„Schnappschuss 😊 Begeisterung ist anders 😊“, steht über einem Foto, das Anfang September auf X die Runde machte. Zu sehen sind Bundeskanzler Friedrich Merz und CDU-Politiker Philipp Amthor bei einem Wahlkampftermin. Direkt neben ihnen posiert ein Mann mit Glatze und Sonnenbrille, grinst in die Kamera, beide Daumen oben. Auf seinem hellblauen Shirt steht groß „Heimatliebe“, dazu ein rotes Pfeilmotiv, das an das AfD-Logo angelehnt ist. Merz und Amthor wirken, als hätten sie gerade bemerkt, wer da neben ihnen steht.
Der Witz funktioniert in zwei Sekunden, und genau so lange bleibt so ein Bild im Feed. Zum Zeitpunkt unseres Screenshots war ein entsprechender Beitrag auf X fast 120.000 Mal angezeigt und tausendfach mit „Gefällt mir“ markiert worden. Nur: Die Szene hat so nie stattgefunden.
Kurz gesagt
Das Wichtigste in drei Punkten
- Das Bild beruht auf einem echten Pressefoto vom CDU-Wahlkampfauftritt in Kühlungsborn am 31. August 2026, aufgenommen von Chris Emil Janßen für die Agentur Imago.
- Im Original steht an der Stelle des Mannes im „Heimatliebe“-Shirt eine andere Person in dunkler Kleidung. Auch Blicke und Haltung der beiden Politiker sowie ein Smartphone-Display im Vordergrund wurden verändert.
- Das Prüfwerkzeug OpenAI Verify meldet in der verbreiteten Datei ein SynthID-Wasserzeichen – ein technischer Hinweis darauf, dass die veränderte Fassung wahrscheinlich mit einem OpenAI-Werkzeug erzeugt wurde. Für den Nachweis der Manipulation braucht es dieses Signal allerdings gar nicht.
An der entscheidenden Stelle steht jemand anderer
Das zugrunde liegende Foto ist echt. Es entstand am 31. August 2026 auf der Strandpromenade des Ostseebads Kühlungsborn in Mecklenburg-Vorpommern und wird von der Bildagentur Imago unter der Media-ID 0865445665 geführt, Fotograf: Chris Emil Janßen. Die Bildbeschreibung nennt Merz und Amthor im Wahlkampf zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Perspektive, Umgebung, Lichtstimmung und die Kleidung der beiden Politiker stimmen mit der verbreiteten Fassung überein. Es handelt sich also nicht um eine zweite Aufnahme derselben Situation, sondern um dasselbe Bild.
Der Vergleich ist an einer Stelle eindeutig: Dort, wo im viralen Bild der Mann mit Sonnenbrille grinst, steht im Original eine andere Person in dunkler Kleidung beziehungsweise im Anzug. Der vermeintliche AfD-Sympathisant gehört nicht zur ursprünglichen Szene. Ob es ihn überhaupt gibt oder ob er komplett künstlich erzeugt wurde, lässt sich aus dem Bild nicht sagen.
Verändert wurde aber mehr als nur eine Person. Blickrichtung und Körperhaltung von Merz und Amthor unterscheiden sich zwischen Original und verbreiteter Fassung – der verdutzte Ausdruck, der den Witz erst trägt, ist Teil der Bearbeitung. Besonders aufschlussreich ist ein Smartphone im Vordergrund: Seine Position deckt sich mit dem Pressefoto, auf dem Display der veränderten Fassung ist jedoch ebenfalls der Mann im blauen Shirt zu sehen. Wer das Bild bearbeitet hat, hat also auch diesen Bildschirm im Bildschirm angepasst. Die Bearbeitung geht damit jedenfalls über das bloße Einfügen einer einzelnen Figur hinaus: Mehrere Bereiche der ursprünglichen Aufnahme wurden verändert. Wie genau das technisch ablief, lässt sich aus dem Vergleich nicht rekonstruieren – dass dabei ein KI-Werkzeug im Spiel war, legt aber ein zusätzlicher Befund nahe, zu dem wir gleich kommen.
Original und verbreitete Fassung im Vergleich
Grundlage ist das Imago-Foto 0865445665 vom 31. August 2026 (Chris Emil Janßen).
