Wer mit wem in Magdeburg?Das sagt der Koalitionsrechner zur Wahl in Sachsen-Anhalt
Deutschland blickt gebannt nach Sachsen-Anhalt. Kommt es bei der Landtagswahl zum politischen Erdbeben? Die Verhältnisse im Magdeburger Landesparlament könnten sich fundamental verändern. Welche Koalitionen wären rein rechnerisch möglich?
Sachsen-Anhalt hat die Wahl, auf dem Tisch liegen weitreichenden Entscheidungen: Die Wahllokale haben noch bis 18.00 Uhr geöffnet. In dem Bundesland mit seinen rund 2,1 Millionen Einwohnern geht es um die künftigen Machtverhältnisse im Landtag. Es ist in Sachsen-Anhalt erst die neunte Wahl auf Landesebene seit der Wende.
Seit 2002 stellt die CDU in der Landeshauptstadt Magdeburg den Ministerpräsidenten. Bei der zurückliegenden Wahl 2021 erreichten die Christdemokraten – damals noch unter Reiner Haseloff – ein vergleichsweise starkes Wahlergebnis von 37,1 Prozent. Diesmal jedoch wirkt vieles anders: In den Umfragen in den letzten Wochen vor dem Wahltermin schob sich die AfD deutlich nach vorn. Welche Koalitionsoptionen stehen den teilnehmenden Parteien auf Grundlage der jüngsten Umfragewerte theoretisch offen?
Hinweis: Die Infografiken zur Landtagswahl 2026 werden ab 18.00 Uhr mit dem Eintreffen der ersten Prognose laufend aktualisiert.
Der erst seit Januar amtierende Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Sven Schulze, kann kaum darauf hoffen, die bisher regierende Koalition aus CDU, SPD und FDP ohne Anpassungen fortzusetzen. Meinungsforscher rechnen auf Basis von repräsentativen Umfragen mit kräftigen Einbußen für Schulzes CDU – und insbesondere auch für seine bisherigen Koalitionspartner. Vor allem die FDP entwickelt sich in Schulzes Koalitionsplanungen zum Sorgenkind: Die Liberalen könnte laut Umfragen den Wiedereinzug in den Landtag deutlich verpassen.
Welche Partei den Wählerauftrag zur Regierungsbildung beanspruchen kann, ist noch vollkommen offen: Der kräftige Vorsprung der Rechten in den Umfragen lässt sich für den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund nur unter bestimmten Voraussetzungen in ein tragfähiges Bündnis übersetzen. Für die Rechtspopulisten reicht es voraussichtlich nicht zur absoluten Mehrheit. Siegmund müsste sich wohl mindestens einen Koalitionspartner suchen. Die Auswahl ist jedoch aufgrund der politischen Distanzen zu den übrigen Parteien eng begrenzt.
Vier Tage vor dem Wahltermin brachte ntv die Spitzenkandidaten der im Landtag vertretenen und aussichtsreichen Parteien zum möglicherweise entscheidenden Schlagabtausch zusammen: Am Mittwoch, 2. September, diskutierten im 90-minütigen „Sachsen-Anhalt-Talk“ Sven Schulze (CDU), Armin Willingmann (SPD), Lydia Hüskens (FDP), Ulrich Siegmund (AfD), Eva von Angern (Die Linke), Susan Sziborra-Seidlitz (Bündnis 90/Die Grünen) und Claudia Wittig (BSW).
Zahl der Parteien im Parlament könnte sinken
Bisher waren im Magdeburger Landtag mit CDU, AfD, Linken, SPD, FDP und Grünen insgesamt sechs Fraktionen vertreten. Nach der anstehenden Wahl könnte sich die Anzahl der Parteien im Landesparlament auf fünf oder gar nur vier verringern. Knapp wird es nicht nur für die Liberalen. Auch die Grünen wurden zeitweise in einzelnen Erhebungen in Sachsen-Anhalt unter der Fünf-Prozent-Hürde gesehen.
Eine entscheidende Rolle könnte dem BSW zukommen: Das aus einer Abspaltung von der Linkspartei hervorgegangene Bündnis unter Parteichefin Sahra Wagenknecht hofft, erstmals in den Landtag von Sachsen-Anhalt einzuziehen. BSW-Politiker signalisierten der AfD bereits ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit. In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa kam das BSW Anfang Juli auf exakt 5,0 Prozent. Ende August sah es für das BSW schlechter aus: Die Aussichten auf eine populistische Links-Rechts-Koalition der AfD mit dem BSW schwinden.
Aus den sich abzeichnenden Mehrheitsverhältnissen ergeben sich in Sachsen-Anhalt insgesamt vollkommen neue politische Perspektiven. Der Koalitionsrechner skizziert verschiedene mögliche Szenarien: Mit dem BSW im Landtag käme die AfD in Sachsen-Anhalt je nach Umfrage und Befragungszeitraum womöglich auf eine knappe Mehrheit der Sitze – falls es zu einer Koalition der AfD mit dem BSW käme. Ohne das BSW im Landtag zeichnet sich für die AfD keine tragfähige Mehrheit ab.
Die Schwelle zur erforderlichen Mehrheit liegt regulär bei 42 Sitzen. AfD-Spitzenkandidat Siegmund müsste selbst im Fall eines Wahlerfolgs des BSW eine schwer berechenbare Links-Rechts-Koalition mit starkem Einfluss der BSW-Führungsfigur Wagenknecht eingehen. Eine solche Kooperation ist selbst innerhalb der Rechtspartei umstritten.
