmdebüt von US-Regisseur Lance Oppenheim dann doch nicht mithalten.
Womit die Programmmacher in Venedig vor dem gleichen Problem stehen wie in der ersten Jahreshälfte ihre Kollegen in Cannes und Berlin: Die großen US-Studios machen einen Bogen um die wichtigsten Filmfestivals der Welt.
Blockbuster „Digger“ mit Tom Cruise ignoriert alle Herbstfestivals
Was noch vor wenigen Jahren ein essentieller Bestandteil der Marketingstrategie war, scheint zunehmend verzichtbar zu werden. „Digger“ ist in dieser Hinsicht gleich mehrfach interessant. Denn das Prestigeprojekt von Warner Bros., dessen deutscher Kinostart für den 1. Oktober geplant ist, wird alle wichtigen Herbstfestivals ignorieren.
Neben Venedig gehören dazu Toronto, Telluride in Colorado und das New York Film Festival. Es gab Zeiten, da betrieben besonders Oscar-verdächtige Filme und ihre Crew regelrechtes Festival-Hopping: Sie feierten erst Weltpremiere in Venedig, wenige Tage später internationale Premiere in Toronto, kurz darauf US-Premiere in Telluride, gefolgt vom Grande Finale am Big Apple.
Sie bringen Schauspiel-Glamour nach Venedig – und auch Hollywood-Flair: die spanischen Oscar-Preisträger Penélope Cruz und ihr Gatte und Javier Bardém.
Rampenlicht versus Negativpresse
Werner Herzog wird diese Tour im September mit „Bucking Fastard“ machen. Aber das ist ein von ihm co-produzierter Independent-Spielfilm. Die Wünsche mächtiger Studiobosse dürften ihm genauso egal sein, wie das kritische Urteil des Festivalpublikums.
Das wiederum macht einigen seiner Kollegen durchaus zu schaffen. So etwa zu hören im Podcast des US-Branchenblatts „Screen International“. Paradox daran sei, dass insbesondere Hollywood-Regisseure unbedingt in den Wettbewerb aufgenommen werden wollen, berichtet dort die Filmjournalistin Rebecca Leffler: „Sie wollen Aufmerksamkeit erregen, aber keine schlechten Kritiken riskieren“, so Leffler. Aber vor allem die Kritiker in Cannes seien nun mal für ihre Gnadenlosigkeit bekannt.
Die Schwestern Rooney Mara und Kate Mara spielen zum ersten Mal gemeinsam vor der Kamera: für Werner Herzogs Groteske „Bucking Fastard“ über eigenwillige Zwillinge.
Megaflop „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“
2023 spaltete in Cannes zum Beispiel „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ die Gemüter. Der fünfte Teil der Disney-Produktion wurde zum Millionengrab.
Geradezu legendär auch, wie ein Jahr später in Venedig die Comic-Fortsetzung „Joker: Folie à Deux“ im Wettbewerb durchfiel und von der Kritik regelrecht in der Luft zerrissen wurde. Beim regulären Kinostart floppte die 200 Millionen teure Warner-Produktion.
Umbruchphase in Hollywood
Die Panik vor negativen Kritikerreaktionen kann aber nicht Grund allein sein für das Fernbleiben der Big Player. Diese Sorge gab es immer. Neu hingegen ist die Umbruchphase, in der sich die US-Filmindustrie befindet. Die Kinobesuche sind rückläufig, Produktionskosten und Erfolgsdruck steigen. So erklärte Festivalchef Alberto Barbera in einem Gastbeitrag für die italienische Tageszeitung La Stampa das Hollywood-Vakuum seiner aktuellen Festivalausgabe.
Fehlende Stars: Das schont die Festival-Kassen
Zur Wahrheit gehört aber auch: Wer große Stars und deren Entourage nicht extra einfliegen lassen und tagelang auf Studiokosten in Luxussuiten unterbringen muss, kann leicht sechs- bis siebenstellige Beträge einsparen – und stattdessen in Social-Media- oder Online-Kampagnen investieren.
Im vergangenen Jahr hat Warner diese Taktik effizient umgesetzt. Sowohl „Blood and Sinners“ als auch „One Battle After Another“ blieben den Festivals fern.
Ungewöhnliche Kooperationen
Im Gegenzug gab es unter anderem Kooperationen mit dem extrem populären Online-Game „Fortnite“. Zwischen 1,5 und 2 Millionen tägliche Nutzer hat das vor allem bei einer jüngeren Zielgruppe beliebte Computerspiel.
Schon seit Jahren gibt es hier zeitlich begrenzte Crossover-Events mit Medien, Musikern oder eben Filmen, die zu Werbezwecken in das Spiel integriert werden. Bislang handelte es sich dabei jedoch um Blockbuster wie „Star Wars“ oder Superhelden-Verfilmungen. Dass ein Autorenfilm wie „One Battle After Another“ eine eigene Parallelwelt in dem Spiel erhielt, noch dazu auf Anregung von Regisseur Paul Thomas Anderson selbst, sorgte in der Branche für Verwunderung.
Ob solche Kooperationen auf Dauer klassische Marketingstrategien ersetzen werden, wird sich noch zeigen. Der letztjährige Hype um die beiden Filme, die Einspielergebnisse und ihre Oscar-Dominanz sind aus Studiosicht jedoch ein klarer Pluspunkt.
Auch wenn Filmfestivals nicht wirklich auf die Premieren von großen Studioproduktionen angewiesen sind, weil sie seit eh und je im Autorensegment punkten: Der Aufmerksamkeitsverlust, der mit dem Fernbleiben der Hollywood-Schwergewichte einher geht, ist schmerzhaft. Die stetig ausufernde neue Medienwelt – sie droht den Festivals die Butter vom Brot zu nehmen.
