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Rechtsextremismus normalisiert: Wie Meme die Grenzen verschieben

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 5, 2026Keine Kommentare13 Minuten Lesezeit
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Ein schwarzes Bild, ein paar weiße und rote Sätze: „Schweigen ist eine Entscheidung.“ Wenn Menschen ausgegrenzt werden, wenn Rassismus normalisiert wird, wenn Rechtsextremismus wieder salonfähig werden soll, sei Schweigen keine Neutralität. Solche Sharepics funktionieren, weil sie eine klare moralische Position formulieren. Die interessantere Frage liegt allerdings einen Schritt davor: Wie wird etwas überhaupt salonfähig, das vor einigen Jahren noch weithin als rassistisch, antisemitisch oder offen extremistisch erkannt worden wäre?

Die kurze Antwort: nicht an einem Tag. Es gibt keinen Moment, in dem eine Gesellschaft aufwacht und beschließt, dass eine bestimmte Form der Menschenfeindlichkeit ab jetzt in Ordnung sei. Grenzen verschieben sich langsam. Ein Ausdruck taucht häufiger auf, eine pauschale Behauptung wird hundertfach wiederholt, ein menschenverachtender Satz erscheint zuerst als Provokation, später als Meme und irgendwann als völlig gewöhnlicher Kommentar unter einer Nachricht. Im Feed lässt sich dieser Prozess besonders gut beobachten – und zwar an drei Mechanismen, die für sich genommen banal wirken: Wiederholung, Humor und Empfehlungsalgorithmen.

Bevor es um diese Mechanismen geht, eine Klarstellung, die für den ganzen Text gilt: Eine restriktive Haltung zur Migration ist für sich genommen kein Rechtsextremismus. Kritik an Regierung, EU, Medien oder gesellschaftlichen Veränderungen macht niemanden zum Extremisten. Demokratie lebt von politischen Konflikten, auch von sehr harten. Wer jede rechte Position vorschnell als „rechtsextrem“ bezeichnet, macht den Begriff analytisch wertlos und erschwert genau jene Abgrenzung, um die es hier geht.

Es beginnt selten mit der offensichtlichsten Parole

Wer bei Rechtsextremismus ausschließlich an Neonazi-Symbole, Hitlergrüße und offen antisemitische Propaganda denkt, übersieht einen erheblichen Teil moderner digitaler Kommunikation. Die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt, dass extremistische Akteure auf großen Plattformen ihre Kommunikation häufig anpassen, um die zugrundeliegende Ideologie zu verschleiern: Eindeutig extremistische Formulierungen und Symbole werden bewusst vermieden, stattdessen kommen Codes, Memes, humoristische Darstellungen oder alltagsnahe Inhalte zum Einsatz, die mit den Erzählungen der Ideologie verknüpft werden. Radikalere Kommunikation findet parallel auf kleineren, kaum moderierten Plattformen statt, die teils von den Akteuren selbst betrieben werden.

Das erklärt ein Phänomen, das man in Kommentarspalten regelmäßig beobachten kann: Der Inhalt muss gar nicht auf den ersten Blick extrem wirken. Aus „Ich halte die aktuelle Asylpolitik für falsch“ kann eine Diskussion entstehen, in der irgendwann sämtliche Geflüchteten pauschal als Bedrohung beschrieben werden. Aus Kritik an einer bestimmten politischen Entscheidung wird die Behauptung, eine ethnische oder religiöse Gruppe könne grundsätzlich nicht zu „uns“ gehören. Und wo anfangs noch über konkrete Probleme gesprochen wurde, geht es plötzlich um Menschen als angeblich minderwertige oder gefährliche Gruppe. Der entscheidende Punkt liegt nicht im Ausgangssatz, sondern in dieser Verschiebung.

Wo die Grenze tatsächlich verläuft

Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz nennt als gemeinsames Kennzeichen aller rechtsextremistischen Strömungen die Überbewertung ethnischer Zugehörigkeit und die damit verbundene Ablehnung des Gleichheitsprinzips – also die Vorstellung, die Zugehörigkeit zu einer Ethnie oder Nation entscheide über den Wert eines Menschen. Dazu kommt in aller Regel ein autoritäres Staatsverständnis, in dem demokratische Prinzipien beseitigt werden sollen. Genau dort liegt die Grenze, nicht bei der Frage, ob jemand eine bestimmte Regierung, eine Zuwanderungspolitik oder eine Zeitung schlecht findet.

