Zwei Videos, drei Wochen Abstand, dieselbe Stimme, dieselbe Geschichte. Am 5. August 2026 erzählt eine Stimme auf TikTok, das Wahlkreisbüro des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund in Stendal sei „in der Nacht von Samstag auf Sonntag“ mit teergefüllten Glasgefäßen beworfen worden. Die Fassade sei beschädigt, das Dach eingedrückt, Siegmund „völlig am Ende“. Am 26. August erscheint ein zweites Video mit fast identischem Text – und wieder soll es „in der Nacht von Samstag auf Sonntag“ passiert sein. Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt klingt das nach einem aktuellen Ereignis.
Der Angriff hat stattgefunden. Nur nicht im August 2026, sondern im April 2017.
Was 2017 tatsächlich passiert ist
In der Nacht zum 23. April 2017 wurden Fassade und Schaufenster des Gebäudes, in dem sich das AfD-Wahlkreisbüro in Stendal befindet, mit Flaschen oder Gläsern beworfen, die eine teerartige Substanz enthielten. Die Allgemeine Zeitung berichtete am 24. April 2017 darüber; die Polizei schätzte den Sachschaden damals vorläufig auf rund 10.000 Euro. Es war laut dem Bericht nicht der erste Vorfall dieser Art an diesem Büro. Der 23. April 2017 war ein Sonntag – die Nacht von Samstag auf Sonntag stimmt also. Sie stimmt nur für ein anderes Jahr.
Die AfD-Fraktion Sachsen-Anhalt veröffentlichte damals einen Facebook-Beitrag mit einem längeren Zitat Siegmunds. Genau dieses Zitat taucht in den aktuellen TikTok-Videos wieder auf. CORRECTIV hat beide Texte verglichen: Die Videos verwenden nicht nur den alten Vorfall, sondern auch Siegmunds damalige Reaktion, als wäre sie neu.
Ein Angriff, neun Jahre, drei Wiederholungen
Was belegt ist und wann derselbe Vorfall als neu erzählt wurde.
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Nacht zum 23. April 2017
Der tatsächliche Angriff
Fassade und Schaufenster des Büros in Stendal werden mit Gefäßen beworfen, die eine teerartige Substanz enthalten. Schaden laut Polizei: rund 10.000 Euro.
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24. April 2017 und kurz darauf
Lokalbericht und Fraktionsbeitrag
Die Allgemeine Zeitung berichtet über den Angriff. Kurz darauf veröffentlicht die AfD-Fraktion Sachsen-Anhalt auf Facebook ein Zitat Siegmunds.
- Fast neun Jahre später
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Februar 2026
Frühere Wiederverwertung
Ein YouTube-Video behauptet, Siegmund sei angegriffen worden und liege im Krankenhaus, auch von „Teer-Anschlägen“ ist die Rede. Der AfD-Landesverband bestätigt CORRECTIV: kein körperlicher Angriff, der Teer-Vorfall stammt von 2017.
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5. August 2026
TikTok-Video Nummer eins
Der Angriff sei „in der Nacht von Samstag auf Sonntag“ passiert – also vom 1. auf den 2. August.
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26. August 2026
TikTok-Video Nummer zwei
Dieselbe Stimme, fast derselbe Text, wieder „in der Nacht von Samstag auf Sonntag“.
Für einen neuen Angriff im Jahr 2026 gibt es keine Belege. Für den von 2017 gibt es Zeitungsbericht und Polizeischätzung.
Ein Detail, an dem die Geschichte selbst scheitert
Man muss die alten Berichte gar nicht kennen, um stutzig zu werden. Das erste Video vom 5. August datiert den Angriff auf das Wochenende davor. Das zweite Video vom 26. August erzählt dieselbe Geschichte mit denselben Worten – und datiert sie ebenfalls auf „die Nacht von Samstag auf Sonntag“. Beides kann nicht stimmen. Entweder ist ein Angriff drei Wochen alt oder er ist frisch; ein einzelner Vorfall kann nicht zweimal am jeweils vergangenen Wochenende passiert sein. Die Formulierung ist offenbar aus der Vorlage übernommen und mit dem Veröffentlichungsdatum einfach mitgewandert.
Auch inhaltlich reicht das Video über den Beleg hinaus. Der Bericht der Allgemeinen Zeitung von 2017 nennt Fassade und Schaufenster. Ein eingedrücktes Dach wird dort nicht erwähnt.
