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Wünsche sind keine Bedürfnisse: Kinder brauchen auch in der bindungsorientierten Erziehung Grenzen

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 6, 2026Keine Kommentare6 Minuten Lesezeit
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Wünsche sind keine BedürfnisseKinder brauchen auch in der bindungsorientierten Erziehung Grenzen

06.09.2026, 08:04 Uhr Von Solveig Bach
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Wenn sich Eltern nicht in unendlichen Verhandlungen verlieren wollen, müssen sie Führung übernehmen. (Foto: picture alliance / Visually)

Bedürfnis- oder bindungsorientierte Erziehung endet für immer mehr Eltern in lähmender Überforderung oder großer Erschöpfung. Viele glauben, jeden Wunsch erfüllen zu müssen. Das ist ein fataler Irrtum.

Kinder, die um die Jahrtausendwende geboren sind, haben völlig andere Erziehungserfahrungen gemacht als noch ihre Eltern oder gar Großeltern – jedenfalls die meisten von ihnen. Deren Aufwachsen war zumeist von autoritären Ansagen, manchmal auch noch von Gewalt oder von einem ständigen Wechselbad von Belohnung und Bestrafung geprägt, das viele wie Dressur empfunden haben.

Die jüngeren und jungen Eltern setzen heute auf bedürfnisorientierte oder bindungsorientierte Erziehung. Die Beziehung zum Kind und dessen Bedürfnisse stehen im Mittelpunkt der Eltern-Kind-Beziehung. Doch auch dieser Erziehungsstil hat für Eltern und Kinder Tücken. Denn in dem Wunsch, ihren Kindern autoritäre und schmerzhafte Erziehungserfahrungen zu ersparen, fällt es Eltern zunehmend schwer, die eigenen Bedürfnisse ebenso ernst zu nehmen wie die ihrer Kinder. Die Folgen sind Frustration, oft auch Überforderung und Erschöpfung.

Der Heidelberger Psychoanalytiker Jakob Müller sieht im Gespräch mit ntv.de manche Eltern „fast in einer Bittstellerrolle gegenüber ihren Kindern“. Müller hat zusammen mit Cécile Loetz, mit der er auch den Podcast „Rätsel des Unbewussten“ herausbringt, das Buch „Jetzt bin ich schon wie meine Eltern“ veröffentlicht. Darin problematisieren sie auch das Missverständnis, Bedürfnisse von Kindern mit ihren Wünschen zu verwechseln und die erwachsenen Bedürfnisse kindlichen Wünschen unterzuordnen.

Müller beschreibt eine klassische Stresssituation im Leben mit Kindern: das morgendliche Losgehen zum Kindergarten. „Das Kind will nicht hingehen, die Eltern müssen aber zur Arbeit. Sie können also den Wunsch nicht erfüllen, sich aber mit dem dahinterliegenden Bedürfnis beschäftigen.“ Trotzdem tendieren viele Mütter und Väter zur Wunscherfüllung und geraten damit zunehmend in Überlastungssituationen: Die Eltern versuchen jeden Einwand aufzunehmen, bieten Alternativen an, erklären, verhandeln, trösten, fragen nach den Gefühlen – gleichzeitig läuft die Uhr, ein weiteres Kind muss zur Schule und um neun beginnt ihr erster Termin.

Missverstandene Wissenschaft

Dahinter versteckt sich vermutlich ein falsches Verständnis von Erkenntnissen aus der Bindungstheorie. Die besagt – wissenschaftlich belegt – dass Kinder vor allem in den ersten Lebensjahren feinfühlige Bezugspersonen brauchen und zu ihnen eine sichere Bindung aufbauen müssen. Das ermöglicht ihnen ein gesundes Aufwachsen. Diese Bedürfnisse sind genauso wichtig wie beispielsweise Hunger oder Durst. Viele Eltern haben daraus abgeleitet, dass Kinder immer bekommen müssen, was sie wollen, oder sie immer ein Einverständnis mit ihren Kindern herstellen müssen.

„Das Baby hat natürlich wirklich das Bedürfnis, jetzt sofort Milch zu bekommen oder getragen zu werden“, sagt Müller über diese wichtige Phase am Lebensanfang. „Aber je älter Kinder werden, desto wichtiger wird es für Kinder auch, sich selbst Grenzen zu setzen, und dafür müssen sie Grenzen gesetzt bekommen.“ Diese Aufgabe kommt zunächst den Eltern zu, nicht jeder Wunsch nach Spielzeug, Süßigkeiten oder einer Fernsehsendung kann und muss erfüllt werden. Anders sieht es mit der Erfüllung von Grundbedürfnissen aus, beispielsweise Sicherheit, Bindung, Autonomie oder Kompetenzerleben.