Wo der Satz kippt

Dasselbe Thema, drei Aussagen. Die Grenze liegt nicht beim Thema.

Politische Position

„Ich halte die aktuelle Asylpolitik für falsch.“

Kritik an einer Politik. Hart, aber Teil des demokratischen Streits.

Pauschalisierung

„Geflüchtete sind eine Bedrohung.“

Aus einem Problem wird eine Gruppe. Noch keine Ideologie – aber der Satz redet nicht mehr über Politik.

Abwertung

„Die gehören grundsätzlich nicht zu uns.“

Menschen werden wegen ihrer Herkunft ausgeschlossen. Das ist das Kennzeichen, das Verfassungsschutzbehörden nennen.

Der erste Satz führt nicht automatisch zum dritten. Die Grenze liegt dort, wo Menschen nach Herkunft unterschiedlich viel wert sind – nicht dort, wo jemand eine Politik ablehnt.

Mit dieser Unterscheidung im Hinterkopf lässt sich nun genauer hinsehen, wie Aussagen von der rechten Spalte in den Alltag wandern. Denn dafür braucht es keine Kampagne und keinen großen Plan. Es reicht, dass ein Feed so funktioniert, wie er funktioniert.

Warum Wiederholung etwas mit uns macht

Eine der unspektakulärsten Methoden der Normalisierung ist gleichzeitig eine der wirksamsten: Wiederholung. Psychologen untersuchen seit Jahrzehnten den sogenannten Illusory Truth Effect, auf Deutsch ungefähr „Wahrheitseffekt durch Wiederholung“. Vereinfacht gesagt werden Aussagen häufiger als glaubwürdig eingeschätzt, wenn Menschen sie bereits zuvor gesehen oder gehört haben. Eine im Februar 2026 in Nature Communications veröffentlichte Metaanalyse wertete 182 Studien mit insgesamt mehr als 31.000 Teilnehmenden aus und bestätigt einen kleinen, aber robusten Effekt: Wiederholt präsentierte Informationen werden im Durchschnitt als wahrer eingeschätzt als neue. Das gilt unter unterschiedlichen Bedingungen und betrifft auch Falschinformationen.

Der Wahrheitseffekt durch Wiederholung

Was die Metaanalyse in Nature Communications (2026) zusammenfasst.

Teilnehmende

über 31.000

Befund

klein, aber robust

Mimikama-Club - Communitybereich fuer Steady-Unterstuetzer:innen

Dabei braucht es keineswegs hundert Wiederholungen. In Experimenten zeigte sich bereits bei der zweiten Begegnung mit einer Aussage ein deutlicher Unterschied; weitere Wiederholungen können den Effekt zusätzlich verstärken, auch wenn der Zuwachs mit der Zeit kleiner wird. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jemand nach fünf rassistischen Memes plötzlich zum Rechtsextremisten wird. Menschen sind keine Automaten, in die man oft genug dieselbe Botschaft einfüllen muss. Der Effekt erklärt etwas viel Alltäglicheres: Vertrautheit verändert Wahrnehmung. Eine Behauptung, die man zum ersten Mal liest, kann absurd wirken. Nach dem zehnten Posting kennt man sie bereits. Nach dem zwanzigsten hat man vielleicht das Gefühl, irgendwas werde schon dran sein. Und irgendwann erscheint sie nicht mehr außergewöhnlich genug, um überhaupt noch überprüft zu werden. Wie dieser Effekt mit Überschriften, Kommentaren und dem Teilen ohne Lesen zusammenspielt, haben wir an anderer Stelle beschrieben.

Eine weitere Studie zeigte in zwei Experimenten mit 260 Personen, dass bereits zuvor gesehene Falschinformationen eher weitergeteilt wurden. Der Zusammenhang lief über die wahrgenommene Richtigkeit: Wiederholung machte die Information glaubwürdiger, die höhere Glaubwürdigkeit erhöhte die Bereitschaft zum Teilen. Getestet wurde das mit Aussagen zu Gesundheit und Allgemeinwissen, nicht mit politischen Inhalten – der Mechanismus ist also allgemein, nicht spezifisch für Extremismus. Für Desinformation ist das entscheidend. Eine Lüge muss nicht jeden überzeugen. Es kann bereits reichen, dass sie vertraut wird.