Was das Video sagt – und was belegt ist

Punkt für Punkt, anhand des Zeitungsberichts von 2017 und der Prüfung durch CORRECTIV.
Im VideoDas Büro wurde mit teergefüllten Glasgefäßen beworfen.
BelegtJa – für die Nacht zum 23. April 2017.
Im VideoDas passierte „in der Nacht von Samstag auf Sonntag“.
BelegtJa – der 23. April 2017 war ein Sonntag. Beide Videos beziehen die Angabe aber auf August 2026.
Im VideoDie Fassade wurde beschädigt.
BelegtJa – 2017, Fassade und Schaufenster, laut Polizei rund 10.000 Euro Schaden.
Im VideoDas Dach wurde eingedrückt.
Nicht belegtDer Bericht der Allgemeinen Zeitung von 2017 erwähnt kein eingedrücktes Dach. Für diese Darstellung gibt es auch für 2026 keinen Beleg.
Im VideoSiegmund äußert sich zum Angriff.
Belegt – aber altDas Zitat stammt aus dem Facebook-Beitrag der AfD-Fraktion vom April 2017.
Im VideoDer Angriff fand im August 2026 statt.
Nicht belegtWeder CORRECTIV noch wir konnten Hinweise auf einen neuen Angriff finden.
Der Angriff ist real. Aktuell ist er nicht – und einzelne Details der neuen Erzählung sind zusätzlich nicht belegt.
Keine Hinweise auf einen neuen Angriff
CORRECTIV hat Ulrich Siegmund gefragt, ob es im August 2026 einen Teer-Angriff auf sein Büro gegeben habe. Bis Donnerstagabend blieb die Anfrage unbeantwortet. Aussagekräftiger ist die Vorgeschichte: Schon im Februar 2026 kursierte ein YouTube-Video, in dem behauptet wurde, Siegmund sei attackiert worden und liege im Krankenhaus; auch dort war von „Teer-Anschlägen“ die Rede. Der AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt teilte CORRECTIV damals auf Anfrage mit, es habe in den Tagen zuvor keinen körperlichen Angriff auf Siegmund gegeben – und verwies auf den Vorfall von 2017.
Die Partei, um deren Kandidaten es geht, hat den Vorfall also selbst bereits einmal ins Jahr 2017 zurückgeordnet. Die aktuellen TikTok-Videos sind damit nicht das erste Mal, dass derselbe alte Angriff als aktuelles Ereignis verbreitet wird. Belege für einen neuen Angriff fand CORRECTIV weder im Februar noch jetzt. Wir konnten ebenfalls keine finden.
Warum diese Art von Falschmeldung so gut funktioniert
Für diese Geschichte musste niemand etwas erfinden. Der Angriff ist dokumentiert, das Zitat ist echt, der Wochentag stimmt. Wer die Behauptung prüft und dabei auf den Bericht von 2017 stößt, findet auf den ersten Blick eine Bestätigung. Erst das Datum entlarvt die Erzählung – und ein konkretes Datum des behaupteten Ereignisses wird in den beiden TikTok-Videos nicht genannt. Ob dahinter Absicht oder schlichtes Abschreiben aus alten Quellen steckt, lässt sich von außen nicht sagen. Der Effekt ist derselbe: Ein neun Jahre alter Vorfall wirkt wie ein Ereignis aus dem laufenden Wahlkampf.
Das Muster ist parteiunabhängig. Alte Bilder, Meldungen oder Ereignisse, die ohne ihr ursprüngliches Datum erneut verbreitet werden, sind ein bekanntes Muster politischer Falschinformation – gerade weil sie sich mit echten Belegen unterfüttern lassen. Dass es hier einen AfD-Politiker trifft, ändert an der Prüfung nichts – die Frage lautet nicht, wer beschädigt wird, sondern ob das Ereignis stattgefunden hat. Es hat. Vor neun Jahren.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen bei „gerade passiert“-Meldungen
- Wann genau?„Samstag auf Sonntag“ ist kein Datum. Ein echter Vorfall hat einen Tag, einen Monat, ein Jahr.
- Wo ist der Originalbericht?Ein Angriff mit 10.000 Euro Schaden steht in der Lokalzeitung. Findet man ihn dort nur für ein anderes Jahr, ist die Frage beantwortet.
- Wiederholt sich die Erzählung?Wenn dieselbe Geschichte mit denselben Worten und derselben Zeitangabe mehrfach auftaucht, wandert meist ein alter Text mit neuen Daten.