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KI-Video von Kharg Island: Was Trump gepostet hat

Dr. Heinrich KrämerVon Dr. Heinrich KrämerSeptember 23, 2026Keine Kommentare9 Minuten Lesezeit
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Der Präsident der USA meldet mitten in einem Krieg, eine iranische Ölinsel werde gerade in Stücke gesprengt. Das Video, das er dazu postet, ist mit KI erzeugt. Darauf blickt eine Person mit Kopfhörern aus dem Fenster eines Fluggeräts. Unter ihr brennt eine Ölanlage, Tanks stehen in Flammen, ein Tanker am Kai explodiert. Donald Trumps Text dazu auf seiner Plattform Truth Social: „Kharg Island being blown to smithereens!!!“ – also sinngemäß: Kharg Island wird gerade in Stücke gesprengt.

Gepostet wurde das am Sonntagabend, 30. August 2026, nach US-Zeit. In Österreich war es da schon Montagfrüh. Einen Hinweis, dass die Bilder künstlich erzeugt sind, enthält der Post nicht. Tausende haben ihn geteilt, mehr als 16.000 haben ihn mit „Gefällt mir“ markiert.

Post von Donald Trump auf Truth Social mit dem Text „Kharg Island being blown to smithereens!!! President DJT“. Das Standbild zeigt eine Person mit Kopfhörern an einem Fenster, darunter eine brennende Ölanlage und einen explodierenden Tanker.
Der Post mit dem KI-Video. Screenshot: Truth Social

Woran erkennt man, dass hier nichts gefilmt wurde?

Schon das Standbild wirkt eigenartig. Die Explosion am Tanker sieht aus wie aus einem Comic: ein Feuerball mit spitzen, sternförmigen Strahlen. Die Person am Fenster sitzt völlig ruhig da, obwohl direkt unter ihr alles in die Luft fliegt. Und für das Video gibt es keine Quelle – kein Militär, keine Nachrichtenagentur, kein Kamerateam wird genannt.

Das US-Faktencheck-Team Lead Stories hat das Video zusätzlich durch drei KI-Erkennungsprogramme laufen lassen: Hive Moderation, ZeroGPT und FauxLens. Alle drei stuften es als wahrscheinlich KI-generiert ein. Das US-Magazin Forbes berichtet außerdem von einem zweiten KI-Video, das Trump kurz danach postete. Darauf schlagen Raketen in eine Ölanlage an der Küste ein.

Solche Erkennungsprogramme sind allerdings nur ein Hinweis, kein Beweis. Wie unzuverlässig sie werden, zeigt eine Studie weiter unten. Entscheidend ist hier das Gesamtbild: seltsame Bilddetails, keine Quelle – und keine Berichte über einen solchen Angriff.

Was in dieser Nacht tatsächlich passiert ist

Kharg Island ist eine kleine Insel im Persischen Golf. Über sie läuft der allergrößte Teil der iranischen Ölexporte – Medien nennen rund 90 Prozent. Die Insel ist im laufenden Krieg zwischen den USA und dem Iran kein unberührter Ort: Im März 2026 hatten die USA nach eigenen Angaben militärische Ziele auf Kharg bombardiert.

Am 30. August griffen die USA und der Iran einander tatsächlich wieder an, zum ersten Mal seit Ende Juli. Ziel war aber nicht Kharg. Ein US-Vertreter sagte der Nachrichtenagentur Reuters, US-Streitkräfte hätten zwei iranische Raketenwerfer auf der Insel Larak getroffen. Larak liegt in der Straße von Hormus, rund 660 Kilometer östlich von Kharg. Das zuständige US-Regionalkommando CENTCOM sprach von einem „begrenzten, präzisen“ Einsatz und erwähnte Kharg nicht.

Auch von iranischer Seite kam Widerspruch. Der Chef der staatlichen iranischen Ölgesellschaft, Hamid Bovard, nannte Trumps Post laut Newsweek „lächerlich“. Auf Kharg laufe der Betrieb normal weiter. Reuters stellte Stunden nach dem Post fest, dass es keinen Beleg für einen Angriff auf die Insel gab.

Der Post und die Belege

Trumps Video vom 30. August 2026 – daneben, was sich zu dieser Nacht nachweisen lässt.

Was der Post zeigt

Explosionen an Tanks, Anlagen und einem Tanker

Text: Kharg Island werde „in Stücke gesprengt“

Keine Quelle, kein Hinweis auf KI

Was sich belegen lässt

Drei Erkennungsprogramme: wahrscheinlich KI (Lead Stories)

US-Vertreter: Angriff auf zwei Raketenwerfer auf Larak, rund 660 km entfernt (Reuters)

Iranische Ölgesellschaft: Betrieb auf Kharg läuft normal (Newsweek)

Was hat sich Trump dabei gedacht?

