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Verwahrlosung und Überleben: Freiheit, die ein Kind beinahe zerstört

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 19, 2026Keine Kommentare5 Minuten Lesezeit
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Verwahrlosung und ÜberlebenFreiheit, die ein Kind beinahe zerstört

19.09.2026, 12:34 Uhr Von Solveig Bach
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Berlin-Kreuzberg ist in den 1980er Jahren ein hartes Pflaster. (Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Lilli Tollkiens Debüt erzählt von einer Kindheit zwischen WG-Freiheit und Vernachlässigung: Lale erlebt Grenzüberschreitungen, Einsamkeit und Scham – und findet trotzdem einen Weg, sich selbst ein Zuhause zu schreiben.

Lales Mutter ist drogenabhängig, der Vater ein Bankräuber. Diese Erfahrung macht Lale schon im Mutterbauch, den ersten Entzug dann als Baby. Sie wächst in den 1980er Jahren mit ihrem Ziehvater Karlheinz in einer WG in Westberlin auf – als einziges Kind unter vier Männern. Das Kind darf Fanta trinken und Nutella essen, muss nicht ins Bett und sitzt stundenlang vor dem Fernseher.

Was nach anarchistischer Freiheit klingt, einer Welt ohne Regeln und Verbote, hat jedoch eine zerstörerische und dunkle Seite. Das Kind ist in dem besetzten Haus in Berlin-Kreuzberg der Gleichgültigkeit und Willkür der Männer ausgesetzt, die wiederum selbst von ihrem Drogen- und Alkoholkonsum und ihrer immer neuen Gier nach Frauen getrieben sind. Da ist für die Fürsorge gegenüber einem Kind so wenig Platz, dass Lale selbst irgendwann nach mehr Verboten fragt.

Dieses Aufwachsen in einem Klima psychischer Verwahrlosung ist das Thema in Lilli Tollkiens Debütroman „Mit beiden Händen den Himmel stützen“. Die 1980 in Berlin geborene Tolkien schaffte es damit immerhin auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. Vier Jahre hat sie an dem autofiktional inspirierten Roman geschrieben, ausgelöst durch Träume an „erinnerte und imaginierte Zimmer“, denen sie nicht entfliehen konnte.

Sex und Drogen

Auch Lale kann das nicht, sie ist dem Lebensstil der Männer, mit denen sie ihr Leben teilt, gnadenlos ausgeliefert. „Ich liege im Bett und meine Ohren sind offene Scheunentore. Ich höre verschiedene Arten von Atem; heißen Atem, betrunkenen Atem, schnellen Atem, höre Leder an Leder reiben. Ich höre das Atmen der Erwachsenen beim Sex, höre atemlos vorgetragene Koks-Ideen, betrunkenes Schnarchen und geflüsterte Sätze, nicht für meine Ohren bestimmt.“

Ihr zunächst kindlicher, weiblicher Körper ist in der Ersatzfamilie zunehmend Übergriffen ausgesetzt, aus den nicht sicheren Nachbarzimmern werden Tatorte. Die Badezimmertür hatte noch nie ein Schloss. Als Zehnjährige sitzt sie mit den Männern vor dem Fernseher, auf dem ein Porno läuft – genauer gesagt sitzt sie auf dem Schoß eines Mannes.

„Zu spät hatte ich gemerkt, dass er eine Gegenleistung erwartete und dass die Wärme auf seinem Schoß in eine Intimität gekippt war, die sich falsch anfühlte, ohne dass ich hätte sagen können, warum. Hatte ich es wirklich zu spät gemerkt? Oder hatte ich es darauf angelegt und mich in Wahrheit auf seinem Schoß bewegt, weil ich wusste, dass es ihm gefallen und er mich vielleicht noch mehr loben würde? Und hatte es mir nicht selbst am Anfang gefallen? Die Scham erhitzt meinen Hals und die Wangen.“ Später rät ihr eine der vielen in der Wohnung aus- und eingehenden Frauen zur Selbstbefriedigung als Mittel gegen Schlaflosigkeit.

Niemals wichtiger als Heroin oder Frauen

In dieser Umgebung, in der es niemand böse mit ihr meint, aber auch kaum jemand ihr wirklich Gutes tut, kann das Mädchen keine gesunde Verbindung zur Welt aufbauen. Eine der Frauen, die erst etwas mit ihrem Vater und dann mit ihrem Ziehvater hatte, wird ihr Jahre später sagen: „Wenn Du es gewollt hättest, hätten die Jungs Dir ein Ticket zu den Sternen besorgt.“

Die Umstände schaden ihr dennoch. Sie verwechselt körperliche Ausgesetztheit mit Nähe, Distanz ist ohnehin nicht vorgesehen. Wenn Lale kann, hängt sie sich an Freundinnen, die in stabileren Verhältnissen aufwachsen und versucht, sie zu kopieren. Es ist der hilflose Versuch, dem Männerklub der WG und den zufälligen Begegnungen mit der Mutter auf dem Kotti, also dem Drogenmilieu um den U-Bahnhof Kottbuser Tor, etwas entgegenzusetzen. Manchmal erkennt die Mutter die Tochter, küsst sie und stellt sie den anderen Junkies vor. Wichtiger als das Heroin wird Lale nie.

Alle sechs Wochen kommt das Jugendamt zur Kontrolle, dann wird geputzt und Lale instruiert, nicht über die Drogen, sondern besser über die Schule zu sprechen. Das Pflegegeld für Lale ist vermutlich ein genauso guter Grund, das Kind zu beherbergen, wie die politische Solidarität mit dem verurteilten Vater, der später selbst in die WG miteinzieht, ohne, dass das für Lale einen Unterschied macht.

Mehr als fünf Stunden Parforceritt

Umso überraschender ist es, dass sich Lale in einem Akt von Selbstermächtigung daran macht, sich selbst das Leben zu bauen, das sie schon als Kind gesucht hat. „Meine Umgebung sollte geordnet sein, funktional, meinem Innenleben etwas entgegensetzen. Ich sehnte mich nach einer Sinnlichkeit in Bezug zu den Dingen, wollte glänzende Oberflächen, nichts sollte mehr kleben.“ Sie wird zwar weder Designerin noch Regisseurin, auch nicht Kamerafrau. Aber sie wird sich im Schreiben ein Zuhause schaffen, sie wird überleben, ihre Kinder liebevoll großziehen. Sie lernt, wie in der gleichnamigen Qi-Gong-Übung mit beiden Händen ihren Himmel zu stützen.

Tollkiens Roman ist ein Parforceritt, der seinen Leserinnen und Lesern nichts schenkt. Schlaglichtartig und temporeich schildert sie aus Lales Sicht alle Ungeheuerlichkeiten dieser links-anarchistischen Kindheit, in der der Grat zwischen Vernachlässigung und Freiheit immer so schmal ist, dass man herunterstürzen muss. Die Wucht der Informationen kommt oft nur mit Verspätung an, weil sich Übergriffe und rührende Momente der Fürsorge so schnell abwechseln.

Erschienen ist Tolkiens 250 Seiten-Roman im Aufbau-Verlag und als gut fünfstündiges Hörbuch bei Aufbau Audio. Aileen Wrozyna klingt im Hörbuch so jung, wie man sich Lale vorstellt. Sie gibt den Erzählungen aus den 1980er Jahren eine Beiläufigkeit und gleichzeitig eine Aktualität, die schmerzt. Da klingt Überlebenswille mit und Verletztheit. So wie Tollkien es vermutlich beabsichtigt hat.

Quelle: ntv.de

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