Das Pressefoto
Merz und Amthor auf der Strandpromenade in Kühlungsborn.
- Neben den Politikern: eine Person in dunkler Kleidung
- Blick und Haltung der beiden wie im Moment der Aufnahme
- Smartphone im Vordergrund zeigt die tatsächliche Szene
- Kein „Heimatliebe“-Shirt im Bild
Das virale Bild
Dieselbe Perspektive, dieselbe Umgebung – andere Szene.
- Neben den Politikern: grinsender Mann mit Sonnenbrille und „Heimatliebe“-Shirt
- Blick und Haltung von Merz und Amthor verändert
- Auch das Smartphone-Display zeigt den eingefügten Mann
- SynthID-Wasserzeichen in der Datei erkannt
Echtes Foto, echter Ort, echter Termin – aber die Person und die Reaktion darauf sind hineingerechnet.
Weitere Fotos des Auftritts, die den Mann neben Merz und Amthor zeigen, sind uns nicht bekannt.
Dazu kommt ein indirektes Argument. Bei einem Kanzlerauftritt im Wahlkampf fotografieren Agenturen, Lokalmedien und Passanten aus allen Richtungen. Eine so auffällige Szene wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit auf mehreren Aufnahmen zu sehen. Eine von dpa durchgeführte Online-Suche nach weiteren Fotos des Termins ergab nach deren Angaben jedoch keine Aufnahme, auf der der Mann im blauen Shirt neben den beiden Politikern steht. dpa hat eine auf Facebook verbreitete Fassung desselben Bildes geprüft – die Fälschung kursiert also nicht nur auf X.
Damit steht die Manipulation fest, bevor überhaupt ein KI-Werkzeug ins Spiel kommt: Das Original zeigt eine andere Situation, mehrere Bilddetails wurden verändert, und weitere Aufnahmen bestätigen die angebliche Szene nicht.
Was ein Wasserzeichen kann – und was nicht
Trotzdem lohnt der Blick auf die Technik, weil sie in diesem Fall etwas Ungewöhnliches liefert. Wir haben die verbreitete Bilddatei mit OpenAI Verify geprüft. OpenAI hatte das öffentliche Verifikationswerkzeug im Mai 2026 zunächst als Vorschau vorgestellt und seitdem weiter ausgebaut. Das Ergebnis lautet: „SynthID erkannt.“ Das Tool ergänzt, das Wasserzeichen stehe mit OpenAI-Werkzeugen in Verbindung.
SynthID wurde von Google DeepMind entwickelt. Die Technologie bettet ein für Menschen unsichtbares Wasserzeichen direkt in generierte Medien ein. Anders als gewöhnliche Metadaten ist dieses Signal damit Bestandteil des Inhalts selbst und wurde dafür entwickelt, bestimmte Veränderungen wie Zuschneiden, Filter oder verlustbehaftete Komprimierung zu überdauern. Unzerstörbar ist es allerdings nicht. Seit Mai 2026 integriert auch OpenAI SynthID in unterstützte Bilder, die unter anderem mit ChatGPT, Codex oder der OpenAI API erzeugt werden. OpenAI Verify sucht in hochgeladenen Dateien nach solchen SynthID-Signalen sowie nach C2PA-Herkunftsdaten.
Das ist etwas grundlegend anderes als die üblichen „KI-Detektoren“, die ein Bild auf statistische Auffälligkeiten abklopfen und dann eine Wahrscheinlichkeit ausspucken, etwa „84 Prozent KI-generiert“. Solche Wahrscheinlichkeitsschätzungen können falsch liegen und taugen allein nicht als Beleg. Ein erkanntes Wasserzeichen ist dagegen kein Ratespiel, sondern ein eingebettetes Herkunftssignal. Wird es gefunden, stammt der Inhalt laut OpenAI wahrscheinlich aus OpenAI-Werkzeugen; erkannte Signale seien zuverlässig, falsch positive Ergebnisse selten. Das Tool kann auch Fälle erkennen, in denen ein bestehendes Bild hochgeladen und anschließend verändert wurde. Ein solcher Bearbeitungsvorgang ist mit dem vorliegenden Befund vereinbar. Der Umkehrschluss gilt allerdings nicht: Fehlt das Signal, heißt das nur, dass keines gefunden wurde.
