Aktuell kursiert auf Facebook und anderen Plattformen ein Foto einer alten NIGRIN-Entfroster-Spraydose. In dem Beitrag wird die markierte Aufschrift „Mit umweltfreundlichem Treibgas (CO₂) abgefüllt“ so ausgelegt, als sei sie ein Beleg gegen heutige Warnungen vor dem Klimawandel.
Es gibt derzeit keinen konkreten Hinweis darauf, dass das Foto manipuliert wurde. NIGRIN ordnet die abgebildete Verpackung auf Anfrage als sehr alte Produktversion ein, ungefähr aus den 1980er-Jahren.
Die Pointe führt in die Irre
Der Facebook-Beitrag macht aus der alten Produktaufschrift ein Argument gegen heutige Klimaforschung. Das funktioniert nur, wenn man die Aussage auf der Dose aus ihrem damaligen Kontext löst.
Auf der Dose steht nicht, CO₂ sei grundsätzlich klimaneutral oder ohne Umweltwirkung. Dort steht, das Spray sei mit einem „umweltfreundlichen Treibgas“ abgefüllt. Gemeint war damit sehr plausibel der Vergleich mit anderen Treibmitteln, vor allem mit FCKW.
FCKW wurden früher in Aerosoldosen eingesetzt und später wegen ihrer schädlichen Wirkung auf die Ozonschicht zunehmend ersetzt. Genau in diesem Zusammenhang wurden alternative Treibmittel wie CO₂ als umweltverträglichere Lösung beworben. Das bestätigt auch NIGRIN in der Antwort auf unsere Anfrage: Die Formulierung sei nicht als generelle Bewertung von CO₂ zu verstehen, sondern im Vergleich zu FCKW-haltigen Treibmitteln.
Die Dose ist plausibel, aber nicht jahrgenau datiert
Wir haben direkt bei NIGRIN nachgefragt, wie das Unternehmen die abgebildete Spraydose einordnet. NIGRIN bestätigt keine jahrgenaue Datierung, hält die Verpackung aber für eine sehr alte Produktversion: „Nach Gestaltung und Produktaufmachung würden wir diese derzeit ungefähr den 1980er-Jahren zuordnen“, schreibt das Unternehmen. Zugleich schränkt NIGRIN ein: „Eine belastbare Datierung auf ein konkretes Jahr können wir anhand des Fotos allein jedoch nicht vornehmen.“
Auch unsere Recherche stützt diesen historischen Zusammenhang: CO₂ ist spätestens Ende der 1980er-Jahre als alternatives Aerosol-Treibmittel im Zuge der Abkehr von FCKW dokumentiert. Für exakt diese abgebildete Dose liegt bisher jedoch kein datierter Katalog, keine Anzeige und kein Sicherheitsdatenblatt mit genau diesem Etikett vor.
Die stärksten Indizien sprechen für eine ältere Produktgeneration. Spätere und heutige NIGRIN-Entfroster-Versionen werden mit anderer Rezeptur beziehungsweise anderer Temperaturangabe beschrieben.
„Umweltfreundlich“ meinte den Vergleich mit FCKW
Der historische Zusammenhang ist entscheidend. Aerosoldosen wurden früher unter anderem mit FCKW betrieben. Diese Stoffe gerieten wegen ihrer schädlichen Wirkung auf die Ozonschicht zunehmend unter Druck und wurden schrittweise ersetzt.
Genau darauf bezog sich laut NIGRIN die damalige Verpackungsaussage. Das Unternehmen schreibt: „In dieser Zeit stand bei Aerosolprodukten insbesondere die Ablösung von FCKW-haltigen Treibmitteln im Mittelpunkt.“ Alternative Treibmittel wie CO₂ seien vor diesem Hintergrund „als umweltverträglichere Lösung gegenüber den zuvor verwendeten FCKW bewertet“ worden.
Besonders klar ist die Einordnung zur markierten Formulierung auf der Dose: „Die Aussage auf der Verpackung sollte daher aus unserer Sicht nicht als generelle Bewertung von CO₂ als ‚umweltfreundlich‘ verstanden werden, sondern bezog sich auf das verwendete Treibgassystem und dessen damaligen Vergleich mit FCKW-haltigen Alternativen.“
Damit ergibt die alte Aufschrift im damaligen Kontext Sinn: Im Hinblick auf den Schutz der Ozonschicht war CO₂ gegenüber ozonschädigenden FCKW eine vorteilhafte Alternative. Daraus folgt aber nicht, dass CO₂ keine Klimawirkung hat.
„Aus heutiger Sicht würden wir eine solche pauschale Formulierung selbstverständlich nicht mehr verwenden“, schreibt das Unternehmen weiter. „Umweltbezogene Aussagen werden heute wesentlich differenzierter bewertet und formuliert.“
Kein Widerspruch zur Klimaforschung
Der Facebook-Beitrag stellt die Aussage so dar, als habe man früher CO₂ generell für ungefährlich gehalten und erst später zum Problem erklärt. Das ist historisch falsch verkürzt.
