Stand: 4. September 2026
Das Polizeipräsidium Oberpfalz warnt seit dem 2. September vor einer Telefonbetrugsmasche, die sich insbesondere an russischsprachige Menschen richtet. Sie beginnt mit einem Kredit, den es nicht gibt, führt über angebliche Mitarbeiter von Bank, Polizei und Deutscher Bundesbank, verlagert sich nach Telegram und endet mit einer Überweisung des eigenen Guthabens auf ein „Sicherheitskonto“. Auf dem Display steht dabei laut Polizei eine Nummer, die tatsächlich dem Bundesinnenministerium gehört. Dass die Nummer echt ist, macht den Anruf nicht echt – das ist der Kern dieser Warnung.
Der Anruf beginnt mit einer Schuld, die niemand gemacht hat
Am Anfang steht ein Anruf, der scheinbar von einer Bank kommt. Der angebliche Mitarbeiter teilt mit, in Ihrem Namen sei ein Kredit über 17.000 Euro aufgenommen worden. Wer davon nichts weiß, ist alarmiert – und genau diese Alarmstimmung ist das Werkzeug. Das Gespräch wird anschließend an weitere Personen weitergereicht: an vermeintliche Sicherheitsmitarbeiter, an angebliche Polizeibeamte, schließlich an vermeintliche Mitarbeiter der Deutschen Bundesbank. Jede Weitergabe soll den Eindruck verstärken, dass hier ein ernster Vorgang von mehreren Stellen bearbeitet wird.
Die Kommunikation läuft laut Polizei nicht nur am Telefon, sondern auch über den Messenger Telegram. Teilweise treten die Anrufer dort per Videoanruf auf, um ihre angebliche Identität zu bestätigen. Im weiteren Verlauf wird die Geschichte größer: Es gebe noch weitere Kredite oder hohe Forderungen bei verschiedenen Banken, und möglicherweise stecke ein ehemaliger Bankmitarbeiter dahinter. Als Ausweg bieten die Anrufer dann die Einrichtung eines „Sicherheits-“ oder „Referenzkontos“ an. Die Betroffenen sollen ihre Kontostände nennen und ihr Guthaben dorthin überweisen. Das Konto gehört den Tätern.
So läuft der Anruf ab
Der Ablauf, wie ihn das Polizeipräsidium Oberpfalz am 2. September 2026 beschreibt.
Die „Bank“ ruft an
In Ihrem Namen sei ein Kredit über 17.000 Euro aufgenommen worden.
Weitergabe
Angebliche Sicherheitsleute, Polizei und Bundesbank übernehmen nacheinander das Gespräch.
Telegram und Video
Der Kontakt wechselt in den Messenger, teils mit Videoanruf als „Beweis“.
Die echte Nummer
Auf dem Display erscheint 030 186810 – die Vermittlung des Bundesinnenministeriums, gespooft.
Das „Sicherheitskonto“
Kontostände nennen, Guthaben überweisen. Das Konto kontrollieren die Täter.
Keine Bank und keine Behörde fordert dazu auf, Geld auf ein Sicherheits- oder Referenzkonto zu überweisen.
Bislang bekannt aus der Oberpfalz, insbesondere gegen russischsprachige Personen. Zahl der Fälle und Schadenshöhe hat die Polizei nicht genannt.
Die Nummer stimmt, der Anrufer nicht
Das auffälligste Detail dieser Warnung ist die Rufnummer. In den bislang bekannten Fällen wurde laut Polizeipräsidium die Nummer 030 186810 angezeigt. Das ist tatsächlich die Vermittlungsnummer des Bundesministeriums des Innern. Wer sie nachschlägt, findet also eine echte Behörde – und genau darauf setzen die Täter. Beim sogenannten Spoofing kann auf dem Display eine andere Rufnummer erscheinen als die, von der der Anruf tatsächlich stammt.
Deshalb taugt die angezeigte Nummer nicht als Beweis. Sie beweist weder, dass eine Behörde anruft, noch dass der Anruf aus Deutschland kommt. Dasselbe gilt für den Videoanruf: Dass jemand vor einer Kamera sitzt, sagt nichts darüber, wer diese Person ist. Auch der Wechsel zu Telegram ist kein Identitätsnachweis. Die Polizei sagt lediglich, dass die Täter dort Nachrichten und teilweise Videoanrufe nutzen, um ihre angebliche Identität glaubwürdiger erscheinen zu lassen.