Was das SynthID-Ergebnis belegt – und was nicht
Die Meldung „SynthID erkannt“ von OpenAI Verify, richtig gelesen.

Das sagt der Treffer
In der geprüften Datei steckt ein Wasserzeichen, das OpenAI-Werkzeuge beim Erzeugen oder Bearbeiten von Bildern einbetten.
Das Signal ist Bestandteil des Bildinhalts und nicht bloß in Metadaten gespeichert. Dadurch kann es bestimmte Veränderungen besser überstehen – garantiert erhalten bleibt es aber nicht.
Es handelt sich um eine Herkunftsprüfung, nicht um eine Wahrscheinlichkeitsschätzung.
Das sagt der Treffer nicht
Wer das Bild bearbeitet hat.
Welcher Prompt verwendet wurde und mit welcher Absicht.
Ob die dargestellte Szene wahr oder falsch ist – das beantwortet nur der Vergleich mit dem Original.
Der Termin war tatsächlich ungemütlich
Ein Detail macht diese Fälschung besonders wirksam: Der Hintergrund ist nicht erfunden. Bei dem Auftritt in Kühlungsborn wurde Merz tatsächlich teilweise ausgepfiffen und beschimpft. Das geht aus der damaligen dpa-Berichterstattung hervor. Passanten riefen „Kriegstreiber“ und „Pinocchio“ oder skandierten „Rücktritt“; andere im Publikum widersprachen und appellierten an den Anstand der Rufer. Ein angekündigtes Pressestatement fand nicht statt. Begleitet wurde der Kanzler vom CDU-Spitzenkandidaten Daniel Peters und von Amthor, Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit beim Bundeskanzler.
Wer diese Berichte gelesen hat, für den passt das Bild mit dem grinsenden Mann nahtlos ins Gesamtbild eines schwierigen Tages. Genau darin liegt die Mechanik: Ein reales Ereignis liefert die Bühne, und auf dieser Bühne wird eine Szene erfunden, die zur bestehenden Erzählung passt. Das macht die Fälschung nicht echter. Es macht sie plausibler – und Plausibilität ist im Feed die Währung, die zählt.
Über die Absicht hinter der Bearbeitung wissen wir nichts. Der Beitrag auf X ist als Spott formuliert, und es ist möglich, dass die Person, die ihn geteilt hat, das Bild selbst für echt hielt. Für die Bewertung spielt das keine Rolle: Das Bild wird als Schnappschuss präsentiert, und ein Schnappschuss war es nicht.
Sechs Finger helfen nicht mehr weiter
Der Fall zeigt recht anschaulich, wie KI-Bildbearbeitung inzwischen funktioniert. Es muss kein vollständig künstliches Foto entstehen. Ein echtes Pressebild bringt Ort, Veranstaltung, Personen, Licht und Perspektive bereits mit; danach werden einzelne Bereiche neu gerechnet, und schon existiert ein Moment, der glaubwürdig aussieht und nie stattgefunden hat. Für alle, die das Original nicht kennen, gibt es keinen unmittelbaren Grund zum Zweifeln.
Die alten Erkennungstipps – zu viele Finger, schiefe Augen, unleserliche Schilder – funktionieren bei solchen Teilbearbeitungen kaum noch, weil der größte Teil des Bildes schlicht ein echtes Foto bleibt. Was funktioniert, ist das, was hier den Ausschlag gegeben hat: die Suche nach dem Original, der direkte Vergleich, die Frage nach weiteren Aufnahmen derselben Situation und, wo verfügbar, die Prüfung auf eingebettete Herkunftssignale.
Zum Mitnehmen
Drei Fragen bei einem „Schnappschuss“ aus dem Wahlkampf
- Gibt es das Bild schon woanders?Eine Rückwärtssuche führt oft zum Original – und das kann an einer Stelle anders aussehen.
- Zeigt sonst niemand diese Szene?Bei einem Kanzlerauftritt entstehen Dutzende Fotos. Eine auffällige Szene auf nur einem davon ist verdächtig.
- Passt es zu gut zur Geschichte?Fälschungen bauen gern auf echte Ereignisse auf. Dass der Rahmen stimmt, sagt nichts über das Detail.