Das weiß nur er selbst. Trump hat den Post nicht erklärt, er schrieb nur die eine Zeile dazu. Das Weiße Haus reagierte laut Reuters zunächst nicht auf eine Anfrage.

Eine Deutung kam von US-Vizepräsident JD Vance. Laut der Nachrichtenagentur AP sagte er am Tag danach, der Präsident wechsle auf Social Media „gern ein bisschen ab“. Trump würde selbst als Erster sagen, dass er militärische Aktionen nicht über soziale Medien ankündige. Er sende damit aber „eine Botschaft an die Iraner“. Laut der US-Zeitung The Hill wurde Vance noch deutlicher: Der Iran schieße auf Handelsschiffe und müsse damit aufhören, sonst werde es Konsequenzen geben.

Dazu passt, was Trump am selben Montag selbst sagte. Laut Newsweek nannte er die neuen Angriffe „sehr begrenzt“ und fügte hinzu, das heiße nicht, dass die USA nicht zuschlagen würden. Kharg Island hatte er schon im März gedroht: Man werde die Insel vielleicht „noch ein paar Mal“ angreifen, „einfach zum Spaß“.

Es gibt aber auch eine andere Lesart. Forbes hielt es für unklar, ob Trump die Insel Larak, die in dieser Nacht tatsächlich angegriffen wurde, mit Kharg verwechselt hat. Ob Trump das Video selbst für echt hielt, ist nicht bekannt. Laut Forbes ist auch offen, ob es aus Trumps Team stammt oder von Anhängern übernommen wurde.

Vances Erklärung hat allerdings ein Problem: Sie passt nicht zum Post. Trump schrieb nicht, Kharg könnte angegriffen werden. Er schrieb, die Insel werde gerade in Stücke gesprengt. Eine Warnung ist etwas anderes als eine Meldung – und der Post liest sich wie eine Meldung. Wer ihn im Feed sieht, bekommt die Erklärung aus dem Weißen Haus nicht mitgeliefert.

Nicht der erste KI-Post vom Präsidentenkonto

Das Kharg-Video ist kein Einzelfall. Laut Forbes postete Trump schon Ende Juli 2026 KI-Bilder, auf denen Kharg Island bombardiert wird und US-Streitkräfte iranische Öltanker beschlagnahmen. Im April 2026 teilte er ein KI-Bild, das ihn selbst als Jesus zeigte. Nach Kritik, auch von bekannten Republikanern, löschte er es wieder. Und schon im Februar 2025 postete er laut NBC News ein KI-Video über ein erfundenes „Trump Gaza“ – mit goldener Trump-Statue und Geld, das vom Himmel regnet.

Ein Jesus-Bild oder eine goldene Statue erkennt man leicht als Fantasie. Ein Angriff auf eine Ölinsel in einem laufenden Krieg ist etwas anderes. So etwas kann tatsächlich passieren, und auf Kharg ist es im März auch schon passiert. Genau deshalb wirkt so ein Video glaubwürdig.

Trump ist Oberbefehlshaber jener Armee, die den Iran in derselben Nacht tatsächlich angegriffen hat. Er postet ein KI-Video ohne jede Kennzeichnung und schreibt dazu, was angeblich gerade passiert. Tausende teilen es weiter. Ob Drohung, Verwechslung oder Spaß: Für diese Falschmeldung ist der Absender verantwortlich, nicht die Menschen, die sie geglaubt haben.

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Warum KI-Videos so leicht durchrutschen

Wie sich KI-Fälschungen im Netz verbreiten, hat ein Forschungsteam des griechischen Forschungszentrums CERTH untersucht. Die Wissenschaftler werteten mehr als 150.000 Beiträge mit Bildern oder Videos auf X (früher Twitter) aus. Alle diese Beiträge hatten eine sogenannte Community Note bekommen – das ist ein Hinweis, den Freiwillige unter irreführende Beiträge schreiben. Der Zeitraum reicht von 2021 bis Anfang 2026.

Das Ergebnis: KI-Inhalte landen deutlich öfter unter den erfolgreichsten Beiträgen, als ihr Anteil erwarten ließe. Bei Bildern ungefähr eineinhalbmal so oft. Sie verbreiten sich dabei vor allem über Likes, weniger über Antworten und Diskussionen. Über ein KI-Bild wird also seltener gestritten – es wird eher einfach abgenickt.

Beim Korrigieren zeigt sich ein gemischtes Bild. Unter KI-Videos taucht der erste Hinweis später auf als bei anderen irreführenden Videos, im Mittel nach gut elf Stunden. Wurde ein KI-Video aber einmal gemeldet, einigen sich die Freiwilligen öfter und schneller auf eine Einordnung. Die Forscher vermuten, dass KI-Bilder bisher noch typische Fehler enthalten, an denen man sie erkennt. Trotzdem bekam nur gut ein Drittel der gemeldeten KI-Videos überhaupt einen Hinweis, auf den sich die Freiwilligen einigen konnten.