„War doch nur ein Meme“

Dann gibt es noch eine Form der Kommunikation, gegen die sachliche Einordnung erstaunlich schwer ankommt: Humor. Ein rassistischer Satz als nüchterner Facebook-Kommentar ist relativ eindeutig. Derselbe Gedanke, verpackt in ein Meme mit einem bekannten Filmcharakter, einem Emoji oder einem ironischen Spruch, bekommt plötzlich eine zweite Ebene. Kritik daran lässt sich nun jederzeit abwehren: Man habe das doch gar nicht ernst gemeint, es sei schwarzer Humor gewesen, die anderen hätten einfach keinen Spaß verstanden. Gerade diese Mehrdeutigkeit kann extremistische Kommunikation attraktiv machen.

Die Forschung nennt diesen Vorgang Mainstreaming: das allmähliche Vordringen radikaler und extremistischer Positionen in die Mitte. Eine 2024 in Communication Theory erschienene Übersichtsarbeit wertete dazu 143 Studien aus und kam zu einem ernüchternden Zwischenbefund – der Prozess ist so langsam und langfristig, dass er sich schwer messen lässt und deshalb oft ein Schlagwort bleibt. Die Autorinnen beschreiben ihn als zwei Schritte: Extremistische Botschaften werden in breit zugänglichen Inhalten platziert, und ein Publikum ist wegen bestehender Vorurteile, emotionaler Ansprache oder Wir-gegen-die-Erzählungen dafür empfänglich. Humor gehört zu den Werkzeugen des ersten Schritts. Wie gut er funktioniert, lässt sich sogar beziffern: Eine Forschungsgruppe der LMU München und der Universität Würzburg wertete 1.200 Memes aus deutschsprachigen rechtsextremen Telegram-Kanälen der Jahre 2020 und 2021 aus. Memes mit offen rechtsextremen Erzählungen erhielten dort weniger Aufrufe als andere – ebenso Memes, die nur lustig waren. Die Kombination aus beidem erreichte dagegen signifikant mehr Menschen. Humor kann extreme Inhalte also verdecken und sie anschlussfähiger machen, als sie ohne die Verpackung wären. Die Autorinnen sprechen vorsichtig von einem Mainstreaming-Potenzial, denn gemessen wurde die Reichweite innerhalb der Szene, nicht ihre Wirkung darüber hinaus.

Wie das in österreichischen Feeds aussieht, hat ein Team der Universität Malmö und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften rund um die EU-Wahl 2024 untersucht. Zwischen 1. Mai und 10. Juni 2024 beobachteten die Forschenden mit neu angelegten Accounts auf Facebook, X, Instagram und TikTok, was ein politisch interessierter Nutzer in Österreich, Bulgarien und Schweden zu sehen bekommt – bewusst auf den großen Plattformen, nicht in bekannten Extremisten-Nischen. Aus den Kommentarspalten auf Facebook und X werteten sie 584 Memes aus, 208 davon aus Österreich. Darunter fanden sich regelmäßig Bilder, die Migranten, sexuelle Minderheiten oder „Eliten“ entmenschlichten oder Gewalt gegen sie andeuteten, verpackt in bekannte Vorlagen. Ein Beispiel ist die „Great Replacement“-Erzählung: In der österreichischen Variante wiederholen graue, gesichtslose Figuren den Satz „Es gibt doch keine Überfremdung!“, während dunkelhäutige Figuren das Bild füllen – dieselbe Vorlage kursierte mit anderem Text in Bulgarien. Die Autoren sprechen von „everyday extremism“, Alltagsextremismus: Erzählungen, die so gewöhnlich geworden sind, dass sie normale politische Diskussionen zwischen normalen Bürgern durchsetzen.

Eine dritte Untersuchung, 2026 in New Media & Society veröffentlicht, analysierte 2.603 Instagram-Reels mit rechtsextrem-nahen Themen und beschreibt drei Muster, mit denen extremistische Weltbilder dort weichgezeichnet werden: Humor, Ironie und augenzwinkernde Selbstbezüge, die das Extreme als spielerisch erscheinen lassen; heimelige, nostalgische Ästhetik, die ausgrenzende Botschaften mit sentimentalen Bildern abfedert; und heroische Inszenierung, die ideologische Überzeugung als Erwachen oder Verteidigung der Zivilisation darstellt. Das Meme ist also selten die ganze Botschaft. Es ist die Verpackung, die eine Botschaft passieren lässt.