Dieselbe Zielgruppe, ein anderer Aufbau
Die Oberpfälzer Polizei hatte bereits im Frühsommer Fälle unter dem Stichwort „Russische Callcenter“ gemeldet. Gemeint ist damit nicht die Herkunft der Täter, sondern die Sprache der Anrufe: Es handelte sich um klassische Schockanrufe auf Russisch. Ende Mai 2026 übergab eine 74-Jährige in Weiden eine hohe fünfstellige Bargeldsumme an der Haustür, einen Tag später eine 76-Jährige in Amberg einen mittleren fünfstelligen Betrag – jeweils als angebliche „Kaution“ nach einem erfundenen Unfall eines Angehörigen. Ein 43-jähriger Tatverdächtiger, den die Weidener Seniorin zufällig in einer Arztpraxis wiedererkannte, sitzt seit Ende Mai in Untersuchungshaft.
Die jetzt gemeldete Variante unterscheidet sich in fast allem außer der Zielgruppe. Es gibt keinen Unfall, keine Kaution und keine Bargeldübergabe. Stattdessen einen erfundenen Kredit, eine Kette angeblicher Institutionen, Messenger, Video und eine gespoofte Behördennummer. Am Ende steht keine Übergabe, sondern eine Überweisung, die das Opfer selbst tätigt.
Zwei Maschen, dieselbe Zielgruppe
Was die Oberpfälzer Polizei im Juni und im September 2026 jeweils beschrieben hat.
Mai/Juni 2026
Schockanruf auf Russisch
- Angeblicher Unfall eines Angehörigen
- Forderung einer „Kaution“
- Bargeldübergabe an der Haustür
- Ein Anrufer, ein Abholer
- Zwei Fälle mit fünfstelligen Summen, ein Tatverdächtiger in U-Haft
September 2026
Fake-Kredit und „Sicherheitskonto“
- Angeblicher Kredit über 17.000 Euro im eigenen Namen
- Weitergabe an „Polizei“ und „Bundesbank“
- Telegram, teils Videoanruf
- Gespoofte Nummer des Bundesinnenministeriums
- Überweisung des eigenen Guthabens auf ein Täterkonto
Was die Polizei nicht sagt
Einiges bleibt offen, und das sollte man beim Lesen der Warnung mitdenken. Die Polizei nennt weder die Zahl der bislang bekannten Fälle noch eine Schadenssumme, und sie sagt nicht, ob es in der Kreditvariante bereits zu abgeschlossenen Überweisungen gekommen ist. Die Formulierung „in den bislang bekannt gewordenen Fällen“ lässt beides zu. Dass mehrere Regionalmedien am 2. September über die Warnung berichtet haben, ändert daran nichts – sie geben alle dieselbe Mitteilung wieder.
Offen ist auch, ob diese Variante außerhalb der Oberpfalz auftaucht. Bei unserer Recherche bis zum 4. September 2026 fanden wir keine vergleichbare offizielle Warnung aus Österreich oder der Schweiz. Die Bausteine sind allerdings nicht neu: Falsche Bankmitarbeiter, ein angeblich kompromittiertes Konto, der Wechsel auf ein „sicheres“ Konto – das ist ein Muster, das seit Jahren in verschiedenen Sprachen und Ländern eingesetzt wird. Auffällig an der jetzt gemeldeten Variante ist die konkrete Kombination: ein angeblicher 17.000-Euro-Kredit als Einstieg, russischsprachige Ansprache, Telegram und Videoanrufe sowie die gespoofte Nummer des Bundesinnenministeriums. Wer russischsprachige Angehörige hat, sollte ihnen diese Warnung weitergeben, auch außerhalb Bayerns.
Was tatsächlich schützt
Der Rat der Polizei ist unspektakulär, aber er trifft die Sache. Wer unerwartet von einer Bank oder Behörde angerufen wird, beendet das Gespräch und ruft selbst zurück – nicht unter der Nummer, die auf dem Display stand, und nicht unter einer Nummer, die der Anrufer genannt hat, sondern unter der Nummer von der Bankkarte, der Website oder dem Kontoauszug. Wer sich unter Druck gesetzt fühlt, hat schon das wichtigste Warnsignal erkannt. Echte Bankmitarbeiter und echte Behörden brauchen keine Eile, keinen Messenger und kein Sicherheitskonto.
Zum Mitnehmen
Drei Sätze, die den Anruf beenden
- „Ich rufe zurück.“Über die Nummer auf der Bankkarte oder der offiziellen Website. Nie über die Nummer vom Display oder aus dem Gespräch.
- „Ich nenne keine Kontostände.“Ein unerwarteter Anrufer, der Ihren Kontostand wissen will, ist ein Warnsignal. Nennen Sie ihn nicht.
- „Ich überweise nichts auf ein Sicherheitskonto.“Banken und Behörden verlangen keine Überweisung auf ein „Sicherheitskonto“. Wer Sie dazu auffordert, versucht Sie zu betrügen.