Die Erkennungsprogramme werden schlechter

Anteil der KI-Bilder, die ein Programm richtig als KI erkannt hat – Anfang 2023 im Vergleich zu Ende 2025.

RINE (spezielles Erkennungsprogramm)

Anf. 202375 %

Ende 202539 %

B-Free (spezielles Erkennungsprogramm)

Anf. 202371 %

Ende 202542 %

Gemma 3 (allgemeines KI-Modell)

Anf. 202382 %

Ende 202562 %

Grok 4.1 Fast (allgemeines KI-Modell)

Anf. 202361 %

Ende 202546 %

Der Grund ist einfach: Die Programme lernen an älteren KI-Bildern. Neue KI-Modelle machen genau die Fehler nicht mehr, auf die sie trainiert wurden. Die Forscher schreiben deshalb, dass man sich auf solche Programme allein nicht verlassen kann.

Was die Studie nicht beantwortet

Auf den Kharg-Post lässt sich die Untersuchung nur bedingt übertragen. Sie hat X untersucht, nicht Truth Social. Der Test der Erkennungsprogramme lief mit Bildern, nicht mit Videos. Und die Forscher haben nicht getrennt ausgewertet, ob ein KI-Inhalt von einem gewöhnlichen Konto stammt oder von einem Konto mit Millionen Followern.

Was sich übertragen lässt, ist das Grundmuster. KI-Bilder erzeugen viel Aufmerksamkeit und wenig Widerspruch. Die Korrektur kommt später als die Verbreitung. Und die technischen Hilfsmittel gegen Fälschungen verlieren an Treffsicherheit.

Was so ein Post mit Menschen macht

Auf Kharg leben und arbeiten Tausende Menschen, viele davon in der Ölindustrie. Für ihre Familien ist so ein Video keine Frage der Bildtechnik. Es zeigt, wie der Ort explodiert, an dem ihre Angehörigen arbeiten. Ob und wie Betroffene auf diesen Post reagiert haben, ist uns nicht bekannt.

Besser erforscht ist, was solche Fälschungen mit allen anderen machen. Die Forscher Cristian Vaccari und Andrew Chadwick zeigten 2020 einer repräsentativen Gruppe von Menschen in Großbritannien ein gefälschtes Politikervideo. Die Teilnehmenden wurden eher unsicher, als dass sie der Fälschung glaubten. Und genau diese Unsicherheit senkte ihr Vertrauen in Nachrichten auf Social Media.

Ähnliches zeigte sich im Krieg gegen die Ukraine. Ein Forschungsteam um John Twomey vom University College Cork in Irland wertete 4.869 Twitter-Beiträge aus den ersten sieben Monaten des Jahres 2022 aus, in denen es um Deepfakes rund um den Krieg ging. Deepfakes sind mit KI gefälschte Videos. Die Forscher fanden Hinweise darauf, dass echte Videos für Fälschungen gehalten wurden und dass Deepfakes Verschwörungserzählungen befeuerten.

Die US-Rechtswissenschaftler Robert Chesney und Danielle Citron haben dafür schon 2019 einen Begriff geprägt: die „Liar’s Dividend“, übersetzt etwa der Gewinn des Lügners. Je mehr Menschen wissen, dass alles gefälscht sein kann, desto leichter lassen sich auch echte Aufnahmen als Fälschung abtun. Wer ertappt wird, sagt einfach: Das ist doch KI.

Ob der Kharg-Post genau so gewirkt hat, hat niemand gemessen. Unsere Einordnung: Die größere Gefahr liegt wohl nicht darin, dass Menschen jedes Fake glauben. Sie liegt darin, dass viele irgendwann keinem Bild mehr trauen – auch keinem echten. Und in einem Krieg sind echte Bilder oft der einzige Beleg dafür, was Menschen angetan wird.

Zum Mitnehmen

Drei Fragen, wenn ein Video einen Angriff zeigen soll

Wer hat das gefilmt?

Echte Aufnahmen haben meist einen Absender: Militär, Nachrichtenagentur, Augenzeugen vor Ort. Fehlt jede Quelle, ist Vorsicht angesagt.

Berichten andere darüber?

Ein großer Angriff auf eine Ölanlage bleibt nicht unbemerkt. Findet sich dazu keine Meldung einer Nachrichtenagentur, stimmt etwas nicht.

Wirkt es wie ein Film?

Comicartige Explosionen, zu perfekte Bilder, Menschen, die bei einer Katastrophe völlig ruhig bleiben – das sind Warnzeichen. Ein Beweis sind sie allein nicht.

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Dr. Heinrich Krämer
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