Das Meme erfüllt dabei noch eine zweite Funktion: Man erkennt einander. Wer den Code versteht, gehört dazu. Außenstehende sehen vielleicht einen absurden Witz, innerhalb der jeweiligen Community transportieren bestimmte Begriffe, Zahlen, Symbole oder Bilder eine zusätzliche Botschaft. Dadurch entsteht Gemeinschaft, ohne dass jede Aussage vollständig ausgesprochen werden muss.

Der Algorithmus hat keine politische Gesinnung

An dieser Stelle landet die Debatte fast zwangsläufig bei TikTok, Instagram, YouTube oder X. Und hier lohnt sich ebenfalls Genauigkeit. Ein Empfehlungsalgorithmus ist kein Rechtsextremist. Er hat keine politische Überzeugung und verfolgt nicht das Ziel, Menschen zu radikalisieren. Empfehlungssysteme sollen vor allem herausfinden, welche Inhalte jemand wahrscheinlich länger ansieht, anklickt, kommentiert oder teilt. Genau darin kann allerdings das Problem liegen: Wer sich mit bestimmten Inhalten beschäftigt, bekommt häufig mehr davon angeboten. Aus einer einzelnen Begegnung wird eine Serie ähnlicher Inhalte. Der Digital Services Act verpflichtet sehr große Plattformen deshalb, systemische Risiken ihrer Empfehlungssysteme zu untersuchen und Maßnahmen dagegen zu treffen.

Wie schnell solche Wege entstehen können, zeigte im Mai 2026 eine Untersuchung des Institute for Strategic Dialogue gemeinsam mit dem Antisemitism Policy Trust. Die Forschenden richteten zehn Testprofile ein, die 15-jährige Nutzer mit unterschiedlichen politischen und kulturellen Interessen simulierten – von Lifestyle-Influencern über links- und rechtsorientierte Politik bis zu zwei neutralen Konten. Nach eineinhalb Stunden manuellem Anschauen übernahm ein Bot die Interaktion, 14 Tage lang, auf TikTok und Rumble. Dabei fanden sie Wege von zunächst gewöhnlichen oder politischen Inhalten hin zu antisemitischen und verschwörungsideologischen Inhalten; auf TikTok fungierten Sticker, Sounds und Kommentarspalten als Brücken von harmlos wirkenden Videos zu offen antisemitischem Material.

Die Untersuchung kann nicht abbilden, wie sich echte Nutzer verhalten, und die Bundeszentrale für politische Bildung weist darauf hin, dass sich wegen fehlender Langzeitstudien nicht genau bestimmen lässt, wie stark digitale Angebote Radikalisierung tatsächlich fördern. Was sich zeigen lässt, ist ein reales Risiko: Wiederholte Begegnung mit extremistischem Material kann entstehen, ohne dass jemand gezielt danach sucht. Die Instagram-Untersuchung aus New Media & Society beschreibt noch einen subtileren Effekt: Weil der Algorithmus thematisch ähnliche Reels bündelt, werden auch unpolitische Beiträge durch ihre Nachbarschaft politisch aufgeladen – ein harmloses Video kann ein rechtsextremes Narrativ verstärken, wenn es im passenden Umfeld erscheint. Der Algorithmus erfindet die Ideologie nicht. Er kann ihr aber bei der Verteilung helfen.

Irgendwann klingt der Satz gar nicht mehr so extrem

Normalisierung lässt sich vielleicht am besten daran erkennen, wie sich unsere Reaktion verändert. Beim ersten offen rassistischen Kommentar unter einem Artikel gibt es möglicherweise noch Widerspruch. Beim fünfzigsten scrollen viele darüber hinweg – nicht unbedingt, weil sie zustimmen, sondern weil man sich daran gewöhnt hat, dass solche Kommentare eben dazugehören. Und genau hier wird es kompliziert, denn gesellschaftliche Akzeptanz besteht nicht ausschließlich aus Zustimmung. Auch Gewöhnung verändert Grenzen. Wenn bestimmte Gruppen ständig kollektiv als kriminell dargestellt werden, wenn antisemitische Codes zum Running Gag werden oder wenn Gewaltfantasien regelmäßig ironisch formuliert auftauchen, verändert sich das kommunikative Umfeld. Aussagen, die früher erklärungsbedürftig gewesen wären, werden Teil des Grundrauschens.