Die morgendliche Weigerung, in den Kindergarten zu gehen, kann Müller zufolge vieles bedeuten. Vielleicht geht es um Sicherheit oder Bindung, vielleicht aber auch um elterliche Führung, Klarheit oder Zutrauen. Mütter und Väter geraten in diesen Situationen in die Gefahr, eigene Erfahrungen auf das Erleben des Kindes zu übertragen und damit ihre eigenen Bedürfnisse von heute zu ignorieren.

Das ist aber sowohl für die Kinder als auch für die Eltern keine gute Lösung. Denn so werden die Bedürfnisse beider nicht erfüllt. „Elterlicher und kindlicher Wille können nicht immer harmonieren“, sagt Müller. Konflikte gehören zum Familienleben einfach dazu. Und Kinder können noch nicht alles verstehen, beispielsweise warum man bei kaltem Wetter warme Kleidung tragen, seine Zähne putzen oder sein Spielzeug aufräumen sollte. Überlässt man sie ausschließlich ihren Impulsen und versucht, ihnen jede Frustration zu ersparen, können sie wesentliche Entwicklungsschritte nicht machen.

Gute Grenzen lernen

Trotzdem fällt es bedürfnis- und bindungsorientierten Eltern schwer, Grenzen zu setzen. Müller sieht dafür deutliche Ursachen: „Wenn ich Grenzen immer so erfahren habe, dass jemand anders total hart zu mir ist, meine Gefühle ignoriert, oder dass jemand mich niedermacht oder Gewalt anwendet, dann habe ich ja nie gelernt, wie ich eigentlich auf eine gute Weise Grenzen setzen kann.“ Wer das nicht wiederholen will, könnte Grenzen an sich für verletzend halten und einfach alles erlauben.

Dabei drohen dem Experten zufolge zwei Extreme, entweder Passivität oder ein Rückfall in Autorität. „Im ersten Fall, wenn ich immer mehr verspreche, mich einfach rausnehme, passiv werde, alles über mich ergehen lasse, nimmt das Kind wahr, ich bin anscheinend unerträglich für meine Eltern.“ Auch das sei „keine schöne Beziehungserfahrung“, ebenso wenig wie der Umschlag ins Autoritäre. „Auf einmal werden die Eltern aus Überforderung doch wieder wütend, hart und streng. Das Kind hat das aber nie gelernt.“

Um nicht in diese Falle zu tappen, gibt es für Müller nur einen Weg: „Die Eltern müssen ihre eigenen Erziehungserfahrungen reflektieren und die von ihren Kindern geäußerten Wünsche psychologisch interpretieren.“ Eine Brücke könnte sein, sich zu fragen, mit welcher inneren Stimme das Kind zu sich sprechen soll. „Möchte ich, dass diese Stimme sagt: Mir ist es egal, was Du machst? Oder eine innere Stimme, die bis ins Endlose über jedes Detail verhandelt? Oder: Wenn du jetzt nicht spurst, habe ich dich nicht mehr lieb? Oder: Ich bin sicher, Du schaffst das und danach machen wir es uns schön?“ Es geht darum, auf welche Weise ein Kind lernt, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.

Vorgaben zu machen und Orientierung zu geben, ist anstrengend, weiß auch Müller. Trotzdem ist er überzeugt, dass der Mittelweg zwischen Grenzen setzen, führen und gleichzeitig Verständnis haben, inzwischen die gesundeste Form der Erziehung für Eltern und Kinder ist. „Der wichtigste Weg, aus der Erschöpfungsspirale rauszukommen, ist, zu verstehen, dass man als Eltern Erwachsenen die Führung übernehmen muss.“

Früher hätten äußere Faktoren häufig sehr enge emotionale, soziale oder auch wirtschaftliche Grenzen gesetzt. Jetzt sei vieles möglich und damit auch verhandelbar. „Wir könnten unseren Kindern fast alles geben, kaufen oder erlauben. Aber wir machen es trotzdem nicht, weil wir eine Idee davon haben, was jetzt gerade wichtig ist. Und das ist eine reife Haltung. Nicht mehr genötigt durch äußere Umstände, sondern durch eine innere Entscheidung.“ Die Erziehungswissenschaft verweist an dieser Stelle immer wieder darauf, dass Kinder ohnehin keine perfekten Eltern brauchen. „Gut genug“, sei völlig ausreichend, solange Mütter und Väter präsent und erreichbar sind.

Quelle: ntv.de

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