Die Klimawirkung steigender CO₂-Konzentrationen war bereits vor den 1990er-Jahren wissenschaftlich untersucht. Der vom US-amerikanischen National Research Council veröffentlichte sogenannte Charney Report erschien bereits 1979 und untersuchte die klimatischen Folgen steigender CO₂-Konzentrationen.
Auch politisch war das Thema zu dieser Zeit präsent: 1987 setzte der Deutsche Bundestag die Enquete-Kommission „Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre“ ein. 1990 erschien schließlich der erste Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC).
Man konnte also gleichzeitig wissen, dass steigende CO₂-Konzentrationen das Klima erwärmen, und CO₂ als Treibgas in einer Spraydose verwenden. Das ist kein Widerspruch: Entscheidend waren auch die Menge und die verfügbaren Alternativen. CO₂ schädigt im Gegensatz zu FCKW nicht die Ozonschicht und konnte deshalb bei Aerosolen die umweltverträglichere Alternative sein. Dass zusätzliches CO₂ grundsätzlich zum Treibhauseffekt beiträgt, war damit nicht widerlegt.
Was Nutzer aus dem Bild lernen können
Das Foto zeigt sehr wahrscheinlich eine echte ältere Produktaufschrift, aber der virale Kommentar zieht daraus den falschen Schluss. Eine einzelne Verpackungsaussage über ein Treibgas ersetzt keine Klimaforschung.
Wer solche Beiträge sieht, sollte auf den Vergleich achten: „umweltfreundlicher als FCKW“ ist nicht dasselbe wie „klimawirksamkeitsfrei“. Der Fehler liegt also nicht zwingend im Foto, sondern in der Deutung, die dem Foto auf Facebook mitgegeben wird.

Bewertung: Irreführend. Die Aufschrift ist historisch plausibel, wird im Beitrag aber aus dem FCKW-Kontext gelöst und falsch gegen die Klimaforschung verwendet.
FAQ zum NIGRIN-Entfrosterspray mit CO₂
Ist das Foto der alten NIGRIN-Spraydose gefälscht?
Dafür gibt es derzeit keinen Hinweis. Das Foto wirkt nicht offensichtlich manipuliert, und NIGRIN ordnet die abgebildete Dose auf Anfrage als sehr alte Verpackungsversion ein. Ein exakt datierter Katalog oder eine Anzeige zu genau dieser Dose liegt bisher aber nicht vor.
Hat NIGRIN CO₂ wirklich als „umweltfreundlich“ bezeichnet?
Auf der abgebildeten Dose steht diese Formulierung. NIGRIN erklärt dazu, dass sich die damalige Aussage auf das Treibgas im Vergleich zu FCKW-haltigen Alternativen bezog. Sie sei nicht als allgemeine Aussage gemeint gewesen, dass CO₂ grundsätzlich keine Umwelt- oder Klimawirkung habe.
Warum galt CO₂ damals als umweltfreundliches Treibgas?
Weil CO₂ in Aerosoldosen als Alternative zu FCKW eingesetzt werden konnte. FCKW schädigen die Ozonschicht und wurden deshalb ab den 1970er- und 1980er-Jahren zunehmend ersetzt. Im Hinblick auf die Schädigung der Ozonschicht war CO₂ gegenüber FCKW die deutlich unproblematischere Alternative.
Bedeutet die Aufschrift, dass CO₂ kein Treibhausgas ist?
Nein. Die Aufschrift sagt nichts darüber aus, dass CO₂ klimatisch wirkungslos wäre. Sie bezieht sich auf den konkreten Einsatz als Treibgas und den damaligen Vergleich mit FCKW.
War die Klimawirkung von CO₂ in dieser Zeit unbekannt?
Nein. Schon vor den 1990er-Jahren wurde wissenschaftlich untersucht, wie steigende CO₂-Konzentrationen das Klima beeinflussen. Für die Einordnung der NIGRIN-Dose ist aber vor allem wichtig: Die Aufschrift bezog sich auf CO₂ als Ersatz für FCKW-haltige Treibmittel, nicht auf CO₂ in der Atmosphäre.
Wie alt ist die abgebildete NIGRIN-Dose?
Das lässt sich bisher nicht jahrgenau belegen. NIGRIN ordnet sie nach Gestaltung und Produktaufmachung ungefähr den 1980er-Jahren zu. Ein konkretes Herstellungsjahr ist derzeit nicht belegt.
Warum taugt die alte Dose nicht als Argument gegen Klimaschutz?
Weil sie ein damaliges Produktargument aus seinem Zusammenhang reißt. In den 1980er-Jahren konnte CO₂ als Treibgas gegenüber FCKW die umweltverträglichere Wahl sein. Das ist kein Freibrief für CO₂-Emissionen insgesamt und kein Widerspruch zu heutigem Wissen über den Klimawandel.
U.S. Environmental Protection Agency (EPA)
12. Mai 1993
U.S. Environmental Protection Agency (EPA)
November 1989
Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC)
2021
National Research Council
1979
Deutscher Bundestag – Drucksache 11/3246
2. November 1988
Deutscher Bundestag – Drucksache 11/8030
24. Mai 1990
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