Dass es dabei nicht nur um Sprache geht, zeigen die Zahlen der Sicherheitsbehörden. Die österreichische Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst beschreibt die Vernetzung im digitalen Raum und den Einsatz sozialer Medien zur Verbreitung extremistischer Propaganda ausdrücklich als zentrale Trends des Rechtsextremismus. Für 2025 registrierte sie insgesamt 1.986 rechtsextremistische, fremdenfeindliche beziehungsweise rassistische, islamfeindliche, antisemitische sowie weitere einschlägige Tathandlungen – ein Anstieg von 33,6 Prozent gegenüber 2024, als es 1.486 waren.

Diese Zahlen beweisen keine einfache Kausalkette vom Facebook-Meme zur Straftat. Eine solche Behauptung wäre unseriös; Radikalisierung entsteht aus unterschiedlichen sozialen und persönlichen Faktoren, und ein Teil des Anstiegs kann auch mit veränderter Anzeigebereitschaft oder Ermittlungsschwerpunkten zusammenhängen. Sie zeigen aber, dass das Thema keineswegs nur aus aufgeregten Diskussionen über Wörter besteht.

Und was hat Schweigen damit zu tun?

Damit sind wir wieder bei dem Satz auf dem Sharepic. „Schweigen ist keine Neutralität“ klingt zunächst absolut, im Alltag braucht es mehr Differenzierung. Niemand muss jeden Troll überzeugen. Niemand ist verpflichtet, sich unter jedem rassistischen Posting in eine hundert Kommentare lange Diskussion zu stürzen – gerade professionelle Provokateure leben davon, Aufmerksamkeit zu bekommen. Gegenrede kann außerdem sehr unterschiedliche Formen annehmen: eine Behauptung sachlich widerlegen, einen Kommentar melden, ein Narrativ überprüfen und erklären, woher es stammt und mit welchen sprachlichen Mitteln es verbreitet wird.

Entscheidend ist, dass Gewöhnung nicht mit Normalität verwechselt wird. Wenn man eine Behauptung täglich liest, wird sie dadurch nicht wahr. Wenn tausend Menschen eine Minderheit abwerten, wird daraus keine legitime Tatsachenbeschreibung. Und wenn sich extremistische Sprache optisch an Instagram, TikTok und Memekultur angepasst hat, verschwindet deshalb ihr ideologischer Inhalt nicht.

Genau hier haben Faktenchecks eine Aufgabe, die über das klassische „wahr oder falsch“ hinausgeht. Manche Falschinformation besteht aus einer erfundenen Zahl, die lässt sich korrigieren. Schwieriger wird es bei Narrativen, die aus Dutzenden kleinen Behauptungen bestehen und über Monate immer wiederkehren. Dann muss man zusätzlich erklären, woher eine Erzählung stammt, welche Begriffe darin verwendet werden und welche tatsächlichen Daten fehlen. Das ist keine Frage von Parteipolitik. Eine Demokratie hält auch extreme Kritik aus und lebt sogar davon, dass Regierungen, Medien und Institutionen kritisiert werden. Menschen aufgrund ihrer Herkunft einen geringeren Wert zuzuschreiben oder demokratische Grundprinzipien beseitigen zu wollen, liegt auf einer anderen Ebene.

Zum Mitnehmen

Drei Fragen, wenn im Feed etwas plötzlich normal wirkt

  • Kenne ich das – oder weiß ich das?Wiederholung erzeugt Vertrautheit, keine Belege. „Hab ich schon oft gelesen“ ist keine Quelle.
  • Was bleibt übrig, wenn man den Witz wegnimmt?Wenn dieselbe Aussage als nüchterner Satz nicht mehr akzeptabel wäre, ändert das Meme daran nichts.
  • Geht es um Politik oder um Menschen?Eine Politik ablehnen ist Streit. Menschen wegen ihrer Herkunft abwerten ist etwas anderes.

Normalisierung geschieht, bevor wir sie bemerken

Vielleicht ist das der unangenehmste Teil an diesem Thema: Wenn sich gesellschaftliche Grenzen verschieben, bemerkt man es oft erst rückblickend. Währenddessen fühlt sich vieles banal an. Ein blöder Kommentar, ein Meme, wieder irgendein Account, der provozieren will. Einzeln betrachtet wirkt das unbedeutend. Erst in der Summe wird sichtbar, dass sich Sprache verändert hat und bestimmte Erzählungen von den Rändern in größere Öffentlichkeiten gelangt sind.

Darum lohnt es sich, genauer hinzusehen, bevor aus „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ irgendwann „Das sagt doch mittlerweile jeder“ wird. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt ziemlich genau das, was Normalisierung bedeutet.

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“

Normalisierung

„Das sagt doch mittlerweile jeder.“

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