Rechnerisch möglich sind allerdings auch ganz andere Konstellationen. CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze könnte an der AfD vorbei ein neues, breites Regierungsbündnis schmieden. In hypothetischen Direktwahlfragen zum Beispiel schneidet der Haseloff-Nachfolger im Amt in der Wählergunst besser ab als AfD-Mann Siegmund: 41 Prozent der Befragten würden Schulze wählen, wenn es in Sachsen-Anhalt eine Direktwahl gäbe, hieß es zum Beispiel bei Infratest dimap am 26. August. Für Siegmund würden sich demnach 39 Prozent entscheiden.
Doch wie könnte eine Regierungsmehrheit abseits der AfD in Sachsen-Anhalt aussehen? Eine einfache, reibungsfreie Lösung ist auf Basis der Umfragewerte nicht in Sicht. Sollte Schulze mit der CDU eine Fortführung der Regierungsarbeit und das Amt des Ministerpräsidenten anstreben, müsste er sich dazu – in einem Landtag mit insgesamt fünf Parteien – neben der SPD wohl noch zwei weitere Koalitionspartner suchen.
Ohne Grüne und Liberale im Landtag bliebe den Christdemokraten in Sachsen-Anhalt womöglich nur der Weg in eine politisch schwer vorstellbare Vierer-Koalition mit SPD, Linken und BSW. In einem Fünf-Parteien-Landtag ohne BSW, aber mit den Grünen könnte es für Schwarz-Rot-Rot-Grün reichen.
Unter Umständen könnte eine CDU-geführte Minderheitsregierung einen Ausweg bieten. Eine solche Konstellation gilt als Schulzes Wunschszenario. Die Rede ist in diesem Zusammenhang von einer „Mehrheit für der Parteien der Mitte“, gemeint sind CDU, SPD und Grüne. Eine solche Minderheitsregierung wäre allerdings auf Stimmen der Linken angewiesen sein – ähnlich wie in Sachsen und Thüringen. Das Problem: Die CDU lehnt für sich in einem Parteitagsbeschluss eine Koalition und „ähnliche Formen der Zusammenarbeit“ mit den Linken ebenso ab wie mit der AfD.
Überhang- und Ausgleichsmandate möglich
In einem Landesparlament mit nur vier Parteien – also ohne Grüne und BSW im Landtag – sähe die Lage für Schulze und die CDU überschaubarer aus: In diesem Fall käme eine rechnerisch mögliche Dreier-Konstellation aus CDU, SPD und Linken gemeinsam auf 44 Sitze und läge damit zwei Sitze über der nötigen Mehrheit. Die Angaben sind allerdings noch lange nicht in Stein gemeißelt: Durch Überhang- und Ausgleichsmandate kann sich die Gesamtzahl der Abgeordneten je nach Wahlausgang erhöhen – wodurch sich auch die Schwelle zur Mehrheit entsprechend verschiebt.
Die Stimmabgabe in Sachsen-Anhalt läuft, bis zum Abend können sich die Aussichten der Parteien noch verändern: Die Entscheidung über die Mehrheitsverhältnisse in Sachsen-Anhalt liegt allein bei den Wählern. In jüngsten Umfragen gab gut ein Viertel der Befragten an, sie seien noch unsicher, wen oder ob sie wählen wollen.
Die Frage der Wahlbeteiligung könnte den Wahlausgang erheblich beeinflussen: Wie es in Sachsen-Anhalt weitergeht, liegt in der Hand der rund 1,7 Millionen Wahlberechtigte, in dem sie von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen und ihre Erst- und Zweitstimme für die aus ihrer Sicht am besten zur Regierungsverantwortung geeigneten Kandidaten und Parteien vergeben.
Der Ablauf am Wahlabend erfolgt in den üblichen Schritten: Die Stimmabgabe endet um 18 Uhr mit der Schließung der Wahllokale. Anschließend läuft die Auszählung der Stimmen an. Unmittelbar darauf ist bereits mit ersten Prognosen zum Wahlausgang zu rechnen. Im Laufe des frühen Abends dürften Meinungsforschungsinstitute ihre ersten, meist genaueren Hochrechnungen veröffentlichen. Auch in den Parteizentralen richten sich dann alle Augen auf die eintreffenden Zahlen. Im Fall eines klaren Wahlausgangs könnten sich die Spitzenkandidaten der Parteien schon früh zum Wahlausgang und möglichen Koalitionsaussichten äußern.
Spannend werden die Zahlen auch für BSW und FDP mit der Frage, wie knapp sie mit den ersten Prognosen über oder unter der Fünf.-Prozent-Hürde liegen. Es könnte am Wahlabend zu einer Hängepartie kommen, wenn die AfD in die Nähe einer absoluten Mehrheit rücken sollte.
Im weiteren Verlauf des Abends werden die Hochrechnungen auf Basis der bis dahin eintreffenden regionalen Daten mehrfach überarbeitet und aktualisiert. Sollte das Ergebnis knapp ausfallen, könnte es eine äußerst spannende und lange Wahlnacht werden. Das vorläufige Auszählungsergebnis wird Landeswahlleiterin Christa Dieckmann voraussichtlich noch in den frühen Morgenstunden des 7. September bekannt geben. Spätestens dann werden die Menschen in Sachsen-Anhalt und in Deutschland wissen, für welche Richtung sich die Mehrheit der Wähler entschieden hat.
