Die Teuerungsrate in der Eurozone ist zuletzt über die Drei-Prozent-Marke geklettert. Um die Inflation abzuschwächen, hat die Europäische Zentralbank nun erneut den Leitzins angehoben.
Als Antwort auf die gestiegene Inflation hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen im Euroraum zum zweiten Mal in diesem Jahr angehoben. Der für Sparer und Banken wichtige Einlagenzins steigt von 2,25 auf 2,5 Prozent, wie der EZB-Rat heute bei seiner auswärtigen Sitzung des Gremiums in Berlin entschied. Im Juli hatte die EZB den Zins noch unverändert gelassen, nachdem sie ihn im Juni zum ersten Mal seit September 2023 um 0,25 Punkte angehoben hatte.
„Der Konflikt im Nahen Osten erzeugt weiterhin Inflationsdruck, und die Inflation dürfte für einen längeren Zeitraum deutlich über unserem Zielwert bleiben“, erklärte die Notenbank. Der Ausblick sei „nach wie vor mit hoher Unsicherheit behaftet“, wobei eine höhere Inflation und weniger Wirtschaftswachstum drohe.
Ölpreis wieder über 100 Dollar
Der Ölpreisschock infolge des Iran-Kriegs hatte die Teuerung kräftig nach oben getrieben. Im August waren die Verbraucherpreise im Euroraum 3,3 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Das ist die höchste Teuerungsrate seit September 2023. Sie liegt weit über dem Ziel der EZB, die mittelfristig Preisstabilität bei 2,0 Prozent Inflation anpeilt – und wird es wohl auch noch länger bleiben.
Die Rate in der Eurozone werde sowohl 2027 mit 2,5 Prozent als auch 2028 mit 2,1 Prozent höher ausfallen als bislang angenommen, hieß es in den heute veröffentlichten Projektionen der EZB-Volkswirte. Im Sommer waren sie noch von einem Plus von 2,3 beziehungsweise 2,0 Prozent ausgegangen. Für das laufende Jahr wurde die Vorhersage bei 3,0 Prozent belassen.
Auch in Europas größter Volkswirtschaft Deutschland hatten hohe Energiepreise die Inflation im August auf 2,9 Prozent getrieben. Autofahrerinnen und Autofahrer spüren das an den Tankstellen, Hausbesitzer bei den Heizölpreisen. Eine Lösung des Konflikts am Persischen Golf ist derzeit nicht in Sicht, zuletzt stieg der Ölpreis wegen der weiteren militärischen Eskalation sogar wieder auf über 100 Dollar pro Barrel.
Zinserhöhung „folgerichtig“
Mit höheren Zinsen kann die EZB die Teuerung dämpfen, weil Kredite teurer werden und die Nachfrage gebremst wird. Sparerinnen und Sparer können von Zinserhöhungen profitieren, wenn Banken diese weitergeben. Jedoch sind höhere Zinsen eine Belastung für alle, die investieren wollen – sowohl für Unternehmen als auch für Haushalte. Hebt die EZB die Zinsen zu stark an, kann das die Konjunktur abwürgen.
Die Zinserhöhung sei angesichts der hohen Teuerungsrate im Euroraum „folgerichtig“, sagte Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Für die EZB bleibt es eine schwierige Abwägung. Sie muss verhindern, dass sich der Energieschock auf die breitere Preisentwicklung und die Inflationserwartungen überträgt, auch wenn die Zinserhöhung die Nachfrage dämpft, aber nicht direkt an den Angebotsschocks ansetzen kann“, fügte der frühere EZB-Direktor hinzu.
„Die EZB hat heute konsequent gehandelt“, betonte auch Ulrich Reuter, Präsident des Sparkassenverbands DSGV. „Die höheren Energiepreise infolge der Sperrung der Straße von Hormus kann sie zwar nicht verhindern, sie kann aber beeinflussen, dass die Preise nicht dauerhaft und auf breiter Front steigen. Die Zinserhöhung sei daher zwar nachvollziehbar, für viele Unternehmen aber „nur unter Schmerzen zu verdauen“, ergänzte Volker Treier von der Industrie- und Handelskammer.
Wie geht es weiter mit der Geldpolitik?
Eine Anhebung des Leitzinses galt unter Fachleuten als ausgemacht. Daher blickten Anlegerinnen und Anleger gespannt auf den Ausblick der EZB. Anlagestratege Neil Wilson vom Brokerhaus Saxo Markets rechnet mit einem vorläufigen Ende der Erhöhungen. Zum einen seien bislang kaum sogenannte Zweitrundeneffekte – also Preiserhöhungen von Unternehmen und höhere Löhne – zu beobachten. Zum anderen seien die Finanzierungskosten durch die anziehenden Anleiherenditen bereits gestiegen, so der Experte.
An den Terminmärkten stellt man sich dagegen auf mindestens eine weitere Zinserhöhung in diesem Jahr ein. Der heutige Schritt bedeute nicht automatisch, dass weitere folgen, kommentierte Florian Heider, Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE. „Die EZB muss die gemischten Signale richtig einordnen und ihre nächsten Entscheidungen von der weiteren Entwicklung abhängig machen.“
Das ist offenbar auch der Plan der Währungshüter. „Bei der Festlegung des angemessenen geldpolitischen Kurses werden wir einen datenabhängigen Ansatz verfolgen und von Sitzung zu Sitzung entscheiden“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde heute auf der Pressekonferenz. „Wir legen uns nicht im Voraus auf einen bestimmten Zinspfad fest.“
